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Das Element Wasser in den Tristan-Bearbeitungen Eilharts und Gottfrieds

Das Element Wasser in den Tristan-Bearbeitungen Eilharts und Gottfrieds
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Gerrit Reichert
  • Abgabedatum: September 1994
  • Umfang: 159 Seiten
  • Dateigröße: 797,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Bayerische Hochschule Deutschland
  • Bibliografie: ca. 75
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3282-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Reichert, Gerrit September 1994: Das Element Wasser in den Tristan-Bearbeitungen Eilharts und Gottfrieds, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wasser, Mittelhochdeutsche Epen, Gottfried Eilhart, Symbolik, Jenseits

Diplomarbeit von Gerrit Reichert

Einleitung:

Es lag nicht in der ursprünglichen Intention dieser Untersuchung, originell sein zu wollen. Aufgabe und Ziel der Untersuchung waren klar definiert: primär sollte das Wasser in den Epen Eilharts und Gottfrieds in seinen erzählerischen Bezügen dargestellt werden, nicht mehr, aber auch - in Anbetracht der gesamten Textquantität von über fünfundzwanzigtausend Versen - nicht weniger. Ein erster Arbeitsschritt führte dann zu Fragen, die erst einmal von der unmittelbaren Themenstellung hinwegführten. Ihre Beantwortung sollte den weiteren Fortgang der Untersuchung mit bestimmen.

Geklärt werden mußte zunächst, welche Bedeutung dem Wasser im allgemeinen und insbesondere in den in Rede stehenden mittelhochdeutschen Epen zukommen würde, ob es eine Bedeutung jenseits des rein episch Elementar-Dinglichen hätte. Wegweisend war hier der Aufsatz Martin Nincks, der das Wasser als zentrales symbolisches Element des antikischen Seelenglaubens beschrieb, demzufolge der Auszug der Seelen durch das Wasser und mit ihm korrespondierender Motive, wie zum Beispiel dem steuer- und orientierungslosen Schiff, angezeigt wurde. Mit diesem Glauben ging die Vorstellung einher, daß sich die Seele aus der Begrenztheit des Körpers befreien würde und im freien und ungehinderten Flug jenseitige Sphären aufsuchen würde.

Die Kongruenz der antikischen Motivik mit der Wasser-Motivik in den Epen Eilharts und Gottfrieds - so der Schiffsmotivik beider Irlandfahrten oder der Quelle im Baumgarten - war evident. Es stellte sich die Frage, ob sich der antikische Sachverhalt - der Seelenglaube und die Motivik, in der er sich symbolisiert -, auch für das Mittelalter nachweisen lasse, ob wir es in den in Rede stehenden Epen mit der Konstanz und also literarischen Widerspiegelung einer uralten Glaubensform zu tun hätten. Dabei mußte zunächst geklärt werden, welche Bedeutung der Allegorie in den mittelhochdeutschen Epen zukommt. Würde es sich herausstellen, daß sie dort keine Bedeutung hätte, dann wäre jeder weitere Gedanke an eine Mehr-Bedeutung des Wassers im Kontext einer bestimmbaren stofflichen Tradition in den Epen Eilharts und Gottfrieds pure Spekulation und mithin müßig.

Ausgehend von der im Buchstabensinne bahnbrechenden Antrittsvorlesung Friedrich Ohlys im Jahre 1958, der die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn als von den frühen Kirchenvätern an überkommen konstituierendes bibelexegetisches Verfahren für das Mittelalter festgestellt hatte, wurde die Frage nach dem Vorkommen der Allegorie in weltlichen Texten von der Forschung intensiv diskutiert. Sie wurde zuletzt überwiegend bejaht. Eine Spur führt dabei von der mittelalterlichen Allegorie direkt zurück zur antikischen Mantik. Wolfram Hogrebe wies darauf hin, daß die christliche Allegorie die antikische Mantik ablöst und dabei deren Symbolik bis in die Neuzeit hinein weiterführt: „(...) spielende Delphine prophezeien Sturm bei Theophrast, Cicero, Artemidor, Plinius, ebenso wie bei Isidor, Pseudo-Hugo von St. Viktor, Dante und noch in der Emblematik (des 16. u. 17. Jhs., G.R.)“.

War somit die primär methodische Verbindung zwischen Antike und Mittelalter belegt, fragte es sich nun, ob der gleiche Sachverhalt auch inhaltlich, das heißt in der Glaubensform und der sie darstellenden literarischen Motivik, belegbar sein würde. Im Ergebnis wurden sowohl die antikische Glaubensform des Seelenauszuges als auch ihre Motivik für das Mittelalter bestätigt. Damit war es nicht mehr möglich, den für das Mittelalter erarbeiteten Verstehens-Kontext des Wassers einer rein analytischen Betrachtung seiner erzählerischen Bezüge hintanzustellen oder gar auszusparen. Ein Kompromiß wurde darin gefunden, daß beides, das mittelalterliche Verständnis des Wassers und dessen erzählerische Bezüge in den in Rede stehenden Epen, zunächst vollkommen getrennt behandelt werden.

Gang der Untersuchung:

In einem ersten Teil wird das Wasser in seinen literarmotivischen Ausformungen von der Frühzeit bis in den uns interessierenden Zeitraum des ausgehenden 12. und des beginnenden 13. Jahrhunderts hinein untersucht, zugleich sein tradierter stofflicher Gehalt. Es wird sich zeigen, daß das Wasser in Korrespondenz mit den Motiven Schiff, Quelle und Fluß auf den Kontext ekstatische Erfahrung/Überfahrt- Jenseitsreise/Tod verweist.

Im zweiten und dritten Teil folgt die Analyse des Wassers in seinen erzählerischen Bezügen, zunächst unabhängig vom ersten Teil. Um die Bezüge ausreichend darzustellen, mußten beide Epen ausführlich paraphrasiert werden. Der Fortgang der Untersuchung ist dabei ein paralleler: Es wird jeweils ein Abschnitt beider Epen untersucht, das Ergebnis dann für den jeweiligen Abschnitt zusammengefaßt und schließlich für beide Epen miteinander verglichen. Unter Einbezug der Stoffgeschichte und, wo nötig, epischer Vorläufer der in Untersuchung stehenden Epen, wird sich durch die Untersuchung der erzählerischen Bezüge des Wassers herausstellen, daß ein Kreis von Motiven stets mit ihm korrespondiert, von denen ein jedes ebenso im traditionellen Bedeutungsfeld der Toten- oder Seelenreise steht. An einem bestimmten Punkt dieser Untersuchung angekommen, mußte daher der im ersten Teil erarbeitete mittelalterliche Verstehens-Kontext des Wassers miteinbezogen werden. Im Ergebnis zeigte es sich, daß das Wasser als uralter mythisch-kultureller Bedeutungsträger, seine über einen sehr langen Zeitraum hinweg nahezu konstante literarmotivische Ausformung und seine Verwendung in den Tristan-Epen noch durchweg innerhalb einer ungebrochenen Stoff- und Motivtradition steht. Das Baumgarten-Kapitel bei Gottfried beschließt daher den Untersuchungsteil mit der exemplarischen Interpretation der Szene vor dem Hintergrund der Seelenreise, die bis dahin als konstituierend für die Tristan-Epen Eilharts und Gottfrieds erarbeitet wurde.

Eine solche Untersuchung bewegt sich inhaltlich zwangsläufig im Zwischenraum von Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Ethnologie. Sie wäre von ihrer Anlage her nicht möglich gewesen, hätte sie sich ausschließlich auf die Forschungslage der Literaturwissenschaft zum formulierten Thema stützen müssen. Ich möchte in diesem Zusammenhang Herrn Prof. Huber herzlich dafür danken, daß er mir mit Geduld und Verständnis den nötigen Freiraum für eine solche breit angelegte Untersuchung gab.

Inhaltsverzeichnis:

Zu dieser Arbeit 4
1. DAS ELEMENT WASSER 8
1.1 DIE AMBIVALENZ DES WASSERS 8
1.1.1 Lebenswasser 8
1.1.2 Totenwasser 9
1.1.3 Die Ambivalenz in der Taufe 10
1.2 DAS WASSER ALS MITTLER ZWISCHEN DIESSEITS UND JENSEITS
1.3 DAS SEELENSCHIFF 15
1.3.1 Merkmale 16
1.3.2 Fahrt durch Jahrtausende 16
1.3.3 Bestattungsweisen 20
1.4 ZUSAMMENFASSUNG 21
2. DAS WASSER IN DEN EPEN EILHARTS UND GOTTFRIEDS 23
2.1 RIWALIN UND BLANSCHEFLUR, GEBURT TRISTANS 23
2.1.1 Eilhart 23
2.1.2 Gottfried 24
2.1.3 Ergebnis 26
2.2 TRISTANS WEG ZU MARKE 28
2.2.1 Eilhart 28
2.2.2 Gottfried 29
2.2.2.1 Rückkehr nach Parmenien 29
2.2.2.2 Entführung Tristans 30
2.2.2.3 Die Jagd 33
2.2.3 Ergebnis 35
2.3 MOROLD 37
2.3.1 Eilhart 37
2.3.1.1 Die Vorgeschichte 37
2.3.1.2 Der Kampf 38
2.3.2 Gottfried 40
2.3.2.1 Ruals Suche nach Tristan 40
2.3.2.2 Morgan 41
2.3.2.3 Morold 42
2.3.3 Ergebnis 44
2.4 IRLAND I 46
2.4.1 Eilhart 46
2.4.1.1 Die Hütte am Meer 46
2.4.1.2 Die Überfahrt 47
2.4.1.3 Die Heilung 48
2.4.2 Gottfried 49
2.4.2.1 Die Überfahrt 49
2.4.2.2 Heilung und Rückfahrt 52
2.4.3 Ergebnis 54
2.4.3.1 Eilhart 54
2.4.3.2 Gottfried 55
2.4.4 Zusammenfassung 56
2.5 IRLAND II 57
2.5.1 Eilhart 57
2.5.1.1 Die Brautwerbefahrt 57
2.5.1.2 Der Drachenkampf 59
2.5.1.3 Badeszene und Brautwerbung 61
2.5.1.4 Der Minnetrank 62
2.5.1.5 Ergebnis 64
2.5.2 Gottfried 66
2.5.2.1 Die Brautwerbefahrt 66
2.5.2.2 Der Drachenkampf 68
2.5.2.3 Die Badeszene 72
2.5.2.4 Der Minnetrank 74
2.5.3 Ergebnis 78
2.5.3.1 Die Brautwerbefahrt 78
2.5.3.2 Der Drachenkampf 80
2.5.3.3 Die Badeszene 81
2.5.3.4 Der Minnetrank 82
2.5.4 Zusammenfassung 83
2.6 DER BAUMGARTEN 85
2.6.1 Eilhart 85
2.6.1.1 Der versuchte Mord 85
2.6.1.2 Begegnung im Baumgarten 86
2.6.1.3 Ergebnis 88
2.6.2 Gottfried 90
2.6.2.1 Gandin 90
2.6.2.2 Der Baumgarten 92
2.6.2.3 Ergebnis 94
2.6.2.3.1 Gandin 94
2.6.2.3.2 Der Baumgarten 95
2.6.3 Zusammenfassung 97
2.7 DER WEG ZUM WALDLEBEN 98
2.7.1 Eilhart 98
2.7.1.1 Die Hinrichtung 98
2.7.2 Gottfried 101
2.7.2.1 Das Gottesurteil 101
2.7.2.2 Riese Urgan 104
2.7.3 Zusammenfassung 108
2.8 DAS WALDLEBEN 110
2.8.1 Eilhart 110
2.8.1.1 Ugrim 112
2.8.2 Gottfried 114
2.8.2.1 Die Minnegrotte 114
2.8.3 Zusammenfassung 120
3. DIE WIEDERKEHRABENTEUER 122
3.1 EILHART 122
3.1.1 Das Wolfseisen 122
3.1.2 Jagd in Blankenland I 125
3.1.3 Jagd in Blankenland II 130
3.1.4 Im Baumgarten 133
3.1.5 Der Narr 133
3.1.6 Das Ende 139
3.1.7 Zusammenfassung 143
3.2 GOTTFRIED 144
3.2.1 Abschied im Baumgarten 144
3.2.2 Arundel 147
4. SCHLUSSBETRACHTUNG 151
5. LITERATURVERZEICHNIS 155

Textprobe:

Kapitel 2.5.2.2, Der Drachenkampf:

„Des anderen tages vruo“ macht sich Tristan auf, einen Drachen zu töten, der „liute unde lant“ verwüstet und von dem er bereits bei seinem ersten Irlandaufenthalt gehört hatte. Bei Tagesdämmerung gelangt er über Felder und eine Wildnis in ein Tal, in dem auch der Drache zu Hause ist:

„ûf sînen wec reit er zehant/ über velt und über gevilde. / er nam im in der wilde/ manege kêre und manege vart./ und alse der tac stîgende wart,/ dô liez er vaste hine gân/ wider daz tal z'Anferginân“.

In der Ferne sieht Tristan vier Reiter, von denen einer der Truchseß des irischen Königs ist. Bald stößt er auf den Drachen. Es erhebt sich ein heftiger Kampf, in dessen Verlauf Tristan mehrfach beinahe sein Leben verloren hätte. Er schafft es, dem Drachen seine Lanze ins Herz zu bohren, verliert dabei aber sein Pferd. Feuer und Rauch des Drachens berauben ihn nahezu seiner Sinne: „er haete im schiere benomen/beidiu siege unde wer“. Schließlich gelingt es Tristan, dem schwerverwundeten Tier sein Schwert tief ins Herz zu stoßen, woraufhin es mit einem weithin hörbaren Schrei verendet. Als Beweis seiner Tat schneidet Tristan dem Drachen die Zunge heraus und steckt sie unter seine Rüstung. Um sich zu erholen, beschließt er, sich in der Wildnis „dann hin ze naht“ zu verstecken, um anschließend wieder zu seinen Landsleuten zurückzukehren. Er kommt nicht mehr dazu, sein Vorhaben auszuführen, weil ihn die Hitze des Kampfes vorzeitig völlig erschöpft:

„nu zôch in aber diu hitze nider,/ die er beidiu von der arbeit/ und dâ zuo von dem trachen leit,/ und müedete in sô sere,/ daz er iezuo niemêre,/ und vil kûme mohte leben“ (9072-9077).

In der Nähe erblickt er gerade noch „eine lachen sweben“, in die er sich hineinfallen läßt, „unz an den grunt“. Den Tag über und die Nacht liegt er besinnungslos darin, was seinen Grund in der „leide zunge“ hat, die Tristan unter seiner Rüstung trägt. Er verliert gänzlich seine Kraft und seine „varwe“, bis, so der auktoriale Erzähler, die Königin ihn aus dieser mißlichen Lage befreit. In der Zwischenzeit hat der Truchseß den gellenden Todesschrei des Drachen gehört, löst sich klammheimlich von seinen Kumpanen und macht sich auf, den Drachen zu suchen. Sehr schnell gelangt er zu ihm, hält ihn aber noch nicht für tot, flüchtet und pausiert auf einem Baumstumpf: „z'einem ronen er gezogen kam,/ûf daz ors gesaz er,/sînes schaden vergaz er:/er sprancte verre dort hin dan“. Jetzt erkennt er, daß der Drache tot ist. Als seine Suche nach dem Drachentöter erfolglos bleibt, beschließt er, sich als wahrer Drachentöter auszugeben. Indem er den Drachen mit seinem Schwert bestreicht, täuscht er einen Kampf vor. Auf einem Baumstumpf zerbricht er schließlich seinen Speer, stößt das vordere Stück dem Drachen in den Schlund und kehrt nach Wexford zurück. Hier verbreitet er seine Geschichte, daß er den Drachen getötet habe und macht seinen Anspruch auf die Königstochter beim König geltend. Um diesen Anspruch zu untermauern, läßt er den Kopf des Drachen abtrennen und mit einem Wagen in die Stadt fahren. Die Königin aber glaubt seiner Version des Drachenkampfes nicht. In der Nacht erhält sie Gewißheit, daß ein Anderer den Drachen tötete:

„und alse ez nahten began,/ diu wîse vrâgete unde sprach/ umbe jr tohter ungemach/ ir tougenlîche liste,/ von den si wunder wiste,/ daz s'in jr troume gesach,/ daz ez niht alsô geschach,/ als der lantschal sagete“.

Im Morgengrauen machen sich die Königin, Isolde, Brangäne und Paranis „lîse“ auf, den Fremden zu suchen, den die Königin im Traume gesehen hat. Durch eine Pforte, die aus dem Baumgarten hinaus auf die Felder führt, verlassen sie das Schloß. Bald schon gelangen sie zu dem Drachen, dessen Anblick die Gruppe mit einem solchen Schrecken erfüllt, „daz diu wart alse ein tôte var“. Die seherische Gabe der Königin verrät ihr, daß der Drachentöter sich irgendwo in der Nähe „verborgen“ halten muß, „lebende oder tôt“. Gemeinsam will man ihn suchen, „daz wir in eteswâ vinden/und mit im überwinden/die grundelôsen herzenôt,/diu uns beswaeret alse der tôt“. Isolde ist die erste, die Tristan anhand seines leuchtenden Helmes erblickt:

„nu ergieng ez, alse ez sollte/ und alse der billîch wolte,/ diu junge künigîn Îsot/ daz sî ir leben unde ir tôt,/ ir wunne unde ir ungemach/ zu allerêrste gesach“.

Sogleich reiten die vier zu der bezeichneten Stelle. Sie halten Tristan, den sie dort liegen sehen, zunächst für tot. Schnell ziehen sie ihn aus dem Wasser und entbinden ihn seines Helmes. Daraufhin erkennt Isolde, daß er noch lebt: „diu wise Îsôt diu sach in an/und sach wol, daz er lebete/und aber sin leben clebete/kûme alse an einem hâre“. Gemeinsam entkleiden sie Tristan seiner Rüstung und finden dabei die Drachenzunge. Die Königin macht die Zunge dafür verantwortlich, daß Tristan sein Bewußtsein verloren hat. Weil sie sonst keine Verletzungen an ihm entdecken, flößt die Königin ihm ein Mittel ein, das ihn wieder zu Bewusstsein bringen soll. Tristan kommt tatsächlich wieder zu sich und erkennt auch die ihn Umstehenden. Trotzdem fragt er, wer sie sind und wo er sei. Er kann es kaum fassen, in so kurzer Zeit vollständig sein Bewußtsein verloren zu haben: „jâ süeziu vrouwe, saelic wîp,/und ine weiz, wie mir der lîp/und al mîn craft in kurzer vrist/geswachet unde geswichen ist“. Jetzt erkennt auch Isolde ihn als den Spielmann Tantris, als der er schon einmal in Irland gewesen war. Bevor er die ganze Geschichte erzählen will, wie es zu dieser zweiten Reise kam, erbittet sich Tristan, daß man ihn „doch disen tag und dise naht“ noch ruhen lassen möge, bis er wieder ganz auf der Höhe sei. „Heinlichen“, ohne daß jemand etwas bemerkt, gelangt die Gruppe durch die Pforte des Baumgartens wieder ins Schloß zurück.

Die Badeszene:

Bei bester und ausschließlich königlicher Pflege gewinnt Tristan allmählich seine Kraft zurück. Inzwischen treffen die Barone zum Hoftag von Wexford ein, bei dem der zukünftige Bräutigam Isoldes, der Truchseß, bekanntgegeben werden soll. Die Königin jedoch konfrontiert diesen damit, daß sie den eigentlichen Drachentöter kenne; für drei Tage später wird das Treffen angesetzt, bei dem der wahre Drachentöter ermittelt werden soll.

Tristan ist jetzt vollständig wiederhergestellt, er ist „lieht an dem lîbe und schône var“. Während er in einem Bade sitzt, betrachtet Isolde „heinlîche“ seine gereinigte Ausrüstung:

„Nu ergieng ez aber Îsolde,/ alsô der billîch wolde:/ daz si aber ir herzequâle/ zem anderen mâle/ vor den andern allen vant“.

Wie gebannt schaut sie auf die Rüstung und zieht das Schwert aus der Scheide. Sie entdeckt die Scharte, erinnert sich des fehlenden Stückes, holt es und setzt es ein. Lücke und Splitter ergänzen sich. Ihre Gefühle für den Mann, den sie gerade noch heimlich über alle Maße bewunderte, verkehren sich in ihr Gegenteil:

„nu begunde jr herze kalten/ umbe ir schaden den alten./ ir varwe diu wart beide von zorne und von leide/ tötbleich und isesâ viuwerrôt“.

Sie erinnert sich des Todes ihres Oheims und beginnt, den Namen 'Tantris' zu entschlüsseln. Sie erkennt, daß die Verkehrung von Vor- und Nachsilbe den Namen 'Tristan', den Mörder ihres Oheims, ergibt. Sie greift das Schwert, will Rache nehmen und geht zu Tristan, „dâ er in einem bade saz“. Offensiv eröffnet sie die Begegnung, indem sie ihn direkt fragt, ob er Tristan sei. Er verneint das, gibt an, Tantris zu sein. Gleichwohl, sagt sie, „du giltest mînen oehein!“. Da kommt die Königin herein, besieht die bedrohliche Szene und erfährt, daß der Mann im Bade der Mörder ihres Bruders ist. Indessen tritt Isolde mit gehobenem Schwerte auf Tristan zu. Die Königin gebietet ihr Einhalt, ermahnt Isolde des Schutzversprechens, das sie Tristan gegeben habe. Isolde will von alledem nichts wissen. Erneut geht sie auf Tristan los, der um Gnade fleht. Auf diesem Höhepunkt der Eskalation angekommen, verrät uns der auktoriale Erzähler, daß - bei aller Dramatik - Tristan in gar keinem Fall etwas widerfahren wäre, weil Isolde gar nicht das Herz zu einer solchen Tat gehabt hätte.

Indem der Erzähler in das epische Geschehen eingreift, entschärft sich die Situation. Isolde wirft das Schwert hinweg, die Königin erinnert an den Anspruch, den der Truchseß Isolde gegenüber vertritt. Als Tristan dazu anhebt, seinen Auftrag der Brautwerbung vorzutragen, erkennt auch die Königin endgültig seine Identität als 'Tristan':

„Îsôte muoter Îsôt/ si sach in lange an und wart rôt./ ir lichten ougen wurden vol./ „ôwe! „, sprach sî „nu hoere ich wol/ und weiz vür wâr, daz ir ez sît.

Noch einmal dramatisiert sich die Situation, als die Königin sich bereit erklärt, ihr Versprechen wegen des „übelen manne“ zu brechen. Nun aber betritt Brangäne den Raum, „lachende unde lîse“. Man setzt ihr die Situation auseinander und fragt nach ihrem Rat. Von Tristan ungehört, erinnert Brangäne an das Versprechen der Mutter, an ihr Ansehen, das hiervon abhängen würde. Man kommt darin überein, daß man das Leben Tristans schonen wolle. Mit einem Kuß versöhnen sich die vier.

Arbeit zitieren:
Reichert, Gerrit September 1994: Das Element Wasser in den Tristan-Bearbeitungen Eilharts und Gottfrieds, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wasser, Mittelhochdeutsche Epen, Gottfried Eilhart, Symbolik, Jenseits

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