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PID - Hegemonie über die Gene

Ein Vergleich zur Präimplanationsdiagnostik zwischen Deutschland und England

PID - Hegemonie über die Gene
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Mario Albrecht
  • Abgabedatum: November 2004
  • Umfang: 99 Seiten
  • Dateigröße: 579,3 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8758-4
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8758-4 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8758-4 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Albrecht, Mario November 2004: PID - Hegemonie über die Gene, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Präimplantationsdiagnostik, In-vitro-Fertilissation, Technikfolgenabschätzung, EUGENIK, HFEAct, EschG

Diplomarbeit von Mario Albrecht

Einleitung:

Die Gentechnik ist eine Querschnittstechnologie, die in unterschiedlichsten Bereichen wie der Biologie, der Medizin, der Biotechnologie sowie der Agrar- und Lebensmittelindustrie vertreten ist und zudem auch in das Bewusstsein vieler Menschen, der sogenannten breiten Öffentlichkeit, eingedrungen ist. Die Debatten über die Gentechnik lösen unterschiedlichste Reaktionen aus. Einerseits werden Hoffnungen geweckt - wie z.B. dass heutzutage unheilbare Krankheiten dank therapeutischen Klonens bezwungen werden können - andererseits die Angst hervorgerufen, dass die Anwendung der Gentechnik unabsehbare Folgen ökologischer und sozialer Natur nach sich ziehen könnte. Die Fortschritte in der Biotechnologie werfen somit ständig neue praktische und politische Fragestellungen auf. Die Fragen bzw. Antworten, welche die Diskurse über die Gentechnik beherrschen, werden auf das Leben der heutigen und zukünftigen Generationen mit Sicherheit beträchtliche Auswirkungen haben.

Francis Fukuyama appelliert daran, die Entwicklung der Bio- und Gentechnologie nicht allein als eine ethische, sondern auch als politische Herausforderung zu erkennen. Tatsächlich ist die Gentechnik ein Bereich des demokratischen Kampfes, denn in vielen Gebieten dieser Querschnittstechnologie liegt ein enormes Potential an neuen Herrschaftsverhältnissen. Somit wird auch der Bereich der genetischen Information, mit welchem sich meine Arbeit beschäftigt, von einer Vielzahl von Akteuren und Determinanten beeinflusst und gesteuert. Der zukünftige Umgang mit genetischen Informationen ist eine jener Entscheidungen, die über das kollektive Leben der Gemeinschaft getroffen werden. Wie Ernesto Laclau zu bedenken gibt, sind solche Entscheidungen niemals vollkommen rational, denn wären sie das, würden sie völlig offensichtlich sein und würde eine Entscheidung nicht mehr benötigt werden.

Einer der vielen demokratischen Konflikte betreffend die Gentechnik gilt dem Umgang mit genetischen Information, deren Zugang durch die genetische Diagnostik ermöglicht wird. Als Teil dieses Komplexes rund um genetische Diagnostik beschäftige ich mich mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) – dem Gentest am künstlich gezeugten Embryo – und der Frage nach den demokratie-politischen Konflikten um die heutigen und mögliche zukünftige Nutzen bzw. Nachteile dieser Technik, die als Teil einer zunehmenden Technologisierung der menschlichen Reproduktion fungiert.

Die Möglichkeit der Diagnose genetisch bedingter Krankheiten durch die PID wirft erhebliche Probleme auf und stellt die Frage nach einem gesellschaftlich vertretbaren Umgang mit diesem Wissen, vor allem wenn es keine Therapiemöglichkeiten gibt. Die PID zwingt zu einer Selektion, und diese Selektion des menschlichen Erbgutes erlaubt es möglicherweise, eine zusätzliche konstruierte Herrschaft bzw. Unterdrückung – wie dies beispielsweise durch Klasse, Rasse, Religion, Nationalismus der Fall ist – entstehen zu lassen. Jeder sozial handelnde Mensch ist durch ein Ensemble von Subjektpositionen konstituiert. Eine Subjektposition könnte sich zukünftig aus der Diagnostik der jeweiligen Erbanlage ergeben. Der zukünftige Umgang mit der PID wird durch demokratie-politische Kämpfe entschieden und erfordert deswegen eine Vorstellung, wie solche Konflikte geführt werden.

Eine Vorstellung, wie demokratie-politische Konflikte nachvollzogen werden können, entwickelten der Argentinier Ernesto Laclau und die Französin Chantal Mouffe mittels dekonstruktiver Strategien und diskursanalytischer Theorie. Sie erarbeiteten eine Gesellschaftstheorie, die Gesellschaft nicht als eine Totalität mit einer universellen Konstitutionslogik erfasst, sondern als ein heterogenes und diskontinuierliches Feld von Antagonismen. Diese Diskurstheorie bietet die Möglichkeit, Konflikte - die antagonistische Konfrontation - nicht als einen Zustand des Mangels zu verstehen, sondern als fundamental. Das Eintreten für die Unumgänglichkeit von Konflikten unterscheidet die Theorie von Laclau/Mouffe von den gängigen philosophischen Politikkonzeptionen.

Durch ihre Vorstellung von Hegemonie wird der politische Raum als Bereich des Antagonismus - einen Bereich einer Vielzahl von Kämpfen - neu gedacht, innerhalb dessen es viele Formen von Herrschaft oder Formen von Unterdrückung gibt. Der antagonistische Moment, der soziale Konflikt, ist ein ursächlicher Moment, er stellt nicht das Ergebnis von etwas anderem dar. Das bedeutet, dass sich die Orte der Antagonismen zwar stets verschieben werden, es aber immer Antagonismen geben wird. Die Gendiagnostik im allgemeinen und die PID im speziellen enthalten ein enormes Potential an neuen Herrschaftsverhältnissen, denn der Diskurs darüber, welches Leben als wertvoll erachtet wird und welches nicht, enthält, da er die Identität eines jeden Menschen betrifft, einen grundlegenden Machtanspruch. Die Diskurse um die PID besitzen deshalb ein großes Potential, als Ort vieler Antagonismen zu fungieren, weil die ständige hegemoniale Verschiebung in der „Wertigkeit des Lebens“ durch Veränderung der „genetische Selektionsstandards“ jeden Menschen der Gefahr aussetzt, „unerwünschte“ Erbanlagen zu besitzen, und sich somit die jeweilige Identität des Menschen innerhalb der Gesellschaft verändert.

Wie sind der heutige und der mögliche zukünftige Nutzen bzw. die Nachteile der PID für die Gesellschaft zu bewerten? Wie kann der politisch-demokratische Kampf bei der Einführung neuer Techniken im allgemeinen und bei der PID im speziellen gedacht werden? Wie sind die unterschiedlichen Diskurse betreffend der PID in England und in Deutschland zu erklären?

Gang der Untersuchung:

Mit der vorliegenden Arbeit diskutiere und behandle ich diese Fragen unter Bezugnahme und Annahme der Gesellschaftstheorie von Laclau/Mouffe.

Im ersten Kapitel werde ich jene Grundbegriffe des Werkes „Hegemony and Socialist Strategy – Towards a radical democratic politics“ von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau und die dazugehörenden Überlegungen, die als Grundlage der theoretische Betrachtung meiner Arbeit dienen, darstellen. Da eine vollständige Darstellung der Gesellschaftstheorie Laclau/Mouffes den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde, zeichne ich ihre Vorstellungen nur soweit nach, als diese mir erstens verständlich und sie zweitens für die vorliegende Arbeit dienlich sind.

Im zweiten Kapitel werde ich allgemein die Problematiken bei der Einführung neuer Techniken erörtern. Die Gestaltungsanstrengungen in diesem Bereich sind deshalb so schwierig, weil kein Steuerungszentrum existiert und es auch keine klaren Steuerungsziele gibt. Die technische Entwicklung wird neben dem Staat von vielen weiteren Akteuren und deren Interessenvertretungen getragen. Ein Konsens über Ziele der Technisierung ist nicht vorhanden, und auch hinter scheinbar gemeinsamen Zielen können sich eine Vielzahl individueller Einzelinteressen verbergen. In dem Abschnitt „Technikfolgenabschätzung“ (TA) – einem wichtigen Instrument der Politikberatung – werden allgemein ihre Methoden, Ansatzpunkte, Institutionalisierung dargestellt, um im dritten Kapitel die TA als Schema zu nutzen die PID als Technologie darlegen zu können.

Im dritten Kapitel wird die besondere Problemstellung der PID aufgezeigt. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes und die daraufhin erfolgten Versprechungen, dass die Gentherapie Behandlungserfolge für nahezu alle Krankheiten bringen würde, erwies sich als sehr verfrüht, denn die „Abschrift“ des dekodierten Lebens kann nach wie vor niemand lesen. Daraus resultiert ein Grundproblem, das auch auf die PID zutrifft, nämlich, dass die Gendiagnoseverfahren weit fortgeschritten sind, die Möglichkeiten der Gentherapie aber weit hinterher hinken. Die moralischen Dilemmata, wie sie durch die PID aufgeworfen werden, und ihre Lösungen sind an institutionelle, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Kontexte gebunden. Nach dem Schema einer technologieinduzierten TA-Studie werde ich die PID in diesem Kapitel behandeln. Dies impliziert eine Problemdefinition; Beschreibung der Technologie; Voraussage der zukünftigen Technologieentwicklung; Beschreibung der Gesellschaft, der Betroffenen und Voraussage sozialer Entwicklungen; sowie Analyse politischer Handlungsoptionen.

Im vierten Kapitel beleuchte ich anhand eines zeitgeschichtlichen Vergleichs zwischen Deutschland und England die jeweiligen Entwicklungen in den die PID betreffenden Diskursen. Laclau/Mouffe lösen das Politische von seiner zeitlichen und räumlichen Verbindung mit partikularen hegemonialen Verhältnissen und Regierungsformen, um eine reine Theorie des Politischen voranzutreiben. Das heißt, eine Theorie, die nicht die Funktion des Politischen mit seiner historisch kontingenten Strukturierung verwechselt. Laclau/Mouffe bieten die Möglichkeit, politisches Handeln zu verstehen; das Aufzeigen der unterschiedlichen Diskursentwicklungen zur PID in England und Deutschland kann jedoch nur in seiner historisch und kulturellen Dimension nachvollzogen werden und ist deshalb so interessant, weil die PID in England im Gegensatz zu Deutschland rechtlich zulässig ist und bereits seit 1990 zur Anwendung kommt.

Auch aus österreichischer Sicht ist dieser Vergleich von großem Interesse, da sich die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt im Juli 2004 dafür ausgesprochen hat, das herrschende Verbot im Reagenzglas erzeugte Embryonen per Gentest zu untersuchen unter bestimmten Voraussetzungen aufzuheben. Die österreichische Bioethikkommission orientiert sich in dieser Frage stark an den Erfahrungen und dem Regulierungsmodell Großbritanniens.

Inhaltsverzeichnis:

1. Grundbegriffe der Hegemonietheorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau 9
1.1 Einführung in die Thematik 10
1.2 Diskurs 14
1.3 Antagonismus 18
1.4 Hegemonie 21
2. Die Einführung neuer Technologien 26
2.1 Technik 27
2.2 Technology Policy 31
2.2.1 Leitbilder 34
2.2.2 Experten als Policy-Akteure 36
2.2.3 Der Staat 38
2.3 Technikfolgen-Abschätzung 39
3. Die Präimplantationsdiagnostik 47
3.1 Problemdefinition 48
3.2 Beschreibung der Technologie 51
3.3 Voraussage der zukünftigen Technologieentwicklung 58
3.3.1 Diskursverschränkung 61
3.3.2 Die PID auf dem freien Markt 61
3.3.3 Voraussagen zur PID von Forschung abhängig 63
3.4 Beschreibung der Gesellschaft, der Betroffenen 64
3.4.1 PID-Debatten in unterschiedlichen nationalen und kulturellen Kontexten 65
3.4.2 Eugenik 67
3.4.3 Reproduktionstechnologie 69
3.5 Analyse politischer Handlungsoptionen 71
3.5.1 Gemeinschaftliche und völkerrechtliche Aspekte 73
4. Die PID in Deutschland und England 75
4.1 Die politische Theorie 76
4.1.1 Unterschiede durch Politik, Recht, Philosophie und Religion 78
4.1.2 Die emotionale Verfasstheit eines Landes 80
4.2 Deutschland von 1985 bis 1990 83
4.2.1 Das Embryonenschutzgesetz 85
4.2.2 Bundestagsdebatte zum Embryonenschutzgesetz 86
4.2.3 Überblick 1985-1990 89
4.3 Deutschland von 1990 bis 2000 91
4.3.1 Medien, Akteure 91
4.3.2 Das Jahr 2000 als Höhe- und Wendepunkt 93
4.3.3 Überblick 1990 - 2000 96
4.3.4 Deutschland von 2000 bis 2004 98
4.4 Überblick 2000 bis 2004 99
4.5 England von 1982 bis 1990 100
4.5.1 Der Warnock-Report 100
4.5.2 Prä-Embryo 102
4.5.2 Parlamentsdebatte zum Human Fertilisation and Embryology Act 103
4.3.3 Überblick 1982-1990 105
4.3.5 Die Human Fertilisation and Embryology Authority 106
4.4 Die PID in England und Deutschland im Vergleich 109
Zusammenfassung 113
Abkürzungsverzeichnis 115
Bibliographie 117

Automatisiert erstellter Textauszug:

3.3.3 Voraussagen zur PID sind von Forschung abhängig Die Hormonbehandlung von Frauen zur Gewinnung von Eizellen wird höchstwahrscheinlich mit fortdauernder Entwicklung schonender und mit weniger Risiken verbunden sein. Außerdem ist anzunehmen, dass sich die Erfolgsquoten der künstlichen Befruchtung weiter verbessern werden.174 Auch in diesem Bereich ist jedoch eine Voraussage über zukünftige Möglichkeiten schwer zu machen, da die wissenschaftlichen Ergebnisse allen gegenwärtig verlaufenden Diskussionen im Regelfall weit voraus sind. Einen jener Forschungserfolge - der den gegenwärtigen Diskussionen wiederum voraus ist - gelang beispielsweise im Mai 2004 Biologen, die aus embryonalen Stammzellen von Mäusen künstliche Eier175 - nach bisheriger Lehrmeinung ein Ding der Unmöglichkeit - züchteten. Dieser Durchbruch hat gravierende Folgen für die Fortpflanzungsmedizin, Bioethik und kompliziert den politischen Entscheidungsprozess, denn embryonale Stammzellen (ES-Zellen) galten bisher nur als pluripotent und nicht als totipotent, also zur Erzeugung eines ganzen Individuums befähigt. „Zur echten Totipotenz fehlt den ES-Zellen aus dem Labor eine entscheidende Fähigkeit: Aus ihnen kann zwar ein ganzes Lebewesen wachsen, aber sie benötigen Hilfe. Die Frage ist, wie lange noch?“ Bislang glückte das erst mit Embryozellen von Mäusen, doch wenige bezweifeln, dass der Versuch auch mit menschlichen ESZellen funktionieren wird. Von dieser neuen Technologie führt nur noch ein kleiner Schritt zur Erzeugung von genmanipulierten menschlichen Eizellen.176 Bei all diesen rasanten Entwicklungen in vielen die PID betreffenden Gebieten und den damit scheinbar ungeahnten zukünftigen Möglichkeiten ist doch mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass die PID auch in allernächster Zukunft keine „AlSchneider, Ingrid: S.2 Fukuyama, Francis: S. 113 174 An einer verbesserten Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung arbeitet beispielsweise der Tiroler Biotechunternehmer Dieplinger. Er will jene Substanzen untersuchen, die von den Embryonen bereits ab ihrer ersten Zellteilung im Reagenzglas produziert werden. Daraus will er Rückschlüsse auf die Qualität des frühen Embryos ziehen und sicherstellen, dass nur wirklich aussichtsreiche Kandidaten eingepflanzt werden. In Der Standard, 26.7.2004 175 „Der Durchbruch gelang Schöler und Hübner mit einem verblüffend einfachen Verfahren: Die Forscher isolierten aus Kulturen mit vielen Millionen embryonalen Stammzellen solche, in denen ein Gen Oct4, für die Entwicklung zu Keimbahnzellen das Kommando übernommen hatte. Als sie eine von Oct4-Gen dirigierte Zellsaat beisammen hatten, konnten sie zuschauen, wie sie nach und nach Keimzellen bildeten.“ In www.zeit.de/2003/20/Stammzellen, S.1ff, 27.05.2004 176 In www.zeit.de/2003/20/Stammzellen, 27.05.2004 [...]

wird durch den freien Markt reguliert (wie dies ebenso in Italien bis 2003 der Fall war und in Belgien, wo es einen freien Markt mit Zugangskontrollen gibt) und zugespitzt formuliert -, wird auch alles, was Reproduktionsmedizinisch möglich ist, praktiziert. Die einzige Einschränkung ergibt sich aus den derzeit erheblichen Kosten, da sich daher ein Teil der Bevölkerung diese Technologie nicht leisten kann. Umstrittene Anwendungen der PID wie HLA-Matching oder social-sexing führten zwar zu Diskussionen, es kam jedoch zu keinen einschränkenden Empfehlungen.166 Der Umgang mit der PID in den USA ist wegen ihres praktischen Verzichts auf rechtliche oder sonstige staatliche Regulierungen aufschlussreich für mögliche zukünftige Entwicklungen in anderen Staaten, sollte es in den Staaten, in denen zurzeit Regulierungen bzw. Verbote der PID bestehen, zu einer Deregulierung kommen. „Generell ergibt sich aus den Interviews der Eindruck, dass die PID nicht nur - und auch nicht in erster Linie – als Hilfe für Paare mit genetischen Risiko begriffen wird, sondern wie selbstverständlich als Verfahren zur Verbesserung der Erfolgsaussichten der künstlichen Befruchtung. Dies schlägt sich darin nieder, dass das Aneuploidie-Screening den Großteil der Indikationen für PID ausmacht, sowie darin, dass die PID auch für Paare mit unspezifischen Risiken oder vermuteter genetischer Disposition mit unklarem Risiko (etwa für Brustkrebs) nicht ausgeschlossen wird. Schon heute machen Lebens- und/oder Krankenversicherer Gentests zur Bedingung für einen Vertragsabschluß, wobei Embryonen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für eine qua Gentest zu erkennende Krankheit nicht mehr im Rahmen der Familienversicherung versichert werden.167 Es ist angesichts dieser Situation nicht unwahrscheinlich, dass die PID in den USA in Zukunft im Prinzip (bei entsprechender Nachfrage) für jeden verfügbaren Gentest genutzt werden wird.“168 Lori Andrews - eine der führenden US-Expertinnen für Bioethik und Biorecht kommt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, dass heute viele Amerikaner die Fortpflanzung mit einer Einkaufsmentalität betrachten, die einem Autokauf ähnle.169 „Der Trend ist, immer mehr Optionen einzuräumen, ohne eine Diskussion über die Folgen oder eine umfassende Rechtssetzung.“170 Die entsprechende Nachfrage wird also in den USA von entscheidender Bedeutung für den Zuwachs und die zunehmende Bedeutung der PID sein. Nachfrage wird allerdings in erheblichen Masse erzeugt, ganz besonders in all jenen Bereichen, die nicht mit der Grundversorgung zu tun haben, sondern mit sogenannten künstlichen Bedürfnissen. Die 1480 US-Biotech-Unternehmen - diese halten mehr Patente auf DNA-Sequenzen als alle anderen - unterliegen massiven kommerziellen Interessen, sobald sie ein Gen besitzen, damit auch entsprechende Tests zu verkaufen.171 Versucht man sich also in einer Voraussage über die Entwicklung der PID und folgt rein marktwirtschaftlichen Überlegungen, ergeben sich bei der PID vor allem Probleme mit der für die Frauen strapaziösen und nicht ganz ungefährlichen Hormonbehandlung, der geringen „Baby take home“ Erfolgsrate von rund 15% und den hohen Kosten. Die Kosten werden bei neuen Technologien durch ihre Etablierung im Regelfall [...]

3.3.1 Diskursverschränkung Die Auseinandersetzungen rund um Stammzellengewinnung, (therapeutisches) Klonen, PID und Reproduktionsmedizin sind in vielerlei Hinsicht verquickt (Diskursverschränkung). Die PID kann nicht nur für sich betrachtet werden, sondern nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der eben genannten Bereiche. Die zukünftige Entwicklung der PID hängt auch von den zukünftigen wissenschaftlichen Forschungszielen und Ergebnissen in all diesen Bereichen ab, die direkt oder indirekt mit PID in Zusammenhang stehen, sowie den Möglichkeiten der ökonomischen Nutzung dieser. Dies mag einerseits banal sein, andererseits lässt sich nicht voraussagen welche Forschungs- bzw. Wirtschaftsbereiche vernetzt werden bzw. werden können. Die Vernetzung von Stammzellengewinnung, PID und Reproduktionsmedizin lässt sich anhand eines Berichtes der Fachzeitschrift „Journal of the American Medical Association“ gut illustrieren. Reproduktionsmediziner eines Forschungsinstituts in Chicago haben fünf Elternpaaren im Rahmen einer Studie geholfen, Kinder zu bekommen, die als Stammzellenspender zur Rettung schwerkranker Geschwister dienen können. Die mittels Hormonbehandlung und Fortpflanzungstechnik herangezogenen Embryos wurden dem sogenannten Humane-Leukozytenantigene-Test (HLATest) unterzogen, um herauszufinden, welche als Spender zur Rettung von Geschwistern geeignet sind. Die „nicht geeigneten Embryos“ wurden für mögliche spätere Verwendung eingefroren.165 [...]

Arbeit zitieren:
Albrecht, Mario November 2004: PID - Hegemonie über die Gene, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Präimplantationsdiagnostik, In-vitro-Fertilissation, Technikfolgenabschätzung, EUGENIK, HFEAct, EschG

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