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Einsam in der Menge

Die Selbstreflexion des Schriftstellers in den Nachkriegsromanen von Wolfgang Koeppen

Einsam in der Menge
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Lothar Veit
  • Abgabedatum: Januar 2002
  • Umfang: 120 Seiten
  • Dateigröße: 588,0 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Leibniz Universität Hannover Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5313-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5313-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5313-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Veit, Lothar Januar 2002: Einsam in der Menge, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte:

Magisterarbeit von Lothar Veit

Einleitung:

„Koeppen gehört offenbar zu jenen Schriftstellern, deren Berühmtheit die Bekanntheit und erst recht die Beliebtheit bei weitem übersteigt“, schrieb Dietrich Erlach 1973 in seiner Dissertation und beklagte damit den bis dato spärlichen Bestand an Sekundärliteratur. Anders formuliert: Koeppen gehört offenbar zu jenen Schriftstellern, deren literarische und stilistische Fähigkeiten in gleichem Maße gepriesen werden, wie ihr Werk nicht gelesen wird. Noch kürzer: Wolfgang Koeppen ist ein Geheimtipp. Das galt und gilt 1951 wie 1973 wie 2002.

Die Koeppen-Forschung hingegen, die abseits des breiten Lesepublikums wirkt, ist in Bewegung wie lange nicht mehr. War Koeppen zuletzt 1992 positiv durch die Entdeckung seiner Autorschaft an dem Buch „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ und dann 1999 negativ durch die Infragestellung eben dieser Autorschaft in die Schlagzeilen der Feuilletons geraten, ist er nun wieder in den abgeschirmten Schoß der Literaturwissenschaft zurückgesunken. Im Herbst 2001 hat Jörg Döring eine bemerkenswerte und umfassende Arbeit über Koeppens Schaffen zwischen 1933 und 1948 vorgelegt, in der ein ausführliches Kapitel dem Littner-Mysterium gewidmet ist. Döring hat überdies genau den Zeitraum erforscht, den Wolfgang Koeppen zeit seines Lebens als „großen Roman“ aufarbeiten wollte, aber nicht zu schreiben vermochte.

Seit 1995 haben drei internationale Wolfgang-Koeppen-Kongresse stattgefunden, die jeweils umfangreiche Buchpublikationen mit neuesten Forschungsergebnissen nach sich zogen. Am 1. Juli 2000 wurde die Internationale Wolfgang-Koeppen-Gesellschaft e.V. Greifswald/München gegründet. Und schließlich riefen Günter Grass und Peter Rühmkorf die Wolfgang-Koeppen-Stiftung ins Leben, die unter anderem den 2001 begonnenen Wiederaufbau des Koeppenschen Geburtshauses als „Literaturhaus Vorpommern“ in Greifswald finanzieren helfen will.

Im Juni 2001 ist „Das Treibhaus“ erstmals von Michael Hofmann ins Englische übersetzt worden, so dass Wolfgang Koeppen mit seiner Sicht auf das Bonn der Nachkriegs-Restauration nun auch in den Vereinigten Staaten auf Interesse stößt – immerhin mit einem Roman, der 1953 geschrieben wurde. Gleich, ob die deutsche Hauptstadt Bonn oder Berlin heißt: Nach rund 50 Jahren scheint Koeppen nach wie vor (oder wieder) aktuell zu sein.

Dafür, dass das Interesse an ihm nicht erlischt, hat Wolfgang Koeppen selbst gesorgt. Dem mythenverliebten Schriftsteller gelang es in zahllosen Interviews, einen Mythos um sich selbst zu weben. Alfred Estermann formuliert es so: „Es ergab sich eine lange Reihe persönlicher Gespräche und schriftlicher Interviews, bei denen ihm zustatten kam, daß er über ein brillantes Gedächtnis ebenso verfügte wie über die souveräne Möglichkeit, keinen Gebrauch von ihm zu machen, daß sein Erinnerungsvermögen zugleich präzise und durch erzählungsdramaturgische Rücksichten determinierbar war.“ Mit immer neuen Ankündigungen von Romanen, die mal in Arbeit waren, mal fast fertig (und dann doch nie erschienen), hielt Koeppen sich im Gespräch. Die immer wiederkehrenden Fragen nach seiner Biographie, besonders während des Nationalsozialismus, beantwortete er bald textbausteinhaft routiniert: Seine „zwanglose“ Emigration nach Holland, die Wiederkehr, sein „Unterstellen“ beim Film und schließlich sein Gang in den „Untergrund“, nachdem seine Berliner Wohnung zerbombt worden war – diese Stationen wären das Gerüst für seinen „großen Roman“ gewesen, und er hat die Fakten scheinbar widerwillig immer wieder mitgeteilt: „... es ist zu schwer, das alles zu sagen; ich will es mal schreiben, warum, verdammt noch mal, schreibe ich es nicht?“ Auch weiterhin sind neue Erkenntnisse zu erwarten. Nach Wolfgang Koeppens Tod 1996 wurde damit begonnen, seinen Nachlass zu sichten und zu sortieren. Es fanden sich zahllose Manuskriptseiten, unter anderem auch das verschollen geglaubte Romanfragment „Die Jawang-Gesellschaft“, zu dessen Verschwinden sich Koeppen im Laufe der Zeit mindestens drei verschiedene Varianten ausgedacht hatte. Eine Kopie des Romantyposkripts ruhte unterdessen wohlbehalten in seinem Manuskriptschrank, der mittlerweile im Greifswalder Koeppen-Archiv zu besichtigen ist. Warum er sich gelegentlich widersprach, wissentlich oder unwissentlich Dinge verschwieg oder falsch darstellte, lässt sich ohne Spekulationen nicht beantworten. Sein Nachlass und vor allem der darin enthaltene Briefbestand werden wohl noch manches aufklären, worüber Koeppen die interessierte Öffentlichkeit im Unklaren gelassen hat. Eine erste Auswahl der erhaltenen Prosafragmente ist im Sommer 2000 bei Suhrkamp in dem 780 Seiten starken Sammelband „Auf dem Phantasieroß“ veröffentlicht worden.

So sehr er sein eigenes Leben als „romanhaft“ empfand und diesen Begriff wiederholt in Interviews zu Protokoll gab, sosehr finden sich in seinem Werk unentwegt die Selbstreflexionen eines Schriftstellers. Man läuft Gefahr, diese Reflexionen in Koeppens Romanen mit autobiographischen Auskünften gleichzusetzen oder mindestens zu vermischen. Was streng genommen zweierlei ist oder wenigstens für einen Literaturwissenschaftler zweierlei sein müsste, lässt sich aber gerade bei Koeppen nur schwer voneinander trennen. Für Autobiographisches in seinem Werk gibt es zahlreiche Belege. Die seinerseits in Interviews und Gesprächen mehrfach mitgeteilte Reflexion der eigenen Rolle (und gleiches gilt für seine Romanprotagonisten) schwankt zwischen der utopischen Verklärung des Romanciers an der Seite der Schwachen und Entrechteten und der durch eine kapitalistische Gesellschaft erzwungenen Verdammung zum profanen Broterwerbsdichter. 1971 beschreibt Koeppen in einem Gespräch mit Horst Krüger das Los der Schriftstellerei so: „Bücher werden aus Mißverständnis gekauft, manchmal aus Mißverständnis gelesen, aus lauter Mißverständnis in den Schrank gestellt, schließlich als Taschenbuch verbreitet und weggeworfen, was all diese Mißverständnisse wieder aufhebt und gutmachte, gäbe es nicht die Philologen, die den Fall registrieren und zu den Akten nehmen für neue Mißverständnisse.“ So soll nun also in dieser Arbeit registriert werden, wie Wolfgang Koeppen durch die Protagonisten Philipp, Keetenheuve und Siegfried in seinen drei Nachkriegsromanen „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ die Rolle des Schriftstellers reflektiert – wohl wissend, dass damit möglicherweise neue Missverständnisse zu den Akten genommen werden.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 4
1. Tauben im Gras 8
1.1 Zeitgenössische Rezeption 8
1.2 Der erste Auftritt des Protagonisten: Philipp 12
1.3 Der Schriftsteller als Beobachter 13
1.4 Schreibprobleme 14
1.5 Manipulation der Sprache durch Technik 16
1.6 Der Intellektuelle im Literaturbetrieb 21
1.7 Beruf und Berufung 22
1.8 Journalisten als Auguren der Moderne 30
1.9 Der Schriftsteller als Anwalt der Unterdrückten 32
1.10 Mr Edwins Vortrag 34
1.11 Der Schluss 39
2. Das Treibhaus 40
2.1 Zeitgenössische Rezeption 40
2.2 Der erste Auftritt des Protagonisten: Keetenheuve 45
2.3 Gegenposition zum bürgerlichen Lebensentwurf 48
2.4 Mythologische Verweise 51
2.5 Manipulation der Politik durch Technik 54
2.6 Der Schriftsteller als Revolutionär 59
2.7 Journalisten als Instrumente der Macht 61
2.8 Der Dichter Keetenheuve 65
2.9 Die ästhetische Existenz 70
2.10 Keetenheuves Rede 72
2.11 Der Schluss 75
3. Der Tod in Rom 79
3.1 Zeitgenössische Rezeption 79
3.2 Der erste Auftritt des Protagonisten: Siegfried 82
3.3 Manipulation der Musik durch Technik 83
3.4 Innerer Dialog 86
3.5 Musik als Pseudonym für Literatur 89
3.6 Kirchenkritik und Religiosität 90
3.7 Kunst im Kontext der Zeit 93
3.8 Reflexion des Erzählten durch Erzählung 95
3.9 Ästhetik der Sexualität 96
3.10 Siegfrieds Konzert 100
3.11 Der Schluss 102
4. Autobiographisches in Koeppens Romanen 106
Fazit 112
Literaturverzeichnis 114

Automatisiert erstellter Textauszug:

der Virtuose, der Perfektionist unpersönlicher, technisch-vermittelter Kommunikation. Er bemächtigt sich der Apparate, und die Apparate verschaffen ihm Macht und Genuß. Er ist der Mann des schnellen und vergänglichen Wortes, nicht der Mann der Schrift.“91 Im Roman wird Frost-Forestier, offenbar ein leitender Mitarbeiter des Nachrichtendienstes92, folgendermaßen beschrieben: „Frost-Forestier schaltete das Licht ein, […] und was sich im Saal ereignete, war der Arbeitsbeginn in einer Fabrik, die Ankurbelung eines Fließbandes, ein Ablauf ausgeklügelter wohlberechneter Bewegungen, rationell und präzise, und Frost-Forestier war das Werk, das in Gang gesetzt wurde. Er eiferte den elektronischen Gehirnen nach.“ [28] Koeppen schildert ihn nicht nur als technischen Experten, sondern macht ihn selbst zur Maschine. Die groteske Verknüpfung zwischen der gewohnheitsmäßigen Morgentoilette eines Mannes und der Inbetriebnahme einer gigantischen Maschinerie lässt beides zu einer banalen Alltagstätigkeit verschmelzen: „Das war ein Knipsen und Schalten! Ein großer Funkkasten sprach Nachrichten aus Moskau. Ein kleiner Bruder des großen glühte und wartete auf seine Zeit. Eine Kaffeemaschine erhitzte sich. […] Er frottierte sich mit einem rauhen olivgrünen Handtuch amerikanischer Herkunft, ein nackter Mann auf einem leeren Kasernenhof. Seine Haut rötete sich. In Moskau nichts Neues. […] Der Kontakt des elektrischen Rasierapparates wurde in die Dose gesteckt. Frost-Forestier rasierte sich bei leisem Schnurren. Im großen Radio gab es Störungen. […] Die Stunde des kleinen Radios war gekommen. Es knisterte und sagte: ‚Dora braucht Windeln.’ Frost-Forestier lauschte. Das kleine Radio wiederholte: ‚Dora braucht Windeln.’ Mehr hatte das kleine Radio nicht zu sagen.“ [28f.] Nicht nur die Übermittlung aktueller, geheimer und verschlüsselter Nachrichten geschieht mit technischen Apparaten, selbstverständlich muss auch der Kaffee [...]

warme, rein menschliche Verbrüderung ohne politische Absicht und diplomatischen Handel.“89 Dieses Gebräu aus Massensuggestion durch Marschmusik oder flammende Reden („patriotische Schmiere“), aus alkoholischer Betäubung und gewollter Verdrängung macht Keetenheuve Angst. Er versteht das Verlangen der Menschen nach Ablenkung nicht, versteht nicht ihre Art der Unterhaltung, der seichten Schlager und der lächerlichen Filme. Keetenheuve fühlt sich als „Ausländer des Gefühls“ [127]. Im gleichen Maße, wie das Volk Abwechslung und Verdrängung im Trivialen sucht, verabscheut es politische Zauderer. Zweifel gilt als Zeichen der Schwäche, aber der kritische Keetenheuve zweifelt unentwegt, auch an sich selbst – deshalb scheut er die Masse. Koeppen ging es nicht anders, wie er in seiner Büchnerpreisrede bekannte: „Ich liebe es nicht, mich auf den Markt zu begeben und zu reden. Ich bin kein Mann des geselligen Mittelpunktes. Ich bin ein Zuschauer, ein stiller Wahrnehmer, ein Schweiger, ein Beobachter, ich scheue die Menge nicht, aber ich genieße gern die Einsamkeit in der Menge“90. Die Technik – genauer: die moderne Kommunikationstechnik – ist von den Nazis gezielt zur Gleichschaltung der Massen benutzt worden. Die Beherrschung der Technik verleiht Macht. Keetenheuve steht der Menge ohnmächtig gegenüber, weil er die Technik nicht beherrscht und weil er diese Art von Machtausübung verabscheut. Sein Politikerdasein wird gerade noch durch ein zaghaftes „Er wollte wiedergewählt werden“ gerechtfertigt. „Aber Keetenheuve wollte wiedergewählt werden, weil er sich für einen der wenigen hielt, die ihr Mandat noch als eine Anwaltschaft gegen die Macht auffaßten.“ [26] Für solche Gedanken nennt ihn sein politischer Gegner einen „Menschenrechtsromantiker“ [26]. Koeppen kontrastiert Keetenheuve mit einer Gegenfigur, die bei der manipulativen Machtausübung mittels moderner Technik weniger zimperlich ist: FrostForestier, dessen Name allein den Leser schon frösteln lässt. „Frost-Forestier ist [...]

aufgaben eines Berufspolitikers zu – beispielsweise im Wahlkampf, vor dem ihm graut: „Immer mehr scheute er Versammlungen, die häßliche Weite der Säle, den Zwang, durch das Mikrophon sprechen zu müssen, die Groteske, die eigene Stimme in allen Winkeln verzerrt aus den Lautsprechern bullern zu hören, ein hohlklingendes und für Keetenheuve schmerzlich hohnvolles Echo aus einem Dunst von Schweiß, Bier und Tabak. Als Redner überzeugte er nicht.“ [25] Es findet sich hier wiederum ein Motiv, das bereits in „Tauben im Gras“ von zentraler Bedeutung war. Die menschliche Sprache wird durch das Mikrophon verfremdet, und obwohl die Lautsprecheranlage diesmal nicht defekt ist, misslingt die Kommunikation. Die Botschaft kommt – wie bei Mr. Edwin – nicht bei den Menschen im Saal an. Ob das Publikum nun schläft, oder im Zigaretten- und Alkoholnebel kein Auffassungsvermögen mehr hat, das Resultat ist identisch. Keetenheuve ist kein Populist, er wird vom Volk nicht verstanden und nicht geliebt: „Die Menge ahnte, er zweifele, und das verzieh sie ihm nicht. Sie vermißten bei Keetenheuves Auftritt das Schauspiel des Fanatikers, die echte oder gemimte Wut, das berechnete Toben, den Schaum vor dem Maul des Redners, die gewohnte patriotische Schmiere, die sie kannten und immer wieder haben wollten.“ [26] Auch hier erweist sich die Kontinuität: „die Menschen waren natürlich dieselben geblieben“ [17]. Darüber hinaus spielt das Phänomen der Masse eine Rolle. In „Tauben im Gras“ gibt es eine Parallelstelle, in der Koeppen beschreibt, wie eine Kapelle im Bräuhaus den Badenweiler Marsch spielt, den „Lieblingsmarsch des Führers“: „Der Marsch war die Musik der jungen und verhängnisvollen Geschichte. Der Saal hob sich wie eine einzige geschwellte Brust der Begeisterung von den Plätzen. Es waren nicht Nazis, die sich da erhoben. Es waren Biertrinker. Die Stimmung allein machte es, daß alle sich erhoben. Es war nur eine Gaudi! Warum so ernst sein? warum an Vergangenes, Begrabenes, Vergessenes denken? Auch die Amerikaner wurden von der Stimmung mitgerissen. Auch die Amerikaner erhoben sich. Auch die Amerikaner summten den Marsch des Führers, schlugen mit Füßen und Fäusten den Takt. Amerikanische und davongekommene deutsche Soldaten umarmten sich. Es war eine [...]

Arbeit zitieren:
Veit, Lothar Januar 2002: Einsam in der Menge, Hamburg: Diplomica Verlag

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