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Wenn Eltern den Alkohol mehr lieben als ihre Kinder

Erfahrungen Jugendlicher mit Alkohol in der Familie

Wenn Eltern den Alkohol mehr lieben als ihre Kinder
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Ralf-Peter Nungäßer
  • Abgabedatum: April 1993
  • Umfang: 67 Seiten
  • Dateigröße: 361,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Frankfurt am Main - University of Applied Sciences Deutschland
  • Originaltitel: Alkoholismus in der Familie - Erfahrungen Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien (Eine empirische Studie)
  • Bibliografie: ca. 53
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0465-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Nungäßer, Ralf-Peter April 1993: Wenn Eltern den Alkohol mehr lieben als ihre Kinder, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Eltern, Alkoholismus, Jugend, Entwicklung, Sucht

Diplomarbeit von Ralf-Peter Nungäßer

Zusammenfassung:

Nach Angaben des STATISTISCHEN BUNDESAMTES gibt es in der Bundesrepublik Deutschland 14,5 Mio. Familien (hierunter fallen Verheiratete, Geschiedene und Verwitwete) mit einem oder mehreren Kindern unter 18 Jahren. Der Bevölkerungsanteil der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren beträgt hierbei etwa 5 Millionen.

Die DEUTSCHE HAUPTSTELLE GEGEN DIE SUCHTGEFAHREN (DHS) geht in ihrer ersten gesamtdeutschen Schätzung von etwa 2,5 Millionen behandlungsbedürftigen Alkoholkranken aus. Wenn nun die meisten alkoholkranken Menschen in einer Familie leben, und in dieser nur ein Familienmitglied Alkoholiker sei, so sind von den oben genannten Familien 17,3 Prozent vom Alkoholismus betroffen. Bei dieser Quote alkoholbelasteter Familien, kann man davon ausgehen, daß im Jahre 1992 über 860000 Jugendliche der oben genannten Altersklasse, direkte Erfahrungen mit der Alkoholkrankheit eines ihrer Elternteile hatten.

Da Alkoholismus in der Familie stets Symptom für psychische Defizite und kommunikative Störungen, sowohl des Individuums als auch des Familiensystems darstellt, sind diese Jugendlichen offensichtlich dysfunktionalen Bedingungen innerhalb der Familie hilflos ausgesetzt. Daneben stellt der Alkoholismus in der Familie für alle Betroffenen meist ein isoliertes Problem dar, mit dem sie selten nach außen dringen (wollen und/oder können). Diese Isolierung und Verheimlichung des Familienalkoholismus leistet noch immer der Tabuisierung dieses Problems innerhalb unserer Gesellschaft Vorschub und wird somit in der breiten Öffentlichkeit ungern zur Kenntnis genommen. Insofern wird unter diesem Hintergrund die Sozialisationsforschung des Kindes bzw. des Jugendlichen, bezüglich der alkoholbelasteten Familie, von den Sozialwissenschaftlern sträflich vernachlässigt (der Jugendliche wird erst dann Forschungsgegenstand, und leider dann auch Justizobjekt, wenn 'das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist', evtl. kriminell auffällt und sanktioniert werden soll); zwar wird in der Literatur meist auf die Entwicklung des Kindes in alkoholbelasteten Familien eingegangen, aber noch immer fehlen einschlägige, für Prävention und Therapie relevante Untersuchungen über die Erfahrungen und Entwicklung des Jugendlichen aus diesen Familien.

Hieraus leitet sich das Ziel meiner Arbeit ab: Durch die Befragung der betroffenen Jugendlichen, sollen, zumindest skizzenhaft, wichtige Erfahrungswerte gesammelt werden, um Anregungen zu weiteren Untersuchungen bezüglich dieses Themas geben zu können.

Gang der Untersuchung:

Um einen allgemeinen Zugang zur Problemstellung zu bekommen, ist es zunächst zweckmäßig den Begriff „Alkoholismus“ zu erläutern, wie er in der Literatur begriffen wird: Mit der Definition des Begriffes Alkoholismus haben sich in den letzten Jahren eine Reihe von Autoren beschäftigt, die sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll im 'Theoretischen Teil' die Familie als System aus familientherapeutischer Sicht, d.h. ihre psychosozialen Mechanismen untersucht werden. Daneben werden in einem Exkurs die Sozialisationsbedingungen der Adoleszenz, die die Entwicklungsaufgaben beschreiben, dargestellt, um im Anschluß die Stellung des Jugendlichen im Familiensystem bezüglich seiner Entwicklung beschreiben und darstellen zu können. Im Anschluß daran soll im zweiten Kapitel die Wirkungsweise des Alkoholismus im Familiensystem aufgezeigt werden, welche Rollen die Familienmitglieder und vor allem die Kinder einnehmen und welche Auswirkungen der elterliche Alkoholismus auf Kinder, insbesondere aber auf Jugendliche haben.

Im 'Empirischen Teil' dieser Arbeit sollen mittels Interviews wichtige Aussagen über die Beeinflussung des Alkoholismus auf die Entwicklung Jugendlicher gewonnen werden. Hierbei gehe ich den Fragen nach, wie der elterliche Alkoholismus von den Jugendlichen wahrgenommen wurde, welche Auswirkungen das Alkoholproblem auf sie hat, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind, wie die Probleme von Jugendlichen und der Familie bewältigt werden und welche Einstellung sie durch ihre Erfahrungen mit der familiären Suchtproblematik gegenüber Suchtmitteln bzw. gegenüber Alkohol haben.

Inhaltsverzeichnis:

VORWORT 5
EINLEITUNG 7
I. T H E O R E T I S C H E RT E I L
1.0 DIE FAMILIE ALS SYSTEM 11
1.1 Sozialisationstheoretische Aspekte 11
1.2 Familientherapeutische Sichtweisen 11
1.2.1 Die allgemeine Systemtheorie 12
1.2.2 Der kommunikationstheoretische Aspekt 12
1.2.3 Der strukturtheoretische Aspekt 13
1.3 Exkurs: Sozialisationsbedingungen der Adoleszenz 14
1.3.1 Terminologische Begriffsbestimmungen 14
1.3.2 Entwicklungsaufgaben 15
1.4 Jugendliche im Familiensystem 18
2.0 ALKOHOLISMUS IM FAMILIENSYSTEM 20
2.1 Merkmale der Alkoholikerfamilie 20
2.1.1 Phasenmodelle des Krankheitsverlaufes 21
2.1.2 Rollenverteilungen 23
2.2 Entwicklungsverläufe der Adoleszenz in alkoholbelasteten Familien 26
2.2.1 Einflüsse auf die Kindheit und frühe Jugend 26
2.2.2 Auswirkungen auf Jugendliche 28
II. E M P I R I S C H E RT E I L
3.0 ERKUNDUNGSSTUDIE 36
3.1 Zielsetzung und Fragestellung 36
3.2 Interviewmethodik und Informationsquellen 36
3.3 Untersuchungsgruppe und Herangehensweise 37
Qualitative Bearbeitung der Auswertung 39
INTERVIEWAUSWERTUNG: ERFAHRUNGEN JUGENDLICHER IN ALKOHOLBELASTETEN FAMILIEN 40
4.1 Wahrnehmung des familiären Alkoholproblems 40
4.1.1 Zeitpunkt und Ereignis 40
4.1.2 Verhalten des alkoholkranken Elternteils 41
4.1.3 Verhalten des nichtalkoholkranken Elternteils 43
4.2 Auswirkungen und Belastungen 44
4.2.1 Veränderung des familiären Lebens 45
4.2.2 Anforderungen und Aufgaben 47
4.2.3 Bedürfnisse und Entwicklung 49
4.3 Bewältigungsversuche und Abhängigkeitsgefährdung beim Jugendlichen 52
4.3.1 Problembewältigung des Alkoholkranken 52
4.3.2 Problembewältigung der übrigen Familienmitglieder 53
4.3.3 Problembewältigung des Jugendlichen 54
Einstellung gegenüber Suchtmitteln 57
5.0 DISKUSSION UND ZUSAMMENFASSUNG 59
5.1 Schlußbemerkung 61
Quellenverzeichnis 62
Anhang 66
Eidesstattliche Erklärung 67
Über den Autor 68

Textprobe:

Kapitel 2.2, Entwicklungsverläufe der Adoleszenz in alkoholbelasteten Familien:

Um die Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien untersuchen zu können, erscheint es zunächst zweckmäßig, die in der Literatur vielfach beschriebenen Auswirkungen auf die Kinder anzuführen. Das macht insofern Sinn, weil zum einen wissenschaftliche Ergebnisse für den Bereich der Jugend sehr spärlich vorliegen. Zum anderen läßt sich die Entwicklung des Zeitabschnittes des Jugendalters nicht einfach isoliert von den Erfahrungen, Auswirkungen und Entwicklungen des familiären Alkoholismus in der Kindheit betrachten. Wenn auch Jugendliche in dieser Zeit eigene Entwicklungsaufgaben zu erfüllen haben, so beziehen sie sicherlich (bewußt oder unbewußt) ihre Kindheitserfahrungen in den Aufbau ihres Weltbildes und ihre Bewältigungsstrukturen mit ein. Insofern können die Einflüsse des Familienalkoholismus auf Kinder in gewissem Maße in Beziehung zu den Auswirkungen auf die Entwicklung Jugendlicher gesetzt werden.

Kapitel 2.2.1, Einflüsse auf die Kindheit und auf die frühe Jugend:

In der Familie verläuft die Primärsozialisation für Kinder und Jugendliche (sowie Erwachsene). Das Elternhaus ist für Kinder der Primärbezugspunkt. In ihm finden für das Kind die ersten und entscheidenden Lernprozesse statt. Je nach dem welche Verhältnisse und Strukturen dort vorherrschen, werden die damit verbundenen Normen, Werte, Muster usw. vom Kind reflektiert und internalisiert. „Kinder werden in Familienstrukturen hineingeboren (und) bleiben lange in vieler Hinsicht abhängig von ihr“. In diesem Sinne werden in der Kindheit die Weichen für die Entwicklung des Menschen gestellt. Wie schon in Punkt 2.1.2 beschrieben, übernehmen Kinder in dysfunktionalen Familienstrukturen bestimmte für sie erträglich erscheinende Rollen. ARENZ-GREIVING geht hierbei davon aus, daß diese Rollen auf lange Sicht Persönlichkeitsveränderungen während der akuten Suchtphase mit sich bringen und direkten Einfluß auf die Entwicklung des Kindes haben. BLACK und APPEL führen hierzu an, daß Kinder aus alkoholbelasteten Familien an homöostatische Regeln innerhalb des Familiensystems gebunden sind, die von Sprachlosigkeit ('sprich nicht darüber, was wirklich los ist'), Vertrauenslosigkeit ('vertraue niemanden außer dir selbst') und von Gefühllosigkeit ('vergiß deine Gefühle') geprägt sind, die entscheidend in ihre Entwicklung mit einfließen.

Das zentrale Moment dieser Entwicklung ist hierbei in der „ängstlich-gespannten“ Atmosphäre innerhalb der Familie angelegt und in der hieraus resultierenden permanenten Verleugnung der Realität durch alle Familienmitglieder. Daneben sind Kinder einer gestörten Kommunikation innerhalb des Familiensystems ausgesetzt, die KRÄMER als „fehlende Kommunikation“ bezeichnet und mit dem inkonsequenten Erziehungsverhalten der Eltern korreliert. Das heißt, Kinder erleben Kommunikation in Form von Doppelbotschaften, die es ihnen nicht ermöglichen sich nach einer verbindlichen Aussage zu richten und ohne die Möglichkeit zu haben über diese selbst zu sprechen. Das Kind lernt, sich nicht auf Botschaften und Handlungen seiner Eltern verlassen zu können. Mißtrauen, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, fehlende Geborgenheit, Unverläßlichkeit, Gewalttätigkeiten und die Unfähigkeit Gefühle, Gedanken und Probleme verbal auszudrücken, werden zu einem festen Bestandteil seines Alltages und seines Selbstbildes. Nach BRACKHOFF empfindet sich das Kind in dieser Situation „als nicht erwünscht und überflüssig“. LIPTOW konstatiert im Rahmen seiner Untersuchung an alkoholbelasteten Familien: „In einer alkoholkranken Familie sind wichtige Faktoren für eine körperliche und seelische Entwicklung eines Kindes nicht gegeben. Zerstörerisches und streitsüchtiges Verhalten von alkoholkranken Elternteilen, körperliche und geistige Mißhandlungen eines Kindes hinterlassen über lange Zeiträume tiefe Spuren“. Des weiteren gelangen THURKE u.a. anhand ihrer Untersuchungen an jungen Erwachsenen zu der Erkenntnis, dass Kinder, eingebunden in eine vom Alkoholismus und Co-Alkoholismus geprägte Beziehungsstruktur und -dynamik und damit einhergehenden Loyalitätsverpflichtungen, äußerst ungünstige Voraussetzungen vorfinden. Die Folge ist demnach eine nicht kindgemäße Entwicklung mit tiefgreifender Störung seines Selbstbewußtseins. Die Auswirkungen dessen beschreibt ARENZ-GREIVING treffend: „Wer es gewohnt ist, eigene Bedürfnisse nicht wahrnehmen zu dürfen, der entwickelt mit der Zeit unter anderem Identitätsprobleme, z.B. derart, daß er Schwierigkeiten damit bekommt, das, was er will, von dem zu unterscheiden, was andere von ihm wollen“.

HARSCH geht davon aus, daß Kinder, die in einer dysfunktionalen Umgebung leben, oft ihre in der Familie unausgelebten und unausgedrückten Gefühle in Form von Aggressionen z.B. an Schulkameraden u.a. auslassen und antisoziales Verhalten entwickeln, das sie ggf. mit den bestehenden gesellschaftlichen Normen oder dem Gesetzt in Konflikt geraten lassen kann. RUTHE spricht in diesem Zusammenhang aus seiner Beratungspraxis zusammenfassend von folgenden möglichen Reaktionsweisen des Kindes aus einer alkoholbelasteten Familie:

- Kinder reagieren mit Körpersymptomen (Magenschmerzen, Abgeschlagenheit, Nervosität, Nägelkauen, Alpträumen, Bettnässen usw.).

- Sie leiden unter Konzentrationsstörungen, Desinteresse, Zurückgezogenheit und reagieren mit schlechten Schulleistungen.

- Daneben sind sie physisch und psychisch nur gering belastbar und sind unfähig auf Konflikte rational zu reagieren.

Da in der alkoholbelasteten und dadurch dysfunktionalen Familie Kompensationshilfen der angesprochenen möglichen Entwicklungsprobleme bei Kindern nicht gegeben sind, kann davon ausgegangen werden, daß sich diese Entwicklungsstörungen in der Jugend fortsetzen und steigern können, sofern diesen Kindern keine professionelle Hilfe von außen zuteil wird, die sie erkennen und behandeln kann.

Arbeit zitieren:
Nungäßer, Ralf-Peter April 1993: Wenn Eltern den Alkohol mehr lieben als ihre Kinder, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Eltern, Alkoholismus, Jugend, Entwicklung, Sucht

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