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Wasser als Ursache und Mittel internationaler Konflikte

Das Beispiel Euphrat-Tigris-Becken

Wasser als Ursache und Mittel internationaler Konflikte
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Tilman Blaßhofer
  • Abgabedatum: November 2002
  • Umfang: 151 Seiten
  • Dateigröße: 1,8 MB
  • Note: 1,2
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8793-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8793-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8793-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Blaßhofer, Tilman November 2002: Wasser als Ursache und Mittel internationaler Konflikte, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Ressourcenkonflikt, Kunden, Türkei, Syrien, Irak

Diplomarbeit von Tilman Blaßhofer

Zusammenfassung:

Wasser gehört zu den lebenswichtigen und elementaren Umweltgütern: Die nutzbaren Wasserreserven sind jedoch räumlich und saisonal sehr unterschiedlich verteilt, so dass in einigen Regionen der Erde Wasser bereits von Natur aus knapp ist. Seit dem Beginn der Moderne mit ihrer ressourcenintensiven Produktionsweise und den damit verbundenen sozialen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen verschärft sich der Druck auf die Wasserreserven erheblich, insbesondere in ariden und semiariden Gebieten, in denen die Verteilung der knappen Ressource schon seit der frühen Menschheitsgeschichte Gegenstand politischer und militärisch-strategischer Kalküle ist. Zu diesen Regionen gehört auch das in dieser Studie exemplarisch untersuchte Euphrat-Tigris-Becken mit seinen Anrainerstaaten Türkei, Syrien und Irak. In der über 6000jährigen Kulturgeschichte des Zweistromlandes finden sich zahlreiche historische Beispiele, bei denen der Zugang zu gemeinsam genutzten Wasservorkommen aus politischen und militärischen Gründen abgeschnitten wurde, Wasserquellen das Ziel territorialer Expansion waren und ungleiche Zugangschancen zu gemeinsamen Wasserreserven zu Spannungen und Konflikten auf internationalem Niveau führten.

Wie können solche Konflikte aussehen? Zwei unterschiedliche Rollen sind für die grenzüberschreitenden Fließgewässer in internationalen Konflikten denkbar: Zum einen kann sich in den unterschiedlichen nationalen Interessen hinsichtlich des Zugangs, der Verteilung und der Qualität des Wassers ein Konflikt manifestieren, der unter bestimmten Bedingungen in einem Ressourcenkrieg gipfeln kann. Das Wasser wäre in diesem Zusammenhang ein Kausalfaktor, also die Ursache des internationalen Konflikts. Zum anderen ist in einem wasserknappen Staat der Spielraum bezüglich der Ressource sehr gering und damit die Verwundbarkeit in diesem Punkt sehr hoch. Der Staat wird sozusagen erpressbar, und die Reduzierung der ihm von außerhalb zufließenden Wassermenge oder gar deren vollständiges Zurückhalten stellt in dieser Situation ein potentes Druckmittel gegen ihn dar, das potentiell auch in anderen, von der Wasserfrage unabhängigen Konflikten eingesetzt werden kann. In dieser Konstellation wäre das Wasser zur Durchsetzung von Interessen auf anderen Gebieten instrumentalisiert worden und mithin ein Mittel des Austrags eines (anderen) Konflikts.

Diese ambivalente Rolle des Wassers wird am Beispiel der Beziehungen der Staaten des Euphrat-Tigris-Beckens im Zeitraum vom Beginn der 1970er Jahre bis 1998 untersucht. Dabei wird angenommen, dass beide geschilderten Varianten in Erscheinung treten: Wasser ist sowohl Ursache als auch Mittel der Konflikte zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Es wird jedoch nicht nur das Wasser für den Austrag anderer Konfliktgegenstände instrumentalisiert, sondern es werden durch die Konfliktparteien ebenso ursprünglich von der Wasserfrage unabhängige Streitpunkte als Druckmittel in der Wasserfrage eingesetzt. Insgesamt entsteht so durch das Verhalten der Akteure eine Situation, in der die verschiedenen kontroversen Aspekte der Staatenbeziehungen zunehmend miteinander strategisch kombiniert und verflochten werden. Der genuine Konfliktgegenstand und das Mittel des Konfliktaustrags sind nicht mehr eindeutig differenzierbar und die verschiedenen Einzelkonflikte nur noch schwer voneinander unabhängig zu lösen.

Eine Analyse dieser ambivalenten Rolle des Wassers in einem internationalen Konflikt muss zunächst auf allgemeiner Ebene klären, wie aus einer knappen und/oder qualitativ degradierten ökologischen Ressource ein Konflikt entstehen kann. Die zur Disposition stehende Ressource muss dazu spezielle soziale und strategische Qualitäten haben. Ferner muss ihre Verteilung und ihre ökologische Qualität aktuell und in der Zukunft gefährdet sein. Daher werden zunächst die verschiedenen sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Entwicklungen untersucht, die hinsichtlich des Wassers problematisch sind. Daran schließt sich die Frage an, welche Implikationen diese Entwicklungen für die Spielräume nationaler Politik hat und welche Mechanismen sich identifizieren lassen, die eine problematische Entwicklung der Wasserressource auf internationaler Ebene eskalieren lassen. Daraus ergibt sich ein heuristisches Instrumentarium für die sich im zweiten und dritten Kapitel anschließende Untersuchung des Fallbeispiels. Beginnend mit der Rekonstruktion der Ausgangslage, liegt der Fokus dabei auf dem Prozess der Konfliktbearbeitung im Zeitraum von 1970 bis 1998. Erkenntnisleitend dafür ist die Frage nach der Rolle von Euphrat und Tigris im Spannungsfeld zwischen Konfliktursache und Mittel des Konfliktaustrags: Welche Strukturen lassen sich für den Prozess der Konfliktbearbeitung analysieren? Lässt sich der Konflikt um das Wasser von den anderen Konfliktgegenständen der zwischenstaatlichen Beziehungen trennen? Wie und mit welchen anderen Konfliktgegenständen wird das Wasser gegebenenfalls strategisch kombiniert? Welcher Akteur ist die treibende Kraft hinter diesen Prozessen.

Im Verlauf der Analyse wird deutlich, wie durch den modernen Entwicklungsdruck in einer ohnehin ökologisch prekären Region die Wasserverteilung zwischen Ober- und Unterliegern zum Problem und wie sie mit anderen Konflikten – etwa den um transnationale ethnische Minderheiten – verknüpft wird. Zwar haben sowohl die Entwicklungspläne wie auch andere Konflikte wie der um die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) an Brisanz verloren, aber der anhaltende Bevölkerungsdruck in der Region macht die Frage der Wasserressourcen und ihrer Verteilung nach wie vor zu einem Problem. Sowohl in Syrien als auch im Irak ist die Wasserlage jetzt schon sehr kritisch, die Türkei sitzt als Oberlieger am längeren Hebel, den sie mit Fertigstellung des Ilisu-Damms 2007 dann auch gegen die Kurden im Norden des Iraks ansetzen kann. Kooperation zwischen allen Beteiligten, einschließlich der Kurden, böte sich an, um die Ressource Wasser zu schonen und effizienter zu nutzen, aber hier spielen auch Fragen der Regimestabilität eine Rolle. Gegenwärtig überschattet die Irak-Krise die Ressourcenfrage.

Inhaltsverzeichnis:

Wasser als Ursache und Mittel internationaler Konflikte am Beispiel des Euphrat-Tigris-Beckens – eine Einführung 7
1. DER ZUSAMMENHANG VON WASSER UND KONFLIKT 12
1.1 Entstehungsbedingungen von Wasserknappheit 12
1.1.1 Wassermangel aufgrund von Verknappung: die quantitative Dimension 13
1.1.2 Wassermangel aufgrund von Verschmutzung: die qualitative Dimension 15
1.2 Knappheit – ein soziales Phänomen 16
1.2.1 Ursachenmodell 17
1.2.2 Quantifizierung von Wasserknappheit 19
1.3 Die Politisierung von Ressourcenknappheit 21
1.3.1 Rückläufige landwirtschaftliche Produktivität 22
1.3.2 Wirtschaftlicher Niedergang 23
1.3.3 Migration 23
1.3.4 Soziale Segmentierung 24
1.3.5 Reduzierte Leistungsfähigkeit des politisch-administrativen Systems und seiner Institutionen 25
1.3.6 Die Penetration nationalen Territoriums 26
1.4 Ressourcenknappheit und Konflikt 27
1.4.1 Zur Typologie von Umweltkonflikten 27
1.4.2 Rahmenbedingungen für den gewalttätigen Austrag von Umweltkonflikten 30
1.4.2.1 Bedrohungsgrad 30
1.4.2.2 Handlungskompetenz 33
1.4.2.3 Zwischenstaatliche Beziehungen 35
1.4.2.4 Gewaltpotential, Gewaltbereitschaft, Erfolgsaussichten 38
1.5 Resümee 39
2. DIE SITUATION IN DEN STAATEN DES EUPHRAT-TIGRIS-BECKENS ZU BEGINN DER 1970ER JAHRE – STATUS QUO ANTE 41
2.1 Das Euphrat-Tigris-Becken 41
2.1.1 Topographie 42
2.1.2 Klima und Hydrologie 44
2.1.3 Die Wassermenge von Euphrat und Tigris 45
2.2 Die sozio-hydrologische Situation in den Einzelstaaten 47
2.2.1 Türkei 48
2.2.2 Syrien 49
2.2.3 Irak 51
2.3 Soziale und ökonomische Rahmenbedingungen 52
2.3.1 Türkei 53
2.3.1.1 Der Agrarsektor 53
2.3.1.2 Der Energiesektor 54
2.3.2 Syrien 55
2.3.2.1 Der Agrarsektor 55
2.3.2.2 Der Energiesektor 56
2.3.3 Irak 57
2.3.3.1 Der Agrarsektor 57
2.3.3.2 Der Energiesektor 58
2.4 Die Entwicklungspläne für die Nutzung von Euphrat und Tigris 59
2.4.1 Türkei: Das Südostanatolienprojekt 59
2.4.2 Syrien: Der Tabqa-Damm als Herz des ökonomischen Fortschritts 64
2.4.3 Irak: Verdoppelung der Bewässerungsflächen als Fernziel 67
2.5 Resümee 69
3. DIE BEZIEHUNGEN DER TÜRKEI ZU DEN UNTERLIEGERN UNTER DEM EINDRUCK DES SÜDOSTANATOLIENPROJEKTES 70
3.1 Konfliktstrukturen im Euphrat-Tigris-Becken 70
3.1.1 Konfliktgegenstände in den zwischenstaatlichen Beziehungen 71
3.1.1.1 Territoriale Streitigkeiten 71
3.1.1.2 Die Problematik der Minderheiten 72
3.1.1.3 Die Verteilung des Wassers von Euphrat und Tigris 74
3.1.1.4 Die Kontrolle des Erdöls und seiner Distributionswege 77
3.1.2 Nationale Interessen und hegemoniale Rivalitäten 78
3.1.2.1 Die Auswirkungen des Ost-West-Konflikts im Euphrat-Tigris-Becken 78
3.1.2.2 Die syrisch-irakischen Beziehungen 81
3.1.2.3 Das Verhältnis der Türkei zu ihren arabischen Nachbarn 83
3.2 Der Verlauf des Konflikts 86
3.2.1 Die Ausgangslage 86
3.2.2 Die 1970er Jahre: Dominanz der syrisch-irakischen Rivalität 88
3.2.3 Die 1980er Jahre: Das Südostanatolienprojekt und die PKK 92
3.2.4 Das Ende des Ost-West-Konflikts und die Füllung des Atatürk-Stausees 97
3.2.5 Der Zweite Golfkrieg und der Einsatz der „Wasserwaffe“ 102
3.2.6 Die 1990er Jahre: Das türkische Drängen auf die Lösung der PKK-Frage 104
3.3 Resümee 108
4. DIE ROLLE DES WASSERS IN DEN BEZIEHUNGEN DER STAATEN DES EUPHRAT-TIGRIS-BECKENS – FAZIT UND AUSBLICK 111
Literatur 119
ANHANG 131
The Helsinki Rules on the Uses of the Waters of International Rivers 132
United Nations Convention on the Law of the Non-navigational Uses of International Watercourses 137

Automatisiert erstellter Textauszug:

Expansionsbestrebungen der Sowjetunion und als Garant für den gesicherten Zugang des Westens zu den Ölquellen am Golf.325 Bis in die erste Hälfte der 1970er Jahre vernachlässigt daher die Türkei die Beziehungen zu den meisten ihrer arabischen Nachbarn. Sie konzentriert sich vielmehr auf die Pflege und den Ausbau ihrer Beziehungen zum Westen, mit dem sie neben ihrer Mitgliedschaft in der NATO auch über den Europarat sowie als Assoziierte der EG institutionell verbunden ist. Ihre Intervention auf Zypern 1974 isoliert die Türkei jedoch auf internationaler Ebene. Zwar wird die grundsätzliche Westbindung nicht in Frage gestellt, das Waffenembargo der USA zwischen 1975 und 1978 gegenüber dem strategisch wichtigen NATO-Land Türkei zeigt aber deutlich, wie stark sich die Beziehungen zu den westlichen Bündnispartnern abgekühlt haben. Deren Wiederbelebung erfolgt erst 1979, als sich die Mächtekonstellation in der Region im Zuge der Revolution im Iran grundlegend verändert. In den 1980er Jahren vertiefen die Türkei und die USA wieder ihre wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit. Als Konsequenz aus den Jahren der Isolierung setzt in der türkischen Außenpolitik jedoch ein „Diversifizierungsprozess“326 ein mit dem Ziel der Aufnahme und Verstärkung der Beziehungen zu den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Dabei schlägt der Türkei aber viel Misstrauen entgegen. Die islamischen, sozialistischen und blockfreien Staaten betrachten sie über weite Strecken als „ein 'trojanisches Pferd' westlicher Hegemonialbestrebungen“327. [...]

Damit wird klar, dass insbesondere die Allokation des Wassers des Euphrat aufgrund der unvereinbaren Nutzungsansprüche einen zentralen Konfliktgegenstand in den Beziehungen der drei Staaten darstellen muss. Die streitenden Parteien berufen sich dabei auf antagonistische Rechtsprinzipien:314 Die Türkei als der Oberlieger an beiden Flüssen besteht auf dem Prinzip der absoluten territorialen Souveränität. Sie betrachtet Euphrat und Tigris als grenzüberschreitende und nicht als internationale Gewässer. Damit, so die türkische Argumentation, habe sie volle Verfügungsgewalt über das Wasser. Für Syrien haben die beiden Flüsse dagegen einen internationalen Charakter. Es beansprucht daher Rechte an diesen Flüssen aus einer Position des Eigentümers heraus315 und vertritt das Prinzip der absoluten territorialen Integrität: Eine Reduzierung der Wassermenge des Euphrats durch die Türkei verletze die syrische Unversehrtheit und sei daher nicht zulässig. Die damaszener Argumentation hat jedoch eine entscheidende Schwachstelle: Syrien und die Türkei sind beide neben Euphrat und Tigris auch Anrainer am Asi, auch Orontes genannt. Dieser Fluss, der seine Quellen im Libanon hat, fließt durch Syrien in die türkische Provinz Hatay. Syrien hat an diesem Fluss Staudämme errichtet, von denen es fast das gesamte Wasser auf die umliegenden Felder ableitet. Damaskus beruft sich in Bezug auf den Asi auf die gleiche Position wie die Türkei am Euphrat. Die Widersprüche hinsichtlich seiner beiden juristischen Positionen versucht Damaskus zu umgehen, indem es auf seine Nichtanerkennung des Status von Hatay hinweist. Da dieses Gebiet syrisches Territorium sei, sei der Asi entsprechend kein internationaler, sondern ein innersyrischer Fluss. Die Türkei versucht im Gegenzug, den Asi mit in die Verhandlungen um die Euphrat-Aufteilung einzubeziehen.316 [...]

3.1.1.3. DIE VERTEILUNG DES WASSERS VON EUPHRAT UND TIGRIS Einen weiteren Konfliktgegenstand stellt das Wasser von Euphrat und Tigris dar. Bis zum Ende der 1960er Jahre war dessen Verteilung zwar bereits ein wichtiges Thema der trilateralen Staatenbeziehungen, es erhielt jedoch seine Brisanz erst mit dem Beginn der massiven wasserbaulichen Entwicklung der Flüsse durch die Anrainerstaaten. Schnell stellte sich heraus, dass die ehrgeizigen Entwicklungspläne der Einzelstaaten so niemals realisiert werden können. Insbesondere für den Euphrat übersteigt die projektierte Nutzung die tatsächlich vorhandene Wassermenge. Allein das Südostanatolienprojekt wird, wenn es vollständig realisiert wird, die Wassermenge des Euphrats an der Grenze zu Syrien um gut die Hälfte reduzieren. Zählt man den Wasserkonsum der syrischen Bewässerungspläne hinzu, würden für den Irak lediglich 4,5 Mrd. m³/a Euphratwasser verbleiben (siehe Abb. 4). Für die Pläne der drei Staaten insgesamt wird ein Wasserbedarf von 43,3 Mrd. m³/a veranschlagt, weitere 7,4 Mrd. m³/a würden aus den Stauseen und Reservoirs [...]

Arbeit zitieren:
Blaßhofer, Tilman November 2002: Wasser als Ursache und Mittel internationaler Konflikte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Ressourcenkonflikt, Kunden, Türkei, Syrien, Irak

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