Multikulturalismus und Migration zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Eine Identitätsanalyse der Persistenz kultureller Eigenheiten
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Helmut Tomitz
- Abgabedatum: März 2010
- Umfang: 285 Seiten
- Dateigröße: 5,5 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Karl-Franzens-Universität Graz Österreich
- Bibliografie: ca. 101
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4673-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Tomitz, Helmut März 2010: Multikulturalismus und Migration zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Migration, Österreich, Identität, Lateinamerika, Argentinien
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Dissertation / Doktorarbeit von Helmut Tomitz
Einleitung:
Bei etwa 8,3 Millionen Inlandsösterreichern leben heute Schätzungen zufolge weltweit 470.000 Auslandsösterreicher und bis zu eine Million Herzensösterreicher dauerhaft in einem anderen Land. Während man sich in über 400 österreichbezogenen Vereinigungen weltweit organisiert, werden die Auslandsösterreicher oft und gerne als das „10. Bundesland“ bezeichnet und wären laut dieser Definition das zahlenmäßig siebentgrößte Bundesland Österreichs.
Die vorliegende Publikation untersucht die gegenwärtige österreichische Emigranten-Situation sowie einzelne historisch bedingte Konstellationen in Lateinamerika, beziehungsweise Argentinien zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Ich versuche, mehr Verständnis für die aktuelle individuelle, beziehungsweise persönliche Situation dieser Auslandsösterreicher zu schaffen. Die Ausführungen in dieser Arbeit verstehen sich zum einen als ein Beitrag mit dem Ziel, mehr Akzeptanz für im Ausland lebende Österreicher zu gewinnen, versuchen zum anderen jedoch gleichzeitig, eine differenziertere Wahrnehmung gegenüber in Österreich lebenden Ausländern zu entwickeln. Aufschlussreich ausgewertete Erhebungsbögen von bereits seit längerer Zeit in dieser Region lebenden Österreichern verstehen sich nach ihrer Auswertung beziehungsweise Interpretation als wichtige Basis der vorliegenden Arbeit. Diese Rückschlüsse verbunden mit den Erkenntnissen aus einer Reihe von persönlichen Gesprächen und Interviews mit Auslandsösterreichern setze ich zum einen mit analoger Fachliteratur, zum anderen mit persönlichen Recherchen, beziehungsweise Erlebnissen in Beziehung. Anhand von alltags-, sozial- und geschlechterspezifischen Fragestellungen ist mein Ziel, die individuelle sowie kollektive Dimension der österreichischen Emigration nach Lateinamerika zu untersuchen.
Eine Analyse der bereits in zahlreichen Publikationen beschriebenen Emigrationen vor, beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg nehme ich nur bedingt, beziehungsweise im Kontext vor. Mit anderen Worten: Wesentlicher Fokus der Untersuchungen ist die „Emigration aus freiem Willen“, beispielsweise Wirtschaftsemigranten (und deren Angehörige) sowie nach 1960 ausgewanderte Österreicher. Folgende Auswanderungsgruppen besitzen aus diesem Grund weniger Relevanz für meine Recherchen: politisch begründete Emigrationsgruppen, jüdische Bevölkerungsgruppen, Emigranten mit Bezug zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Nichtsdestoweniger bildet die Darstellung historischer Zusammenhänge in etlichen Bereichen der Ausführungen eine wichtige stützende Funktion für das Verständnis und die Interpretation des jeweiligen Sachverhalts. Der in bestimmten Themenbereichen relevante Vergleich mit anderen Auswanderungsdestinationen, um mögliche Divergenzen zu manifestieren, rundet die umfangreichen Recherchen ab.
Die Tatsache, dass ich meine Recherchen in einer Region mit anderer Kultur und Sprache betrieb und zuvor keine Möglichkeit hatte, mich mit anderen wissenschaftlich arbeitenden Personen über ihre Erfahrungen speziell in dieser Thematik und in dieser Region auszutauschen, war herausfordernd und spannend. Zugute kamen mir meine Erfahrungen bei der Erstellung meiner Diplomarbeit, die ein ähnliches Thema behandelte, sowie meine Spanisch-Kenntnisse, die ich mir während meines einjährigen Aufenthaltes in Spanien angeeignet hatte.
Neben einer umfangreichen Erforschung der wissenschaftlichen Literatur aus dem Bereich „österreichische Emigration“ bildeten meine persönlichen, während der letzten 15 Jahre angesammelten fachspezifischen Kenntnisse eine wichtige Basis bei der Gestaltung der vorliegenden Publikation. In diesem Zusammenhang profitierte ich neben meinen individuellen Reisen in weltweit über 50 Länder auch von meinem in Summe mehrjährigen dauerhaften Wohnen/Leben außerhalb Österreichs. Während dieser Zeit war ich selbst Auslandsösterreicher und konnte mir einen wertvollen Erfahrungsschatz aneignen. In diesem Zusammenhang waren speziell mein einjähriger Aufenthalt in Spanien, der knapp dreimonatige Aufenthalt in Südostasien, der siebenmonatige Aufenthalt in Australien, der zweimonatige Aufenthalt in Mittelamerika sowie der knapp zweimonatige Aufenthalt in Südamerika, wo ich unzählige Gespräche mit ausgewanderten Österreichern führen konnte, erkenntnisreich und für die Auswertungen dieser Arbeit höchst relevant. Bei Relevanz und Bedarf lasse ich aus diesem Grund immer wieder persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse in die vorliegende Arbeit einfließen, die ich in Bezug zu anderen Aussagen beziehungsweise Theorien setze, sowie analog der richtigen Thematik zuordne.
Bei der Suche nach vergleichbaren Auswanderungsdestinationen, mit denen die Situation in Lateinamerika und speziell in Argentinien verglichen werden kann, war ein Kriterium die Anzahl der in diesem Land lebenden Auslandsösterreicher. Eine Vergleichsvariante stellte Kanada dar, das mit einer Anzahl von 8.000 registrierten Auslandsösterreichern in etwa im Bereich von Argentinien liegt, wo 10.300 leben. Was gegen einen solchen Vergleich sprach, ist die Tatsache, dass Kanada im starken Einfluss durch die U.S.A. steht, wo heute 30.400 Auslandsösterreicher registriert sind; dadurch entstünde ein Ungleichverhältnis. Außerdem liegt Kanada ebenso wie Argentinien auf dem amerikanischen Kontinent, was möglicherweise in verschiedenen Bereichen zu ähnlich wäre.
Eine andere mögliche Vergleichsvariante stellte Südafrika dar, wo jedoch bereits etwa doppelt so viele registrierte Österreicher leben wie in Argentinien: 20.200.
Als das am besten geeignete Vergleichsland zu Argentinien stellte sich Australien heraus: Die dort lebende österreichische Auswanderergemeinschaft kommt auf eine Anzahl von 15.000. Wohl wissend, dass diese beiden Länder zwar in einigen Bereichen divergieren, gibt es doch zusätzliche ganz wesentliche Gemeinsamkeiten: Beide Länder gelten, beziehungsweise galten für viele Jahre als Einwanderungsländer. Die Politik beider Staaten verfolgte für lange Zeit und in starkem Maß eine einwanderungsfreundliche Position. Diese politischen Bestrebungen wurden mitunter sehr offensiv betrieben und es kam nicht selten zu direkten Werbeaktivitäten, die eine Auswanderung in das jeweilige Land zum Ziel hatten. Österreicher mit verschiedensten Auswanderungsmotiven wurden durch diese Kampagnen motiviert und in ihrer Idee bestärkt, in diese Länder auszuwandern. Weiters sind beide, sowohl Argentinien als auch Australien verhältnismäßig weit von Österreich entfernt. Auswanderungen in diese zwei Länder hatten mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit einen „Endgültigkeitscharakter“ als beispielsweise innereuropäische Emigrationen. Dadurch sind ein regelmäßiger Kontakt zu Österreich geschweige ein häufiger Besuch nur erschwert und abhängig von den jeweiligen persönlichen Möglichkeiten der österreichischen Emigranten möglich. Wie bereits eingangs erwähnt, habe ich meine Diplomarbeit zu einem schwerpunktmäßig Australien behandelnden Thema verfasst und dadurch detailliertes Fachwissen in diesem Bereich sammeln können: „Österreichische Emigranten in der multikulturellen Gesellschaft Australiens am Beginn des 21. Jahrhunderts“. Diese im Zuge der Diplomarbeitserstellung unter anderem während eines siebenmonatigen Australien-Aufenthaltes erworbenen speziellen Kenntnisse über die österreichische Auswanderungssituation in Australien wären bei einem Vergleich mit den nun von mir intensiv erforschten Gegebenheiten in Argentinien höchst wertvoll und relevant. Aus den oben genannten Gründen habe ich mich nach Rücksprache mit meinem Dissertationsbetreuer und gemeinsamen Überlegungen dazu entschieden, Ausführungen zur Situation in Lateinamerika beziehungsweise Argentinien in dieser Arbeit bei relevanten Themen in erster Linie mit der Situation in Australien zu vergleichen.
Der Fokus der vorliegenden Dissertation liegt bei der Untersuchung der Identität der ständig in Lateinamerika lebenden Österreicher. Ich gehe dabei der Frage nach, wie ständig im Ausland lebende Österreicher das Land Österreich sehen, beziehungsweise welchen Bezug sie zur „alten Heimat“ haben. Am Beispiel Argentinien im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten beziehungsweise Australien wird in diesem Zusammenhang der Frage nachgegangen, warum sich einige „bereits“ eher als Argentinier, andere wiederum „noch“ als Österreicher fühlen.
Spezielle in der Arbeit untersuchte Aspekte sind:
Welche Unterstützungsvarianten gibt es für im Ausland lebende Österreicher von offizieller und von privater Seite?
Welche Auswanderungsphasen gab es von Österreich nach Argentinien? Welche unterschiedlichen Auswanderungsgruppen gab es?
Was sind Motive der Auswanderung und welche Rückwanderungsstrategien gibt es?
Mit welchen Problemen haben Österreicher im Auswanderungsland zu kämpfen in Bezug auf die Ankunft, die erste Zeit danach, der Integration in die Gesellschaft? Integriert man sich, wie ist der Bezug zur deutschsprachigen Gemeinde? Wie wird der Multikulturalismus in Argentinien seitens der Österreicher gelebt?
Was sind die Unterschiede des Auswanderungslandes zu Österreich?
Was wird am Auswanderungsland, beziehungsweise an Österreich am meisten geschätzt, was als störend empfunden?
Welchen Bezug zu Österreich haben die Nachfahren österreichischer Auswanderer? Welchen Bezug haben die Kinder und Enkel österreichischer Emigranten zu Österreich?
Welchen Bezug hat der im Ausland lebende Österreicher heute zu Österreich? Fühlen sich Auslandsösterreicher noch immer als „Österreicher”? Ist der Bezug idealistisch, konkret oder beides?
Wie wird „österreichische Kultur” in Argentinien gelebt? Werden Brauchtümer gepflegt?
Wie wird der regelmäßige Kontakt zu Österreich gepflegt? Wie wird, beziehungsweise wurde das Geschehen in Österreich nach der Auswanderung mitverfolgt?
Wie wird ein regelmäßiger Heimatbesuch nach Österreich durchgeführt? Wie erleben Auslandsösterreicher diese Reisen?
Wie wird heute im Auswandererland österreichorientiert gelebt? Beeinflusst die österreichische, beziehungsweise deutschsprachige Vergangenheit in irgendeiner Weise das heutige Leben?
Wie stellt sich die aktuelle Situation von Auslandsösterreicher-Vereinigungen in Argentinien dar? Welche Rolle spielen (Auslandsösterreicher-)Institutionen für Auslandsösterreicher?
Wird heute noch die österreichische Politik verfolgt, beziehungsweise das Wahlrecht genutzt?
Was bedeutet „Leben im Ausland” für ausgewanderte Österreicher? Welche Botschaften haben Auslandsösterreicher für Inlandsösterreicher?
Sollte keine andere Spezifizierung angegeben sein, so sind die in dieser Arbeit untersuchten, beziehungsweise zitierten Personen allesamt in Lateinamerika wohnhaft, die meisten davon in Argentinien, jedoch auch in Brasilien, Mexiko oder in anderen lateinamerikanischen Ländern. Diese werden bei Relevanz mit in Australien lebenden Personen verglichen oder in Beziehung gesetzt.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 4 | |
| Zusammenfassung | 7 | |
| Summary | 8 | |
| Inhaltsverzeichnis | 9 | |
| Abbildungsverzeichnis | 11 | |
| Tabellenverzeichnis | 13 | |
| 1. | Einleitung | 14 |
| 2. | Arbeitsmethodik, Problemstellungen und aktueller Forschungsstand | 19 |
| 2.1 | Qualitative versus quantitative Sozialforschung | 23 |
| 2.2 | Methodisches Problem: „Wer ist ‚Österreicher’?“ | 30 |
| 3. | Österreicher im Ausland | 34 |
| 3.1 | Wahlrecht und Staatsbürgerschaft | 46 |
| 3.2 | Service für Auslandsösterreicher und wichtige Institutionen | 50 |
| 3.2.1 | Das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, „Außenministerium“ | 50 |
| 3.2.1.1 | Die Webseite www.auslandsösterreicher.at | 51 |
| 3.2.1.2 | Die „AÖ-Karte“ | 51 |
| 3.2.1.3 | Finanzielle Unterstützungen für österreichische Staatsbürger im Ausland | 52 |
| 3.2.2 | Auslandsösterreicher – Referat des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung | 56 |
| 3.2.3 | Der Auslandsösterreicher-Weltbund AÖWB | 57 |
| 3.2.4 | Die „Burgenländische Gemeinschaft“ BG | 63 |
| 4. | Emigration auf der Welt und nach Lateinamerika, Schwerpunkt Argentinien | 65 |
| 4.1 | Emigrationen weltweit | 65 |
| 4.2 | Die Einwanderungsregion Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert | 72 |
| 4.3 | Die Einwanderungsregion Lateinamerika zu Beginn des 21. Jahrhunderts | 79 |
| 4.4 | Das Einwanderungsland Argentinien | 83 |
| 4.4.1 | Der historische Weg Argentiniens zum Einwanderungsland: „gobernar es poblar“ | 84 |
| 4.4.2 | Die wirtschaftliche Situation Argentiniens zu Beginn des 21. Jahrhunderts | 88 |
| 4.4.3 | Die „Zwiespaltmentalität“ | 91 |
| 5. | Österreichische Migration nach Lateinamerika, Schwerpunkt Argentinien | 93 |
| 5.1 | Die Auswanderung von Österreich nach Lateinamerika | 93 |
| 5.2 | Die Auswanderung von Österreich nach Argentinien | 97 |
| 5.2.1 | Die Auswanderung von Österreich nach Argentinien im 19. Jahrhundert | 97 |
| 5.2.2 | Die Auswanderung von Österreich nach Argentinien im 20. Jahrhundert | 98 |
| 5.3 | Motive der Auswanderung und Rückwanderung | 104 |
| 5.3.1 | Motive der Auswanderung | 104 |
| 5.3.2 | Die (un-)mögliche Rückwanderung | 106 |
| 5.4 | Die Ankunft im neuen Land und die erste Zeit danach | 109 |
| 6. | Das heutige Leben der Österreicher in Lateinamerika, Schwerpunkt Argentinien | 116 |
| 6.1 | Argentinien versus Österreich: die Kontakte und ein Vergleich | 122 |
| 6.1.1 | Der Sonderfall „Emigration“ | 122 |
| 6.1.2 | Argentinien versus Mitteleuropa beziehungsweise Österreich: ein Kulturvergleich | 126 |
| 6.1.2.1 | Simpatía | 126 |
| 6.1.2.2 | Buena Presencia | 128 |
| 6.1.2.3 | Hierarchieorientierung | 129 |
| 6.1.2.4 | Ambivalente nationale Identität | 129 |
| 6.1.2.5 | Gegenwartsorientierung | 130 |
| 6.1.2.6 | Polychrones Zeitverständnis | 131 |
| 6.1.2.7 | Flexibilität | 132 |
| 6.1.2.8 | Unverbindlicher Umgang mit Absprachen | 132 |
| 6.2 | Vor- und Nachteile im Auswanderungsland und in Österreich | 133 |
| 6.2.1 | Was wird von Auslandsösterreichern in der „neuen Heimat“ am meisten geschätzt? | 133 |
| 6.2.2 | Was stört Auslandsösterreicher in der „neuen Heimat“ am meisten? | 136 |
| 6.2.3 | Was vermissen Auslandsösterreicher an Österreich am meisten? | 142 |
| 6.2.4 | Was vermissen Auslandsösterreicher an Österreich am wenigsten? | 143 |
| 6.3 | Die zweite, dritte und vierte Generation | 145 |
| 6.4 | Die heutige Identität als „Österreicher“ und die Integration in die neue Gesellschaft | 148 |
| 6.4.1 | Die österreichische Brauchtums- und Kulturpflege im Ausland | 153 |
| 6.4.2 | Das Österreichbild österreichischer Entscheidungsträger im In- und Ausland | 157 |
| 6.4.3 | Internet-Forum des AÖ-Weltbundes und Internet-Umfrage | 160 |
| 6.5 | Der (regelmäßige) Kontakt zu Österreich | 167 |
| 6.6 | Besuch in der „alten Heimat“ | 170 |
| 6.7 | Österreichorientiertes Leben in der „neuen Heimat“ | 174 |
| 6.7.1 | Deutschsprachige Publikationen in Lateinamerika am Beispiel der Zeitschrift „Das argentinische Tageblatt“ | 177 |
| 6.7.2 | Das österreichische Klubleben | 179 |
| 6.7.2.1 | Österreicherklubs in Argentinien am Beispiel des „Club Social y Deportivo Austria“ | 181 |
| 6.7.2.2 | Ein konträres Beispiel: Österreicherklubs in Australien | 189 |
| 6.7.2.3 | Die Sprachfrage in argentinischen und australischen Österreicherklubs | 194 |
| 6.8 | Der politische Aspekt der Emigration | 196 |
| 7. | Botschaften ausgewanderter Österreicher an ihre in Österreich lebenden Landsleute | 198 |
| 8. | Resümee und Schlussfolgerungen | 208 |
| 9. | Bibliographie | 219 |
| 9.1 | Bücher | 219 |
| 9.2 | Periodische Publikationen | 224 |
| 9.3 | Quellen im Internet | 226 |
| 10. | Anhang | 229 |
| 10.1 | Adressen wichtiger Institutionen in Lateinamerika und Argentinien | 229 |
| 10.1.1 | Österreichische Vertretungsbehörden in Lateinamerika | 229 |
| 10.1.2 | Österreichische Vertretungsbehörden in Argentinien | 238 |
| 10.1.3 | Österreichische Vereinigungen in Argentinien | 240 |
| 10.1.4 | Deutschsprachige Schulen in Argentinien | 241 |
| 10.2 | Adressen wichtiger Institutionen mit Auslandsbezug in Österreich | 243 |
| 10.2.1 | Offizielle Institutionen mit Auslandsbezug | 243 |
| 10.2.2 | Argentinische Vertretungsbehörden in Österreich | 250 |
| 10.2.3 | Lateinamerikanische Vertretungsbehörden in Österreich | 251 |
| 10.3 | Relevante Internetadressen zum Thema | 255 |
| 10.4 | Allgemeine Informationen zu Argentinien | 257 |
| 10.4.2 | Wirtschaft | 260 |
| 10.4.3 | Außenpolitik | 264 |
| 10.4.4 | Innenpolitik | 267 |
| 10.4.5 | Kultur- und Bildungspolitik | 270 |
| 10.4.6 | Lexikonartikel vor der Krise 2001/2002 | 272 |
| 10.5 | Erhebungsbogen | 276 |
| 10.5.1 | Erhebungsbogen auf Deutsch | 276 |
| 10.5.2 | Erhebungsbogen auf Spanisch | 282 |
Textprobe:
Kapitel 5.3.1, Motive der Auswanderung:
Es fällt auf, dass es bei der Frage nach dem „warum“ insgesamt nur wenig Unterschiede nach den Destinationen auszumachen gibt. Österreicher, die während er letzten Jahrzehnte nach Übersee ausgewandert sind, geben vorwiegend ähnliche Motive an, beispielsweise: Arbeitsmangel in Österreich; wenig Möglichkeiten und Perspektiven nach dem Weltkrieg; Arbeiten in einem anderen, fremden Land, Attraktive Arbeitsbedingungen; Verdienstmöglichkeiten; neue berufliche Herausforderung, Möglichkeiten; Beruf/Arbeit des Partners; Karriere/ Gehalt; Pioniergeist, Wanderlust, Abenteuer; Tapetenwechsel; Neugierde auf andere Länder und Kulturen; Etwas von der großen, weiten Welt sehen; Horizont erweitern; neues Leben anfangen, neue Möglichkeiten ausloten; Familiäre Probleme; Freunde und Bekannte; Liebe; frühere Erfahrungen in diesem Land; Studium; Krieg vergessen, Nachkriegsideologie; als Kind den bereits ausgewanderten Eltern nachgefolgt; Politische Motive; Wirtschaftliche Motive (Investitionen etc.); Kultur kennenlernen; Fernweh; das Klima in Österreich; sich selbst durchschlagen müssen; etwas Neues ausprobieren.
Für diese Auswanderungsgruppe der „nach 1980-Ausgewanderten“ stand in erster Linie die private und berufliche Herausforderung im Vordergrund, oft gekoppelt mit Neugier und der Hoffnung auf eine persönliche wirtschaftliche Verbesserung. Die Übersiedlung in das neue Auswanderungsland ergab sich auch immer wieder als beruflich nächster Schritt, etwa durch eine Zweigniederlassung der eigenen Firma und Ähnliches. Je länger der Zeitpunkt der Auswanderung zurück liegt, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit eines Auswanderungsmotivs, das mit dem beruflichen Bereich zu tun hat, etwa: „Arbeit finden“ oder „neue berufliche Herausforderung“.
Personen, die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Österreich verlassen haben, begründen ihre Entscheidung mit der tristen Nachkriegssituation, wie etwa der seit 1950 in Australien lebende Rolf K.: „Wir hatten oft Hunger. Außerdem litt meine Ehefrau noch unter der Auswirkung eines Bombenangriffs auf Wien (am 21. Februar 1945), den sie als eine von drei Personen überlebt hatte, während 50 ums Leben gekommen sind.“ Etliche Österreicher, die zwischen 1945 und 1955 ausgewandert sind, geben an, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausgewandert wären, hätten sie die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen wie Staatsvertrag im Jahr 1955 und Abzug der alliierten Mächte vorausgeahnt. Ein weiterer Aspekt war während der Nachkriegszeit neben dem Mangel an Lebensqualität ein eklatanter Wohnungsmangel. Hermann W. erzählt von starken Uneinigkeiten sowie Benachteiligungen während dieser Phase: „Unsere Aussichten auf eine adäquate Wohnung in Österreich waren mehr als trist. Bei der Wohnungsvergabe sind uns rückgekehrte Heimatvertriebene vorgezogen worden, obwohl wir offensichtlich bedürftiger waren. So kam es, dass wir als drei Familien mit zwei Kleinkindern in einer einzigen Wohnung leben mussten“.
Argentinien war für etliche jüdische Auswanderer speziell in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts zuerst nicht unbedingt das prioritäre Wunschland. Das Land sei erst in das Blickfeld für eine mögliche Auswanderung gerückt, als England die Einwanderung nach Palästina blockiert, und die U.S.A. die Grenzen immer mehr dicht gemacht hatten. In späteren Jahren ist auf Grund der starken europäischen kulturellen Einflüsse in Argentinien jedoch noch eine große Anzahl deutschstämmiger Juden aus Bolivien und aus Paraguay ins Land gekommen. Siehe dazu auch das Kapitel „5.2.2. Die Auswanderung von Österreich nach Argentinien im 20. Jahrhundert“.
Markant ist die Tatsache, dass all jene, die Österreich nicht freiwillig verlassen haben und aus dem Land fliehen mussten (außer jenen, die als Kinder nach Argentinien gekommen waren), dies als „Hinausgeworfenwerden aus der eigenen Kultur und als tiefe Verletzung und Verlust“ empfinden. Viele erleben diese Kränkungen auch noch heute, viele Jahre später, obwohl sie in der Zwischenzeit möglicherweise das eine oder andere Mal in Österreich zu Besuch waren. Nur wenige sind bewusst nie mehr nach Österreich zurückgekehrt. Siehe dazu auch das Kapitel „6.6 Besuch der alten „Heimat“.
Vergleicht man die Motive einer Auswanderung nach Lateinamerika mit anderen typischen Auswanderungsländern wie zum Beispiel Australien, wird klar, dass bestimmte Kriterien eine untergeordnete Rolle spielen. So werden bei Auslandsösterreicher/innen in Australien als Pro-Kriterien für das neue Heimatland beispielsweise genannt: „Land mit einer relativ hohen Lebensqualität“ oder „tolles Klima“. Diese Argumente fehlen üblicherweise bei der Einschätzung lateinamerikanischer Länder, so auch Argentinien. Am ehesten wird noch für Brasilien mitunter das Klima als „Pro-Argument“ angeführt.
Die (un-)mögliche Rückwanderung:
Heute im Ausland lebende Österreicher wollten oft ursprünglich nur für einen überschaubaren, kürzeren Zeitraum im neuen Land bleiben und eigentlich danach wieder nach Österreich zurückkehren. Bei nicht wenigen wurden aus den angestrebten 2 bis 3 Jahren dann 5, 20 oder gar 50 Jahre. Je länger man im Auswanderungsland gelebt hat, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit, langfristig nach Österreich zurückzukehren, vorwiegend auf Grund privater oder beruflicher Bindungen. Renate K., die vor 40 Jahren von Österreich nach Südafrika ausgewanderte, meint dazu: „Mein Mann und ich wollten ursprünglich zwei Jahre bleiben, nun sind es 40. Die Gründe sind: Unsere Kinder sind hier geboren, uns gefallen das Land und die Leute sehr gut, das Klima sagt uns zu, und wir fühlen uns überhaupt sehr wohl hier“.
In Argentinien kam beispielsweise nach Ende des Zweiten Weltkrieges für die große Mehrheit der Ausgewanderten eine Rückkehr in die alte Heimat nicht mehr in Frage: Zu groß war bereits die gewachsene Distanz. Nichtsdestoweniger blieb bei den meisten weiterhin eine starke, oft idealisierte Verbindung zur eigenen Kultur. Man hatte sich durch verschiedene Wege, etwa durch gemeinschaftliche Klubs, Medien und anderes, ein Stück Heimat bewahrt, dies jedoch oft um den teuren Preis einer verringerten Integration in die argentinische Gesellschaft.
Nach einer gewissen Zeit im Ausland und ab einem gewissen fortgeschrittenen Alter geht die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr nach Österreich gegen Null. Selbst wer sich körperlich noch fit genug dafür fühlt, ist mit anderen Faktoren wie etwa der finanziellen Absicherung konfrontiert, wie Gregor R. bestätigt: „Früher wäre es für mich noch attraktiv gewesen, nach Österreich zurückzugehen. Aber es gibt einen Punkt, wo es nicht mehr möglich wäre. Wenn ich das heute beschließen würde, weil es mir zu unsicher hier in Mexiko ist, könnte ich es nicht, weil ich wahrscheinlich keinen adäquaten Posten kriegen könnte. Mit über 50 Jahren kann man versuchen, sich als Freiberufler durchzuschlagen, beispielsweise eine Beraterfirma zu gründen. Selbst wenn das funktioniert, ergibt sich ein Problem: Jetzt bin ich über 50 und wenn ich etwa bis 65 arbeite, so sind es nicht einmal 15 Jahre für eine Pension. Das geht nur, wenn man selbst vorgesorgt hat. Denn es gibt kein Sozialversicherungsabkommen zwischen Österreich und Mexiko. Ich denke also nicht mehr an eine Heimkehr“.
Eine endgültige Rückwanderung nach Österreich, die für die Betroffenen eine umfangreiche Organisationsintensität und Umstellungsbeanspruchung bedeuten würde, ist eng gekoppelt an die Frage der wirtschaftlichen Situation des Ausgewanderten. Zu je mehr Wohlstand es ein Auslandsösterreicher im Ausland bringen konnte, umso leichter fällt es für gewöhnlich, Österreich regelmäßig zu besuchen. Die persönliche Österreich-Vorstellung („mind memory“) ist bei diesen Personen auch realistischer, eine Verklärung wird seltener. Regelmäßige Besuche in Österreich bewirken jedoch in keiner Weise eine höhere Wahrscheinlichkeit der Rückwanderung, sondern eher das Gegenteil. Durch die Möglichkeit, die Situation in Österreich hinsichtlich vieler Bereiche (privat, beruflich, sozial, politisch, etc.) aktueller und dadurch realistischer einschätzen zu können, reduziert sich die Gefahr einer Fehleinschätzung der Rückwanderung. In jedem Fall sind die beruflichen Möglichkeiten ein wichtiger Aspekt, eine Verschlechterung der beruflichen und privaten Situation würde nicht oder nur ungern akzeptiert werden. Wenn es finanziell leistbar wäre, was nur bei wenigen in Frage kommt, so ist eine mögliche Rückwanderung später in der Pension realistischer, wenn man beruflich (und manchmal auch privat) nicht mehr gebunden ist. Die eigenen Kinder haben zu diesem Zeitpunkt üblicherweise bereits eine eigene Familie gegründet und stehen längst „auf eigenen Beinen“: Die Eltern werden für eine funktionierende Lebensexistenz quasi nicht mehr benötigt.
Ein neuer Aspekt der Rückwanderung betrifft jene Auslandsösterreicher, die während der letzten Jahre Österreich verlassen haben und noch nicht jahrzehntelang im Ausland leben , die so genannte „jüngere Auswanderergeneration“. Hier lässt sich immer öfter der Trend feststellen, dass man bis zum Kindergarten- oder spätestens Schulalter der eigenen Kinder wieder fix in Österreich leben möchte. Gründe hierfür sind beispielsweise soziale Sicherheit, Lebensqualität oder das österreichische Bildungssystem.
In Zusammenhang mit einer möglichen langfristigen Remigration nach Österreich weise ich darauf hin, dass bei Personen, die Österreich nicht freiwillig verlassen haben, noch weitere Aspekte hinzukommen. Die wenigsten der 80 von P. Mattauer in den Jahren 2001-2003 in Argentinien befragten Österreicher konnten, beziehungsweise wollten sich für eine langfristige Rückkehr nach Österreich entscheiden, obwohl die meisten Österreich oft auch mehrmals und für längere Zeit besuchten: „Während die einen nicht in ein Land zurückkehren wollten, aus dem sie auf brutalste Weise vertrieben worden waren, stellte sich für andere, beispielsweise durch ihre nach den langen Kriegsjahren meist erfolgreiche Einbürgerung beziehungsweise Integration in die argentinische Gesellschaft oder eine eigene Familiengründung, die Frage einer Remigration gar nicht. Neben mannigfaltigen persönlichen Motiven hielten des Weiteren die allgemeine wirtschaftliche Lage im zerstörten Nachkriegsösterreich, die halbherzige Entnazifizierung, der nach wie vor praktizierte Antisemitismus, die nicht erfolgte Rückstellung geraubten Vermögens und nicht zuletzt das völlige Fehlen von jeglichem Verständnis gegenüber den Vertriebenen sowohl von Seiten der österreichischen Bevölkerung als auch der Politik von einer Rückkehr ab. […] Die Neugründer der SPÖ, Karl Renner, Adolf Schärf und Oscar Helmer, machten ebenfalls schon in ihrer ersten Aussendung aus dem befreiten Wien klar, dass „eine allzu reiche Rückkehr von jüdischen Emigranten der Partei nicht willkommen wäre“. Man wollte in der SPÖ, die in der Ersten Republik einen hohen Anteil an jüdischen Funktionären aufgewiesen hatte, vermeiden, erneut als „Judenpartei“ abgestempelt zu werden. Den höchsten Anteil an RückkehrerInnen hatte folglich die KPÖ zu verzeichnen, die 1945 zum ersten Mal in ihrer Geschichte politisch bedeutende Funktionen zu vergeben hatte. Durch ihre überproportionalen Verluste im Widerstand geschwächt, war sie dabei auf die ehemaligen EmigrantInnen angewiesen und lud diese aktiv zur Rückkehr ein. […] Bis ins Jahr 1991 unternahm keine österreichische Nachkriegsregierung jemals einen ernst gemeinten Versuch, sich bei den Vertriebenen offiziell zu entschuldigen oder sie zur Heimkehr aufzufordern oder einzuladen. […] Den meisten aus rassistischen Gründen Vertriebenen war von Anfang an bewusst, dass sie aus Argentinien nicht mehr zurückkehren werden, möge passieren was wolle. Zu einprägsam waren die Misshandlungen, zu brutal die Verfolgungen. Trotz der Widrigkeiten der ersten Jahre in der Emigration und des Wunsches, mit ihren Familienangehörigen wieder zusammen zu sein, dachte beispielsweise Stella Leist nie daran, nach Wien zurückzukehren. 1941 schrieb sie aus Buenos Aires ihrer Mutter nach Wien: „Glücklich seid ihr ja nicht in Wien, aber wir sind es hier auch nicht, was soll man machen, das Leben ist schwer geworden, wir werden schon zufrieden sein, wenn wir alle einmal beisammen sein werden. Wir denken immer an euch alle, aber zurück würden wir nie wollen.“ […] Emigrierte Jüdinnen und Juden hatten ihre Angehörigen entweder in den Konzentrationslagern verloren oder diese waren in alle Welt zerstreut, eine Rückkehr nach Wien wäre diesbezüglich wenig sinnvoll gewesen. Darüber hinaus bezweifeln bis heute viele Argentinien-EmigrantInnen, ob jüdisches Leben nach 1945 in Österreich überhaupt noch möglich sei. Schwer wiegen dabei die oftmals verdrängten Erinnerungen an Diskriminierung und Verfolgung, die sich bei Besuchen quasi an jedem Hauseck, in jeder Straße, auf jedem Platz in Wien erneut in das Bewusstsein drängen“.
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Arbeit zitieren:
Tomitz, Helmut März 2010: Multikulturalismus und Migration zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Migration, Österreich, Identität, Lateinamerika, Argentinien




