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Wiederaufnahmen in die vollstationäre psychatrische Versorgung aus Patientenperspektive

Eine explorative Studie

Wiederaufnahmen in die vollstationäre psychatrische Versorgung aus Patientenperspektive
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Janna Rieber
  • Abgabedatum: Januar 2003
  • Umfang: 144 Seiten
  • Dateigröße: 815,3 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für angewandte Wissenschaften - Fachhochschule München Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6169-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6169-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6169-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Rieber, Janna Januar 2003: Wiederaufnahmen in die vollstationäre psychatrische Versorgung aus Patientenperspektive, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Rehospitalisierungen, Schizophrenie, Sozialpsychatrie, ambulant, chronisch

Diplomarbeit von Janna Rieber

Einleitung:

„Ambulantisierung der Psychiatrie“, „Ambulant vor stationär“: So und ähnlich lauten die derzeit vorherrschenden Postulate in der Versorgung psychisch kranker Menschen. Dabei gilt die Aufmerksamkeit vor allem den als chronisch schizophren diagnostizierten Menschen.

Die teilweise hohen Raten der Wiederaufnahmen gerade dieser PatientInnen in psychiatrische Kliniken, die zur Bezeichnung „Drehtür-Psychiatrie“ führen, geben Anlass, an der Richtigkeit, Gültigkeit und Umsetzbarkeit dieser Prinzipien zu zweifeln.

Auch im Verlauf einer Studie für das Bundesministerium für Gesundheit, welche von der Begleitforschungsabteilung des Atriumhauses in München durchgeführt wurde, fiel die hohe Anzahl der - kurze Zeit nach der Entlassung aus dem Bezirkskrankenhaus Haar (BKH Haar) - rehospitalisierten PatientInnen auf, wobei es sich hier um die oben genannte Gruppe der chronisch an Schizophrenie erkrankten PatientInnen handelte. Aus dieser Tatsache entwickelte und konkretisierte sich die Idee zu der vorliegenden Diplomarbeit.

Im Auftrag der Begleitforschungsabteilung des Atriumhauses bin ich der Frage nachgegangen, wie sich diese raschen Wiederaufnahmen in die psychiatrische Klinik aus Sicht der rehospitalisierten PatientInnen darstellt. Im Zentrum des Interesses meiner Untersuchung stehen daher die Ermittlung und Analyse der Beurteilungen und Meinungen der betroffenen PatientInnen zu ihrer erneuten Aufnahme in das BKH Haar.

Die bewusst relativ offen und allgemein gehaltene Frage nach der PatientInnenperspektive zur eigenen Rehospitalisierung erlaubte, den Fokus der Untersuchung auf die subjektiven Sichtweisen und Relevanzstrukturen der besagten PatientInnen zu richten.

Zu diesem Zweck habe ich mit sechs PatientInnen, die sich in einer Wiederaufnahmesituation befanden, im BKH Haar problemzentrierte Interviews geführt.

Meine persönliche Motivation zur Bearbeitung dieser Thematik hat ihre Wurzeln zum Einen in einem zweisemestrigen theoriebegleitenden Praktikum, in dessen Rahmen ich eine Klientin eines Sozialpsychiatrischen Dienstes betreut habe, zum Anderen in den Erfahrungen meines Jahrespraktikums, das ich in der gleichen Einrichtung absolviert habe.

Im Sozialpsychiatrischen Dienst habe ich nicht nur wertvolle Einblicke in die Praxis der ambulanten Versorgung psychisch kranker Menschen, sondern auch in die Strukturen des gesamten Versorgungssystems, d.h. auch des komplementären und (teil-) stationären Bereiches gewinnen können. Die praktische Umsetzung des Vorranges ambulanter vor stationärer Hilfen konnte ich ebenso mitverfolgen wie das Phänomen der „Drehtür-Psychiatrie“. Diese Erfahrungen und Kenntnisse haben mein Interesse an besagter Thematik geweckt, wobei mir vor diesem Erfahrungshintergrund insbesondere der Aspekt der PatientInnenperspektive erfragenswert erschien, da bei aller Orientierung an und Zentrierung auf die „NutzerInnen“ der psychiatrischen Versorgungssysteme nach wie vor eher selten deren subjektiven Erfahrungen beleuchtet werden.

Gang der Untersuchung:

- Im ersten Teil gehe ich auf die Entstehungs- und Rahmenbedingungen meiner Untersuchung ein (Kapitel 1) und bestimme verschiedene Begriffe, die ich im weiteren Verlauf verwenden werde (Kapitel 2).

- Im zweiten Teil meiner Arbeit befasse ich mich mit dem theoretischen und fachlichen Bezugsrahmen meiner Untersuchung. Wie werden stationäre Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken aus fachlicher Perspektive gewertet (Kapitel 3), was verbirgt sich hinter dem Begriff der „Drehtür-Psychiatrie“ (Kapitel 4) und was gibt es für Möglichkeiten und Konzepte, Rehospitalisierungen zu vermeiden (Kapitel 5)?

- Den empirischen Teil meiner Arbeit beginne ich mit der Beschreibung der von mir verwendeten Untersuchungsmethode (Kapitel 6). Im Anschluss stelle ich die Ergebnisse der Untersuchung dar (Kapitel 7) und gehe auf die Schwierigkeiten, die bei den Interviews aufgetreten sind, und die Grenzen der Untersuchungsmethode ein (Kapitel 8).

- Im letzten Teil meiner Arbeit fasse ich die Ergebnisse meiner Untersuchung zusammen (Kapitel 9) und stelle die fachliche Betrachtungsweise der PatientInnenperspektive gegenüber (Kapitel 10). Abschließend füge ich einige Bemerkungen zu den Ergebnissen meiner Untersuchung an (Kapitel 11).

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 5
A. RAHMENBEDINGUNGEN DIESER ARBEIT UND BEGRIFFSBESTIMMUNGEN 8
1. BMG-Studie 8
2. Krankheitsbegriff 10
2.1 Symptomatik der Schizophrenie 10
2.2 Chronischer Verlauf der Schizophrenie 12
B. THEORETISCHER UND FACHLICHER BEZUGSRAHMEN 14
3. Bedeutung und Wertung vollstationärer Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken 14
3.1 Historische und sozialpolitische Hintergründe 15
3.2 Gesundheitspolitische Hintergründe 17
3.3 Gegenüberstellung ambulanter und stationärer Versorgung 18
3.4 Stationäre Behandlungsbedürftigkeit 22
4. „Drehtür-Psychiatrie“ 25
4.1 Relevanz und Konsequenzen der „Drehtür-Psychiatrie“ 25
4.2 Einflussfaktoren für Rehospitalisierungen 28
4.2.1 Strukturelle Einflussfaktoren 28
4.2.1.1 Kostendruck 28
4.2.1.2 Ambulante Versorgung 30
4.2.1.3 Entlassplanung 32
4.2.2 Krankheitsbezogene Einflussfaktoren 33
4.2.2.1 Compliance und Krankheitseinsicht 34
4.2.2.2 Soziale Netze 39
4.3 Positive Aspekte von Rehospitalisierungen 42
5. Möglichkeiten und Konzepte zur Verhinderung von Wiederaufnahmen 44
5.1 Psychoedukation 44
5.2 Längere stationäre Aufenthalte 48
5.3 Strukturelle Veränderungen 50
5.4 Case-Management 54
5.5 Ambulante Soziotherapie 57
5.6 Ambulante Krisenintervention 59
C. EMPIRISCHER TEIL 64
6. Zum methodischen Vorgehen 64
6.1 Das Untersuchungsdesign und dessen Umsetzung 64
6.1.1 Falldefinition und Fragestellung 65
6.1.2 Auswahl der InterviewpartnerInnen 66
6.1.3 Kontaktaufnahme mit dem Bezirkskrankenhaus Haar 67
6.1.4 Kontaktaufnahme mit den InterviewpartnerInnen 68
6.1.4.1 Nicht zustande gekommene Interviews 69
6.1.4.2 Zustande gekommene Interviews 70
6.1.5 InterviewpartnerInnen, Interviewsituation, Ort und Dauer der Interviews 71
6.2 Das Untersuchungsverfahren und dessen Umsetzung 72
6.2.1 Das Erhebungsverfahren: Das problemzentrierte Interview 73
6.2.1.1 Allgemeines zum Interviewleitfaden 75
6.2.1.2 Vorüberlegungen zum Interviewleitfaden und dessen Entstehung 75
6.2.1.3 Tonaufzeichnung 78
6.2.1.4 Postskriptum 79
6.2.2 Das Aufbereitungsverfahren: Transkription 79
6.2.3 Das Auswertungsverfahren 80
6.2.3.1 Grounded Theory 80
6.2.3.2 Zirkuläres Dekonstruieren 81
7. Ergebnisse der PatientInnenbefragung 84
7.1 Zur Wohn- und beruflichen Situation 84
7.2 Soziale Netze und Thematisierung von Allein-Sein 84
7.3 Kompetenz im Umgang mit der eigenen Erkrankung 87
7.3.1 Krankheitsbewusstsein und Handlungskompetenzen 88
7.3.2 Verlust der Kontrollfähigkeit 89
7.4 Bedeutung von Kohärenz 92
7.4.1 Verlust von Kohärenz 93
7.4.2 Bedürfnis nach Kohärenz und Herstellen von Kohärenz 94
7.5 Zur Wiederaufnahme in die Klinik 95
7.5.1 Zur Situation der Wiederaufnahme 95
7.5.2 Einschätzung des zeitlichen Abstandes zwischen letzter Entlassung und Wiederaufnahme 97
7.5.3 Zu den Gründen für den geringen zeitlichen Abstand zwischen letzter Entlassung und Wiederaufnahme 97
7.6 Zu den Möglichkeiten der Verhinderung der Wiederaufnahme 98
7.7 Wertung des Klinikaufenthaltes 101
7.8 Informationsstand und Informationsdefizite 102
7.9 Meinungen über BehandlerInnen und Gefühl der Stigmatisierung 103
8. Schwierigkeiten bei den Interviews und Grenzen der Methode 107
D. DISKUSSION 110
9. Zusammenfassung der Ergebnisse der PatientInnenbefragung 110
10. Gegenüberstellung von fachlicher und PatientInnenperspektive 112
10.1 Krankheitseinsicht, Compliance und Medikation 112
10.2 Soziale Netze 114
10.3 Wertung stationärer Aufenthalte 115
10.4 Informationsdefizite und Entlassplanung 116
11. Abschließende Bemerkungen 118
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 121
LITERATURVERZEICHNIS 122

Automatisiert erstellter Textauszug:

on. Kriseninterventionsdienste zielen nicht nur auf die Vermeidung von Zwangsunterbringungen, sondern explizit auch auf die Vermeidung stationärer (Wieder-) Aufnahmen überhaupt. NOUVERTNÉ beschreibt die „Bausteine“ einer idealtypischen Krisenversorgung: Demnach sollte eine telefonische Betreuung durch ein Krisentelefon angeboten werden, über das Betroffene, Angehörige, Nachbarn, usw. rund um die Uhr psychiatrisches Fachpersonal erreichen können.224 Ein Krisentelefon erfüllt besonders den Anspruch, Hilfen für psychisch Kranke niederschwellig zugänglich zu machen. Des Weiteren sollte ein mobiles Krisenteam vorhanden sein, das im Bedarfsfall jederzeit „an den Ort des Geschehens“ – also zu den Menschen, die sich in einer Krise befinden – ausrücken und dort intervenieren kann.225 „Jede Krise […] sollte am Ort ihrer Entstehung aufgesucht […] werden.“226 Die Hilfe kommt so zu den Betroffenen, die nicht mehr selbst zur Hilfe kommen können. Außerdem haben die MitarbeiterInnen des mobilen Krisenteams die Möglichkeit, die vor Ort vorhandenen Ressourcen zur Bewältigung der Krise in Augenschein zu nehmen und zu beurteilen, ob und ggf. welche weiteren Hilfen nötig sind. Zusätzlich zu einem mobilen Krisenteam, das ausschließlich die Aufgabe hat, in Krisen zu intervenieren, sollte in jeder Region grundsätzlich ein ambulanter Dienst vorgehalten werden, der (chronisch) psychisch kranke Menschen über längere Zeit kontinuierlich betreut. Dazu gehört auch, dass die KlientInnen in Krisen von diesem Dienst begleitet werden. Von besonderem Vorteil ist dabei, dass durch die Betreuung vor einer eventuellen Krise bereits ein vertrautes Verhältnis zwischen KlientIn und HelferIn besteht und diese Betreuungskonstanz in Krisen gewahrt werden kann.227 In manchen Krisensituationen kann es nötig sein, die Betroffenen medizinisch zu behandeln oder eine Klinikeinweisung zu veranlassen. Aus diesen Gründen sollte [...]

können adäquater genutzt werden und das Risiko einer baldigen Rehospitalisierung wird verringert. Wirklich verordnungsfähig wurde die ambulante Soziotherapie erst mit dem Inkrafttreten der „Soziotherapie-Richtlinien“ des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen am 1. Januar 2002. Darin sind Ziele, Indikationen, Leistungsinhalte, mögliche Leistungserbringer, etc. beschrieben.220 De facto wird die ambulante Soziotherapie nach § 37a SGB V aber so gut wie nicht verordnet. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. U.a. scheint diese Tatsache gerade in den „Soziotherapie-Richtlinien“ begründet zu sein. Diese Richtlinien beinhalten sehr restriktive Auflagen und sie „[…] sind absolut widersprüchlich! Als Voraussetzung für die Leistungen muss der Patient die Fähigkeiten nachweisen, um derentwillen er Soziotherapie benötigt. Gerade weil die meisten schwer psychisch Kranken höchst eingeschränkt belastbar sowie kommunikationsfähig sind und begrenzte Einsicht in die Notwendigkeit einer Behandlung haben, ist Soziotherapie erforderlich. Die Richtlinien fordern aber das Ergebnis der Therapie als Voraussetzung für die Leistungsgewährung.“221 Somit ist die ambulante Soziotherapie zwar prinzipiell geeignet, Rehospitalisierungen zu vermeiden, findet aber u.a. aufgrund der derzeit gültigen Zugangsvoraussetzungen kaum Anwendung. 5.6 Ambulante Krisenintervention [...]

oder ärztlich verordnete Leistungen selbständig in Anspruch zu nehmen, haben Anspruch auf Soziotherapie, wenn dadurch Krankenhausbehandlung vermieden oder verkürzt wird […]. Die Soziotherapie umfasst […] die im Einzelfall erforderliche Koordinierung der verordneten Leitungen sowie Anleitung und Motivation zu deren Inanspruchnahme.“216 Im Vorfeld der Einführung des § 37a SGB V wurde die ambulante Soziotherapie in einem Modellprojekt erprobt und evaluiert. Im Rahmen dieser Studie wurde die Definition von Soziotherapie konkretisiert: „Soziotherapie ist begleitende Unterstützung und Handlungsanleitung von chronisch psychisch Kranken zur Überwindung von krankheitsbedingten Grundstörungen, die zu Beeinträchtigungen im Umgang mit der sozialen Umwelt führen. Mit Beziehungsherstellung zum Therapeuten, Motivierung und psychischer Mobilisierung zur Überwindung sozialer Ängste soll die Integration in das soziale Umfeld hergestellt werden, angefangen mit der Fähigkeit zur Teilnahme an lebenspraktischem Training zur Inanspruchnahme der verordneten medizinischen Maßnahmen bis hin zur Arbeitsaufnahme auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. […] Durch Soziotherapie soll […] eine effizientere Nutzung der vorhandenen Ressourcen erreicht werden.“217 Soziotherapie zielt u.a. auf die „Verbesserung von […] Motivation, Belastbarkeit und Ausdauer […], Verbesserung der Compliance […], Verbesserung der Kontaktfähigkeit […], Einbindung von sozial isolierten […] Patienten in soziale Strukturen“.218 Durch Soziotherapie können die Betroffenen mehr Selbständigkeit erreichen, lebenspraktische Fähigkeiten (zurück-)erlangen und soziale Netze aufbauen. Durch eine langfristige Stabilisierung, die auf diesen Ressourcen basiert, können im günstigsten Fall stationäre Aufenthalte respektive Wiederaufnahmen vermindert bzw. vermieden werden.219 Indem chronisch schizophrene Menschen zu einer besseren Nutzung der Hilfen befähigt werden, stehen ihnen mehr Ressourcen zur Bewältigung ihrer Krankheit und deren Folgen zur Verfügung. Die ambulanten Versorgungsangebote [...]

Arbeit zitieren:
Rieber, Janna Januar 2003: Wiederaufnahmen in die vollstationäre psychatrische Versorgung aus Patientenperspektive, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Rehospitalisierungen, Schizophrenie, Sozialpsychatrie, ambulant, chronisch

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