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Macht und Diskurs bei Michel Foucault

Macht und Diskurs bei Michel Foucault
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Melanie Preusker
  • Abgabedatum: Dezember 2008
  • Umfang: 121 Seiten
  • Dateigröße: 742,2 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Politik München (HfP) Deutschland
  • Bibliografie: ca. 70
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4042-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Preusker, Melanie Dezember 2008: Macht und Diskurs bei Michel Foucault, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Foucault, Diskursanalyse, Panoptismus, Gouvernementalität, Biopolitik

Diplomarbeit von Melanie Preusker

Einleitung:

‘In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und die Diskurse; die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde halten müssen, hätte ich mich gerne verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort ergreifen zu müssen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. […] Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen; ein ähnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Verderbliches an sich hat. Auf diesen so verbreiteten Wunsch gibt die Institution eine ironische Antwort, indem sie die Anfänge feierlich gestaltet, indem sie sie mit ehrfürchtigem Schweigen umgibt und zu weithin sichtbaren Zeichen ritualisiert.’ Paul-Michel Foucault wird am 15. Oktober 1926 in Potiers als das zweite von drei Kindern geboren. Sein Vater ist in der dritten Generation Arzt und gilt als ausgezeichneter Anatom. Die Kriegsjahre hinterlassen einen tiefen Eindruck bei dem Jungen, der den Wunsch hegt, einmal Geschichtslehrer zu werden. 1945 kommt er an das Lycée Henri-IV in Paris, wo er eine Vorbereitungsklasse für die zugangsbeschränkte École normale supérieure (ENS) besucht. Dort nimmt er am Philosophieunterricht von Jean Hippolyte teil, bevor er 1946 an der ENS aufgenommen wird, wo Louis Althusser lehrt. Jean Hippolyte, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Hegelschen Philosophie und Louis Althusser, einer der wichtigsten marxistischen Theoretiker der europäischen Philosophie, spielen eine prägende Rolle im weiteren Werdegang Foucaults. Nach Studien der Philosophie und Psychologie wird er 1955 Direktor des Maison de France an der Universität von Uppsala, 1958 leitet er das Centre de civilisation française an der Universität von Warschau, 1959 das Institut français in Hamburg. Anschließend kehrt er nach Frankreich zurück, wo er in Paris lebt und an der Universität von Clermont-Ferrand lehrt.

An dieser Stelle wird die vorliegende Arbeit einsetzen und sich mit den Themen Macht und Diskurs bei Foucault beschäftigen. Die Ausarbeitung orientiert sich an der Fragestellung nach Stellenwert und Zusammenhang dieser beiden Konzepte im Gesamtwerk. Dessen Bibliographie umfasste schon vor seinem Tode 729 Titel und es lässt sich als äußerst mannigfaltig beschreiben – um einen von Foucaults bevorzugten Begriffen zu verwenden. Der vielschichtige Inhalt des Werkes bewegt sich durch seine verästelte Struktur und manchmal hört er abrupt auf oder wächst in ungeahnte Tiefen.

Foucault belehrt nicht, weil er nicht davon ausgeht, dass das was richtig ist, auch wahr sein muss. Es scheint als lerne er, während er schreibt und als Leser nimmt man Teil an diesem Prozess. Schwer verständlich, wie man ihm das immer wieder zum Vorwurf machen konnte: Es fehle der rote Faden, es fehle die Kontinuität, es fehle die Einheit. Mit seiner Antwort entlarvt er den Fragenden auf eine für ihn typisch subtile Weise als jenen, der um der Gleichform willen auch stehen bleiben würde. ‘Glauben Sie, dass ich während all dieser Jahre so viel gearbeitet habe, um dasselbe zu sagen, und nicht verwandelt zu werden?’ Und seine Verwandlungen sind von derselben eruptiven Natur, wie die Welt, die er beschreibt.

Die Angst, dass diese eine Chance, die wir in ihr haben, keine Spuren hinterlassen könnte, beherrscht laut Foucault das moderne Subjekt, das sich mit Kant und den Humanwissenschaften zum vernunftbegabten Zentrum allen Werdens und zum Prinzip seiner Geschichte erklärt hat. ‘Wer sind wir jetzt, in diesem zerbrechlichen Augenblick, von dem wir unsere Identität gar nicht zu trennen vermögen und der sie mit sich fortnehmen wird?’ Das kann auch Foucault nicht erschöpfend beantworten. Aber er stellt dar, wie wenig wir damit zu tun haben. Damit er sich und seine Leser überzeugen kann, holt er die Allgemeinplätze Macht und Diskurs dort ab, wo die Subjekte sie erwarten. Dann aber häutet er die vertraute, verhärtete Schale ab und entdeckt uns Strukturen, die weder unserer Zeitlichkeit entsprechen, noch sich von unserer vergänglichen Existenz beeindrucken lassen. Was wir sagen, wie wir es sagen und warum wir überhaupt davon wissen entspringt nicht der Kraft unseres Urteils, sondern den Mechanismen des Diskurses. Er stellt gemäß Foucault die Bedingungen, unter denen dieser oder jener Gegenstand zu möglichem Wissen aufsteigt. Erst an diesem Punkt kommt das Subjekt ins Spiel und nimmt das ihm angebotene Wissen in die Gesellschaft auf, ohne sich der zugrunde liegenden Strukturen bewusst zu sein.

Mit dem Subjekt erhält aber auch die menschliche Schwäche und mit ihr die Macht Einzug in den sozialen Raum. Bei Foucault hat sie einen strategischen Charakter, den sie ihrer vielgestaltigen Herkunft aus den Tiefen sozialer Verkettungen verdankt. Keiner und alle besitzen diese Macht. Sie geht leise und maskiert vor, seit Jahrhunderten unbemerkt, durchzieht sie den gesamten Gesellschaftskörper ohne Ausnahme. Dass wir sie noch heute in Chefsesseln vermuten und unser Argwohn den garstigen Schreckgespenstern der Repression und der Gewalt gilt, ist ein Teil ihrer Taktik. So lenkt sie davon ab, wie sie gleich einem Mühlrad jenes Wissen abschöpft und instrumentalisiert, welches das Subjekt aus Angst vor dem Vergessenwerden so eifrig weiterverarbeitet. Jedoch bedarf es einer gewissen Ordnung, um des Diskurses ‘unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.’ Demnach regelt die Macht den Diskurs, um ihn unter Kontrolle zu halten: zu repressiven, aber auch zu produktiven Zwecken.

Ohne den Diskurs, keine Macht und ohne Macht, kein Diskurs. Je komplexer die Gesellschaften, desto dringender braucht dieses duale System gemeinsame Schaltstellen, als welche in Foucaults Theorie die Disziplin, die Sexualität und die Sicherheit fungieren. Sie schaffen dem Diskurs und der Macht jene Korridore zum Subjekt, die man als unvergängliches Fundament bezeichnen könnte. Denn so lange wir leben werden wir Ordnung schaffen, Befriedigung suchen und gefahrlose Freiheit begehren.

Unter diesen Umständen scheint der Kampf um die vermeintliche Individualität schon verloren, bevor wir das erste Mal die Augen öffnen. Foucault rät deshalb, ihn schlicht aufzugeben. Der Wunsch das eigene Wesen durch die Festigung und Vereinheitlichung der Identität um jeden Preis über das physische Dasein hinaus zu verlängern, hieße seine Einmaligkeit opfern zu wollen.

‘Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, was man am Anfang nicht war. Wenn sie ein Buch beginnen und wissen schon am Anfang was sie am Ende sagen werden, hätten sie dann noch den Mut es zu schreiben? Was für das Schreiben gilt und für eine Liebesbeziehung, das gilt für das Leben überhaupt. Das Spiel ist deshalb lohnend, weil wir nicht wissen, was am Ende dabei herauskommen wird.’ Als eines der ersten Opfer von AIDS starb Paul-Michel Foucault am 25. Juni 1984 in Paris.

Gang der Untersuchung:

Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen. Im ersten soll der Themenkomplex Diskurs, im zweiten derjenige der Macht behandelt werden. Dass der Titel eine umgekehrte Reihenfolge ankündigt, erklärt sich anhand der diskursiven Implikationen im Konzept der Macht. An entsprechender Stelle findet sich die Erläuterung dieser Zusammenhänge.

Es wird versucht, die zwei Konzepte so weit als möglich aus dem Foucaultschen Text heraus zu betrachten. Zu diesem Zweck orientiert sich der Aufbau der Arbeit an der Chronologie ausgesuchter Hauptwerke der beiden Schaffensphasen. Dass es dabei trotz gegenteiliger Bemühungen zu Wiederholungen kommt, ist durch die bereits erwähnte Vielschichtigkeit des Gesamtwerkes bedingt. Ferner ist diese Form des Insistierens an vielen Stellen auch als ein Stilmittel Foucaults zu verstehen, um die Wichtigkeit der oft unscheinbaren Untersuchungsgegenstände seiner kleinteiligen Analysen zu betonen.

Es finden sich in den Übersetzungen Foucaultscher Werke gelegentlich Fehler in Grammatik und Zeichensetzung. Die Autorin der vorliegenden Arbeit wird diese aber bis auf zwei Ausnahmen nicht markieren, um eine lesefreundliche Form zu gewährleisten. Hierzu wird auch größtenteils auf die indirekte Rede verzichtet, da es sich im Folgenden ausschließlich um die Schriften des Michel Foucault handelt.

Solange es nicht anders angezeigt wird, beziehen sich die Ausführungen Foucaults überwiegend auf Frankreich. Selbstredend wird sich um die Einbettung in einen europäischen Kontext bemüht.

Die Zitierweise folgt dem Grundsatz, dass jeder Titel der Sekundärliteratur bei seiner Esterwähnung vollständig belegt wird. Jeder weitere Verweis beinhaltet den Nachnamen des Autors, den eventuell gekürzten Titel und die Seitenzahl. Bei häufig verwendeter Literatur werden nur noch Nachname und Seitenzahl angegeben. Die Angabe ‘a.a.o.’ bleibt in jedem Fall aus. Zitate aus der Primärliteratur sind mit den Abkürzungen versehen, die dem Siglenverzeichnis entnommen werden können.

Alle Kursive sind dem Original entnommen und die Definition von Begriffen wird nötigenfalls an entsprechender Stelle vorgenommen werden.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 5
Zum Aufbau der Arbeit 8
I. Der Diskurs 9
1. Ein Student mit Fragen an den Diskurs 9
1.1 Foucaults Geschichtsauffassung und sein Wahrheitsbegriff 10
1.2 Die Methode der Archäologie 11
2. ‘Wahnsinn und Gesellschaft’ 12
2.1 Die Archäologie des Schweigens und die Geschichte der Grenzen 12
2.2 Der Wahnsinn und seine Wahrheit 13
2.3 Die Vernunft und ihr Mitleid 14
3. ‘Die Geburt der Klinik’ 17
3.1 Der Tod als Ende und Anfang 17
3.2 Der Strukturalismus und die Diskursanalyse 20
4. ‘Die Ordnung der Dinge’ 24
4.1 Ein tragisches Buch 24
4.2 Die Geschichte der Zeichen und ihrer Ordnung 26
4.3 Der erste epistemologische Bruch und das Zeitalter der Repräsentation 29
4.4 Der zweite epistemologische Bruch und das Zeitalter der Humanwissenschaft 32
4.5 Der Tod des Menschen 36
4.6 Die Reaktionen auf das Werk 39
5. ‘Archäologie des Wissens’ 41
5.1 Die serielle Geschichte 41
5.2 Das Aussagensystem und die Diskursformation 43
5.3 Das Archiv des historischen Apriori und der nicht-diskursive Raum 46
6. ‘Die Ordnung des Diskurses’ 48
6.1 Ein Wendepunkt im Leben und Werk Foucaults 48
6.2 Ausschließungssysteme und Verknappungssysteme 51
6.2.1 Ausschließungssysteme des Diskurses von Außen 51
6.2.2 Verknappungssysteme des Diskurses von Innen 52
6.2.3 Verknappungssysteme der sprechenden Subjekte 53
6.3 Foucaults Programm und die Erschöpfung der Ideengeschichte 55
II. Die Macht 58
7. Ein Professor mit Wissen und Macht 58
7.1 Foucaults Seelenauffassung und sein Machtbegriff 59
7.2 Nietzsche, Foucault und die Genealogie 62
8. ‘Die Macht der Psychiatrie’ 64
8.1 Dispositive der Macht 64
8.2 Der Irre als sozialer Feind 66
8.3 Individualität und Wahrheitsdiskurs 68
9. ‘Die Anormalen’ 71
9.1 Die Vorfahren der Anomalie 71
9.2 Der Anormale als sozialer Feind 75
10. ‘Überwachen und Strafen’ 77
10.1 Die sieben Spielarten der Macht 78
10.1.1 Die feudal souveräne Macht 79
10.1.2 Die neue Politik des Körpers 80
10.1.3 Die Disziplinarmacht 83
10.1.3.1 Die Geburt des Gefängnisses 83
10.1.3.2 Die ‘gelehrigen Körper’ und die ‘Mittel der guten Abrichtung’ 85
10.1.4 Der Panoptismus 88
10.2 Die Funktions-Trias: Gefängnis, Polizei und Delinquenz 90
10.3 Der Rechtsstaat und sein Kerker-Archipel 93
11. ‘Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen’ 94
11.1 Die Repressionshypothese und die Biomacht 94
11.2 Die Pastoralmacht und das Sexualitätsdispositiv 98
12. ‘Geschichte der Gouvernementalität’ 102
12.1 Band 1: ‘Sicherheit, Territorium, Bevölkerung’ 102
12.1.1 Die Probe der Machttheorie auf das Exempel 102
12.1.2 Gouvernementalität im 17. Jahrhundert 104
12.1.3 Gouvernementalität im 18. Jahrhundert 105
12.1.4 Gouvernementalität im 19. Jahrhundert 108
12.2 Band 2: ‘Die Geburt der Biopolitik’ 110
Schlussbemerkung 115
Literaturverzeichnis 118
Anhang 121

Textprobe:

Kapitel 7.1, Foucaults Seelenauffassung und sein Machtbegriff:

‘Ich besitze keinen globalen und allgemeinen Machtbegriff. Nach mir wird jemand kommen, der ihn entwickelt. Aber ich tue das nicht.’ Nicht nur, weil Foucault die verschiedenen Machttypen rein deskriptiv spezifizieren will und sich dabei einem begrenzten Fokus unterwirft, sondern auch weil sein Machtbegriff janusköpfig ist, ist er nahezu unangreifbar. Diese Zwiespältigkeit wird an gegebener Stelle eine klarere Teilung erfahren. Vorerst aber scheint es wichtig die Dynamik zu betonen, die sich aus den zwei Gesichtern der Macht ergeben.

Über die Wirkungen und Instrumente der Macht findet man zwar einen theoretischen Zugang zu ihr, sollte sich gemäß Foucault aber davor hüten, diese Machteffekte mit einer Art von Wesenheit zu verwechseln: ‘Man kann nicht die Substanzen erkennen sondern die Phänomene; nicht die Essenzen, sondern die Gesetze; nicht die Wesen, sondern ihre Regelmäßigkeiten.’ Dieser Satz wurde bereits im Abschnitt zu ‘Die Ordnung der Dinge’ zitiert und beinhaltet einen der wichtigsten Punkte Foucaultscher ‘Erkenntnistheorie’. Das ist nur ein Beispiel für eine offenkundige Linie im Gesamtwerk, wie man sie Foucault oft abgesprochen hat.

‘Wie leichtgewichtig und wie leicht zu schleifen wäre die Macht, täte sie nichts als überwachen, belauschen, überraschen, verbieten und strafen; doch sie reizt, provoziert, produziert; sie ist nicht einfach Auge und Ohr; sie macht handeln und sprechen’.

In diesen Wirkungskreis der Macht fällt das Verbot, ebenso wie die Gestaltung. Das heißt sie kann sowohl repressiv als auch produktiv, sowohl offensiv als auch passiv, sowohl gewalttätig als auch konsensorientiert in Erschienung treten. Aber in jedem Fall erkennt jene Macht das Subjekt als ein handelndes an und unterstützt es in dieser Funktion.

Einmal, weil seine Tatkraft zu der nötigen Dynamik in den Machtbeziehungen beiträgt und zum anderen, weil der Tatmoment Einflussnahme, Führung und Lenkung des Subjektes durch die Macht gewährleistet. Foucault verwendet dafür den Ausdruck der ‘Dyssymmetrie’ und den der ‘Mikrophysik der Macht’: ‘Ich war auf die Suche nach jenen Teilchen ausgegangen, deren Energieladung um so größer ist, je kleiner und unscheinbarer sie selber sind’.

Diese Macht ist in höchstem Maße polymorph und buchstäblich unfassbar. Darum kann man sie nicht total besitzen – oder genauer: Wer besitzt, wird besessen. Sie konstituiert sich mittels diffuser Brennpunkte im gesellschaftlichen Raum, was sie nur schwer oder gar nicht lokalisierbar macht. Sie ist gleichsam operativ und das auch in einem eingreifenden, orthopädischen Sinne – der Geist der Anatomie beherrscht auch die Machtanalyse.

‘Foucault ignoriert mitnichten die Repression und die Ideologie, aber wie bereits Nietzsche gesehen hatte, bilden sie nicht den Widerstreit der Kräfte, sondern sind lediglich der im Kampf aufgewirbelte Staub.’ Wo weder Gewaltmonopol noch Ideologie als das zu analysierende Problem auftauchen, ist die Frage nach Legalität oder Legitimität hinfällig. Unter diesen Bedingungen bleiben das Subjekt und seine Erkenntnisfähigkeit, wie schon bei der Diskursanalyse, ausgeklammert. Und auch im Zuge der Machtanalyse verlangt Foucault von seinen Lesern eine kathartische Anstrengung: Er will, dass jener, der da selbst als Produkt und Produzent dieser Macht unterworfen ist, eine vorübergehende Loslösung des Selbst versucht, um im wahrsten Sinne des Wortes das Denken zu entfesseln und dann zu sichten, wie die Macht gemäß Foucault auf einer prä- und subindividuellen Ebene funktioniert.

‘Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall.’ Foucault denkt dabei an eine Mechanik, wie sie einer Maschine zugrunde liegt. Je komplexer die Maschine, desto feiner die Mechanismen – und ebenso kann Foucaults Machtbegriff verstanden werden, als dessen zentrale Schaltstellen und so genannte ‘Dispositive’ die Disziplin, die Norm, die Sexualität und die Sicherheit fungieren. Diese wiederum geben Prozeduren den Anstoß, die in den Seelen, den Körpern oder in der Bevölkerung arbeiten, wo sie das Gewissen formen, den Leib disziplinieren oder die Gesellschaft lenken. In jedem Fall verschaffen die Dispositive der Macht den Zugang zum Subjekt, zum Individuum, zum Menschen – eine Art Drehgelenk, wo Wissen und Macht ineinander greifen.

Die Seele aber ist der Brennpunkt der Machttheorie nach Foucault. Ohne ihre Impulse bleiben Technologien der Macht wirkungslos. Um diese Art Unwägbarkeiten auszuschalten, entwirft die Macht die Seele selbst und schafft sich so ein Korrelat im Kern aller Gedanken und Gefühle. Foucault zeichnet in seinen Werken und Vorlesungen dieser Phase die Geschichte der modernen Seele als die Geschichte der Macht nach. Die Psyche, über welche das Subjekt seine Individualität definiert, ist bei ihm das Ergebnis eines jahrtausendelangen Normierungsprozesses:

‘Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine ’Seele’ wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers’.

Arbeit zitieren:
Preusker, Melanie Dezember 2008: Macht und Diskurs bei Michel Foucault, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Foucault, Diskursanalyse, Panoptismus, Gouvernementalität, Biopolitik

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