Kommunitarismus und staatsbürgerliche Kultur
Möglichkeiten und Grenzen einer politischen Rezeption des US-amerikanischen Kommunitarismus-Konzepts für die Bundesrepublik Deutschland
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Bettina Bahn-Walkowiak
- Abgabedatum: Januar 2003
- Umfang: 148 Seiten
- Dateigröße: 2,4 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Bergische Universität Wuppertal Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9150-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9150-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9150-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bahn-Walkowiak, Bettina Januar 2003: Kommunitarismus und staatsbürgerliche Kultur, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Bürgergesellschaft, Reformpolitik, Staatsreform, Engagement, Demokratie
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Diplomarbeit von Bettina Bahn-Walkowiak
Zusammenfassung:
In nahezu allen westlichen Nationen werden Legitimationskrisen, Steuerungskrisen und fiskalische Probleme der Wohlfahrtsstaaten immer deutlicher und sind Gegenstand heftiger Debatten in Politik und Gesellschaft. Im Zuge einer fortschreitenden ökonomischen und technologischen Globalisierung verlieren die Nationalstaaten gleichzeitig an politischen und wirtschaftlichen Gestaltungsspielräumen. Die Marktwirtschaft, die individualistisches, Konkurrenz orientiertes und mobiles Verhalten erfordert, kollidiert in ihren sozio-politischen Auswirkungen mit den Erfordernissen des demokratischen Systems, das auf der loyalen Bindung der Bürger an ihre Republik beruht, und des Wohlfahrtsstaates, der auf der solidarischen Verantwortung der Bürger untereinander basiert. Auch die Bundesrepublik Deutschland steht gegenwärtig vor gewaltigen Herausforderungen: Der deutsche Sozialstaat ist an seine finanziellen Grenzen gestoßen, das politische System verliert an Legitimität und Glaubwürdigkeit und die deutsche Einheit ist mental und strukturell immer noch nicht hinreichend vollzogen.
Die Lager der Kulturpessimisten und der Kulturoptimisten stehen sich in Deutschland gegenwärtig besonders konträr gegenüber: Während die einen, hier allen voran die Medien, dunkle Krisenszenarien verbreiten, appellieren andere an den „Sportsgeist“ und mahnen an den guten Lebensstandard der Deutschen. Jede Seite nimmt für sich in Anspruch, die öffentliche Meinung zu repräsentieren. In Talkshows streiten sich führende Politiker um Detailfragen, halten sich gegenseitig Versagen vor, schieben Verantwortlichkeiten hin und her. Der deutsche Basiskonsens, der in der Einigkeit der Sozialpartner über die „soziale Marktwirtschaft“ bestand, bricht ein: Die soziale Marktwirtschaft, lange als besonders funktionsfähig und erfolgreich angesehen, scheint zu erodieren. Von „Übersättigung“, „Schmarotzertum“, „Rechteinflationismus“, „Zuschauerdemokratie“ und „moralischem Zerfall“ ist die Rede.
Diese Arbeit untersucht vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme Deutschlands eine starke politische Reformströmung, die – ursprünglich aus den USA kommend – auch in Deutschland Fuß gefasst hat und mit ihrer Rhetorik und ihren reformpolitischen Impulsen immer stärker in die Politik einsickert: der so genannte Kommunitarismus.
In Deutschland hat der Kommunitarismus in Politik und Wissenschaft stark an Einfluss gewonnen, ohne dabei aber namentlich in Erscheinung zu treten. Die semantische Nähe zum Begriff „Kommunismus“ mag dabei eine Rolle spielen. Politiker arbeiten zudem nicht unbedingt mit Quellenangaben. Sehr häufig steht aber dort, wo in den letzten Jahren von Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft und „dritten Wegen“ die Rede ist, der Kommunitarismus als Ideen gebender Pate dahinter. Politische Appelle an Gemeinschaftsgeist, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Eigenverantwortung und Moral sind rhetorisch deutlich vom Kommunitarismus beeinflusst. Die sozio-politischen Kategorien, mit denen der Kommunitarismus arbeitet, sind deshalb in ihrer Aktualität und Brisanz für aktuelle Umstrukturierungs- und Deregulierungsprozesse in Deutschland nicht zu unterschätzen.
Gang der Untersuchung:
Politische Reformansätze, die einer bestimmten Kultur erwachsen sind, benötigen aber eine genaue Betrachtung hinsichtlich ihrer Anwendungsfähigkeit auf eine andere Kultur. Die Arbeit stellt deshalb den Kommunitarismus zunächst in seiner theoretischen und politischen Gestalt dar (Kapitel 2). In Kapitel 3 wird der Kommunitarismus dann mit dem Begriff der staatsbürgerlichen Kultur in Zusammenhang gebracht. Eine staatsbürgerliche Kultur setzt sich nach der hier konzipierten Definition nämlich nicht nur aus den jeweiligen rechtlichen, politischen und sozialen und somit strukturellen Rahmenbedingungen zusammen, sondern hat auch eine historische und kulturelle Prägung, die sich in den Mustern bürgerschaftlicher Gemeinschaftsbildung (Assoziierung) der zivilgesellschaftlichen Sphäre wieder finden. Die Besonderheiten des amerikanischen und des deutschen Bürger-Staat-Verhältnisses werden deshalb im Rahmen eines Ländervergleichs zwischen USA und Deutschland entlang des in Kapitel 2 vorgestellten kommunitaristischen Analyserasters eingehend untersucht und erläutert (Kapitel 3). Die USA dienen dabei vor allem als Vergleichsvorlage für Deutschland (eine umfangreiche Analyse und Kritik der kulturellen und strukturellen Defizite der USA wird nicht vorgenommen). Wohl aber kann dadurch Aufschluss darüber gewonnen werden, inwieweit der Kommunitarismus durch amerikanische Werte geprägt ist.
Die Ergebnisse dieses Kapitels für Deutschland sollen dann einer genaueren Betrachtung unterzogen werden (Kapitel 4). Wo liegen die deutlichsten Strukturdefizite Deutschlands aus kommunitaristischer Perspektive und welche deutschen, kommunitaristisch inspirierten Reformvorschläge werden dazu vorgetragen? Ziel ist es, unter Hinzuziehung reformpolitischer Aussagen aus Politik und Wissenschaft Aussagen darüber zu treffen, inwieweit eine politische Rezeption des Kommunitarismus für Deutschland Möglichkeiten bereithält bzw. wo ihre Grenzen liegen.
Eine Schwierigkeit dieser Untersuchung liegt darin, dass sich sowohl die deutsche Debatte um den Kommunitarismus als auch die deutsche Kultur im Wandel befindet. An welchen Punkten der Kommunitarismus heute bereits zu einem politischen Wandel beigetragen hat oder ob kommunitaristisches Denken nicht ebenso gut ein zeitgeistliches Phänomen ist, wird nicht so genau zu beantworten sein wie dies eine genaue Inhaltsanalyse von Partei- und Wahlprogrammen, publizierten Reformvorhaben und tatsächlich gefällten politischen Entscheidungen über einen längeren Zeitraum vermögen würde. Gerade in der Politik ist zudem manchmal mehr das von Bedeutung, was nicht gesagt wird, als das, was gesagt wird. Deshalb ist auch die Verwendung von Statements der deutschen Politik zum Thema nicht ohne Schwierigkeit. Dennoch ist eine Untersuchung zum Zusammenhang von Kommunitarismus und staatsbürgerlicher Kultur von Interesse, wenngleich manche der Diskrepanzen und Parallelen zwischen deutscher und amerikanischer Kultur bekannt sind. Im Detail zeigen aber gerade die feinen Differenzen mit großer Wirkung und die überraschenden Parallelen mit unterschiedlichen Wirkungen, dass eine Betrachtungsweise, der Nationalstaat habe sich angesichts von Globalisierung, internationaler Vernetzung und Weltbürgertum im Grunde genommen politisch überlebt, wie sie vor allen Dingen in den Sozialwissenschaften modern geworden ist, vielleicht etwas voreilig sein könnte.
Noch sind es vor allem die territorialen Nationalstaaten, die ganz unterschiedlichen institutionellen Arrangements und traditionellen Mentalitäten, die als wesentliche Bezugspunkte von Politik und Staatsbürgerschaft gelten müssen. Deshalb ist der Kommunitarismus so interessant: Er zeichnet sich sowohl im theoretischen Konzept als auch im politischen Programm vor allem dadurch aus, dass er die soziologische und die politische Dimension, die individuelle und gesellschaftliche Dimension von Staatsbürgerlichkeit verklammert und damit eine Reihe von hochaktuellen Fragen aufwirft, deren politische Antwort noch keinesfalls als gelungen angesehen werden kann.
Die einleitende Forschungsfrage dieser Arbeit lautete, ob man den Kommunitarismus entgegen der in der Literatur verschiedentlich vertretenen Ansicht, dass es sich um einen diffusen theoretischen Ansatz handele, überhaupt als ein zusammenfassendes Konzept darstellen kann. Welche gleich gelagerten Argumente verwenden die unterschiedlichen, als Kommunitaristen etikettierten Wissenschaftler für ihre Gesellschafts- und Kulturkritik? Welche Kategorien verwenden sie? Und schließlich: Welche gemeinsamen politischen Schlussfolgerungen und Reformvorschläge tragen sie vor? Dies wird in Kapitel 2 untersucht.
Das kommunitaristische Konzept mündet in zwei wesentliche politische Leitbilder ein – Reziprozität und Subsidiarität. Kommunitaristen halten diese für die Bewältigung der Legitimations- und Steuerungsprobleme heutiger Gesellschaften für entscheidend in ihrer Bedeutung. Eine konsequente Umsetzung dieser Prinzipien soll mittels einer institutionellen Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen und damit einhergehenden Erweiterung der bürgerlichen Partizipation begleitet erfolgen und von staatsbürgerlicher Erziehung flankiert werden.
Inwieweit besitzen die vorgestellten kommunitaristischen Thesen aber auch für Deutschland Plausibilität? Sind die Grundprinzipien Reziprozität und Subsidiarität in den USA und in Deutschland tatsächlich unterschiedlich verwirklicht? Der Begriff der „staatsbürgerlichen Kultur“ wird deshalb von der Autorin neu entworfen, um die Analyse der strukturellen/kulturellen Unterschiede und Parallelen verschiedener Länder hinsichtlich ihrer jeweiligen Ausgestaltung und Implementierung der Leitprinzipien Reziprozität und Subsidiarität (die als solche ja keine originäre Erfindung der Kommunitaristen sind) zu ermöglichen. „Staatsbürgerliche Kultur“ wird zu diesem Zweck als das Zusammenwirken zweier Faktoren konzipiert: „Inklusion von Bürgern“ (Wie wird der Bürger durch rechtliche, politische und soziale Rahmenbedingungen an den Staat gebunden?) und „Assoziierungen von Bürgern“ (Wie organisieren sich Bürger unabhängig vom Staat mit ihren Mitbürgern selbst?).
Es lässt sich feststellen, dass die staatsbürgerlichen Kulturen beider Länder in den zwei Faktoren „Inklusion“ und „Assoziierung“ sowohl starke Differenzen als auch interessante Parallelen aufweisen. Dabei erweist sich der Ländervergleich als ausgesprochen erhellend dahingehend, dass einige ausgeprägte Differenzen zwischen den staatsbürgerlichen Kulturen in der rechtlichen, politischen und sozialen Form der Inklusion sich in der Assoziierung der Bürger widerspiegeln, man diese Differenzen aber bei genauerer Betrachtung auch relativieren muss.
Das Kapitel „Deutschland und der Kommunitarismus“ beschäftigt sich mit den Barrieren und Optionen, die sich für eine Rezeption des politischen Programms des Kommunitarismus für Deutschland identifizieren lassen. Dies wird entlang der wesentlichen „neuralgischen Punkte des Ländervergleichs“ (Reziprozitäts-, Subsidiaritäts- und Legitimationsdefizite) und unter Beachtung der jeweils zu diesen Komplexen vorgetragenen Äußerungen der deutschen Politik und Wissenschaft unternommen. Dabei lässt sich feststellen, dass die deutsche Politik häufig die moralischen Argumente und die Rhetorik der Kommunitaristen aufgreift, die kritischen Punkte im Hinblick auf Reziprozität/Subsidiarität aber „umschifft“ bzw. nur wenig konkretisiert. Insbesondere der Umgang mit dem Begriff der Subsidiarität ist problematisch, da er in der spezifisch deutschen Interpretation manchmal geradezu das Gegenteil seiner ursprünglichen Bedeutung enthält. Dies spiegelt sich deutlich in der politischen Debatte. Häufig erscheint die Bürgergesellschaft dabei eher als „von oben“ zu verordnen als „von unten“ zu entwickeln. Der politischen Rezeption werden in diesem Kapitel deshalb wissenschaftliche Vorschläge beigestellt, die sich auf die Problembereiche Reziprozität/Subsidiarität/Legitimation beziehen und Ansätze für institutionelle Reformen aufzeigen. Diese sind natürlich wiederum erheblich vom politischen Willen abhängig und würden – im Falle ihrer Umsetzung – gewaltige Strukturveränderungen zur Folge haben.
Im Ergebnis zeigt sich, dass die entscheidenden zukünftigen Aufgabengebiete bürgerlicher Gemeinschaften und staatlicher Institutionen sich in einem schwierigen Spannungsfeld von Legitimation und Steuerung befinden. Der Aufgriff amerikanisch-kommunitaristischer Leitideen bei gleichzeitiger Systemkritik an Demokratie und Außenpolitik der USA ist ein interessantes und neues Phänomen in der deutschen Politik, dass es sorgfältig und kritisch zu beobachten gilt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einführung | 1 |
| 2. | Der amerikanische Kommunitarismus | 2 |
| 2.1 | Das theoretische Konzept: Begriffe und Argumentation | 4 |
| 2.1.1 | Das liberale Bürgerverständnis | 4 |
| 2.1.2 | Individualismus: Empirisches Phänomen, kulturelles Ideal, soziale Pathologie | 6 |
| 2.1.3 | Gemeinschaften als Bausteine von individueller Identität und Gesellschaften | 12 |
| 2.1.4 | Moral als individuelle Handlungsanleitung und gesellschaftliches Steuerungsmedium | 16 |
| 2.1.5 | Freiheit als individuelle Entfaltung und soziales Gut | 20 |
| 2.1.6 | Systematisierung der theoretischen Positionen | 26 |
| 2.2 | Das politische Programm | 28 |
| 2.2.1 | Die Ordnungsprinzipien: Reziprozität und Subsidiarität | 29 |
| 2.2.2 | Die Leitbilder: Dezentralisierte Entscheidungsstrukturen, erweiterte Partizipation, staatsbürgerliche Erziehung | 32 |
| 2.2.3 | Das kommunitarische Bürgerideal: inkludiert und assoziiert | 36 |
| 3. | Die staatsbürgerlichen Kulturen der USA und Deutschland im Vergleich | 41 |
| 3.1 | Die Beziehungen zwischen Bürger und Staat: Inklusion | 42 |
| 3.1.1 | Bürgerlich-rechtliche Inklusion: Staatsbürgerschaftssystem und staatsbürgerliche Rechte und Pflichten | 43 |
| 3.1.2 | Politische Inklusion | 48 |
| 3.1.2.1 | Parteien, Repräsentation und Wahlbeteiligung | 48 |
| 3.1.2.2 | Föderalismus, kommunale Selbstverwaltung und direktdemokratische Elemente | 54 |
| 3.1.3 | Sozial(staatlich)e Inklusion: „Citizen Empowerment“ oder Förderung passiver Versorgungsmentalität? | 59 |
| 3.2 | Die Bürger in Gemeinschaften: Assoziierung | 69 |
| 3.2.1 | Religionsgemeinschaften | 70 |
| 3.2.2 | Sozialkapital und Mitgliedschaften | 74 |
| 3.2.3 | Dritter Sektor und „Ehrenamt“ | 78 |
| 3.2.4 | Mobilisierungspotenzial für das Gemeinwohl: Neue Soziale Bewegungen und Public Interest Groups | 81 |
| 3.3 | Schnittstelle von Bürgerinklusion und -assoziierung: Die nationale Identität | 84 |
| 3.4 | Zum Zusammenhang von staatsbürgerlicher und politischer Kultur: Ergebnisse des Ländervergleichs | 89 |
| 4. | Deutschland und der Kommunitarismus | 95 |
| 4.1 | Die politische Rezeption des Kommunitarismus vor dem Hintergrund deutsch-deutscher Vereinigung, Sozialstaats- und Vertrauenskrise | 99 |
| 4.2 | Barrieren - Optionen | 100 |
| 4.2.1 | Barriere Reziprozitätsdefizit - Besitzstandswahrender Sozialstaat, ausgeprägte Erwartungen von Bürgern und Politik an den Staat | 101 |
| 4.2.2 | Option: Verantwortung gegen „Vollkaskomentalität“ | 103 |
| 4.2.3 | Barriere Subsidiaritätsdefizit - Starke Verflechtungen zwischen Staat und Drittem Sektor, niedrige Ehrenamtlichkeit | 106 |
| 4.2.4 | Option: Durch Entbürokratisierung und Entflechtung die „schlafende Ressource des Bürgerengagements“ wecken | 108 |
| 4.2.5 | Barriere Legitimationsdefizit - Parteiendemokratie, (Blockade-) Föderalismus, sinkendes politisches Engagement | 112 |
| 4.2.6 | Option: Weiterer Ausbau direktdemokratischer Elemente und Bürgerbeteiligungsverfahren | 114 |
| 5. | Von der Staatsgesellschaft zur Bürgergesellschaft? | 117 |
| 6. | Abbildungen und Tabellen | 124 |
| 7. | Verzeichnis der verwendeten Literatur | 125 |
ihrer allgemeinsten Definition die „raum-zeitlich eingrenzbare Gesamtheit materieller und ideeller Hervorbringungen, internalisierter Werte und Sinndeutungen sowie institutionalisierter Lebensformen von Menschen“ (Grundbegriffe der Soziologie 2000: 196) versteht, soll „staatsbürgerliche Kultur“ als das Zusammenwirken zweier Dimensionen bezeichnet werden. Die erste Dimension „Inklusion“ (Kap. 3.1) untersucht, wie sich das Verhältnis Bürger/Staat gestaltet: Welche rechtlich-politisch-sozialen Strukturen bietet der Staat und welche Einstellungen haben Bürger zu diesen Aspekten ihres Staates? Wie ist es um die Legitimität der bestehenden Systeme bestellt? Dazu werden auf der rechtlichen Ebene das Staatsbürgerschaftssystem dargestellt, das Verhältnis von Rechten und Pflichten und die dahinter liegenden historischen Traditionen des staatsbürgerlichen Selbstverständnisses beleuchtet (Kap. 3.1.1). Auf der politischen Ebene wird das politische System hinsichtlich der repräsentativen und föderalen Strukturen und die Einstellungen der Bürger zur politischen Willensbildung betrachtet (Kap. 3.1.2). Die soziale Ebene befasst sich mit der bürgerlichen Inklusion innerhalb des Wohlfahrtstaates und den damit zusammenhängenden Erwartungsstrukturen der Bürger (Kap. 3.1.3). Dazu werden jeweils empirische Ergebnisse der Literatur hinzugezogen. Die zweite Dimension „Assoziierung“ (Kap. 3.2) untersucht das Ausmaß des - unabhängig von Markt und Staat - in die zivilgesellschaftliche Sphäre eingebrachte Engagement der Bürger: Welche Bedeutung haben bürgerliche Vereinigungen und Gemeinschaften in der politischen und außerpolitischen Landschaft der Länder USA und Deutschland unter den in Kapitel 3.1 vorgestellten Rahmenbedingungen? Dies wird ebenfalls anhand empirischer Ergebnisse aus dem Bereich der Sozialkapital- und Dritter-Sektor-Forschung illustriert (Kap. 3.2.1 bis 3.2.4). Als Schnittstelle der beiden Dimensionen „Inklusion“ und „Assoziierung“ wird die Betrachtung der nationalen Identität das Kapitel abrunden (Kap. 3.3). Nationale Muster von Identifikation und Identität beziehen sich sowohl auf das nationale Gemeinwesen als einer menschlichen Gemeinschaft als auch auf die politisch/rechtlich/sozialen Rahmenbedingungen eines Staates. Aus dem zusammenfassenden Vergleich beider staatsbürgerlichen Kulturen (Kap. 3.4) werden dann die Differenzen und Parallelen beider Länder vor dem Hintergrund des Kommunitarismus-Konzepts herausgearbeitet und damit auch die Frage beantwortet werden können, inwieweit die kommunitaristischen Thesen Gültigkeit beanspruchen dürfen; zweitens wird ein erster Ausblick auf die Frage geworfen, welche Optionen und Barrieren sich für eine politische Rezeption des Kommunitarismus-Konzepts für Deutschland bieten. 3.1 Die Beziehungen zwischen Bürger und Staat: Inklusion [...]
Staatsbürgerschaft ist in den letzten Jahren auch außerhalb der eigentlichen Kommunitarismus-Debatte in Politik und Öffentlichkeit zu einem zentralen Thema geworden. Praktische Fragen, wie etwa der Zugang zu einer nationalen Staatsbürgerschaft oder zu den Institutionen eines Wohlfahrtsstaates gestaltet werden sollen, stehen neben einem akademischen und auch speziell soziologischem Interesse an den notwendigen Bedingungen gesellschaftlicher Kohäsion. Im vorangegangen Kapitel wurde deshalb dargestellt, wie die Kommunitaristen unter Zuhilfenahme der Begriffe Individualismus, Gemeinschaften, Moral und Freiheit ihr normatives, kommunitarisch-republikanisches Konzept von Staatsbürgerlichkeit entfalten, das in scharfem Kontrast steht zu einem liberalminimalistischen Verständnis von Staatsbürgerlichkeit. Das kommunitarische Konzept von Staatsbürgerlichkeit wirft eine Reihe von Fragen auf: Sind die Thesen der Kommunitaristen überhaupt plausibel und abstrahierbar oder ist der Kommunitarismus ein rein „amerikanisches Produkt“, das keine Anknüpfungspunkte für Deutschland bietet? Wie stellt sich „Staatsbürgerlichkeit“ gegenwärtig dar? Im engeren Sinne stellt sich damit die Frage nach den rechtlich/politisch/sozialen Rahmenbedingungen für das von den Kommunitaristen geforderte staatsbürgerliche Engagement. Zur Beantwortung dieser Fragen sollen in diesem Kapitel die staatsbürgerlichen Kulturen der USA und Deutschland untersucht und miteinander verglichen werden und zwar unter den in Kapitel 2.2.3 vorgestellten zwei Aspekten: dem Verhältnis zwischen Staat und Bürger und dem Maß des von Bürgern eingebrachten assoziativen Engagements unter den gegebenen Rahmenbedingungen. [...]
Ziel des kommunitaristischen politischen Programms ist es daher, unter den Normen der Reziprozität und der Subsidiarität im Zuge gezielter Dezentralisierungs-, Entflechtungsund Erziehungsmaßnahmen die staatsbürgerliche Kultur und somit die politische Inklusion der Bürger zu stärken und ihre eigenverantwortlichen und selbstverwalteten Assoziierungen wieder zu beleben und auszubauen. Es geht um die Politisierung des Gemeinschaftsbegriffs und um die Remoralisierung von Politik innerhalb einer liberalen Gesellschaft, deren entscheidende Grundfreiheiten die Meinungs- und Assoziationsfreiheit sind und die nicht im Sinne einer „parternalistischen Gruppenpolitik“ (ReeseSchäfer 1996: 10) misszuverstehen ist. Die Doppelbedeutung von Staatsbürgerlichkeit, und zwar im Sinne ihrer individuellen als auch gesellschaftlichen Dimension, ist für Verständnis und Rezeption des kommunitarischen Konzepts unerlässlich. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832491505
Arbeit zitieren:
Bahn-Walkowiak, Bettina Januar 2003: Kommunitarismus und staatsbürgerliche Kultur, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Bürgergesellschaft, Reformpolitik, Staatsreform, Engagement, Demokratie



