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Normativität und Moralität in der (früh-)bürgerlichen Pädagogik (A.H. Francke u.a.)

Normativität und Moralität in der (früh-)bürgerlichen Pädagogik (A.H. Francke u.a.)
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jürgen Weber
  • Abgabedatum: Oktober 1996
  • Umfang: 134 Seiten
  • Dateigröße: 821,5 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8349-4
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8349-4 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8349-4 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Weber, Jürgen Oktober 1996: Normativität und Moralität in der (früh-)bürgerlichen Pädagogik (A.H. Francke u.a.), Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Anthropologie, Pietismus, Erziehung, Religion, christlich

Diplomarbeit von Jürgen Weber

Problemstellung:

Mit dem Zug zu Rationalisierung der Wirtschaft im aufkommenden Rationalismus und Merkantilismus der Neuzeit war für Fürsten wie auch für die Handel treibenden Bürger die Notwendigkeit zur Formung eines neuen rationaler als früher arbeitenden und berechenbaren Menschen gegeben.

Dem erzieherischen Denken des Pietismus nun und insbesondere dem theologischen und pädagogischen Anspruchs des Gründers der Halleschen Srtiftungen, August Hermann Francke (1663 – 1727), kann nun keineswegs nachgesagt werden, dass es a priori bloß die erzieherische Formung und Bereitstellung von Arbeitsklientel für die neuen ökonomischen Bedürnisse der frühkapitalitischen Gesellschaft intendiert hätte, ohne gerade die metaphysische Einbindung ihrer Zöglinge in ein christliches Weltbild und ein ebensolches Lebensgefühl und Ethos zu unternehmen: Letzteres war sicherlich der mächtigste pädagogische Antrieb, den man der Gefühlsfrömmigkeit der Pietesten plausibel und aufrichtig unterstellen möchte, wenn wir Ihre Schriften heute rezipieren.

Zeichnen wir nun Franckes pädagogischen Gesamtentwurf nach, so gewahren wir als durchgängige Linie seines anthropologischen Denkens, dass das menschliche Wesen –und hier folgt den christlichen Lehrern der Tradition von Augustinus an- durch die Erbsünde von der Wurzel her so verzerrt, gestört und verdunkelt ist, dass er von alleine niemals „gut“ werden könnte und auch nicht zu einem guten und vernünftigen Handeln fähig wäre, würden ihn nicht christliche Lehre und Unterweisung leiten. Allerdings betont Francke noch deutlich mehr als z. B. die katholische Tradtion die absolute Verdorbenheit des Menschen vor der totalen Unterwerfung unter Gott (S. 24 – 32).

Und nun kann es wohl kaum übertrieben heißen zu sagen, dass diese so von Francke verstandene und mittels seines „Bekehrungserlebnisses“ auch praktizierte Unterwerfung unter Gottes Herrschaft in der erzieherischen Praxis zunächst die Unterwerfung unter die Herrschaft der sich selbst als Agenten Gottes wähnenden Pädagogen bedeuten mußte. Herrschaft insofern, dass die Organisationsweise der Franckeschen Pädagogik nachhaltig darauf ausgerichtet war, nicht nur an eine Anpassung und Einübung der Kinder unter die bestehenden Verhältnisse zu gelangen, sondern den Willen des Zöglings unter Kontrolle zu bringen, ja eigentlich ihn zu brechen, um ihn bereit werden zu lassen, sich in die christliche Schul- oder Gemeindeordnung willfährig einzufügen.

Ab dem Punkt dieser Einsicht dürfen wir uns die Frage stellen, ob die Strenge der pietistischen Pädagogen und besonders Franckes, den in einer verdorbenen Welt völlig verloren gedachten Menschen entschlossen und sehr diszipliniert in eine höhere Wirklichkeit einzuführen, für viele so geprägte Individuen und Generationen tragische Züge annehmen mußte, allein schon in Hinsicht einer geglückten und reifen seelischen Entwicklung des Selbst. Zuletzt schließt sich der Kreis, blicken wir auf die so neu entstehenden Ausbeutungspotentiale für die sich im (früh-)bürgerlichen Zeitalter entfaltende merkantilistische Arbeits-organisation, welche in der europäischen Geschichte eine neue Dimension der Ausbeutung und Entfremdung von selbstbestimmter Arbeit darstellt.

Bei aller Kritik an den in der Praxis in ihren psychischen Folgen für den einzelnen kaum problematisch genug einzuschätzenden Methoden von Franckes Erziehungslehre sollte selbstverständlich nicht vergessen werden, dass Francke mit seinem Organisationstalent es gelungen ist, den noch unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges leidenden Generationen von heimatlosen und als Proletarier dahinvegetierenden Kindern durch seine Anstaltsgründungen eine Chance zur Anbindung an eine geordnetes, ökonomisch sich selbst tragendes Leben in einer sich in schwierigen Umwälzungsprozessen befindlichen Gesellschaft zu geben. Über den theoretisch wie praktisch dafür zu erahnenden Preis handeln die Ausführungen unserer Arbeit.

Inhaltsverzeichnis:

I. Bedingungsfaktoren für A.H. Franckes Pädagogik
1.0 Einführung 6
2.0 Die Pädagogik des Pietismus(A.H. Francke)oder: Die Korruption von pädagogischer Theorie und Praxis durch einen ideologischen Zugriff 8
2.1 Der historische Standort des „Unternehmens“ von August Hermann Francke (1663-1727) 8
2.1.1 Umrisse von Franckes Biographie 8
2.1.2 EXKURS: Ideologische Implikationen von Franckes „Bekehrungserlebnis“ im Sinne von Selbstzeugnis und Bekehrungsintention 10
2.1.3 (Sozial-)geschichtliche Bedingungszusammenhänge und Vorraussetzungen für Franckes organisatorisch-ökonomisches und sein pädagogisches Engagement 18
a.) Absolutismus und Merkantilismus 18
b.) Das Manufakturwesen und die unbewältigte Verdrängung des Feudalismus 20
II. Systematisch-methodische Inhalte
3.0 Anthropologische Vorstellungen 23
3.1 Das >geistige Umfeld< im Zeitalter des frühen Bürgertums 23
3.2 Anthropologische Vorstellungen in Franckes Gesamtwerk 27
a.) Die durchgängige Linie: Der Mensch in (pseudo-)biblischer Sichtweise und die bewußte Verzweckung anthropologischer Aussagen zu der Ideologie einer „allgemeinen Reform“ 27
b.) Die Verdorbenheit des >natürlichen Lebens< und diejenige des Menschen qua Naturwesen 30
c.) Die grundsätzliche Geneigtheit des Menschen zum Bösen und Ansätze einer >Stufenlehre< des Bösen 32
d.) Die Vorrausetzung einer >Seele< und die Bedingungen ihrer Konstruktion 35
e.) Das Gewissen als Organ der inneren Mahnung und seine (vor-)pädagogische Relevanz 37
4.0 Sexualanthropologie und –pädagogik 40
4.1 (Sexual-)Moralische Vorstellungen im Übergang von der Ständegesellschaft zum frühbürgerlichen Zeitalter 40
a.) Familie 40
b.) Anschauungsweisen von Sexualität im frühbürgerlichen Zeitalter 42
4.2 Sexualanthropologie und -pädagogik bei A. H. Francke 46
a.) Ein patriarchales Modell des Verhältnisses der Geschlechter 46
b.) Die traditionell-abendländische Konstruktion der Geschlechterrrollen bei A. H. Francke 47
c.) Die Denunziation des Leiblichen und des Sexuellen als Entwicklungsgeschehen: Eine >negative< Entwicklungspsychologie von Kindheit und Jugend 51
d.) Der notwendige Zusammenhang von bildlicher Vorstellungskraft, Phantasie, „Erdichtungen“ und Lüge 54
4.3 Kritik von Franckes anthropologischen Vorstellungen 56
5.0 Zur Theologie des >frühen< Pietismus (Francke, Zinzendorf) 59
a.) Die wesentliche Normativität der Ordnung Gottes 59
b.) Der >Naturalismus< in Analogien bei Predigt und Katechetik und implizite Hinweise auf den pädagogischen Bezug 60
c.) Inhalte und Konsequenzen der „Ordnung Gottes“ 62
d.) Die Unsicherheit der Gnade und der Kampf um die Erlösung: die subjektive Erfahrung der Rechtfertigung vor Gott 65
e.) Die „Liebe Gottes“ und das Liebesverhältnis zu Jesus Christus: Die Erlangung der Gottseligkeit 67
f.) Gefahren und Problemstellungen im Hinblick auf die Bildung: Verstellung und Verhinderung eigentlicher Mündigkeit 70
6.0 Die pädagogische Methodenlehre A.H. Franckes
6.1 Pädagogik als Erfüllungsinstanz von Theologie: Die Unterwerfung unter die Ordnung(Gottes) unter dem Anspruch der „Pietät“ 75
a.) Pädagogik als >Magd< der Theologie: Erziehung zur „Ehre Gottes“ 75
b.) Eine Pädagogik der Überwachung und des Freiheitsentzuges 76
c.) Die Unterwerfung des Kindes unter die Ordnung Gottes durch das Brechen seines Willens 79
6.2 Die Reduktion und Degeneration des pädagogischen Bezugs (Nohl) zu einem weitgehend autoritären Zugang zum Kind und seiner Welt 82
a.) Die notwendige Umformung der an den Educandus heranzutragenden kulturellen Forderungen 83
b.) Die Einsicht in den historischen Wandel des „ Wohls“ des Zöglings 84
c.) Ein Verhältnis um der Wechselwirkung der beiden >Partner< willen 84
d.) Die prinzipielle >Unerzwingbarkeit< des pädagogischen Bezugs 85
e.) Die prinzipiell notwendige >Freigabe< des Zöglings zu dessen eigenem Lebensentwurf 86
f.) Die notwendige Überwindung und Lösung des pädagogischen Bezugs 88
6.3 Die pädagogische Reaktion auf den Widerstand des Kindes: Wahrnehmung, Interpretation von und Umgang mit den Phänomenen „Verhaltensauffälligkeit,“ „Verhaltensstörung“ und „Verwahrlosung“ bei A.H. Francke 89
a.) “Verbrechen“ und “Sünde“ als Kennzeichnungen und Werturteile kindlichen Handelns 89
b.) Die Kollusion kindlicher „Auffälligkeit“ und Unangepaßtheit an religiös gesellschaftliche Normen mit den Vorgaben einer prinzipiengeleiteten Pädagogik 91
c.) Eine Pädagogik der “Zucht und Vermahnung zum Herrn“ (Paulus an die Epheser) 93
d.) Die pädagogische Stigmatisierung des Abweichlers - “Besserung“ durch Beschämung 96
e.) Die Archivierung und Kategorisierung der Regelverstösse 98
f.) Die pädagogische Antwort Franckes auf Behinderungen 99
6.4 Kritik der Methodologie 100
7.0 Die teleologische Problematik 101
7.1 Moralphilosophische und teleologische im >geistigen Umfeld< Franckes - Modelle des frühbürgerlichen Zeitalters 101
a.) Mensch 101
b.) Natur 102
7.2 Zielvorstellungen und -inhalte von Franckes Pädagogik 104
7.2.1 Die Person des Erziehers: Charakterliche und systematische Anforderungen an den“ Lehrstand“ -ein Idealbild christlichen Lebens 107
7.2.2 Der Utilitarismus als äußeres Kennzeichen
a.) Formale Stufe: Erziehungsziel Arbeitswilligkeit – Sozialisationshilfen zu (früh-)kapitalistischer Ausbeutbarkeit 107
b.) Ideologische Willkür im Entwurf der Erziehungsziele 108
c.) Inhaltliche Stufe: Eine Erziehung zur Enthaltung von den >Dingen der Welt< innerhalb der Welt 109
7.2.3 Ziele bei der Erziehung von Knaben und „Mägdlein“
a.) Die Mittelstellung der „guten Sitten“ zwischen der „Ordnung Gottes“ und der Welt 112
Die „exzentrische Positionierung“ des eigenen Willens:
b.) Die „gehorsame“ Delegation der Intentionalität an „Autoritäten“ 113
7.2.4 Kritik der Teleologie Franckes: Gehorsam ohne eigenen Willen ? 115
III. Hintergründe und notwendige Konsequenzen der Franckeschen Erziehungslehre
8.0 Die Unbedingtheit “menschlicher“ Ideale und die Ignoranz gegenüber dem realen Leiden: Versuch einer geistesgeschichtlichen Einordnung 116
8.1 Materialisierung des Idealen oder Idealisierung des Nicht-Lebendigen: Die abendländische idealistische Tradition und ihre Folgen 117
8.2 Der geistesgeschichtliche Standort A. H. Franckes -Versuch einer Abgrenzung 118
8.3 Die prinzipiell autoritäre Dimension im Denken A.H. Franckes 120
8.4 Ein gewalttätiger Idealismus und die Problematik der praktischen Verkörperung 121
8.5 Eine Versöhnung mit den Grundzügen der abendländischen Ordnung ? 126
Literaturverzeichnis 128

Automatisiert erstellter Textauszug:

(Goethe, Bekenntnisse einer schönen Seele, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 6. Buch; zit.n.: Prokop 1991, S. 156) Durchaus ohne nähere Analyse werden uns in Susannas Ausführungen die didaktische Zwanghaftigkeit des Franckeschen Glaubenssystems deutlich, wie sie vor allem wohl auf die des solcherart entpersönlichten Glaubens des Bekehrten zweckrationale Durchplanung zurückzuführen ist, besonders aber den Widerstand gegen dieses Unterwerfung heischendes System seitens der >anders< empfindenden Person, wie sie -am Beispiel Susannas betrachtet, gefühlshafte Fehldifferenzierung verweigerte und unbedingte Emanzipation, hier auf die Erfahrung Gottes hin, suchte. Nun soll es uns aber um die (wenigstens ansatzweise) systematischen Ausführungen gehen, die Francke in Predigt und Katechetik als Pastor und Lehrer im Sinne von Wegweisungen zu diesem Glauben >mit auf den Weg< gegeben hat. Nach dem bisherigen Stand unserer Erkenntnisse müßte es sich dabei -grundsätzlich- um eine (Ver-)Wandlung des alten in den neuen Menschen, um eine >Überführung< aus dem "Stand der Natur" in den "Stand der Gnaden" handeln. In seiner Predigt "Von der Wiedergeburt" (1697) spricht er als Mittel dieser Wandlung die "Heilige Taufe" und die (erwartungsgemäß damit einhergehende) Wirkung des "Heiligen Geistes" an. Diese stellen -nach der gläubigen und gehorsamen Rezeption des Wortes Gottesnotwendige, aber nicht hinreichende Vollzüge im menschlichen Heilsweg zu Gott dar, auf dem nach Francke eine Aktivität auch vom Menschen aus -wieder gegen unsere Erwartung aufgrund der anthropologischen Lehrinhalte- keineswegs fehlen darf - vor allem nicht das durchaus aktiv verstandene, willentliche Bewahren des Glaubens: "Siehe, wo nur der Mensch das Wort Gottes recht anhört, mit willigem Herzen daselbe aufund annimmt, da bringt es ihm die Kraft, daß er dadurch neu. Also müssen wir denn auch dieses wissen von der Wiedergeburt: daß zwar die Heilige Taufe und das Evangelium Mittel sind der Wiedergeburt, durch welche uns Gott wiedergeboren hat, daß aber solche dem Menschen nicht zu seinem Heil gereichen, wenn er nicht in dem rechten Glauben stehen bleibt." (Beyreuther a.a.O., S.36; Herv.v.mir, Verf.) Andererseits bleibt es bei der geforderten Offenheit für die zu erhoffende Wirkung des Heiligen Geistes nicht aus, daß eine bestimmte Art von Passivität zur notwenigen Tugend innerhalb des Heilsgeschehens wird, die wiederum in Spannung steht zum heilsnotwendigen Abwehrkampf gegen die Macht der Sünde: "Wenn aber ein Mensch, wenn er auch gleich bei der Religion bleibt, die Kraft des Heiligen Geistes nicht bei sich wirken lässet, lässet aber die Sünde bei sich herrschen, so fällt er aus dem Stand der Gnaden und aus seiner Wiedergeburt." (ebd.; Herv.v.mir, Verf.) Wiederum in den Bereich des so grundsätzlich verfehlten und verzerrten Bildes, das der Mensch für Francke als Naturwesen ja abgibt, führt hier die Kennzeichnung der Sünde des "Rückfalls", die Francke hier ganz betont auf das Verfolgen individueller Entscheidungen des Gläubigen, das Verfolgen eines eigenen Willens abhebt - anstelle der rechtgläubigen Rechtfertigung des eigenen Lebenswandels durch seine bewußte Totalisierung in den religiösen Raum hinein: "Wenn nun ein Mensch aufwächst und in der Welt aufgeht und sucht nicht in seinem ganzen Wandel, in seiner ganzen Haltung die Ehre Gottes, er setzt sich auch nicht vor, allein im Glauben [...]

Die bedrückende Erfahrung, unfähig zu sein zum (eigentlich geforderten) Glauben, seine drängende Sehnsucht nach eigener Glaubenssicherheit, sein geistliches Ringen darum und den eigentlichen Durchbruch zu einer erneuerten Glaubenserfahrung hat Francke selbst in dem von uns schon anfangs behandelten "Bekehrungserlebnis" eingehend dargelegt. Zur Wirkung jener eben skizzierten pietistischen "Ordnung Gottes" und ihren normativen Ansprüche bis an die innerlichsten Zonen des Menschen auf das subjektive Empfinden einer einzelnen Person sei hier einmal auf die von Goethe in den "Bekenntnissen einer schönen Seele" verdichtete Geschichte der (historischen) Susanna von Klettenburg erinnert, die Ulrike Prokop (1991) als "weibliche(n) Lebensentwurf der älteren Generation" (S. 106) und als radikale religiöse Sucherinxxx innerhalb der Frömmigkeitsformen und -bewegungen des 18. Jahrhunderts vorstellt: "Mir war es ernst mit meiner Seeligkeit (sic !). Bescheiden vertraute ich fremdem Ansehen; ich ergab mich völlig dem Hallischen Bekehrungssystem und mein ganzes Wesen wollte auf keinem Wege hineinpassen. Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des Herzens mit einem tiefen Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muß in dieser Not bald mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und Endlich muß den Vorgeschmack der Hölle kosten, der die Lust der Sünde verbittert. man eine sehr merkwürdige Versicherung der Gnade fühlen, die aber im Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden muß. Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so ließ er sich finden und hielt mir von den vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintenach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, und wußte auch, wo ich es noch war; aber die Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ... ." [...]

siehet die Schrift ins Herz und auf die Wurzel und Hauptquell aller Sünde, welchs ist der Unglaube im Grund des Herzen." (Luther 1955, S.118, Herv.v. mir, Verf.) Diese Linie im Hinblick auf eine Tradition christlicher (Erb-)Sündenlehre, die hier nur unter Hinweis auf ihre beiden wichtigsten Vertreter angedeutet werden kann und im einzelnen noch viel genauer nachzuzeichnen wäre, kann trotzdem zum Verständnis von Franckes eigenem "Sündenbegriff" nicht weggedacht oder unterschlagen werden. Kennzeichnend bei der Ausdifferenzierung des Sündenbegriffs in jener Traditionslinie vom Völkerapostel Paulus bis zum Pietismus Franckes scheint uns vor allem die "Verinnerung" des Bösen bis auf den "Grund des Herzens" (Luther) hin, wie sie Francke -was wir schon in der Besprechung seiner Anthropologie sehen konnten- eher noch bis ins (denkbare) Extrem verschärfte. (Keineswegs verschwiegen werden soll übrigens der Sachverhalt, daß die Allegorie des "Herzens" bereits in den Schriften des Alten Testaments gerne als Substrat für Gefühl, Affekt, Neigung und Wille herangezogen wird und so auch als Quelle und Vermögen menschlicher Bosheit gekennzeichnet werden kann; so z.B. Spr. 24,12: "Wolltest du sagen: <Wir wußten das nicht !> - wird er, der die Herzen prüft, dich nicht durchschauen ? Er, der auf deine Seele achtet, er weiß es und vergilt dem Menschen nach seinem Tun."; daran scheint Francke zuweilen in bewußter Weise anschließen zu wollen. ) [...]

Arbeit zitieren:
Weber, Jürgen Oktober 1996: Normativität und Moralität in der (früh-)bürgerlichen Pädagogik (A.H. Francke u.a.), Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Anthropologie, Pietismus, Erziehung, Religion, christlich

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