Trinkgeld - Eine interdisziplinäre Analyse, einem Kellner oder einer Kellnerin Trinkgeld zu geben
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Stefan Ramert
- Abgabedatum: November 2003
- Umfang: 113 Seiten
- Dateigröße: 651,8 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7486-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7486-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7486-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Ramert, Stefan November 2003: Trinkgeld - Eine interdisziplinäre Analyse, einem Kellner oder einer Kellnerin Trinkgeld zu geben, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Transaktionskostentheorie, Rational Choice Theorie, Fairness, Reziprozität, empirische Untersuchung
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Diplomarbeit von Stefan Ramert
Einleitung:
Das Trinkgeld ist mittlerweile fast überall als soziale Norm und Sitte in das tägliche Leben der Gesellschaft integriert. Ob Frisör, Kellner, Taxifahrer oder Zimmermädchen, alle erwarten von ihren Kunden ein kleines finanzielles Dankeschön für ihre Leistung.
Mit der konkreten Ausgestaltung der Norm des Trinkgeldgebens (wie hoch also der tatsächliche Geldbetrag ist) beschäftigen sich mit dem zunehmenden Tourismus immer mehr Autoren von diversen Reiseführern, ohne jedoch ein einheitliches Bild über die derzeitige Trinkgeldsituation in den verschiedenen Staaten geben zu können. Ebenso beschäftigen sich Zahlreiche Etiquette-Bücher mit dieser Norm und geben Vorschläge, an wen man, wann und wie viel Trinkgeld geben sollte.
Die Entstehung des Trinkgeldes und die Motive für dieses Verhalten zwischen „Herren“ und „Dienern“, also die Sitte des Trinkgeldgebens, stellt aus ökonomischer Sicht ein großes Rätsel dar. Der egoistisch denkende Mensch hat ökonomisch gesehen kein Bestreben für eine Leistung außer der vereinbarten Entlohnung einen zusätzlichen Betrag zur „Belohnung“ zu geben, auch wenn er mit dieser Leistung zufrieden ist. Er muss bei einmaliger Interaktion nicht mit einer „Bestrafung“ rechnen, wenn er es unterlässt ein Trinkgeld zu geben.
Während die klassischen Ökonomie „versagt“, versucht die Sozio-Ökonomie dieses Verhalten mit Hilfe eines „sozialen Gewissens“ zu erklären. Allerdings kann auch eine Integration eines Nutzenverlustes durch unsoziales Verhalten langfristig die Existenz des Trinkgeldes nicht erklären.
Da ein Trinkgeld in einer Vielzahl von Servicebereichen gegeben wird, beschränkt sich diese Studie auf eine Untersuchung der Trinkgeldgewohnheiten in Restaurants. Dies geschieht allerdings auch vor dem Hintergrund, dass über andere Bereiche keine bzw. wenige empirischen Arbeiten und Studien verfügbar sind.
Diese Arbeit soll Motive identifizieren, die ein Individuum dazu bringen, ein Trinkgeld zu geben. Dazu wird im zweiten Abschnitt in der Geschichte nach Gründen für die Entstehung des Trinkgeldes gesucht. Diese Untersuchung enthüllt z.B., dass es in den USA am Anfang ihrer Geschichte kein Trinkgeld gab.
Um sich ein Bild von der aktuellen Ausprägung der Sitte in anderen Ländern zu machen, werden die Trinkgeldgewohnheiten in 33 Ländern vorgestellt und analysiert. Mit Hilfe dieser Untersuchung konnte z.B. festgestellt werden, dass es immerhin noch Länder gibt, in denen kein Trinkgeld bezahlt wird.
Weiterhin werden zahlreiche empirische Arbeiten vorgestellt und auf mögliche Motive hin untersucht. Einerseits sind dies Studien, die einen Zusammenhang zwischen nationalen charakteristischen Wertevorstellungen und der Neigung zum Trinkgeldgeben untersuchen. Andererseits werden hier im zweiten Teil dieses Abschnitts Studien vorgestellt, die versuchen u.a. situative Auswirkungen auf die Trinkgeldhöhe darzustellen. Die bisherige Versuche die Sitte zu erklären und deren Problem wird im fünften Abschnitt dargestellt.
Der sechste Abschnitt versucht nun, die fünf Motive, die in den vorherigen Abschnitten identifizierten werden konnten, in das von Frank (1987) entwickelte Modell zur ökonomischen Erklärung der Ehrlichkeit in einer Gesellschaft zu integrieren.
Gang der Untersuchung:
Diese Arbeit soll einen Überblick über die bisherigen Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Soziologen, Ökonomen und Psychologen zu diesem Thema geben. Ebenso werden kurz die Entwicklung und Ausbreitung des Trinkgeldes seit dem Mittelalter dargestellt. Zusammen mit den Begründungsversuchen der bestehenden Arbeiten können fünf Motive identifiziert werden, mit denen sich das Trinkgeld begründen lassen kann. Mit Hilfe dieser fünf Motive wird ein Modell konstruiert, um zu Versuchen die Existenz und das Weiterbestehen des Trinkgeldes in Restaurants zu erklären.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Das Trinkgeld vom Mittelalter bis in die Neuzeit | 3 |
| 2.1 | Ausgangspunkt: Das Feudalsystem im Europa des späten Mittelalters | 3 |
| 2.2 | Der Egoismus als der Begründer des Trinkgeldes und der Wunsch nach Differenzierung als Wegbereiter ? | 4 |
| 2.3 | Unternehmer nutzen das Trinkgeld aus | 7 |
| 2.4 | Koalitionen gegen das Trinkgeld | 8 |
| 2.5 | Theorien über die Entstehung des Wortes „Trinkgeld“ | 10 |
| 2.6 | Was die Geschichte lehrt | 10 |
| 3. | Internationaler Vergleich der Trinkgeld-Praxis | 13 |
| 4. | Empirische Untersuchungen | 17 |
| 4.1 | Makro-Ebene: Kultur und Gesellschaft eines Landes | 17 |
| 4.1.1 | Methoden | 17 |
| 4.1.2 | Gesellschaftliche und kulturelle Einflussfaktoren | 19 |
| 4.1.2.1 | Die Dimensionen von Hofstede als (unabhängige) Variable | 19 |
| 4.1.2.2 | Die Dimensionen von Schwartz als (unabhängige) Variable | 21 |
| 4.1.2.3 | Die Dimensionen von Barrett und Eysenck als (unabhängige) Variable | 22 |
| 4.1.2.4 | Die Dimension von McClelland als (unabhängige) Variable | 24 |
| 4.1.3 | Zusammenfassung | 25 |
| 4.2 | Mikro-Ebene: Kellner, Gast und Situation | 31 |
| 4.2.1 | Methoden | 31 |
| 4.2.1.1 | Exit-Interviews: | 32 |
| 4.2.1.2 | Customer/Server Survey: | 32 |
| 4.2.1.3 | Server-Records | 34 |
| 4.2.2 | Untersuchte Einflussfaktoren | 35 |
| 4.2.2.1 | Welche Charakteristika des Kellners können das Trinkgeld beeinflussen? | 35 |
| 4.2.2.2 | Welche Charakteristika des Gastes können das Trinkgeld bestimmen? | 39 |
| 4.2.2.3 | Welchen Einfluss haben situative Faktoren | 42 |
| 4.2.3 | Zusammenfassung | 47 |
| 5. | Erklärungsmodelle | 48 |
| 5.1 | Transaktionskostentheorie | 49 |
| 5.2 | Rational Choice Theorie | 50 |
| 5.3 | Social Choice Theorie | 52 |
| 5.3.1 | Social Approval | 52 |
| 5.3.2 | Fairness und Reziprozität | 53 |
| 5.3.2.1 | Soziale Präferenzen | 54 |
| 5.3.2.2 | Intention-based-reciprocity | 54 |
| 5.4 | Expressive Choice Theorie | 55 |
| 5.5 | Probleme der Theorien | 57 |
| 6. | Versuch einer rationalen Erklärung für die Existenz und den Fortbestand der Trinkgeldnorm | 59 |
| 7. | Motive die ein Trinkgeld und seine Höhe begründen können | 64 |
| Anhang: I | ||
| Literaturverzeichnis: XXXVI |
41 Einzige Ausnahme bildet hier das Ergebnis von Crusco und Wetzel (1984). In ihrer Studie erhielten diese einen positiven Zusammenhang. Das Ergebnis könnte entweder durch die zu geringe Zahl der Beobachtungen verzerrt worden sein (n=79) oder durch das spezifische Verhalten der Studenten, die einen Großteil der Stichprobe bildeten. Z. B. könnten diese nur niedrige Rechnungen erhalten haben, bei der die 15%-Norm einen zu geringen Betrag ergeben hätte. So wurde z.B. evtl. auf volle (höhere) Beträge aufgerundet. In diesem Zusammenhang ist noch darauf hinzuweisen, dass in manchen Studien auch untersucht wurde, wie sich getrennte Rechnungen für große Tischgesellschaften auswirken. Hier wurde allerdings kein Zusammenhang entdeckt (Lynn und Latané (1984); Lynn und McCall (2002). 4.2.2.2.3 Häufigkeit des Besuchs eines Lokals Die Meta-Analysen von Lynn und McCall (2002, 2000) zeigen konsistent mit der Erhebung von Conlin et al. (2002), dass sich das Trinkgeld signifikant erhöht, wenn es sich um einen Kunden handelt der häufig das gleiche Lokal besucht. Allerdings ist dieser Zusammenhang sehr gering. So stellen auch Bodvarsson und Gibson (1997, S.197) fest: „...regular customers tip more, but not much more than non-regular customers.“ Tests konnten auch ausschließen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Bewertung der Servicequalität und der Häufigkeit des Besuches eines einzelnen Lokals gibt. Somit kann man ausschließen, dass häufige Kunden den Service höher bewerten und deshalb ein höheres Trinkgeld geben. 4.2.2.2.4 Andere untersuchte Effekte Generell scheinen Männer mehr Trinkgeld zu geben als Frauen (z.B. Crusco und Wetzel (1984); Lynn und Latané (1984); Lynn und Simons (2000)), auch wenn kein Unterschied in der Wahrscheinlichkeit zum Trinkgeldgeben besteht (Ineson und Martin (1999)). Die Umfrage von Ineson und Martin (1995) zeigte, dass am ehesten der Mittelstand ein Trinkgeld bezahlt. Das Alter scheint ebenso eine Rolle zu spielen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein über 40 jähriger ein Trinkgeld [...]
40 Er schlägt vor, als abhängige Variable die Residuen einer Regression der Höhe der Rechnung auf die Höhe des Trinkgeldes zu verwenden. Mit dieser Methode erhielt er in dieser Studie einen positiven Zusammenhang. Somit lässt sich auch das (negative) Ergebnis der Meta-Analyse von Lynn und McCall (2002) erklären, denn die zugrundeliegenden Ergebnisse stammen zum Teil eben aus diesen angezweifelten Studien. Nichtsdestoweniger konnte Lynn die Ergebnisse seiner 1988 angefertigten Studie mit einer neueren und mit der gleichen Methode durchgeführten Studie (Lynn und Grassman (1990)) nicht wiederholen. Ein Hinweis auf weitere Gründe für unterschiedliche Ergebnisse liefert die MetaAnalyse von Lynn und McCall (1998, S. 25), demnach erhöhte der Konsum von Alkohol das Trinkgeld mehr, wenn der Gast von einem Kellner, als wenn er von einer Kellnerin bedient worden war. Da in der 1988er Studie von Lynn ein Mann bediente und in der 1990er eine Frau, kann also auch diese Abweichung plausibel erklärt werden. Somit erscheint ein positiver Zusammenhang zwischen Trinkgeld und Alkoholkonsum durchaus plausibel. Dies vor allem vor dem Hintergrund einer Studie von Conlin et al. (2002), die mit einer Stichprobengröße von 1400 Befragten auch zu diesem Ergebnis kommt. Obiges Ergebnis entspricht auch der Selbsteinschätzung der Kunden in der Arbeit von Harris (1995). 4.2.2.2.2 Größe der Tischgesellschaft Hier herrscht weitgehende Einigkeit, dass, wenn überhaupt ein Zusammenhang besteht, dieser sehr gering und inverser Natur sein muss. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest Bodvarsson und Gibson (1997). Rind und Strohmetz (1999) erhielten in ihrer Studie als erstes Ergebnis einen inversen Zusammenhang (r=-0,23), der aber insignifikant wurde, als sie den oben beschriebenen Effekt der Verwendung von Prozentzahlen korrigierten57. Ebenso wurde die vorherige inverse Beziehung in den Studien von Lynn und Latané (1984, Study 1: r= -0,2), sowie von Rind und Bordia (1996, r=-0,1) bei der Verwendung des korrigierten Trinkgeldes insignifikant. Lynn und Grassman (1990) verwendeten die absolute Höhe des Trinkgeldes als abhängige Variable und erhielten als Ergebnis, dass die Größe der Gruppe keinen signifikanten Einfluss auf das Trinkgeld hat. [...]
39 das Trinkgeld gesteigert werden. Am Interessantesten ist, dass alleine schon der Hinweis auf eine Zahlungsmöglichkeit mit Kreditkarte (hier war ein Aufkleber eine Kreditkartengesellschaft auf dem Tablett mit dem die Rechnung gebracht wurde) das Trinkgeld erhöhte (McCall und Belmont (1996)). Alle genannten Effekte konnten Lynn und McCall in Ihrer Meta-Analyse bestätigen. Den oben genannten Studien zufolge wirken sich also Effekte positiv aus, die die Laune des Gastes53 erhöhen und eine verstärkte Hilfsbereitschaft des Kellners anzeigen. Hinzu kommen Effekte, die durch eine tiefere persönliche Bindung entstehen. Diese Manipulationen können sich in manchen Fällen auf das Verhalten von Männern oder Frauen unterschiedlich auswirken54. 4.2.2.2 Welche Charakteristika des Gastes können das Trinkgeld bestimmen? 4.2.2.2.1 Alkoholkonsum Ein Großteil der Studien kommt zu dem Schluß, dass Alkoholkonsum das Trinkgeld positiv beeinflusst (Lynn (1988), Harris (1995), Bodvarsson und Gibson (1997)55, Conlin et al. (2002). Trotzdem ist dieses Bild nicht eindeutig. Es gibt auch Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Trinkgeldhöhe feststellen konnten (Crusco und Wetzel (1984), Lynn und Grassmann (1990), Lynn und McCall (2002)56). Eine Begründung dafür liefert Lynn (1988). Er ist der Meinung der Fehler dieser Studien läge darin, dass diese als abhängige Variable in einer Regression die Höhe des Trinkgeldes in Prozent der Rechnung verwenden. „The problem with this ratio is that it assumes the relationship between tip amount and bill size has a zero intercept, and this may not be true. If the intercept is positive, then dividing tip amount by bill size will create spurious negative correlation between percentage of tip and bill size.“ Lynn (1988, S.88) [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832474867
Arbeit zitieren:
Ramert, Stefan November 2003: Trinkgeld - Eine interdisziplinäre Analyse, einem Kellner oder einer Kellnerin Trinkgeld zu geben, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Transaktionskostentheorie, Rational Choice Theorie, Fairness, Reziprozität, empirische Untersuchung




