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Die Hoffnung der Kranken und Sterbenden

Systematische und praktische Überlegungen einer Sterbehilfe

Die Hoffnung der Kranken und Sterbenden
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Gerhard Hemker
  • Abgabedatum: Februar 1974
  • Umfang: 97 Seiten
  • Dateigröße: 486,4 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8420-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8420-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8420-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hemker, Gerhard Februar 1974: Die Hoffnung der Kranken und Sterbenden, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Sinnfrage, Notlage, Schicksal, Tod, Grenzsituation

Diplomarbeit von Gerhard Hemker

Einleitung:

Seit Beginn meines theologischen Studiums an der Universität in Freiburg hat mich die Krankenpflege und der Dienst am Sterbenden immer wieder fasziniert. Es blieb nicht bei der Begeisterung. Da ich für die theologische Vorprüfung ein Praktikum im sozialen Bereich vorlegen musste, nahm ich an einem Pflegehelferlehrgang des Malteser Hilfsdienstes teil. Seither habe ich in verschiedenen Krankenhäusern in Bad Schwalbach, Freiburg, Mannheim und Münster/Westfalen gearbeitet. In einem Krankenhaus erlebte ich, dass in vier Wochen zehn Menschen straben. Einige von ihnen sah ich sterben, andere habe ich in der Leichenhalle aufgebahrt. Damals erlebte ich auch den Tod eines Mannes, den ich bis heute nicht vergessen habe:

Herr K., etwa fünfzig Jahre alt war wegen eines Geschwürs im Zwölffingerdarm in der Klinik. Als er sich eines Morgens am Waschbecken wusch, brach er zusammen. Ich legte ihn in sein Bett. Der Arzt erfuhr, dass er am Tag zuvor schwarzen Stuhl (Teerstuhl) ausschied, von dem der Patient uns nichts erzählt hatte, weil er sich schämte. Der Kranke wurde aus seinem Krankenzimmer herausgeschoben und in das Stationszimmer gebracht, wo er in jeder Minute beobachtet werden konnte. Das war in dieser Klinik bei allen Kranken üblich, die einen kritischen Zustand erreicht hatten. Viele Personen machten sich an dem Bett zu schaffen: Ärzte, Schwestern, Pfleger und Schülerinnen. Herr K. ließ die Prozedur über sich ergehen. Nach einer Weile fragte er die noch junge Stationsschwester: „Ist das meine Sterbezelle?“ Die Schwester wurde verlegen, winkte ab und Verneinte die Frage.

Die Zeit verstrich, das Pflegepersonal ging wieder seiner Arbeit nach. Herr K. fühlte sich immer elender. Er antwortete dem Arzt auf seine Fragen, wenn dieser sich im Vorübergehen nach seinem Wohlergehen erkundigte.

Plötzlich ließ bei dem Kranken die Atmung nach. Ich sollte die Sauerstoffflache holen. Als ich kurz darauf zurückkam, sah ich gerade noch, wie der Kranke seinen Kopf zurücklegte und die letzte Luft aus seiner Nase blies. Er war tot.

Als ich mit der oben genannten Stationsschwester die Leiche für die Angehörigen etwas schön herrichtete, fragte ich sie, warum sie Herrn K. zwei Stunden vor seinem Tod anlog. (Sie wusste nämlich, dass der Mann sterben würde.) Sie antwortete mir, dass es für sie unmöglich sei, einem Sterbenden eine solche Frage nicht zu verneinen. Die meisten Kranken könnten das Wort ‚sterben’ ja doch nicht hören. Sie hätten Angst davor. Ich habe mich damals und auch heute immer wieder gefragt, wer wohl mehr Angst vor dem Tod hatte: diese Stationsschwester oder die Menschen, die vor ihrem Tod die Wahrheit wissen wollten.

Solche und ähnliche Begebenheiten veranlassten mich, über Sterben und Tod nachzudenken. Ich weiß, dass ich zu wenig Erfahrung mit Kranken und Sterbenden gesammelt habe, um darüber eine Arbeit schreiben zu können. Dennoch wollte ich die Fragen, die die Arbeit in den genannten Krankenhäusern mit sich brachte, einmal gründlich durchdenken und durcharbeiten. Die Konkursarbeit (Diplomarbeit), die ich für meine theologische Hauptprüfung vorlegen muss, bietet mir die Möglichkeit, einige Fragen über Krankheit, Sterben und Tod aufzuarbeiten. Obwohl die Literatur zu diesem Thema nicht allzu breit ist und obwohl mir die Zeitschriften und Bücher am Anfang viel Kopfzerbrechen bereitet haben, bin ich froh, diese Arbeit erstellt zu haben. Ich danke Herrn Prof. Dr. Bernhard Stoeckle für das Thema und seine Hilfe während der Arbeit. Ebenso danke ich auch allen anderen Professoren, Bibliothekaren und Kommilitonen, die zum Gelingen dieser Zeilen beigetragen haben.

Zuerst möchte ich kurz darstellen, wie ich die Arbeit aufgebaut habe. Obwohl ich Theologe bin, nimmt die Theologie bei diesem Thema nur einen kleinen Raum ein. Aus Gesprächen mit Kranken und dem Pflegepersonal erfuhr ich, dass die Vertreter der Kirchen (Geistliche) nicht selten gar nicht recht auf die Fragen und Probleme der kranken und Sterbenden eingehen. Vorgeprägte Antworten vom universalen Heilswillen Gottes lösen keineswegs die echten Fragen nach dem Sinn des Lebens, der krankheit und des Todes. Hans Gödan drückt diese Tatsache so aus: „In Theologie und Seelsorge, in Lehre, Mahnung und Zuspruch wird von dem Hörenden unter immer neuen Begründungen verlangt, dass er die Krankheit, die ihn trifft, aus Gottes Hand nimmt und als Bestandteil des Lebens erträgt. Gegen die Atombombe, gegen Hunger und Kälte und gegen Kriege soll der Mensch revoltieren und kämpfen, aber die Macht der krankheit soll auf geheimnisvolle Weise mit Gottes Willen zusammenhängen und anerkannt werden.“ (Gödan 209) Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Man geht sogar so weit zu betonen, dass die Krankenheilungen Jesu gar nicht gegen die krankheit gerichtet seien, sondern eine ‚heilsgeschichtliche Bedeutung’ hätten. Im übrigen seien Krankheit und Leid die grundlegenden Kennzeichen dieser Welt und wer von ihnen absähe, habe noch nicht verstanden, was menschliches Leben ist. Das heißt mit anderen Worten, dass der, der gegen seine Krankheit kämpft, bei dieser seltsamen theologischen Benotung durchfällt. Denn, so sagt man weiter, der kranke werde für das neue Testament zum Urbild des Menschen überhaupt.

Liegt hier nicht eine gefährliche Versuchung vor für eine Medizin, die bei der Theologie Antwort sucht?“ (Gödan 208).

Diese Zeilen charakterisieren das Dilemma, in dem sich Theologie und Seelsorge befinden. Ich möchte hier nicht verallgemeinern. Aber ich muss zugeben, dass gerade diese Einsicht mich bewogen hat, in meiner Arbeit nur wenig auf Theologie und Glaube einzugehen. Die meisten Kranken sind zwar Christen, aber sie können mit theologischen Formeln nichts anfangen. Es gibt nur wenige Leute, die in Krankheit und Leid bei ihrer Religion Hilfe suchen. Für einen gläubigen Menschen kann die Botschaft der Bibel und sein christliches Leben eine große Hilfe sein, mit Krankheit und Tod fertig zu werden und auch in diesen Lebenssituationen einen Sinn zu sehen. Die meisten Kranken können jedoch mit frommen Gebeten und theologischen Antworten nichts anfangen. Ich bin als Mensch, Christ und Theologe nicht nur für die Christen da, die in ihrem Leben immer wieder nach der Botschaft des Evangeliums zu leben versuchen, sondern für alle Menschen. Das lässt sich mit den Worten der Bibel bekräftigen. Jesus hat jedem Menschen geholfen, der zu ihm kam und hat nicht nach dessen Lebenseinstellung gefragt: dem hauptmann von Kapharnaum (Lk 7,1ff), der syrophönizischen Frau (Mk 7,24ff), der Ehebrecherin (Joh 8,1ff), dem Oberzöllner Zachäus (Lk 19,1ff), der öffentlichen Sünderin (Lk 7,36ff) und vielen anderen. Daher möchte ich in dieser Arbeit zunächst auf alle Sterbenden eingehen und danach die Theologie streifen.

Das Thema wird in drei großen Teilen behandelt. Im ersten Teil werden die drei Worte „Hoffnung – Kranke – Sterbende“ vorgestellt und zu erklären versucht, im zweiten Teil möchte ich einige Hilfen zum Sterbebeistand geben, wie sie praktisch durchgeführt werden können. Schließlich soll auch das christliche Sterben betrachtet werden. Eugen Ansohn schreibt: „Das V e r s t e h e n des menschlichen Sterbens und des menschlichen Todes ist Sache der Philosophie und Theologie. Der Arzt, der sachgemäße Sterbehilfe leisten will, wird Begründung und Ausrichtung seines Tuns von der Philosophie, vielleicht auch von der Theologie nehmen“ (Ansohn 17f).

Ist das nicht für uns Grund genug, dass wir uns bei der Sterbehilfe auch kurz mit dem christlichen Auferstehungsglauben beschäftigen? Für einen Christen hat der Glaube hierzu Entscheidendes beizutragen.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort 5
Begründung der Themenwahl
Das unheilvolle „Ja“ zur gottgewollten Krankheit
A. Tabuisierung von Tod und Sterben 9
I. Der Anteil der Gesellschaft an der Abwehrhaltung gegenüber Tod und Sterben 9
II. Die Rolle der Religion an der Abwehrhaltung gegenüber Tod und Sterben 11
B. Die Hoffnung der Kranken und Sterbenden 14
I. Systematische Überlegungen (Weisheit von Tagore) 15
1. „Die Hoffnung .“ 16
a) Die Krise der Hoffnung in der Literatur und Dichtung 16
b) Hoffnung und Lebenserhaltung 19
c) Hoffnung und Hoffnungen 21
d) Hoffnung und „Grenzsituation“ 23
e) Hoffnung und Selbstmord (Suizid) 24
f) Versuch einer Definition 27
a. Revers: Hoffnung - das Haben von Zukunft 27
b. Plügge: Hoffnung - geduldiges Ausharren in der Gegenwart 28
c. Ansohn: Hoffnung als Tat und als Begnadung 30
g) Hoffnung - Christlich gesehen 31
2. „... der Kranken ...“ 33
a) Das „Siechtum“ des Krankheitsbegriffs 33
b) Der Versuch einer Definition (aufgezeigt am allgemeinen Zustand eines Schwerkranken) 34
3. „... und Sterbenden...“ 36
a) Sterben zu Hause - Sterben im Krankenhaus 38
b) Was heißt ‚sterben'? 41
a. Der Tod und die Tode 41
b. Sterben als Schicksal und Aufgabe (Sinnfrage) 43
c. Zusammenfassung 45
c) Verschiedene Reaktionen auf den drohenden Tod 46
d) Psychische Phasen des Sterbens 47
a. Kübler-Roos 47
b. Sporken 50
II. Praktizierte Sterbehilfe (Weisheit von Tagore) 52
1. Sterbehilfe = Lebenshilfe 53
2. Voraussetzungen einer praktizierten Sterbehilfe 54
a) Die Wahrheit am Krankenbett 55
b) Die richtige Stellung zum eigenen Tod 59
c) Bereitschaft zur Kommunikation 60
d) Geschulte Pflegekräfte 62
3. Grundzüge einer praktizierten Sterbehilfe 63
a) Die eigentliche Aufgabe: Gespräche mit dem Sterbenden 63
a. Der gegebene Augenblick 64
b. Ermunterungen 65
c. Trost 66
d. Frage nach dem Lebenssinn 67
e. Schuldgefühle und Ängste aufarbeiten 68
f. Geständnisse auf dem Sterbebett 70
g. Gespräche im Endstadium 70
b) Die Befriedung des Kranken 72
c) Führung zu innerem Wachstum 73
d) Die Familie des Kranken 74
a. Probleme der Kommunikation 74
b. Anpassung der Familie an die Realität des Endstadiums 75
c. Entlastung von Zorn und Trauer 76
e) Abschließende Bemerkungen 76
4. Organisierte Hilfe für Sterbende 76
a) Beginn eines interdisziplinären Studienseminars über Tod und Sterben 76
b) Eine Londoner Sterbeklinik 77
III. Christliches Sterben 79
1. Zur Theologie des Todes 81
2. Die Auferstehung Jesu - Grund und Vorbild unserer Auferstehung 83
3. Das Gebet in schwerer Krankheit 85
4. Die Rolle des Krankenhausseelsorgers 86
C. Zusammenfassung und Ausblick 90
Literaturverzeichnis 91
Anmerkungen 94

Automatisiert erstellter Textauszug:

nis kann das Sterben erschweren. Rückkehr zum Glauben kommt vor der letzten Phase des Sterbens oft vor, in der letzten Phase äußerst selten.“ (Ansohn 99 f). 5. (wohlsituierte und junge Kranke:) „Die euphorischen Kranken, die bis zuletzt an dem Glauben festhalten, bald wieder gesund zu werden und Pläne für die Zeit nach der Genesung schmieden.“ (Ansohn 100). 6. (glückliche und lebensfrohe Menschen:) „Kranke, die mit einem klaren Wissen oder einer deutlichen Ahnung von ihrem sicheren Tode diesem entgegengehen trotz aller Täuschungen der Umgebung.“ (Ansohn 100). 7. „Menschen, die nicht leben wollen, sich gegen den Tod nicht wehren und sich einfach fallen lassen.“ (Ansohn 100). 8. „Die ebenfalls Geltungsbedürftigen, die zwar nicht selbst ihr Ende wünschen, die aber doch alle seine Phasen auch als Schauspiel betrachten und dessen Wirkung auf die Mitwelt genau beobachten. Sie können die große Pose, die sie im Leben über alles liebten, auch im Sterben nicht ablegen.“ (Ansohn 100). Ich habe die Gruppen hier in aller Kürze dargestellt. Es gibt sicher noch mehr Versuche, Sterbende bestimmten Typen zuzuordnen. Der Mensch, der Sterbehilfe leistet, darf seine Kranken allerdings nicht in bestimmte Schemata einteilen. Er muss in jedem Menschen eine individuelle Person sehen, die er erst kennen lernen muss, um ihr dann auch wirklich beistehen zu können. [...]

c) Verschiedene Reaktionen auf den drohenden Tod Jeder Mensch lebt sein eigenes Leben. Kein Menschenleben gleicht dem anderen. Jeder Mensch stirbt daher auch seinen eigenen Tod. Wie viele Individuen es gibt, so viele Reaktionen auf den Tod gibt es. Es gibt Menschen, die durch das Leben verbittert wurden und die auch im Sterben nicht verzeihen können. Es gibt aber auch Menschen, die in ihrer letzten Stunde froh und heiter sind. Folgendes Shakespeare Zitat spielt auf ihre Stimmung an: „Wie oft sind Menschen schon des Todes Raub, noch fröhlich worden! Ihre Wächter nennen’s den letzten Lebensblitz“ (Shakespeare 778) Stern versuchte die individuellen Reaktionen auf Tod und Sterben in acht Gruppen zusammenzufassen und zu beschreiben: 1. (Tuberkulose, schwerster Blutverlust nach Verletzung:) „Trotz voller Einsicht in die Lebensgefahr ist der Kranke völlig ruhig, gleichgültig, seinem bevorstehenden Ende gegenüber indifferent.“ (Ansohn 98 f) 2. (Herz, Tuberkulose, Krebs:) „Auch diese Sterbenskranken sind ruhig, aber nicht gleichgültig. Sie haben die Angst überwunden und sterben klar und bewusst.“ (Ansohn 99) 3. (gut situierte Kranke:) „Der Kranke revoltiert gegen seinen Tod, will sein Leben verlängert sehen, leidet schwer.“ (Ansohn 99) 4. „Die Kranken sterben in christlichem Glauben an die Auferstehung. Sie hoffen auf die Vereinigung mit Christus. Dies hat oft starke Wirkung auf die Mitpatienten. Auch der Gedanke der Aufopferung des eigenen Lebens für das Heil anderer ist bei zahlreichen katholischen Sterbenden sehr lebendig. Angst vor der Verdamm- [...]

c. Zusammenfassung Wir haben versucht, die Frage zu beantworten: Was heißt „Sterben““. Wir wollen jetzt eine Antwort versuchen. Sterben heißt, das Leben in freier Entscheidung zu vollenden, obwohl wir dem Tod infolge unseres biologischen Ablebens schicksalhaft unterworfen sind. Wir haben gesehen, dass diese Vollendung nicht erst in der Sterbestunde beginnt: Wir erleben in unserem Leben immer wieder Situationen, die uns auffordern, das Sterben einzuüben. Was folgt aus diesen Überlegungen für eine praktizierte Sterbehilfe? 1. Sterbehilfe ist nur möglich, wenn das Ineinander von Zustandsfolgen, die Sache unseres biologischen Schicksals sind, und der Inhaltsfolgen, die Sache der menschlichen Freiheit sind, klar erkannt und voll gewürdigt wird. 2. Sterbehilfe beginnt nicht erst kurz vor dem Lebensende. Jede Krankheit zeigt unsere Todesnähe. Es ist für den wichtig, der Sterbehilfe leistet, dass er den Tod immer vor Augen hat, auch wenn nicht von ihm die Rede ist. [...]

Arbeit zitieren:
Hemker, Gerhard Februar 1974: Die Hoffnung der Kranken und Sterbenden, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Sinnfrage, Notlage, Schicksal, Tod, Grenzsituation

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