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Zur Disposition gestellt: Das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien.

Niedergang des traditionellen Systems, "Renaissance" direkter Partizipation?

Zur Disposition gestellt: Das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien.
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Bernd Dworschak
  • Abgabedatum: Januar 2000
  • Umfang: 105 Seiten
  • Dateigröße: 8,3 MB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2223-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2223-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2223-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dworschak, Bernd Januar 2000: Zur Disposition gestellt: Das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien., Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Commitment, direkte Partizipation, Industrielle Beziehungen, HRM, Management

Magisterarbeit von Bernd Dworschak

Einleitung:

Bereits eine erste Durchsicht der Literatur zum Thema Arbeitsbeziehungen Großbritanniens verdeutlicht, in welchem Ausmaß die Diskussion um Entwicklungen in diesem Bereich von Unsicherheit geprägt ist:

Ging es ursprünglich noch "from Donovan to Durkheim" so wurde später "from Donovan to where?", "from Donovan to ... wherever" oder "Strategic Choice or Muddling Through?", "Great Britain: Still Muddling Through" und "from partial collectivism to neo-liberalism to where?" gefragt.

Auch die Vielzahl der angebotenen Begriffe für den Gegenstandsbereich dokumentiert Ungewissheit und Vielschichtigkeit im Hinblick auf neueste Entwicklungen: Industrielle Beziehungen (Industrial Relations), Arbeitsbeziehungen (Employment Relations), Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen (Employer-Employee Relations), Employee Relations.

Die Serie der Workplace Industrial Relations Surveys (WIRS) blieb davon nicht unberührt, wurde doch die Umfrage von 1998 in Workplace Employee Relations Survey (WERS) umgetauft. Der jüngst in Mode gekommene Begriff der Employee Relations trägt zwar der gestiegenen Bedeutung der betrieblichen Ebene Rechnung, grenzt indessen das Themengebiet zu wenig ab. Schließlich handelt es sich nicht etwa um Beziehungen der Beschäftigten untereinander, sondern um Beziehungen zu den Beschäftigten. Die beiden Pole der Beziehungen bleiben begrifflich unklar.

Der Begriff Industrielle Beziehungen bzw. Industrial Relations unterschlägt gewissermaßen den öffentlichen Sektor und den Bereich der privaten Dienstleistung, indem er zu sehr eine Beschränkung auf das verarbeitende Gewerbe suggeriert, da von ihm, zumindest im britischen Kontext, immer noch auch das Bild von Dampfmaschinen und rauchenden Schloten transportiert wird. Müller-Jentsch favorisiert zwar für den deutschen Kontext den Begriff Industrielle Beziehungen, da es sich "nicht nur um ein Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern auch und vor allem um die Beziehungen zwischen deren repräsentativen Organisationen [handelt]; mit anderen Worten: wir haben es zu tun mit (betrieblichen) Arbeits- und (überbetrieblichen) Tarifbeziehungen".

Wie die vorliegende Arbeit aber unter anderem zeigt, ist diese Konstellation für Großbritannien nicht gegeben, da die überbetriebliche Ebene stark unterentwickelt ist bzw. in weiten Teilen nicht (mehr) existiert. Aus diesem Grunde wird der Begriff Arbeitsbeziehungen präferiert. Zudem ist der Begriff Employment Relations im Angelsächsischen weitaus neutraler und konnotationsärmer als ihn Müller-Jentsch für den deutschen Kontext beschreibt und beschränkt sich somit nicht nur auf die betriebliche Ebene, sondern beinhaltet jegliche Beziehung im Bereich der Arbeit. Auch aufgrund der höchst heterogenen und unübersichtlichen Situation in Großbritannien ist der Begriff bzw. sein deutsches Äquivalent vorzuziehen.

Da als Datenbasis nicht auf Primärdaten der verschiedenen WIRS-Studien zurückgegriffen werden konnte, ist die Arbeit auf Sekundärdaten, also aggregierte Daten, angewiesen, die in den "sourcebooks" der WIRS-Studien und anderen Sekundäranalysen veröffentlicht wurden. Hauptanliegen der Arbeit ist daher nicht nur eine Rekapitulation der Analysen bzw. Analyseergebnisse, sondern vielmehr eine Interpretation der Ergebnisse.

Um Vollständigkeit und Vergleichbarkeit zu gewährleisten, werden alle Sektoren beleuchtet. Dennoch soll, wann immer das Zahlenmaterial dies zulässt, besonderes Augenmerk auf Veränderungen des Sektors privater Produktion und insbesondere des privaten Dienstleistungssektors liegen, da dieser das größte Veränderungs-potenzial in sich zu bergen scheint. Da hinsichtlich des Veränderungsmaßes erhebliche Unterschiede zu den anderen Sektoren bestehen, werden die Entwicklungen im öffentlichen Sektor zunächst zwar angerissen, im weiteren Verlauf hingegen keiner intensiven Betrachtung unterzogen.

Aus Gründen der Praktikabilität wird das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien weitgehend isoliert von denen anderer Länder betrachtet. Wenn sich ein Vergleich mit anderen Systemen wie beispielsweise dem Deutschlands anbietet, wird dies berücksichtigt, es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass es sich bei dieser Arbeit um keinen systematischen Vergleich Großbritannien - Deutschland handelt.

Gang der Untersuchung:

Nach einer kurzen Beschreibung der historischen Ursprünge des Systems (Großbritannien als "Mutterland des Tarifvertrags") wird zur Darstellung des Systems der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien vor 1979 unter anderem auf den Bericht der Donovan Commission zurückgegriffen, der eine umfassende Beschreibung und Analyse des Systems bietet.

Im Zentrum stehen hierbei die Traditionen des Voluntarismus und des Lokalismus sowie die Struktur des Collective Bargaining und die Akteure (Arbeitgeber, Gewerkschaften und Staat) auf den verschiedenen Verhandlungsstufen. Hierbei spielen insbesondere die Gewerkschaften durch ihre überbetriebliche Organisation, durch die Figur des shop steward und das Phänomen des closed shop eine wichtige Rolle.

In einem zweiten Schritt widmet sich die Arbeit einer umfassenden Darstellung der Entwicklung des Systems seit der Regierungsübernahme Thatchers, der "Erosion" des Systems der Kollektivverhandlungen in Großbritannien. Dabei werden sich bezüglich der Entwicklungen im britischen "System" der Arbeitsbeziehungen drei Kernthemen herauskristallisieren:

Erstens ist das Prinzip des Voluntarismus durch die Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zwar nicht vollständig abgeschafft worden, es hat jedoch erhebliche Einschränkungen erfahren. Vor allem auf Gewerkschaftsseite können die Arbeitsbeziehungen keineswegs mehr "voluntaristisch" ausgehandelt werden.

Zweitens ist die traditionell komplexe Repräsentation sowohl auf Arbeitnehmer- wie auch auf Arbeitgeberseite nun noch zusätzlich von einer erheblichen Abnahme des gewerkschaftlichen Organisationsgrads und der Mitgliedschaft in Arbeitgeber-verbänden gekennzeichnet. Dies hat wiederum Auswirkungen auf den dritten Punkt, die Struktur der Kollektivverhandlungen.

Hier ist zum einen der erhebliche Rückgang des Deckungsgrades der Tarifverträge zu nennen, zum anderen die Dezentralisierung der Verhandlungsebene, also die Verschiebung der Verhandlungsebene von Branchen- auf Betriebsebene.

Abschließend wird zu zeigen sein, welche Folgen diese Entwicklungen für die Arbeitsbeziehungen in Großbritannien haben.

Nachdem mit der Veröffentlichung der ersten Befunde von WERS98 (WIRS4) das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien zur Disposition gestellt zu sein scheint, wurde die Suche nach etwas "Neuem" (wieder) intensiviert.

In einem dritten Schritt werden daher zum einen derartige Versuche der Vergangenheit wie beispielsweise die der New-style agreements und des Human Resource Managements betrachtet, zum anderen jedoch auch der Versuch unternommen, andere Methoden im Bereich der Arbeitsbeziehungen zu diskutieren, die bisher weniger im Mittelpunkt standen.

Ist beispielsweise ein "Modell direkter Partizipation" in Sicht, welches an die Stelle des traditionellen Systems der Arbeitsbeziehungen treten oder es gar ersetzen könnte? Findet in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei vielen Möglichkeiten direkter Partizipation keineswegs um "neue" Managementpraktiken handelt, eine "Renaissance" direkter Partizipation statt? Oder handelt es sich bei derartigen "Neuerungen" nur um Strohfeuer, sodass die Arbeitsbeziehungen Großbritanniens sich tatsächlich eher als ein "bleak house" (Sisson 1993:207) oder gar als "black hole" (Guest 1995:125) darstellen?

Es wird sich dabei zeigen, dass die Bemühungen im Bereich der Arbeitsbeziehungen bezüglich "direkter Partizipation" starke Widersprüche aufweisen, und dass das Vorhandensein eines "Modells direkter Partizipation" ganz erheblich in Zweifel zu ziehen ist. Zumindest von Seiten des Managements scheint sich weiterhin eine Herangehensweise abzuzeichnen, die als "pragmatisch" oder "opportunistisch" und weniger als "strategisch" zu beschreiben ist.

Der Autor arbeitet die Entwicklungen der Arbeitsbeziehungen Großbritanniens vor allem nach 1979 heraus und stellt eine Momentaufnahme des Standes der Debatte eines überaus aktuellen Themas bereit.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
1. Das System britischer Arbeitsbeziehungen vor 1979 5
1.1 Ursprünge des britischen Systems der Arbeitsbeziehungen 5
1.2 Voluntarismus 6
1.3 Lokalismus 9
1.4 Arbeitgeber 11
1.4.1 Arbeitgeberverbände 11
1.4.2 Management 12
1.5 Gewerkschaften 13
1.5.1 Shop stewards 16
1.5.2 Closed shops 17
1.6 Der Donovan Report und die Struktur des Tarifverhandlungssystems 18
1.7 Die Regulierung der britischen Arbeitsbeziehungen nach dem Donovan Report 21
1.8 Zusammenfassung 24
2. Arbeitsbeziehungen in Großbritannien: 1980-1998 25
2.1 Rahmenbedingungen 25
2.1.1 Allgemeine Rahmenbedingungen 25
2.1.2 Rechtliche Rahmenbedingungen 27
2.2 Die Akteure 31
2.2.1 Gewerkschaften 31
Mitgliedschaft, Fusionen und Multi-unionism 31
Die betriebliche Ebene: Shop stewards 34
2.2.2 Arbeitgeber 36
Die überbetriebliche Ebene: Arbeitgeberverbände 36
Die betriebliche Ebene: Das Management und seine Strategien 37
2.2.3 Staat 37
Jüngste Entwicklungen nach der Regierungsübernahme Blairs 38
2.3 Collective Bargaining in Action 40
2.3.1 Anerkennung von Gewerkschaften 40
2.3.2 Tarifverträge und deren Deckungsgrad 41
2.3.3 Aktuelle Struktur der Tarifverhandlungen 42
2.4 Folgen der Deregulierung für Arbeitsbeziehungen und Arbeitnehmer 46
2.4.1 Wachsende Lohndifferenzierung 47
2.4.2 Steigende Arbeitsplatzunsicherheit 48
2.4.3 Zunehmende Intensivierung der Arbeit 48
2.4.4 Tendenzielle Abnahme der Arbeitsmotivation 48
2.5 Zusammenfassung 49
3. Auf dem Weg zu direkteren Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bzw. Management und Beschäftigten? 52
3.1 New-style agreements 53
3.1.1 Alleiniges Verhandlungsrecht für eine Gewerkschaft 54
3.1.2 "Pendulum arbitration" 55
3.1.3 Freiheit der Arbeitsorganisation auf Seiten des Managements 55
3.1.4 Informations- und Konsultationsforen 56
3.1.5 "Single-status"-Arbeitsbedingungen 56
3.1.6 Die Kombination der Merkmale 56
3.3 Human Resource Management (HRM) 58
3.3.1 Kommunikationsmethoden zwischen Management und Beschäftigten 59
3.3.2 "Single-status"-Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitkontrollen 60
3.3.4 Zusammenfassung 61
3.3.5 HRM und das traditionelle System der Arbeitsbeziehungen 61
3.4 High commitment management practices und Möglichkeiten direkter Partizipation 64
3.4.1 Direkte Partizipation. Eine Definition. 66
3.4.2 Allgemeine Faktoren 67
3.4.3 Team- und Gruppenarbeit 69
3.4.4 Kommunikation 71
3.4.5 Finanzielle Partizipation 73
3.4.6 Die Verbreitung von high commitment management practices 74
3.4.7 Sichtweisen der Beschäftigten 75
3.5 Zusammenfassung 79
Schlussbemerkungen 81
Ausblick 83
Eurobetriebsräte und das Anerkennungsrecht für Gewerkschaften 83
Anhang 85
Literaturverzeichnis 87

Arbeit zitieren:
Dworschak, Bernd Januar 2000: Zur Disposition gestellt: Das System der Arbeitsbeziehungen in Großbritannien., Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Commitment, direkte Partizipation, Industrielle Beziehungen, HRM, Management

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