Einfluss körperlicher Aktivitäten auf Unterrichtsstörungen, Kreislauf und Konzentrationsleistungen von Heranwachsenden im Schulalltag
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Peter Wamser
- Abgabedatum: Dezember 2003
- Umfang: 68 Seiten
- Dateigröße: 406,3 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Deutsche Sporthochschule Köln Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8600-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8600-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8600-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wamser, Peter Dezember 2003: Einfluss körperlicher Aktivitäten auf Unterrichtsstörungen, Kreislauf und Konzentrationsleistungen von Heranwachsenden im Schulalltag, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Bewegte Schule, Sportunterricht, Bewegung, Aufmerksamkeit, Sport
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Dissertation / Doktorarbeit von Peter Wamser
Einleitung:
“Die heutigen Kinder sind nicht mehr das, was sie einmal waren,... .” Auf dieses oder ein ähnliches Maß werden häufig jene Urteile reduziert, die Erwachsene über Kinder fällen, wenn sie sich über deren Fehlverhalten ärgern. Auch Lehrer/innen, die täglich mit Schüler/innen arbeiten, kommen bei der Ursachenforschung häufig zu dem Ergebnis: “Früher war eben vieles anders”. Auf den ersten Blick scheint es sich bei diesen Aussagen für den Betrachter um “Worthülsen” zu handeln. Bei genauerem Hinsehen und mit Blick auf die eigene Schulzeit wird jedoch deutlich, dass es sich bei dem beschriebenen Generationskonflikt um eine zutiefst menschliche Problematik handelt: Kinder sind auch das Produkt ihrer Umwelt und spiegeln auf diese Weise die gesellschaftlichen Veränderungen wider.
Um einiges früher als die jüngste Veröffentlichung der PISA-Studie, nämlich fast 40 Jahre ist es her, dass sich Experten der Jugendforschung in Deutschland einen ersten Gesamtüberblick über den Stand des Wissens von der Jugend machten. In einem bis dahin unbekannten Umfang werde die Jugend, so hieß es, vor allem in der Freizeit vor die Situation der Wahlfreiheit gestellt – ein sozial- und kulturhistorisch neues Phänomen (Deutsches Jugendinstitut 1966). Jugendliche wachsen in einer Zeit auf, in der das Leben genauso stark von der freien Zeit wie von der Arbeitszeit geprägt wird. In einer Situationsbeschreibung von Jugend, Freizeit und Familie der Bundesregierung steht dazu: Es ist anzunehmen, dass traditionelle Erziehungsorte wie Familie und Schule deutlich an Boden verlieren gegenüber konkurrierenden Sinnorientierungen der Freizeitgestaltung von der Gleichaltrigengruppe bis hin zum Medienangebot. Die Familie wird in ihren Einflussmöglichkeiten zunehmend von den kommerziellen Anbietern im Freizeitbereich “abgelöst”. Sieben Prozent aller Jugendlichen haben “Wände besprayen” und “private Autorennen” als Freizeitbeschäftigung schon hinter sich, jeder Vierte (24 Prozent) kann sich für 24stündige Techno-Parties begeistern, fast jeder Dritte (31 Prozent) findet Extremsportarten besonders aufregend und 44 Prozent aller Jugendlichen stellen sich Bungee-Springen als letzten Kick vor (ifep 1995).
In der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu der “Risikogesellschaft” (Beck 1986), der “Erlebnisgesellschaft“ (Opaschowski 1983) und der “Multioptionsgesellschaft” (Gross 1994) zeigen Jugendliche eine zunehmende “soziale Unlust“. “Dies bekommt selbst die eigene Familie zu spüren: Kranken- und Verwandtenbesuche werden eher lästiger (1991: 24% - 1995: 37%). Und familiären Pflichten nachkommen ist fast für die Hälfte der Jugendlichen inzwischen mit Unlust verbunden (40 Prozent). Vier Jahre zuvor war die soziale Unlust nur halb so groß” (Opaschowski et Duncker 1997). Statt dessen beschäftigen sich Jugendliche immer mehr mit sich selbst bzw. mit der Planung ihrer Freizeit. Hierbei haben sie allerdings zunehmend das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonläuft. Wenn ihnen dann alles zuviel wird, weil sie sich “zu viel vorgenommen” haben, geraten sie in Stress. Hierbei zeigen sich grundsätzliche Unterschiede bei der “Stressbewältigung” von Erwachsenen und Jugendlichen. Stehen Erwachsene unter Druck, so werden sie unruhig und nervös.
Schüler/innen, die gestresst sind, werden schnell aggressiv und stören den Unterricht. Viele Kinder können nur noch kurze Geschichten erzählen, in denen sich ein Highlight an das andere reiht – genauso wie in Werbespots oder Musikkanälen. “Ihr schulisches Verhalten ist ein Reflex auf schnelle Schnitte à la Dallas, Denver und MTV. Sie sind nervös, können sich weniger konzentrieren, bedürfen immer neuer Reize, Stimuli und Sensationen, können kaum noch mit sich allein sein, behalten weniger, strengen sich selten an – kurz: Die Konstante ihrer Persönlichkeit ist die Flüchtigkeit“ (Hensel 1994).
Bei der Frage nach den Ursachen werden verschiedene Faktoren diskutiert. So leiden zum Beispiel 23 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren unter Schlafstörungen, die zum einen auf die angesprochenen chronischen Stressbelastungen zurückzuführen sind. Neben der “Terminnot” und “Verplanung” der Freizeit wird andererseits ein übermäßiger Fernsehkonsum bei vielen Kindern konstatiert. Bereits mehr als jede/r zehnte 14- bis 17-jährige Schüler/in macht ihre/seine Hausaufgaben vor dem Fernseher. Bis zum 18. Lebensjahr verbringen amerikanische Kinder und Jugendliche ca. 13.000 Stunden in der Schule und ca. 25.000 Stunden vor dem Fernseher.
Im Schulalltag machen sich diese und weitere Negativentwicklungen u. a. in Form von Unterrichtsstörungen bemerkbar. Viele Lehrer/innen klagen schon bei einfachen Aufgabenstellungen über wachsende Konzentrationsschwächen, vermehrte Unruhe und Nervosität der Schüler/innen sowie einer wachsenden Unruhe zum Stundenende hin. Um dem entgegenzuwirken, werden u. a. Spiel, Sport und Bewegung in der Schule als willkommene Abwechslungen gesehen und sollen für Schüler/innen in diesem Zusammenhang Möglichkeiten bieten, “sich abzureagieren” und überschüssige Energien in “kanalisierter” Weise abzubauen. Die Betroffenen selbst zeigen sich dem nicht abgeneigt: Nur 15 Prozent der Jugendlichen (14-17 Jahre) geben an, überhaupt kein Interesse an Sport zu haben, sodass man von einer grundsätzlichen Bereitschaft zur körperlichen Bewegung ausgehen kann.
Und dennoch: Trotz der „landläufigen“ Meinung zu den in dieser Hinsicht positiven Wirkungen des Sports liegen in der Literatur erstaunlich wenige wissenschaftliche Untersuchungen vor, die diese Thematik mit dem Bezug zur Schulpraxis angehen. So wird zwar relativ umfassend über die gesundheitlichen Effekte des Sportunterrichts berichtet, Wechselwirkungen bzw. Einflüsse des Sportunterrichts auf Unterrichtsstörungen werden allerdings nicht thematisiert. Des Weiteren besteht für den Bereich Schule ein genereller Forschungsbedarf im Bereich der psychophysiologischen Grundlagenforschung. So stellt sich zum Beispiel die Frage, welche physiologischen Belastungen ein sechsstündiger Schultag für Schüler/innen mit sich bringt und welche Rolle hierbei der Sportunterricht im Tagesprofil einnimmt.
Andererseits findet man in der Literatur kein zufriedenstellendes Datenmaterial für die Erstellung eines Tagesprofils zur Konzentrationsfähigkeit von Schüler/innen. In diesem Zusammenhang wurden auch die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf Konzentrationsleistungen von Schüler/innen erst von wenigen Autoren zum Forschungsgegenstand gemacht. Demgegenüber haben sich jedoch Konzepte wie z.B. der „Bewegte Unterricht“ im Unterrichtsalltag etabliert, dem positive Einflüsse auf den individuellen Lernprozess im Klassenzimmer zugeschrieben werden und der als „Sofort-Instrumentarium“ für eine Verbesserung der Konzentrationsleistungen bei Schüler/innen verstanden wird. Eine Quantifizierung der Effekte eines „Bewegten Unterrichts“ auf Konzentration und Aufmerksamkeit von Schüler/innen im Schulalltag steht allerdings nach wie vor noch aus.
Gang der Untersuchung:
In der vorliegenden Arbeit sollen die o. a. Fragestellungen nacheinander angegangen werden. In einem ersten Schritt wird zunächst „grundlegendes“ Datenmaterial zu den Parametern Unterrichtsstörungen, Herzfrequenzen und Konzentrationsleistungen von Schüler/innen erhoben.
Anschließend soll der Einfluss erhöhter körperlicher Aktivitäten auf die genannten Parameter untersucht und deren Relevanz für den typischen Alltag von Schüler/innen diskutiert werden. Hier geht es einerseits um den Zusammenhang von Sportunterricht und Unterrichtsstörungen.
Des Weiteren sollen die Auswirkungen des Sportunterrichts und eines „Bewegten Unterrichts“ auf Herzfrequenzverläufe bzw. Konzentrationsleistungen von Schüler/innen untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 1 |
| 2. | UNTERRICHTSSTÖRUNGEN, HERZFREQUENZEN UND KONZENTRATIONSLEISTUNGEN VON SCHÜLER/INNEN IM SCHULALLTAG | 4 |
| 2.1 | EINFÜHRENDE ÜBERLEGUNGEN ZUR THEMATIK | 4 |
| 2.2 | METHODISCHER ANSATZ | 6 |
| 2.2.1 | Erfassung der Unterrichtsstörungen | 7 |
| 2.2.2 | Erfassung der Herzfrequenzen | 7 |
| 2.2.3 | Erfassung der Konzentrationsleistungen | 8 |
| 2.3 | STATISTIK UND DATENVERARBEITUNG | 9 |
| 2.4 | KRITISCHE REFLEXION DES METHODISCHEN VORGEHENS | 10 |
| 2.5 | ERGEBNISSE | 12 |
| 2.5.1 | Unterrichtsstörungen im Jahres-, Wochen- und Tagesverlauf bzw. Altersgang | 12 |
| 2.5.2 | Herzfrequenzverläufe im Altersgang bzw. Tages- und Stundenverlauf | 15 |
| 2.5.3 | "Test d2" Ergebnisse im Geschlechtervergleich, Altersgang und Tagesverlauf | 18 |
| 2.6 | DISKUSSION | 19 |
| 2.6.1 | Unterrichtsstörungen im Schulalltag | 19 |
| 2.6.2 | Effekte des Schulalltags auf Herzfrequenzverläufe | 21 |
| 2.6.3 | Konzentrationsleistungen im Schulalltag | 22 |
| 2.7 | FAZIT | 23 |
| 3. | EFFEKTE KÖRPERLICHER AKTIVITÄTEN AUF UNTERRICHTSSTÖRUNGEN, HERZFREQUENZEN UND KONZENTRATIONSLEISTUNGEN | 24 |
| 3.1 | EINFÜHRENDE ERLÄUTERUNGEN | 24 |
| 3.2 | METHODISCHER ANSATZ | 26 |
| 3.3 | STATISTIK UND DATENVERARBEITUNG | 27 |
| 3.4 | ERGEBNISSE | 27 |
| 3.4.1 | Unterrichtsstörungen vor/nach Sportstunden bzw. an "Sporttagen" | 27 |
| 3.4.2 | Herzfrequenzverläufe einer Sportstunde bzw. an "Sporttagen" | 29 |
| 3.4.3 | Herzfrequenzverläufe bei einem "Bewegten Unterricht" | 31 |
| 3.4.4 | "Test d2" Ergebnisse bei einem "Bewegten Unterricht" | 32 |
| 3.5 | DISKUSSION | 33 |
| 3.5.1 | Effekte des Sportunterrichts in Zusammenhang mit Unterrichtsstörungen | 33 |
| 3.5.2 | Einfluss des Sportunterrichts auf den Herzfrequenzverlauf | 34 |
| 3.5.3 | Physiologische Reaktionen durch einen "Bewegten Unterricht" | 36 |
| 3.5.4 | Effekte eines "Bewegten Unterrichts" auf die Konzentrationsleistungen | 37 |
| 3.6 | FAZIT | 38 |
| 4. | GESAMTDISKUSSION | 39 |
| 4.1 | ZUSAMMENFASSENDER ÜBERBLICK | 39 |
| 4.2 | "LIFESTYLE" UND BEWEGUNGSSTATUS VON HERANWACHSENDEN - PERSPEKTIVEN FÜR EINE SCHULISCHE BEWEGUNGSFÖRDERUNG | 41 |
| 4.3 | AUSBLICK UND KONSEQUENZEN FÜR DEN SCHULSPORT | 46 |
| 5. | LITERATUR | 50 |
tungen von 20-25 Watt, wie etwa bei einem normalen Spaziergang, führen zu einer Mehrdurchblutung des Gehirns von etwa 14 Prozent und damit zu einer Steigerung der Hirnfunktionen, was sich auch positiv auf die Lernfähigkeit auswirkt (Jasper 1998). Übrigens sollen Belastungen mit 30 Prozent der maximalen aeroben Kapazität vor allem morgens zu Leistungsverbesserungen bei visuell-motorischen Koordinationstests führen (Klein et Wegmann 1979). Die Steuerung von Motorik und Konzentrationsfähigkeit scheint zudem in einem engen Verhältnis zueinander zu stehen. Diese These geht letztlich auch aus den Literaturbefunden hervor, die eine Störung der Konzentrationsfähigkeit in Verbindung mit motorischen Fehlfunktionen beschreiben (Getman et Hendrickson 1961; Schaefer et Baylay, 1963; Kagan et al. 1964; Vedder 1964; Hammar 1967; Keogh 1971; v. Meel 1971; Lievens 1974; Tarver et Hallahan 1974; Hallahan 1975). [...]
Die vorliegenden Befunde zeigen deutlich die Effekte des „typischen“ Schulalltags auf Unterrichtsstörungen, Herzfrequenzen und Konzentrationsleistungen von Schüler/innen. Die Kenntnis bzw. Diskussion der jeweiligen Ergebnisse ermöglicht es hierdurch einerseits, eine größere Transparenz bei der empirischen Betrachtung des Schulalltags von Schüler/innen zu gewährleisten und Interventionen ggf. gezielter zu ermöglichen. Andererseits sprechen die vorliegenden Ergebnisse wie auch einige Literaturbefunde dafür, dass erhöhte körperliche Aktivität ein geeignetes Mittel ist, Unterrichtsstörungen und Konzentrationsschwächen zu reduzieren. Eine stärkere und bessere Integration von körperlichen Bewegungen in den Schulunterricht ist selbstverständlich auch unter präventiven und pädagogischen Aspekten zu befürworten. Vor dem Hintergrund neuer Unterrichtskonzepte stellt sich somit grundsätzlich die Frage, welche Rolle die verstärkte körperliche Aktivität im Rahmen unterschiedlicher Interventionsmaßnahmen spielen kann. [...]
2.6.3 Konzentrationsleistungen im Schulalltag In der Literatur liegen einige Studien vor, die sich mit der Erstellung von Tagesprofilen zur Konzentrationsfähigkeit von Schüler/innen beschäftigen (Westhoff et al. 1978; Steck et al. 1986; Raviv et Low 1990; Brickenkamp 1994; Montagner et al. 1996; Huguet et al. 1997; Batejat et al. 1999). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen in Übereinstimmung mit dem Großteil der Literatur, dass die Konzentration im Tagesverlauf grundsätzlich Schwankungen unterworfen ist. In den ersten beiden Stunden werden erstaunlicherweise die niedrigsten „Test d2“ Werte erzielt. Möglicherweise spielt hier auch eine gewisse körperliche Müdigkeit eine Rolle, da es nur in der ersten 5-Minuten- [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832486006
Arbeit zitieren:
Wamser, Peter Dezember 2003: Einfluss körperlicher Aktivitäten auf Unterrichtsstörungen, Kreislauf und Konzentrationsleistungen von Heranwachsenden im Schulalltag, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Bewegte Schule, Sportunterricht, Bewegung, Aufmerksamkeit, Sport



