Die Effektivität ökonomischer Politikberatung in Deutschland
Eine empirische Studie
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Tobias Henning
- Abgabedatum: Oktober 2000
- Umfang: 98 Seiten
- Dateigröße: 501,6 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Technische Universität Dresden Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7796-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Henning, Tobias Oktober 2000: Die Effektivität ökonomischer Politikberatung in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: ökonomische Theorie, Neue politische Ökonomie, Politiker, Interview, Wirtschaftsförderung
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Diplomarbeit von Tobias Henning
Zusammenfassung:
Ökonomische Beratung der Politik ist eine Kommunikation zwischen einem beratenden Ökonomen einerseits und einem die Beratung nachfragenden Politiker andererseits, in deren Rahmen volkswirtschaftliches Wissen vom Berater zum Politiker übertragen werden kann. Die Effektivität solcher Beratung kann nur in Abhängigkeit von den Zielen beurteilt werden, die beide Seiten mit Hilfe der Beratung erreichen wollen. Während viele beratend tätige Volkswirte für sich beanspruchen, das wirtschaftliche Allgemeinwohl im Sinne der neoklassischen Wohlfahrtstheorie im Auge zu haben, ist der Politiker – so die These der ökonomische Theorie der Politik – vor allem an seiner Wiederwahl interessiert.
Diese Arbeit nimmt für ihre empirische Untersuchung die allgemeine Beraterperspektive ein: Ökonomische Politikberatung ist effektiv, wenn ihre Empfehlungen befolgt, also politisch umgesetzt werden. In Interviews mit Landespolitikern und externen sowie internen ökonomischen Beratern ergab sich folgendes Bild:
Häufig kommt die Beratung nicht zustande, weil die Politiker (wenn sie Parlamentarier sind) zuwenig Geld oder (in jedem Falle) zuwenig Zeit haben. Oft erreicht die Beratung ihren eigentlichen Adressaten nicht, weil sie in der Hierarchie der Bürokratie versickert. Zum Teil wird die Beratung nicht verstanden oder bleibt unveröffentlicht.
Bisweilen wird die Beratung im Sinne einer bereits getroffenen politischen Entscheidung manipuliert, um diese mit einer wissenschaftlichen Legitimation zu versehen. Bei wissenschaftlich umstrittenen Fragen kann solche Manipulation ersetzt werden durch die gezielte Auswahl desjenigen Beraters, der die politisch genehme wissenschaftliche Position vertritt. In beiden Fällen wird eine echte Beratung nur vorgetäuscht. Sucht der Politiker dagegen unvoreingenommen Rat, sind die uneinigen Wissenschaftler ihm keine Entscheidungshilfe.
In der Mehrzahl der Fälle richten sich die Politiker nach den Wünschen von Interessengruppen, da diese im Unterschied zu den Beratern glaubhaft mit dem Entzug von Wählerstimmen drohen können. Entspricht das ökonomisch Empfohlene nicht diesen Wünschen, bleibt die Beratung ineffektiv. Einen Ausweg bietet hier die strategische, die Wünsche der Interessengruppen mit berücksichtigende Beratung im Sinne eines Kompromisses zwischen ökonomischer Vernunft und politischer Opportunität oder die langfristige Strategie einer Politikänderung über die Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Am Fallbeispiel eines Gutachtens zur Mittelstandsförderung für das Sächsische Wirtschaftsministerium bestätigte sich deutlich das Legitimationsmotiv. Einige Empfehlungen des Gutachtens wurden aber auch tatsächlich in Politik umgesetzt. Methodisch zeigte sich, dass die Effektivität ökonomischer Beratung im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Beziehung nicht nachweisbar ist, da der Beratungsprozess zu einem entscheidenden Teil unbeobachtbar in den Gedanken des Beratenen abläuft, so dass auf dessen nicht notwendig wahrheitsgemäße Aussage zurückgegriffen werden muss.
Würden wirtschaftspolitische Entscheidungen anders ausfallen, wenn es keine ökonomische Beratung gäbe? In den meisten Fällen wahrscheinlich nicht. Für die Wirtschaftspolitik hat die Beratung vor allem legitimierende Funktion, leistet aber auch eine Qualitätskontrolle.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungsverzeichnis | III | |
| Abkürzungsverzeichnis | IV | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Ökonomische Politikberatung in Deutschland | 3 |
| 2.1 | Definition ökonomischer Politikberatung | 3 |
| 2.2 | Klassifikationen von Politikberatung | 4 |
| 2.2.1 | Modelle wissenschaftlicher Politikberatung nach Habermas | 4 |
| 2.2.2 | Andere Klassifikationen | 5 |
| 3. | Effektivität der Politikberatung aus Sicht der ökonomischen Theorie | 10 |
| 3.1 | Der Effektivitätsbegriff im Kontext ökonomischer Politikberatung | 10 |
| 3.2 | Neoklassik | 12 |
| 3.2.1 | Pareto-Effizienz als Wohlfahrtskriterium | 12 |
| 3.2.2 | Neoklassische Wirtschaftspolitik | 13 |
| 3.2.3 | Begriff und Bedingungen effektiver Politikberatung | 15 |
| 3.3 | Ökonomische Theorie der Politik | 17 |
| 3.3.1 | Abgrenzung zur Neoklassik | 17 |
| 3.3.2 | Effektivitätsbegriff | 19 |
| 3.3.3 | Bedingungen effektiver Politikberatung | 21 |
| 4. | Messung der Effektivität ökonomischer Politikberatung | 24 |
| 4.1 | Produktionsfunktion | 24 |
| 4.2 | Fallbeispiele | 28 |
| 4.3 | Befragung von Beratern und Politikern | 29 |
| 5. | Interviews mit Beratern und Politikern | 31 |
| 5.1 | Zur Vorgehensweise | 31 |
| 5.1.1 | Die Gesprächspartner | 31 |
| 5.1.2 | Zur Gesprächsführung | 32 |
| 5.2 | Inhaltliche Auswertung | 34 |
| 5.2.1 | Die Beratung kommt nicht zustande: Geldmangel, Zeitmangel, und Nichtveröffentlichung | 35 |
| 5.2.2 | Vom Berater zum Politiker: Der Übertragungsweg | 40 |
| 5.2.3 | Die Qualität wissenschaftlichen Rats: Verständlichkeit und Sachgerechtigkeit | 42 |
| 5.2.4 | Rechtfertigung vorgefasster Meinungen durch wissenschaftlichen Rat | 44 |
| 5.2.5 | Die Uneinigkeit der Berater | 48 |
| 5.2.6 | Sind ökonomische Berater konsensfähig? | 53 |
| 5.2.7 | Die politische Durchsetzbarkeit wissenschaftlichen Rats | 54 |
| 5.2.8 | Der Einfluss ökonomischen Rats auf die Wirtschaftspolitik | 58 |
| 6. | Fallbeispiel: Ein Gutachten des ifo Instituts für das Sächsische Wirtschaftsministerium | 62 |
| 6.1 | Einführung | 62 |
| 6.2 | Die Entstehungsphase des Gutachtens | 63 |
| 6.3 | Gegenstand des Gutachtens: Förderprogramme zur Unternehmensberatung in Sachsen | 64 |
| 6.3.1 | Ziele und Mitteleinsatz | 64 |
| 6.3.2 | Durchführung | 68 |
| 6.4 | Das Ziel und die Methode des Gutachtens | 69 |
| 6.5 | Die Empfehlungen und das anschließende politische Handeln | 70 |
| 6.5.1 | Empfehlungen zur Verbesserung der Effektivität der Beratungsförderung | 70 |
| 6.5.2 | Empfehlungen zur Verbesserung der Effizienz der Beratungsförderung | 72 |
| 6.6 | Haben die Empfehlungen etwas bewirkt? | 76 |
| 6.7 | Wenn es das Gutachten nicht gegeben hätte | 79 |
| 7. | Zusammenfassung der Ergebnisse | 81 |
| Literaturverzeichnis | 83 | |
| Gesetzes- und Urteilsverzeichnis | 87 |
Dazu wurden zum einen Interviews mit ökonomischen Beratern und Landespolitikern geführt. Diese wurden nach ihren allgemeinen Einschätzungen und Erfahrungen zur Effektivität ökonomischer Beratung befragt. Zur Strukturierung der Auswertung wurde der Übertragungsweg, den das ökonomische Wissen vom Berater zum Politiker und in dessen Entscheidungen hinein zurückzulegen hat, nachvollzogen. Damit wurde wiederum die Beraterperspektive eingenommen. Es zeigte sich, dass die Hindernisse auf dem Übertragungsweg nicht erst bei der Uneinigkeit über die wirtschaftspolitischen Ziele beginnen, sondern bereits in Form von Mangel an Beratungsressourcen und Zeit auftreten. Grundsätzlich lassen die Aussagen der Gesprächspartner darauf schließen, dass das Modell der ökonomischen Theorie der Politik der Realität recht nahe kommt, wobei allerdings die befragten Berater eine Orientierung am Gemeinwohl im wohlfahrtstheoretischen Sinne für sich in Anspruch nahmen. Sehr deutlich wurde, dass die befragten Politiker die Definition politischer Ziele als ihre Aufgabe betrachten und die Rolle ökonomischer Berater vor allem in der fachlichen Vorbereitung und der wissenschaftlichen Rechtfertigung politischer Entscheidungen sehen. Unter anderem wegen unterschiedlicher Zeithorizonte und der politischen Rücksichtnahme auf Interessengruppen ist die Effektivität ökonomischer Politikberatung aus Sicht der Berater gering. Sie hoffen auf eine langfristige Wirkung. Aus der Sicht der Politiker ist die wissenschaftliche Beratung indirekt effektiv, wenn sie politische Ziele durchzusetzen hilft. Dass die Wissenschaftler selbst oft uneinig sind, erleichtert es den Politikern einerseits, den „richtigen“ Berater für ihre Ziele zu finden, was die Beratung aus ihrer Sicht effektiver macht. Auf der anderen Seite verliert ein wissenschaftliches Argument, das angefochten wird, an legitimierender Kraft, was seine politische Effektivität verringert. Zum anderen wurde ein Fallbeispiel analysiert, das sich mit einem Gutachten zur Evaluierung staatlicher Wirtschaftsförderung befasste. Dabei wurde vor allem aus Beraterperspektive gefragt, ob die Empfehlungen des Gutachtens in Politik umgesetzt wurden. Es zeigte sich, dass selbst dann, wenn die politische Entscheidung anschließend im Sinne der Beratung ausfiel, nicht sicher nachzuweisen war, dass sie durch die Empfehlung verursacht wurde. Für das auftraggebende Ministerium war das Gutachten auf jeden Fall effektiv, da es von angesehener Seite eine Bestätigung für seine Förderpolitik erhielt. Insgesamt kann in der vorliegenden Arbeit die Effektivität ökonomischer Politkberatung nicht nachgewiesen werden. Dennoch sind die Berater überzeugt, dass die Wirtschaftspolitik ohne ihre Beratung noch schlechter wäre. [...]
In der Einleitung wurde die Frage gestellt, ob ökonomische Politikberatung effektiv in dem Sinne ist, dass es ihr gelingt, volkswirtschaftliches Wissen zu einer Größe im politischen Entscheidungskalkül zu machen. Zur Beantwortung dieser Frage wurde zunächst ökonomische Politikberatung als eine Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und politischen Akteuren definiert, in der beide Seiten versuchen, ökonomisches Wissen für politische Entscheidungen nutzbar zu machen. Mit Hilfe unterschiedlicher Kriterien zur Klassifikation wurde die in Deutschland praktizierte Politikberatung eingeordnet. Es zeigte sich unter anderem, dass die Beratung in erster Linie von der Regierung und den ihr zuarbeitenden Ministerialverwaltungen nachgefragt wird, während die Legislative vor allem auf Landesebene nur über wenige Ressourcen der Beratung verfügt. Um die Effektivität der so definierten und klassifizierten Beratung beurteilen zu können, wurde danach gefragt, was im Kontext der ökonomischen Theorie unter Beratungseffektivität zu verstehen ist. Zunächst wurde herausgearbeitet, dass Effektivität nur in Bezug auf zuvor zu klärende Ziele inhaltlich bestimmt werden kann. Dabei muss zwischen dem Ziel des Beraters und dem des beratenen Politikers unterschieden werden. In der neoklassischen Wohlfahrtstheorie wird eine Einheit der Ziele von ökonomischem Berater und Staat angenommen: Für beide ist Politikberatung dann effektiv, wenn sie am Gemeinwohl im Sinne des Pareto-Kriteriums orientiert ist. Dagegen unterstellt die ökonomische Theorie der Politik den politischen Akteuren die Maximierung ihres privaten Nutzens. Das Interesse am Machterhalt kann in Konflikt mit dem Ziel der Gemeinwohlmaximierung geraten, weswegen auch die Zieleinheit zwischen einem weiterhin wohlfahrtstheoretisch orientierten Berater und dem beratenen Politiker nicht mehr gewährleistet ist. Um die Effektivität ökonomischer Politikberatung quantitativ zu erfassen, könnte ihr Einfluss auf das ökonomische Wohl der Gesellschaft ökonometrisch geschätzt werden. Die Bestimmung einer analytischen Produktionsfunktion wird in der Literatur als sehr schwierig beurteilt. Daher wurde in dieser Arbeit die Methode angewandt, die Wirksamkeit ökonomischer Politikberatung mit Hilfe von Gesprächen mit den am Beratungsprozess Beteiligten sowie durch eine Auswertung schriftlicher Quellen zu untersuchen. [...]
Abschließend soll die Frage nach den Auswirkungen des Gutachtens noch einmal umfassender gestellt werden: Was wäre gewesen, wenn es das Gutachten nicht gegeben hätte? Das Ministerium hätte die geforderte Evaluierung auf anderem Wege erlangen müssen, zum Beispiel im eigenen Haus. Nach Aussage des Referats 25 wäre dies durchaus möglich gewesen, zumal das SMWA zu einer solch aufwändigen Evaluierung, wie sie das ifo-Gutachten darstellt, nicht verpflichtet war.107 Allerdings hätte der Minister auf die Bestätigung der eigenen Politik durch ein angesehenes Forschungsinstitut verzichten müssen, ein nach Einschätzung des Referats 25 gewichtiges Argument unter anderem im Kampf um Haushaltsmittel, sowohl gegenüber dem Parlament als auch im Kabinett.108 Gerade bei diesem Gutachten sei der Aufwand der öffentlichen Präsentation deutlich höher als üblich gewesen.109 Aber auch die Mitarbeiter des Referats 25 konnten mit Hilfe der sorgfältigen Analyse des Gutachtens ihre subjektiven, aus der Tagesarbeit entstandenen Einschätzungen bezüglich noch vorhandener Schwachpunkte im Förderverfahren überprüfen bzw. sich darin bestätigen lassen. Ähnlich betonte der RKW-Geschäftsführer, der gutachterliche Blick von außen habe ein produktives Nachdenken über die eigene Tätigkeit ermöglicht.110 Die Förderpolitik selbst wäre grundsätzlich die gleiche, möglicherweise aber im einzelnen weniger effektiv und effizient. Das Gutachten sollte in erster Linie das bisherige Regierungshandeln bewerten, und es kam zu dem Ergebnis, dass dieses Handeln im Grundsatz richtig war. Empfehlungen, grundsätzlich anders als bisher zu handeln, konnte es daher nicht aussprechen, und ein Effekt des Gutachtens in Form veränderten Regierungshandelns konnte nicht eintreten. Ebensowenig ist das nicht veränderte Regierungshandeln ein Effekt des Gutachtens. Stattdessen liegt sein Effekt darin, dass das Ministerium nun im Unterschied zu vorher weiß, dass es grundsätzlich richtig handelt. Auch der interessierten Öffentlichkeit fehlten ohne das Gutachten nähere Auskünfte [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832477967
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ökonomische Theorie, Neue politische Ökonomie, Politiker, Interview, Wirtschaftsförderung



