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Korporatismus und Pluralismus in Theorie und Praxis

Ein Vergleich der Organisationslogik industrieller Spitzenverbände in Deutschland und den USA am Beispiel des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der National Association of Manufacturers (NAM)

Korporatismus und Pluralismus in Theorie und Praxis
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Erwin Berger
  • Abgabedatum: Juli 2003
  • Umfang: 111 Seiten
  • Dateigröße: 14,7 MB
  • Note: 2,3
  • Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7775-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7775-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7775-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Berger, Erwin Juli 2003: Korporatismus und Pluralismus in Theorie und Praxis, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Verbände, Industrieverbände, Bündnis, Lobbying

Diplomarbeit von Erwin Berger

Einleitung:

Kanzlerkandidat Gerhard Schröder machte das Bündnis für Arbeit 1998 zum zentralen Thema im Bundestagswahlkampf. Im „Zusammenwirken von Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften“ sollte – zum Gemeinwohl der ganzen Gesellschaft – im Rahmen einer „korporativen Politik … dauerhaft mehr Beschäftigung entstehen“ (Gerhard Schröder, Das Bündnis als Fokus unserer Politik der neuen Mitte, in Hans-Jürgen Arlt / Sabine Nehls (Hrsg.), Bündnis für Arbeit, 1999, S. 50).

Viele Erwartungen, die an das Bündnis gestellt worden waren, sind letztendlich nur Programm geblieben und am 4. März 2003 war auf der Titelseite der Financial Times Deutschland zu lesen: „Schröder erklärt Bündnis für tot.“ (Financial Times Deutschland, 4.3.2003) In der von jeher als „pluralistisch“ bezeichneten Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ein solches Bündnis von Spitzenverbänden und Regierung völlig undenkbar. Interessengruppen wenden hier ausgefeilte Techniken wie grass roots lobbying oder die Bildung von Political Action Committees an, um einzelne Politiker in ihrem ganz eigennützigen Interesse zu beeinflussen.

Schon seit den frühen Jahren der Bundesrepublik treten in Deutschland korporatistische Einrichtungen in zyklischen Abständen auf. Angesichts der politischen Relevanz, die solchen Institutionen immer wieder beigemessen wird, stellt sich die Frage nach der theoretischen und praktischen Bedeutung von „Korporatismus“. Stellt er das Gegenstück zu „Pluralismus“ dar?

In dieser Arbeit sollen die Unterschiede zwischen diesen beiden Formen der Interessenvermittlung im politischen Prozess untersucht werden. Dies geschieht zum einen anhand eines Vergleichs der beiden theoretischen Konzepte. Zum anderen soll an konkreten Beispielen analysiert werden, in welchem Ausmaß sich die theoretischen Definitionsmerkmale von „korporatistischen“ und „pluralistischen“ Verbänden in der Praxis wieder finden. Zu diesem Vergleich werden die industriellen Spitzenverbände Deutschlands und der Vereinigten Staaten von Amerika herangezogen. Es soll dargestellt werden, inwieweit der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die National Association of Manufacturers (NAM) in ihrer organisatorischen Struktur und in den von ihnen angewandten Methoden der Interessenvermittlung den erarbeiteten Kriterien entsprechen. Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in folgende Abschnitte:

Zunächst soll anhand der Entwicklung der Konzepte von Korporatismus und Pluralismus ein theoretischer Bezugsrahmen bereitgestellt werden. Nach einem chronologischen Abriss der theoriegeschichtlichen Evolution vom Pluralismus hin zum Korporatismus werden beide Theorien miteinander verglichen.

Im nächsten Teil wird ein Überblick über das deutsche und das amerikanische Verbandswesen gegeben. Es wird dabei auch überprüft, inwieweit die zu vergleichenden Interessenverbände über eine Exklusivstellung auf dem industriellen Sektor verfügen.

Darauf folgt eine kurze Übersicht über die historische Entwicklung von BDI und NAM, die verdeutlichen soll, wie das heutige Selbstverständnis beider Verbände schon durch ihre Wurzeln geprägt wird.

Im empirischen Teil der Studie wird die Organisation von BDI und NAM auf ihre Struktur und auf die interne Willensbildung hin analysiert. Dabei wird auch auf die Rolle des Mittelstandes im jeweiligen Verband und auf die Dienstleistungen, die Mitgliedern angeboten werden, eingegangen. Die Ergebnisse werden miteinander verglichen und in Bezug zur Theorie gesetzt.

Einblicke in die praktische Arbeit der beiden Verbände soll der letzte Hauptteil der Arbeit gewähren. Hier werden an konkreten Beispielen die Methoden der Einbringung in den politischen Prozess untersucht. Für den BDI werden dazu die Konzertierte Aktion von 1967 bis 1977 und das Bündnis für Arbeit von 1998 bis 2003 herangezogen. Für die NAM soll näher beleuchtet werden, auf welche Weise sie sich für die Gewährung der Trade Promotion Authority eingesetzt hat und was sie mit dem Business Industry Political Action Committee verbindet. Auch hier soll die Theorie auf die praktischen Ergebnisse bezogen und gezeigt werden, wie korporatistisch oder pluralistisch der BDI und die NAM sind. Eine zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse erfolgt schließlich im Fazit.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung und Fragestellung 5
II. Die zugrunde liegenden Theorien: Pluralismus und Korporatismus 7
1. Die Pluralismustheorie 7
2. Kritik an der Pluralismustheorie 10
2.1 Machtverteilung im Pluralismus 10
2.2 Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ 11
3. Die Korporatismustheorie 12
4. Zusammenfassung: Das Verhältnis zwischen Pluralismus und Korporatismus 15
III. Das Verbandswesen in Deutschland und den USA 19
1. Das Verbandswesen in Deutschland 19
1.1 Gesamtzahl der Verbände 19
1.2 Verbände im Wirtschaftsbereich 19
1.3 Exklusivität des BDI 21
2. Das Verbandswesen in den USA 21
2.1 Gesamtzahl der Verbände 21
2.2 Verbände im Wirtschaftsbereich 22
2.3 Exklusivität der NAM 23
3. Vergleich 24
IV. Historische Entwicklung von BDI und NAM 25
1. Historische Entwicklung des BDI 25
2. Historische Entwicklung der NAM 27
3. Vergleich 29
V. Organisatorische Struktur von BDI und NAM 31
1. Organisatorische Struktur des BDI 31
1.1 Struktureller Aufbau 31
1.2 Niederlassungen und Personal 33
1.3 Organe 34
1.3.1 Mitgliederversammlung 34
1.3.2 Präsidium 35
1.3.3 Vorstand 35
1.3.4 „Vizepräsidium“ 36
1.3.5 Präsident 37
1.3.6 Geschäftsführung 37
1.3.7 Ausschüsse und Arbeitskreise 38
1.4 Mittelständische Unternehmen im BDI 39
1.5 Dienstleistungen für Mitglieder 40
1.6 Verdeckte Einzelmitgliedschaften im BDI 42
2. Organisatorische Struktur der NAM 45
2.1 Struktureller Aufbau 45
2.2 Niederlassungen und Personal 46
2.3 Mitgliedsverbände in der NAM 46
2.4 Organe 48
2.4.1 General Membership Meeting 48
2.4.2 Board of Directors 48
2.4.3 Executive Committee 50
2.4.4 Finance Committe 50
2.4.5 President and CEO 51
2.4.6 Policy Committees 51
2.5 Mittelständische Unternehmen in der NAM 52
2.6 Dienstleistungen für Mitglieder 53
3. Zusammenfassung 55
VI. Methoden der politischen Einbringung 63
1. BDI: Privilegierte Einbringung in Gremien 63
1.1 Die Konzertierte Aktion 63
1.2 Das Bündnis für Arbeit 65
1.3 Gründe für das Scheitern korporatistischer Institutionen in Deutschland 68
2. NAM: Direktes Lobbying 69
2.1 Trade Promotion Authority 70
2.2 Die NAM und BIPAC 73
3. Zusammenfassung 75
VII. Fazit 78
VIII. Anhang 81
1. Satzung des BDI (Stand: 26. November 2001) 81
2. Constitution of the NAM (Stand: 31. Oktober 2001) 90
IX. Literaturverzeichnis 104
1. Bücher und Artikel 104
2. Websites 110
3. E-Mails und Telefonate 110

Automatisiert erstellter Textauszug:

„Wirtschaftsverbände und Arbeitsgemeinschaften der Industrie und industrienaher Dienstleister“160 als Mitglieder zugelassen sind, kommt es in den letzten Jahren vermehrt zu so genannten „verdeckten Direktmitgliedschaften“ einzelner Unternehmen, wie Inge Maria Burgmer in ihrem Buch „Die Zukunft der Wirtschaftsverbände – Am Beispiel des Bundesverbandes der Deutschen Industrie“ erläutert.161 Burgmer sieht diese verdeckten Direktmitgliedschaften vor allem in der Tendenz des BDI, „auf nationaler Ebene … in zunehmendem Maße drittfinanzierte Projekte zu organisieren“.162 Zu diesem Bereich der drittfinanzierten Projekte sind beispielsweise der Förderkreis der Deutschen Industrie e.V. sowie die Regionalinitiativen des BDI mit Direktmitgliedschaften von Unternehmen zu zählen. Der Förderkreis der Deutschen Industrie, der 1974 vom BDI ins Leben gerufen wurde, hat drei wesentliche Zielsetzungen. Erstens dient er der Pflege des unmittelbaren Kontaktes des BDI zu den Unternehmen. Zweitens soll er den Unternehmen die Leistungsfähigkeit des Spitzenverbandes unmittelbar unter Beweis stellen. Die dritte und wichtigste Funktion des Förderkreises ist jedoch die eines zusätzlichen Finanzierungsinstrumentes für den BDI. Bis Anfang der neunziger Jahre verfügte der Förderkreis über rund 200 Unternehmensdirektmitgliedschaften, mit dem Einsetzen der Rezession sank die Mitgliederzahl aufgrund von Einsparmaßnahmen seitens der Unternehmen weit unter 100. Heute hat der Förderkreis rund 90 Mitglieder.163 Um dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken, wurde 1995 ein exklusiver Gesprächskreis, die Dialogreihe Politik und Wirtschaft, etabliert. Dieser dient als Forum für ausgewählte Mitglieder des Förderkreises und Persönlichkeiten aus der Politik, in der Regel im Ministerrang. Um den Anreiz, im Förderkreis Mitglied zu werden oder zu bleiben, für Unternehmen möglichst hoch zu halten, wird auf die Exklusivität des Zirkels höchster Wert gelegt. Mitglieder im Förderkreis sind beispielsweise Bayer, BASF, Daimler Chrysler oder [...]

Das System der deutschen Industrieverbände basiert bis hin zum Spitzenverband BDI auf freiwilliger Mitgliedschaft, woraus sich folgende Konsequenzen ergeben:150 Die Verbandsführung muss sich bei den (potentiellen) Mitgliedern um Beitritt zum Verband beziehungsweise um Verbleiben im Verband bemühen. Von der anderen Seite betrachtet müssen die Leistungen des Verbandes seinen Mitgliedern hinreichend wertvoll erscheinen, um sie zu seiner Finanzierung durch Beitragszahlungen zu veranlassen. Dies gilt in logischer Konsequenz auch für den BDI, obwohl er kein Verband von Unternehmen sondern von Verbänden ist: Der BDI wird letztlich durch Beitragszahlungen der Unternehmen an seine Mitgliedsverbände finanziert. Die Mitgliedsverbände geben je nach Beschäftigtenzahl und Umsatzvolumen der vertretenen Unternehmen einen Teil der Beitragszahlungen an den BDI weiter.151 Erfüllt der BDI die Erwartungen der Unternehmen nicht, werden diese es eher in Erwägung ziehen, aus dem jeweiligen Branchen- oder Fachverband auszutreten beziehungsweise diesem erst gar nicht beizutreten. Aufgrund des von Mancur Olson erstmals erforschten Trittbrettfahrerproblems kann es sich also auch der BDI nicht leisten, lediglich das kollektive Gut der Interessenvertretung der deutschen Industrie gegenüber dem Staat herzustellen. Durch den allgemeinen Charakter der vertretenen Interessen würden auch Unternehmen von den Aktivitäten des BDI profitieren, die nicht Mitglied im Verbändesystem der deutschen Industrie sind. Um seinen Mitgliederbestand zu sichern, ist der BDI genau wie die NAM darauf angewiesen, seinen Branchenverbänden sowie deren Mitgliedern neben dem kollektiven Gut der wirtschaftlichen Interessenvertretung auch noch weitere, exklusive Leistungen anzubieten. Siegfried Mann geht davon aus, dass beim BDI als Spitzenverband etwa 70 Prozent der Gesamtkapazität zur nach außen gerichteten [...]

Im Jahre 1999 hatten laut Hans-Olaf Henkel, dem damaligen Präsidenten des BDI, mehr als 95 Prozent der repräsentierten Unternehmen eine „mittelständische Struktur“, also weniger als 500 Mitarbeiter.141 Ein vom BDI in Auftrag gegebenes Gutachten vom Institut für Mittelstandsforschung von 1997 bescheinigt, dass diese Unternehmen „41,6 Prozent aller industriellen Arbeitsplätze“ stellen.142 Es lässt sich jedoch feststellen, dass Führungspositionen im BDI überproportional oft mit Personen aus Großunternehmen besetzt sind, wodurch sich kleine und mittlere Unternehmen oft benachteiligt fühlen.143 Jürgen Hartmann wertet dies als Indiz dafür, dass die Politik des BDI hauptsächlich durch die Interessen der Großunternehmen bestimmt wird, und auch Jürgen Weber geht davon aus, dass sich dieser Sachverhalt „natürlich auf die verbandsinterne Willensbildung auswirkt“144. Allerdings sind in diesem Zusammenhang noch andere Faktoren zu beachten, so dass der Vorwurf nicht eindeutig bestätigt werden kann: Zum Beispiel sucht jeder Industrieverband für seine Führungspositionen Manager bekannter Unternehmen, da diese bei Gesprächspartnern und Adressaten der Verbände Eindruck machen und mit „Firmenrenommee“ ihrer Verbandsrolle Nachdruck verleihen können.145 Die innerverbandlichen Differenzen zwischen großen und kleinen Unternehmen erklärt Hartmann außerdem damit, dass politische Initiativen und Interventionen der BDI-Funktionäre bei Ministerien und Regierungsmitgliedern häufig vertraulichen Charakter besitzen. Für kleine und mittlere Unternehmen sind sie dadurch nur schwer zu durchschauen oder werden erst gar nicht wahrgenommen und es entsteht ein Gefühl des Übergangenwerdens.146 Ulrich von Alemann geht davon aus, dass kleinere Unternehmen auch „über wenig Zeit und Neigung verfügen“147, sich an den demokratischen Prozessen im Spitzenverband zu beteiligen. Vermutlich um das Gefühl der Benachteiligung bei den Kleineren zu mildern, betont der BDI in seinen Publikationen häufig deren Bedeutung als „Rückgrat [...]

Arbeit zitieren:
Berger, Erwin Juli 2003: Korporatismus und Pluralismus in Theorie und Praxis, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Verbände, Industrieverbände, Bündnis, Lobbying

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