Korruption und Systemrationalität
Systemtheoretische Aspekte von Korruption am Beispiel des Kölner Müllskandals
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Jens Bergmann
- Abgabedatum: Juli 2005
- Umfang: 113 Seiten
- Dateigröße: 589,4 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9050-8
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9050-8 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9050-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bergmann, Jens Juli 2005: Korruption und Systemrationalität, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kriminologie, Soziologie
In den Warenkorb
48,00 €
Diplomarbeit von Jens Bergmann
Einleitung:
Wie bei kaum einem anderen Delikt wird in Fällen von Korruption allein schon durch die Benennung des Sachverhaltes das moralische Urteil gleich mit ausgesprochen. Anders als ein trickreicher Kaufhauserpresser etwa kann ein der Korruption Verdächtigter in der Öffentlichkeit kaum auf wohlwollende Anteilnahme hoffen; der Täter gilt schlicht als gierig und charakterlos, und ist er erst einmal überführt, hat er seinen Ruf und seine Karriere ruiniert. Um so erstaunlicher scheint es, dass gerade Politiker und Wirtschaftsbosse, Personen also, deren Karrieremöglichkeiten in besonderem Maße von ihrem Ansehen oder ihrem Bild in der Öffentlichkeit abhängen, das Risiko der Korruption eingehen.
Man weiß, dass es zur Durchführung korrupter Handlungen in großem Stil eines relativ hohen Aufwandes an Planung, konspirativer Kontaktaufnahme und riskanter finanzieller Transaktionen bedarf. „Corruption is a crime of calculation, not passion.“ Dieser beträchtliche Investitionsbedarf, der zudem auch meistens mit der Notwendigkeit des Innehabens von verantwortlichen Positionen in Organisationen einhergeht, sowie die permanente Gefahr einer Entdeckung und ihrer ruinösen Folgen passen nicht so recht zum Täterbild des habgierigen und skrupellosen Verbrechers. Es besteht also nicht nur ein Widerspruch zwischen dem hohen Risiko von Korruptionsdelinquenz und der gefestigten gesellschaftlichen Stellung der Täter, sondern auch einer zwischen dem Grad an klandestiner Kalkulation und der öffentlichen Darstellung korrupter Personen als kurzfristig profitorientierte Betrüger. Schon diese Widersprüche lassen erahnen, dass in Fällen von Korruption möglicherweise eine andere Art der Rationalität exekutiert wird, als allein diejenige des temporären Nutzenkalküls. Es soll in dieser Arbeit darum gehen, diese Form der Rationalität zu klären.
Bei Korruption handelt es sich um ein besonders unangenehmes Kapitel der Kriminalität, denn sie ist eine Form des Verbrechens, „die die Bürger in Umfang und Stil schädigen kann, wie es kein Bankraub, kein Einbruch oder manch andere Straftat vermag“. Korruption „erschüttert das Vertrauen in die Integrität der öffentlichen Verwaltung, führt zur Aushöhlung des Rechtsstaates und zu einem Verfall ethisch-moralischer Werte. (...) Sie untergräbt die staatliche Einnahmeerhebung. Preisabsprachen treiben die Kosten der Privatwirtschaft in die Höhe und führen zur Verschwendung von Steuergeldern.“ Dadurch, dass Korruption sich nicht gegen einzelne Opferpersonen richtet, sondern gegen die Allgemeinheit, dass sie auch immaterielle Schäden nach sich zieht, zum Beispiel die Untergrabung der „Geschäftsmoral“, fühlt man sich anscheinend in besonderem Maße angegriffen. Émile Durkheims Feststellung von 1895, wonach das Verbrechen in einer Handlung besteht, die „gewisse Kollektivgefühle verletzt“ bzw. sie „beleidigt“, ist also auch im Fall von Korruption offensichtlich zutreffend. Es werden hierbei anscheinend Normen übertreten, deren Geltung außerordentlich hohe Bedeutung zukommt: „Mit der Korruption wird eine gewaltige kulturelle Eroberung rückgängig gemacht, nämlich die Versachlichung der Beziehungen zwischen Amtsinhabern, Kollegen und Klienten.“.
In dieser besonders ausgeprägten negativen moralischen Konnotation von Korruption liegt vielleicht mit ein Grund für die im wissenschaftlichen Bereich vorherrschende Dominanz von individuums- und handlungszentrierten Erklärungsansätzen. Wenn Korruptionsfälle analysiert werden, kommen zumeist Motive, Rechtfertigungen und Einstellungen der Täter und Tätergruppen zur Sprache, es wird nach situativen Gelegenheitsstrukturen gefragt, nach Mustern strafrechtlicher Reaktionen oder nach Präventions- und Bekämpfungsstrategien, bestenfalls werden ökonomische oder politische Rahmenbedingungen verglichen. Verursacher der korruptiven moralischen Verfehlung und Adressat einer bessernden Intervention kann, so die offensichtlich vorherrschende Auffassung, nur das selbstverantwortliche Individuum sein.
Selten jedoch kommt es zu einer systematischen Analyse des jeweiligen gesellschaftsstrukturellen Kontextes. Um dies im Hinblick auf Korruption leisten zu können, wäre die Soziologie gefragt, bisher hat sich jedoch kaum ein Korruptionsforscher ihrer Instrumente, Methoden oder Theorien bedient. So äußerte der Soziologe Mc Mullan diesbezüglich schon 1961: „Corruption still awaits its Kinsey report“ und Smelser konstatierte gegen Ende der 1960er Jahre: „In den letzten zehn oder zwanzig Jahren haben sich Soziologen überhaupt nicht mit Korruption befasst.“ Dies ist bis heute weitgehend so geblieben, und nach wie vor besitzt die Feststellung von Christian Höffling Gültigkeit, wonach sich die bisherige Korruptionsforschung als „Domäne einer nahezu konkurrenzlos agierenden täterzentrierten und anwendungsorientierten Kriminologie“ darstellt. Auch Britta Bannenberg, die 2002 die Ergebnisse einer erstmalig bundesweit durchgeführten empirischen Analyse von Korruptionsfällen veröffentlichte, stellt sich in diese Tradition. Sie wendet sich explizit gegen „rein soziologische Erklärungen“ korrupten Verhaltens, weil diese als „unrealistisch“ zu gelten hätten und plädiert für einen multifaktoriellen Ansatz. Man habe vom „Wechselspiel der Täterpersönlichkeit mit Gelegenheitsstrukturen“ auszugehen, möchte man Korruption adäquat erklären. Sie dementiert sich auf diese Weise zum Teil selbst, denn eines ihrer Forschungsergebnisse besteht in der Erkenntnis, dass der typische Korruptionstäter „auffällig unauffällig“ ist, sozial integriert und mit konventionellen Wertvorstellungen ausgestattet, die Täterpersönlichkeit also eher kaum Erklärungskraft für Korruption besitzt. Zwar werden Wirtschaftsstraftäter in der kriminologischen Forschung als überdurchschnittlich stark karriere- und erfolgsorientierte Persönlichkeiten beschrieben. Aber gerade weil Manager zwangsläufig kreativ und flexibel zu agieren haben, sind diese Eigenschaften nicht per se kriminogen, sondern auch für „normale“, in legalen Geschäften engagierte Entscheidungsträger üblich.
In dieser Arbeit soll daher Korruption weitgehend unter Absehung vom konkreten Täter, seiner Motive und Einstellungen analysiert werden. Der Fokus wird demgegenüber auf Tatumstände und strukturelle Bedingungen für Korruption gerichtet. Die Soziologie, die sich dieses Themas bisher „nur sporadisch“ angenommen hat, soll zu ihrem Recht kommen. Mit Hilfe der von ihr zur Verfügung gestellten Begrifflichkeit soll an einem konkreten Korruptionsfall versucht werden, soziale Bedingungen, transpersonale Muster oder auch systemische Eigenrationalitäten von Korruption zu identifizieren, denn vieles spricht dafür, dass es sich bei Korruption nicht immer um abweichendes Verhalten handelt, sondern um eine rationale Anpassungsreaktion unter ganz bestimmten sozialstrukturellen Bedingungen. Um es mit Merton auszudrücken: „Socially deviant behaviour (is) as much a product of social structure as conformist behaviour.“.
Eine solche These versucht auf keinen Fall, um dies vorab eindeutig zu klären, die Existenz von Korruption in irgendeiner Weise billigend zu rechtfertigen oder die Korruptionstäter von der Verantwortung für ihr Handeln zu entlasten. Es soll hier keine Verharmlosung oder Entschuldigung von Korruption betrieben werden, vielmehr ist von einer Unterscheidung zwischen gesellschaftlicher Verursachung und Schuld auszugehen. Korruptionstäter sind keineswegs fremdgesteuerte ‚Reaktionsdeppen', die quasi bewusstlos- strukturdeterminiert irgendwelchen Sachzwängen folgen, sondern sie verletzen gezielt geltendes Recht, sie begehen ihre Taten absichtlich und berechnend und sind deshalb auch zur Verantwortung zu ziehen. Dennoch wird an dieser Stelle davon ausgegangen, dass erst eine Rekonstruktion korruptiven Verhaltens aus seinen politischen und ökonomischen Bedingungen heraus kollektive Zwangslagen und Interessenkonflikte verstehbar machen sowie abweichendes Verhalten und die für den Täter riskante sanktionsbedrohte Normverletzung erklären kann.
Gang der Untersuchung:
Da Korruption zumeist im sogenannten „Korruptionsdreieck“ von Wirtschaft, Verwaltung und Politik auftritt, liegt es nahe, diese Gebiete näher zu betrachten. Unter soziologischen Gesichtspunkten ist also zunächst danach zu fragen, wie diese Bereiche normalerweise funktionieren und was ‚schief läuft', wenn es zur Korruption kommt: „Corruption is a symptom that something has gone wrong in the management of the state.“ Mit der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns liegt derzeit ein Theorieangebot vor, das versucht, diese Gebiete von Politik und Wirtschaft systematisch im Kontext einer Gesellschaftstheorie zu analysieren. Sie soll daher zur Anwendung kommen, um darzustellen, welche Strukturen das ausmachen, was gemeinhin unter Wirtschaft und Politik verstanden wird und welche gesellschaftlichen Funktionen diese Bereiche normalerweise erfüllen (Kapitel 2). Erst wenn dies geklärt ist, kann auch Korruption unter strukturell-gesellschaftstheoretischen Aspekten bestimmt werden (Kapitel 2.3). Da die Systemtheorie Politik und Wirtschaft als autonome gesellschaftliche Subsysteme begreift, die einer je eigenen systemischen Logik folgen, soll die Korruption vor allem im Kontext dieser systemischen Rationalitäten betrachtet werden. Es wird danach gefragt, inwieweit die Korruption der Rationalität sozialer Systeme entspricht.
Zunächst wird jedoch der Gegenstand der Korruption in der Forschung verortet (Kapitel 1), das heißt, es wird dargestellt, was gemeinhin unter Korruption verstanden wird bzw. wie sie definiert wird (Kapitel 1.1), und welche empirischen Erkenntnisse über Korruption in Deutschland vorhanden sind (Kapitel 1.2). Sodann soll die Frage beantwortet werden, welche kriminologischen Erklärungsansätze zur Korruptionsanalyse in Frage kommen (Kapitel 1.3). Es wird sich dabei zeigen, dass diese theoretischen Ansätze nur sehr bedingt dazu im Stande sind, die strukturellen Aspekte von Korruption zu erfassen.
Um die in den ersten beiden Kapiteln erarbeiteten theoretischen Grundlagen anzuwenden, wird schließlich im dritten Kapitel ein konkreter Korruptionsfall aus der jüngsten bundesrepublikanischen Geschichte aufgerollt. Der sogenannte Müllskandal, der Anfang 2002 beträchtliches öffentliches Interesse gefunden hat, bietet sich hierfür an, weil er im Nachhinein durch eine relativ detaillierte journalistische Aufarbeitung gewürdigt wurde. Es steht also, entgegen der üblichen Informationslage bei bekannt gewordenen Korruptionsfällen,20 einiges an Informationsmaterial zur Verfügung, um die Vorgeschichte beziehungsweise den ökonomischen (Kapitel 3.1) und politischen Kontext (Kapitel 3.2) des Skandals aufzurollen. Mit Hilfe einer kurzen Rekonstruktion der korruptiven Ereignisse selbst (Kapitel 3.3) sollen schließlich Selbstverständnisse, Alltagsplausibilitäten sowie die Handlungsmuster der am Müllskandal beteiligten Akteure verdeutlicht werden. Hierdurch wird sich vielleicht zeigen, in welchem Ausmaß oder in welcher Form die Korruption bestimmten Systemrationalitäten entspricht oder ihnen zuwiderläuft.
Um es salopp zu formulieren: Gefragt wird also in dieser Arbeit danach, was im Kölner Müllskandal schiefgelaufen ist und dies unter soziologischen, gesellschaftstheoretischen Aspekten. Korruption nicht allein als individuelles Fehlverhalten, sondern auch als Problem der Gesellschaft begreifbar zu machen, darum soll es gehen.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 2 | |
| 1. | Korruption: Begriff, Forschungsstand und Erklärungsansätze | 8 |
| 1.1 | Korruptionsbegriff | 8 |
| 1.2 | Empirische Erkenntnisse und Korruptionstypen | 17 |
| 1.3 | Kriminologische Erklärungsansätze und ihre Grenzen | 25 |
| 1.4 | Konsequenzen für den theoretischen Zugang | 46 |
| 2. | Systemrationalität | 51 |
| 2.1 | Funktionale Differenzierung | 51 |
| 2.2 | Politik und Wirtschaft: Macht und Geld | 57 |
| 2.3 | Korruption, systemtheoretisch | 70 |
| 3. | Der Müllskandal | 76 |
| 3.1 | Der Abfallentsorgungsmarkt in Nordrhein-Westfalen | 76 |
| 3.2 | Kommunalpolitik: Vorteilsnahme und Ämterpatronage als System | 82 |
| 3.3 | Auftragsvergabe beim Bau der Kölner MVA | 87 |
| 4. | Fazit: Korruption als System im System | 100 |
| Literatur | 105 |
50 Zu fragen wäre also danach, ob und wie die Korruption zur Stabilisierung oder Bestandserhaltung von Systemen beiträgt, und welche systemischen Vorgänge dabei eventuell versagen. Als vergleichende Methode ermittelt die funktionale Methode Möglichkeitsbedingungen der „Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Reproduktion von Elementen“214 sozialer Systeme, und Korruption ist als eine dieser Möglichkeitsbedingungen in Betracht zu ziehen. Im Verlauf der weiteren Analyse werden daher für das Thema „Korruption“ zwei Ebenen der sozialen Systembildung als relevant erachtet: Politik und Wirtschaft als Teilsysteme der Gesellschaft sowie Organisationen als soziale Systeme, die einem gesellschaftlichem Teilsystem zugeordnet werden, die aber auch an mehreren Teilsystemen partizipieren können.215 Es soll zunächst danach geforscht werden, was Politik und Wirtschaft im systemtheoretischen Verständnis ‚normalerweise’ leisten oder leisten sollten, um erst einmal negativ bestimmen zu können, was mit Korruption nicht gemeint sein kann. Dabei wird sich herausstellen, dass Politik, Wirtschaft und Organisationen völlig andere gesellschaftliche Funktionen erfüllen, als diejenigen, die in den gängigen Korruptionsdefinitionen vorausgesetzt werden (Beispielsweise legitime Interessenvertretung der Allgemeinheit/Steuerung der Gesellschaft (Politik) oder kalkulierende Zweckverfolgung (Wirtschaft und Organisationen)). [...]
49 deln“, und „die Bemühung um Rationalität“ dient lediglich dazu, „für Situationen, deren Kontingenzen durch Erwartungen nicht ausreichend bestimmt sind, Ersatzorientierung zu beschaffen, die das modellieren, was ‚man’ vernünftigerweise erwarten würde.“211 Entscheidungen, begriffen nicht als rationale Willensakte, als Wahl zwischen Alternativen, sondern als „kommunikative Ereignisse“212, die erst im Nachhinein durch Beobachter einem Entscheider zugerechnet werden, verlieren im systemtheoretischen Kontext also ihren Charakter als Zweck-Mittel-orientierte Handlungsereignisse. Der berühmte kalkulierende und nutzenoptimierende Akteur (Rational Choice) fällt vor diesem Hintergrund als Untersuchungsgegenstand aus, und an die Stelle einer Untersuchung/Rekonstruktion von Einzelentscheidungen von Korruptionstätern rückt die Frage danach, welche Funktionen die strukturelle Korruption im Kontext sozialer Systeme erfüllt oder auch nicht erfüllt. Angesichts der relativen Dauer und Stabilität von struktureller Korruption wäre dann zu klären, welche derjenigen Aufgaben sie leistet, die von Funktionssystemen normalerweise geleistet werden, und was dazu beiträgt, dass sie sich ausbreitet. Mit anderen Worten: Wenn nicht im Nutzenkalkül einzelner Personen, worin besteht dann die Rationalität der Korruption? Zur Beantwortung dieser Frage bietet sich die Methode des funktionalen Vergleiches an, die laut Luhmann danach forscht, welche Arten der Problemlösung durch die vorhandenen ersetzt werden.213 Korruption soll also nicht nur als Problem sondern auch als Problemlösung betrachtet werden, sie soll als rational in dem Sinne gelten, dass sie bestimmte positive systemische Leistungen zumindest kurzfristig ersetzt. [...]
47 spezifische kommunikative Erwartungen, die außerhalb200 des psychischen Bewusstseins operieren: „Ereignis/ Struktur-Theorie und Erwartungstheorie werden zusammengeführt mit der These, dass Strukturen sozialer Systeme in Erwartungen bestehen, dass sie Erwartungsstrukturen sind und dass es für soziale Systeme, weil sie ihre Elemente als Handlungsereignisse temporalisieren, keine anderen Strukturbildungsmöglichkeiten gibt.“201 Psychische und soziale Systeme sind füreinander Umwelt, das heißt, sie stehen in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis. Sie sind über Sprache miteinander gekoppelt, über Kommunikation, und nicht über Handlungen.202 „Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß“, und Handlung wird in sozialen Systemen über „Kommunikation und Attribution konstituiert als eine Reduktion der Komplexität, als unerläßliche Selbstsimplifikation des Systems.“203 Handlung wird in diesem Rahmen als analytischer Begriff zwar nicht verabschiedet, er bezieht sich aber allein auf das Mitteilungshandeln und dient sozialen Systemen zur vereinfachenden Selbstbeschreibung. Mit Hilfe dieser Umstellung der grundbegrifflichen Orientierung von Handlung auf Kommunikation und demzufolge einer Definition von Strukturen (Normen zum Beispiel) als intrasystemisch kommunizierter Verhaltenserwartung, kann auch Abweichung (Korruption) nicht mehr nur zum Beispiel auf deviantes Handeln einzelner Akteure, auf personalisierte Schuld („Missbrauch von Macht“) oder den „subjektiv gemeinten Sinn“ (Weber) reduziert werden. Stellt man Korruptionsereignisse in den Kontext sozialer Systeme, werden sie entpersonalisiert und sind auf dem Hintergrund je systemspezifischer Rollen und Programme interpretierbar. Der Abweichung wird so primär systemische statt moralische Qualität zugesprochen, sie kommt zustande, „wenn die durch die Verhaltenserwartungen sozialer System irritierten psychischen Systeme durch ihr Verhalten die sozialen Systeme irritieren.“204 [...]
In den Warenkorb
48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832490508
Arbeit zitieren:
Bergmann, Jens Juli 2005: Korruption und Systemrationalität, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kriminologie, Soziologie



