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Die Zeit heilt alle Wunden?

Re-Inszenierung psychischer Konflikte als heilsame Erinnerung bei psychisch traumatisierten Kindern

Die Zeit heilt alle Wunden?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Janine Bidinger
  • Abgabedatum: Februar 2004
  • Umfang: 112 Seiten
  • Dateigröße: 680,3 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule NRW Abteilung Münster Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8022-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8022-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8022-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bidinger, Janine Februar 2004: Die Zeit heilt alle Wunden?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Trauma, Phsychoanalyse, Übertragung, Szenisches Verstehen, Heimerziehung

Diplomarbeit von Janine Bidinger

Einleitung:

Immer wieder werden wir als Heilpädagogin mit alten psychischen Wunden der Kinder, mit denen wir arbeiten, konfrontiert, ohne dass es immer für uns oder die Kinder bewusst ist. Mit diesem Thema möchte ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen. Dabei bin ich auf zwei zentrale Begriffe gestoßen: `Trauma´ und `Re-Inszenierung psychischer Konflikte´. Ich werde mich hierbei auf fremduntergebrachte Kinder beziehen; vorwiegend Kinder, die in Heimeinrichtungen leben, wobei die dargestellten Sachverhalte sich auch auf Kinder in Pflegeverhältnissen beziehen lassen würden.

Ich habe diesen besonderen Schwerpunkt gewählt, da ich hier als Erzieherin bereits Praxiserfahrung gesammelt habe und diese Kinder mich mit dem von mir in dieser Arbeit beschriebenen Phänomen der Re-Inszenierung häufig konfrontierten. Dies begründet die Motivation meiner Auseinandersetzung mit diesem Thema. Zusätzlich konnte ich weitreichende Erfahrungen in einer Eltern-Kind-Diagnostikgruppe sammeln. Hier erlebte ich immer wieder, wie unverarbeitete Erfahrungen der Eltern an ihre Kinder weitergegeben wurden. Diese Arbeit wurde also auch von der Frage geleitet, wie solche Wiederholungen unterbrochen werden können.

Für das Thema Trauma habe ich mich entschieden, da die meisten Kinder, denen ich als Heilpädagogin begegnet bin, aber auch viele Mütter und Väter mit denen ich gearbeitet habe, einen Teil ihres Lebens unter traumatisierenden Bedingungen verbracht haben. Viele Menschen haben ein Trauma erlebt, müssen jedoch keine pathologische Störung daraus entwickeln. Nach der Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen ein Trauma erlebt werden kann und die darüber entscheiden, wie eine Person darauf reagiert, möchte ich diese Arbeit jedoch jenen widmen, die als Folge des Traumas Probleme in der Bewältigung ihres Lebens entwickelten. Dabei ist die Re-Inszenierung eine mögliche Folge von Trauma. In dieser Arbeit habe ich mich mit psychischen Wunden der Kinder in der Heimerziehung beschäftigt, mit denen wir als Heilpädagogen immer wieder konfrontiert werden, ohne das es uns oder den Kindern bewusst wäre.

Als psychische Wunde wird in dieser Arbeit eine psychische Traumatisierung zugrunde gelegt. Eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen ein Trauma erlebt werden kann und die darüber entscheiden, wie eine Person darauf reagiert soll eine Verstehensbasis für die fremduntergebrachten Kinder bieten.

Die Re-Inszenierung des psychischen Konflikts, der in dem Trauma entsteht, mit dem Heilpädagogen bietet eine Möglichkeit der heilsamen Erinnerung an das Trauma. Die Entstehung des psychischen Konflikts im Trauma wird aus psychoanalytischer Sicht betrachtet. Daraufhin geht es um die Begegnung zwischen traumatisierten Kind und Heilpädagogin in der Heimerziehung, in der der psychische Konflikt re- inszeniert werden kann, hierbei wird die Rolle der Heilpädagogin beleuchtet sowie die Möglichkeiten einer Verarbeitung des Traumas für das Kind in diesem Setting.

Theoretische Erkenntnisse über Traumata und Re-Inszenierungen psychischer Konflikte sind unerlässlich in der Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern. Durch ein tieferes Verständnis der Interaktion zwischen Kind und Heilpädagogen können sowohl Belastungen der Kinder als auch der Pädagogen reduziert werden. Diese Arbeit soll dazu beitragen, das in den scheinbar unangemessenen Verhaltensweisen fremduntergebrachter Kinder ein Sinn gesehen werden kann und Verstrickungen der Pädagogen erklärbar und reflektierbar werden. Wenn die Heilpädagogin durch Reflektion der Gegenübertagungsgefühle mit Hilfe der Konzepte des szenischen Verstehens und förderndes Dialogs auf das Kind eingehen und ihm eine adäquate Antwort geben kann wird eine Integration in das Selbst möglich.

Aus kontextuellen Gründen bezieht sich der Schwerpunkt der Arbeit auf interpersonell traumatische Erfahrungen innerhalb des eigenen Familiensystems. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei in Bereichen des sexuellen Missbrauchs, psychischer und physischer Misshandlung sowie Verwahrlosung. Die Teilgebiete der traumatisierenden Katastrophen und Unglücke mussten aus Platzgründen und der Übersichtlichkeit halber ausgeklammert werden. Als Einleitung in das Thema dieser Arbeit möchte ich ein Fallbeispiel aus meiner praktischen Erfahrung heranziehen. Ich werde hier die Ausdrucksform `PädagogInnen´ verwenden, da mehrere Professionen verschiedenen Geschlechts gemeint sind.

Thomas ist ein 8 Jahre alter Junge. Er lebt in einer heilpädagogischen Wohngruppe mit neun anderen Mädchen und Jungen. Besondere Probleme im Umgang mit Thomas ergeben sich dadurch, dass er immer wieder Regeln und Grenzen austestet und bei jeder Gelegenheit provoziert. Er fordert immer wieder eine wiederholte Erklärung der Gruppenregeln und seiner Grenzen, obwohl er sie selbst nur zu gut weiß. Setzt man ihm die Grenzen und weist ihn auf bestehende Gruppenregeln hin, dann kommt es in Folge häufig zu Wutanfällen und Machtkämpfen zwischen ihm und den PädagogInnen. Hierfür reichen kleine Anlässe, wie die Aufforderung, zum Abendessen in die Gruppe zu kommen oder das Verbot einen bestimmten Film im Abendprogramm zu sehen, manchmal schon aus. Dann fängt er an, die PädagogInnen zu beschimpfen. Macht Sachen der Gruppe kaputt und schimpft laut vor sich hin, bis man ihn zur Beruhigung in sein Zimmer schickt. Er hat in solchen Situationen ein `fieses Grinsen` und tut so, als wäre ihm die Bestrafung egal. In seinem Zimmer fängt er dann an zu randalieren, bis die PädagogInnen reagieren müssen. Er provoziert scheinbar eine härtere Strafe.

Die PädagogInnen ihrerseits fühlen sich in vielen Auseinandersetzungen mit Thomas hilflos und ohnmächtig und verspüren gleichzeitig Wut und eigene aggressive Impulse. Sie empfinden ihn in Wutanfällen oft als mächtig, als habe er sie `in der Hand`. Sie stellen daraufhin immer mehr Regeln und Strafen für Thomas auf und versuchen sich so auf Machtkämpfe mit Thomas vorzubereiten.

Ich habe Thomas in meinem Anerkennungsjahr zur Erzieherin kennen gelernt. Als wir einmal am Abendessenstisch saßen, sah ich, dass er noch ein Spielzeug bei sich trug, mit dem er unter dem Tisch spielte und auch andere Kinder damit ablenkte. Ich bat ihn, das Spielzeug zur Seite zu legen, damit alle einschließlich ihm selbst in Ruhe essen könnten. Er legte es erst zur Seite, nahm es aber kurze Zeit später wieder hervor und schien darauf bedacht, dass ich es merke. Ich bat ihn nun, mir das Spielzeug zu geben, damit ich es aus seiner Reichweite legen konnte. Er beteuerte daraufhin in einem übertrieben freundlichem Ton, es selbst wegzulegen und nicht wieder anzufassen, grinste aber gleichzeitig provokativ. Ich bat ihn erneut um das Spielzeug, woraufhin er es mir zwar gab, aber anfing, mich zu beschimpfen. `Sie sind gemein, fies! So was machen nur Sie! Sie können mich mal! So was darf man nur bei Ihnen nicht`. Gleichzeitig beschimpfte er Kinder, die ihn aufgrund seines Ausbruchs erstaunt ansahen, dass sie ihn nicht so `anglotzen´ sollen. Um das Abendessen für die anderen Kinder weiter zu er-möglichen, forderte ich ihn auf, vom Tisch aufzustehen und in sein Zimmer zu gehen, er könne später weiter essen, wenn er sich beruhigt habe und alle anderen fertig seien.

Daraufhin stand er zwar auf und ging nach oben, beschädigte auf dem Weg aber noch mehrere Sachen, provozierte die anderen Kinder mit Sprüchen und schimpfte laut vor sich hin. Im Zimmer fing er an, einen Tennisball permanent gegen die Tür zu werfen und durchs geöffnete Fenster Kinder, die draußen spielten, zu beschimpfen. Immer wieder beschimpfte er auch mich. Ich schaute zwischendurch nach ihm und sprach mit ihm ab, dass, wenn er ruhiger geworden war, er wieder am Gruppenleben teil haben kann. Er schien nicht empfänglich für diese Worte. Ihm schien alles egal. Er wirkte auf mich mächtig und hatte einen missachtenden Gesichtsausdruck. Zehn Minuten später, die er im Zimmer verbracht hatte, war Thomas dann ansprechbar und vollkommen ruhig. Er wirkte danach auf mich, als wolle er weinen, tat dies aber nicht.

Ich habe mich in dieser und vielen anderen ähnlichen Konflikten sowohl hilflos als auch ohnmächtig gefühlt. Gleichzeitig hat mich das in meinen Augen unverständliche und unnötig heftige Verhalten von Thomas wütend gemacht. Ich spürte in mir den Wunsch, ihn durch Strafen wieder `unter Kontrolle` zu bringen. Denn in vielen Auseinandersetzungen mit Thomas hatte ich eher das Gefühl, dass er mich unter Kontrolle hat.

Mit vielen ähnlich anmutenden Situationen bin ich oft in meiner beruflichen Praxis konfrontiert worden, ebenso konnte ich viele solcher Konflikte zwischen KollegInnen und Kindern beobachten. Was ist nun das Besondere an diesem Verhältnis zwischen Kindern und PädagogInnen?

Erkennbar ist hierbei, dass das Ausmaß der Reaktion der Kinder und der PädagogInnen nicht mehr dem Auslöser und der Lage angemessen ist. Es gibt zwar einen Auslöser auf der Realebene, doch betrachtet man den weiteren Verlauf der Szene , hat man das Gefühl, dass sich Kind und PädagogInnen auf einer anderen Ebene bewegen als dieser. Die Kinder verhalten sich so asozial, dass das Ausmaß und die Form ihres Verhaltens sich nicht mehr mit der Situation erklären lässt. Die Kinder handeln höchst aggressiv, provokativ und destruktiv. Die PädagogInnen fühlen sich daraufhin hilflos, ohnmächtig, wütend und reagieren mit Kontrollversuchen wie Drohungen, Strafen und ähnlichem.

Ich werde in dieser Arbeit sowohl für die Reaktion des Kindes als auch der PädagogInnen eine Erklärung darstellen. Dabei werde ich mich auf die Profession der Heilpädagogin beschränken, außer bei der Darstellung des Fallbeispiels. Diese Arbeit zeigt hinsichtlich des strukturellen Aufbaus eine Herangehensweise, die funktional an Handlungskonzepte der Heilpädagogik angelehnt ist.

Dabei bringt einerseits die Heilpädagogin einige Grundhaltungen und Kompetenzen in ihre Tätigkeit mit (Kapitel 2), zum anderen hat das Kind, bevor es der Heilpädagogin anvertraut wird, gewisse Erfahrungen gemacht. Ich gehe in dieser Arbeit davon aus, dass diese Kinder traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und werde daher in Kapitel 3 `Trauma und dessen Folgen´ ausführlich beschreiben, um eine Verstehensbasis für diese Kinder darzulegen.

Beide treffen nun im Heimalltag aufeinander und die Interaktion ist geprägt von den Erfahrungen des Kindes. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Frage, wie diese Situationen zu verstehen sind. In Kapitel 5 wird die Rolle der Heilpädagogin in diesem Prozess eine Rolle spielen und heilpädagogische Konzepte, die dazu beitragen können, dass die Interaktion zwischen Kind und Heilpädagogin zu einer heilsamen Erfahrung werden kann.

Vor allem bei den Darstellungen zum Trauma habe ich wissenschaftsübergreifende Erkenntnisse eingebracht, während ich mich in Kapitel 4 hauptsächlich der Psychoanalyse als Erklärungsansatz zugewandt habe. Begründungen und Erläuterungen zur Begriffswahl habe ich immer an entsprechenden Stellen eingefügt. An dieser Stelle möchte ich jedoch darauf hinweisen, das ich psychisches Trauma, Traumatisierung und traumatische Erfahrung synonym verwende. Da ich in dieser Arbeit nur von psychischer Traumatisierung spreche, werde ich zugunsten der besseren Lesbarkeit den Zusatz psychisch nicht immer beifügen. Leider wurde schnell deutlich, dass der Rahmen der Diplomarbeit nicht ausreichen wird, um die Komplexität des Themas „Re-Inszenierung psychischer Konflikte als heilsame Erfahrung bei psychisch traumatisierten Kindern“ darzustellen. Deshalb mussten leider viele Aspekte dieses Thema unbeachtet bleiben oder konnten nur ansatzweise erläutert werden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort: Kinder, die hilflos machen 6
2. „Wir müssen das Kind verstehen, bevor wir es erziehen!“ - ein heilpädagogischer Verstehensansatz 10
2.1 Selbstverständnis der Heilpädagogik 10
2.2 Heilpädagogisches Menschenbild 11
2.3 Personales Angebot 12
2.4 Heilpädagogische Methodik/Therapeutik 13
2.5 heilpädagogisches Milieu 14
3. Psychische Traumatisierung bei Kindern 16
3.1 Die Entwicklung der Traumaforschung 16
3.2 Definition von psychischen Trauma 20
3.2.1 Allgemeine Definition 20
3.2.2 Kinderspezifische Definition 22
3.3 Definition traumatischer Erfahrungen 25
3.4 Individualität von Trauma 27
3.4.1 Die Bedeutung von Risiko- und Schutzfaktoren 27
3.4.2 Trauma und Entwicklung 30
3.4.2.1 Das Bindungsverhalten 31
3.4.2.2 Die Hirnentwicklung 35
3.4.3 Unmittelbare Reaktion in einer traumatischen Situation 37
3.5 Reaktion auf das Trauma 40
3.5.1 Intrusion 40
3.5.2 Konstriktion 43
3.5.3 Hyperarousel 44
3.6 Die posttraumatische Belastungsstörung 46
4. Re-Inszenierung psychischer Konflikte als Folge des unverarbeiteten Traumas 54
4.1 Psychoanalyse 54
4.1.1 Grundannahmen der Psychoanalyse 55
4.1.2 Die Relevanz der Psychoanalyse 57
4.1.3 Psychoanalyse und Trauma 58
4.2 Der psychische Konflikt 59
4.3 Abwehrmechanismen bei Traumatisierung die zur Re-Inszenierung führen 61
4.4 Zum Phänomen derRe-Inszenierung 69
4.5 Das Konzept der Übertragung und Gegenübertragung als Basis der Re-Inszenierung 74
4.6 Das Motiv der Re-Inszenierung 76
5. Die Bedeutung der heilpädagogischen Beziehung in der Re-Inszenierung 83
5.1 Die Real- und Übertragungsbeziehung 83
5.2 Übertragungsauslöser 84
5.3 Die Auswirkungen der Re-Inszenierung auf die Heilpädagogin in der Gegenübertragung 86
5.4 Szenisches Verstehen und fördernder Dialog als heilpädagogische Antwort 90
6. Nachwort 97
7. Literaturverzeichnis 102

Automatisiert erstellter Textauszug:

Spaltung kann bei einer Traumatisierung in zwei Formen stattfinden: Einmal beim Opfer selbst, in dem es in der traumatischen Situation spaltet und sich so die guten, unbeschädigten Anteile des Selbst erhält. Auf der anderen Seite kann die Einstellung des Opfers zum Täter von Spaltung betroffen sein. Das Kind erhält sich, um nicht von der Angst vor dem traumatisierenden Elternteil überwältigt zu werden, die guten Anteile dieser Person und spaltet die bösen, also ihr Verhalten in der traumatischen Situation, ab. Gerade Opfer von sexuellem Missbrauch spalten den Täter häufig, damit ihnen der gute Elternteil erhalten bleibt. Dies ist auch als eine Hoffnung zu verstehen. [...]

Ich werde mich nun auf das Zusammentreffen traumatisierter Kinder und Heilpädagogin im erzieherischen Alltag konzentrieren. Hierbei soll, auf dem Hintergrund der Traumatisierungserfahrungen dieser Kinder, dargestellt werden, wie bestimmte Situationen gesehen werden können und mit ihnen umgegangen werden kann. Die Interaktion zwischen Kind und Heilpädagogin werde ich hauptsächlich aus psychoanalytischer Sicht betrachten, da die ersten Ansätze zur Traumatheorie aus dieser Fachrichtung stammen. Eine Begründung, warum ich die Psychoanalyse für heilpädagogisch relevant erachte, findet sich in Punkt 4.1.2. Nach BITTNER (1985,32) ist die Psychoanalyse eine Verstehenslehre. In Kapitel 2 habe ich betont, das die Heilpädagogin ebenfalls erst das Kind verstehen und dann erziehen will, damit ist die psychoanalytische Herangehensweise an den Menschen der Heilpädagogik am nächsten, deshalb habe ich mich für sie entschieden. Das Problem aus lerntheoretischer oder sogar medizinischer Sicht zu betrachten wäre mit Sicherheit zusätzlich interessant, würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Die Heilpädagogin sollte nach Möglichkeit jedoch immer diese mit einbeziehen, um einer Einseitigkeit in der Betrachtung vorzubeugen. Wenn ich im Folgenden von traumatisierten Kindern spreche, meine ich damit jene, bei denen das Trauma nicht in die Person integriert und damit nicht verarbeitet werden konnte. [...]

Bei Thomas wurde keine posttraumastische Belastungsstörung durch die behandelnde Kinder- und Jugendpsychiatrie diagnostiziert. Vielleicht wurde diese Diagnose aber auch gar nicht in Erwägung gezogen, hierzu sind mir keine näheren Informationen bekannt. Aufgrund eigener Beobachtungen und derer durch die KollegInnen mit Thomas lässt sich jedoch eine Traumatisierung vermuten. Thomas ertrug es nicht, alleine zu sein, wenn andere draußen im gemeinsamen Gruppenraum spielten. Er war immer als erstes wach und musste aus einem Kontrollbedürfnis heraus wissen, wie die anderen sich beschäftigen. Auch nachts war er oft noch spät wach. Oft sprach er auch in der Toilette laut vor sich hin, was einerseits als Provokation verstanden werden kann, andererseits aber vielleicht auch seine Angst ausdrückt, an einem Ort alleine zu sein und hinter geschlossener Tür nicht zu sehen, was vor sich geht. Thomas zeigte sich nie anderen gegenüber ängstlich, sondern spielte sich eher auf. Er tat immer so, als wäre er der Stärkste. In Beziehungen zu anderen Kindern bot er sich an, versuchte sich Freundschaften zu `erkaufen´, indem er Süßigkeiten verteilte. Thomas wirkte oft auf alle Pädagogen als habe er `Hintergedanken´ in Beziehungen zu den anderen Kindern. Einerseits hatten alle das Gefühl, er böte sich an, andererseits aber wiederum forderte er auch viel von anderen Kindern und überredete sie, ihm zum Beispiel etwas auszuleihen, weil er ihnen in solchen Momenten fast kein Entkommen aus der Situation bot, er rückte ihnen dann körperlich näher und redete schnell und intensiv auf sie ein, so dass dieses Verhalten an eine Bedrohung erinnerte, obwohl sie nicht offensichtlich war. Es kamen bei den Pädagogen ganz häufig Fantasien auf, das er etwas heimlich tue. Auch den PädagogInnen gegenüber zeigte er manchmal provokant-aggressives Verhalten, ein anderes Mal eher anbietendes, unterwürfiges Verhalten. Er suchte ständig und mit allen Personen nach Streit, provozierte vor allem schwächere Kinder. Er `explodierte´ bei vielen kleinen Anlässen. Thomas vergaß oft Dinge. Er war hier nicht gut einschätzbar, man wusste nie, ob er die Vergesslichkeit spielt und benutzt, um zu provozieren und Regeln aufs Neue auszuhandeln, oder ob er bestimmte Inhalte wirklich vergessen hatte. Emotionen wie Trauer oder Enttäuschung konnte Thomas nicht adäquat ausdrücken, er verwandelte sie in Aggressionen, Wutausbrüche oder in dem er sich zurückzog, damit keiner etwas merkte. Oft hatte ich bei Thomas´ Wutausbrüchen das Gefühl, unterdrückte Tränen in seinen Augen zu sehen. Über Zukunft oder Vergangenheit sprach Thomas nie. Auch wenn ich an dieser Stelle wegen einer fehlenden Diagnosestellung nicht mit Sicherheit feststellen kann, das er traumatisiert ist , so zeigen sich meines Erachtens nach jedoch viele Hinweise auf eine posttraumatische Belastung, die sich vor allem in seinen Beziehungen zu anderen spiegelt. [...]

Arbeit zitieren:
Bidinger, Janine Februar 2004: Die Zeit heilt alle Wunden?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Trauma, Phsychoanalyse, Übertragung, Szenisches Verstehen, Heimerziehung

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