Peter Handke im Kreuzfeuer
Der Kosovo-Konflikt, die Haltung der Medien und die Intellektuellendebatte
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Claudia Behr
- Abgabedatum: August 2000
- Umfang: 106 Seiten
- Dateigröße: 856,5 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4692-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4692-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4692-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Behr, Claudia August 2000: Peter Handke im Kreuzfeuer, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Krisengebiet, NATO
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Diplomarbeit von Claudia Behr
Einleitung:
Vor über einem Jahr griff die NATO erstmals in ihrer Geschichte einen souveränen Staat an. Mit dem Ziel, eine ‚humanitäre Katastrophe' im Kosovo verhindern zu wollen, starteten die alliierten Mächte am 24. März 1999 einen massiven Luftangriff auf Jugoslawien. 78 Tage lang fielen die Bomben auf serbisches Hoheitsgebiet, die albanische Bevölkerung flüchtete und die Medien eröffneten einen Aufklärungs-, Informations- und Propagandafeldzug. Ob Print, Funk, Fernsehen oder Internet - es wurde ein breites Panorama geschaffen, in dem neben Politikern, Journalisten und Sachkundigen auch die Intellektuellen zu Wort und Zitat gebeten wurden. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke widersetzte sich als einer der wenigen gegen die Art und Weise der westlichen Berichterstattung. Mit öffentlichen Briefen, der Rückgabe des Büchnerpreises und Reisen nach Serbien, protestierte er gegen die seiner Meinung nach anti-serbische Haltung in den westlichen Medien und löste damit kontroverse Diskussionen aus.
Der Krieg im Kosovo ist ein einmaliges Beispiel in der Politik. Erstmals faßten die NATO-Staaten den Entschluß, ohne Zustimmung der UNO, gegen ein souveränes Land vorzugehen. Wie sie propagierten, war es eine Entscheidung, die zum Ziel hatte, die Menschenrechte zu verteidigen.
Gang der Untersuchung:
Aus verschiedenen Perspektiven soll der Krieg im Kosovo dargestellt werden. Einmal aus der Sicht der Politik, dann aus der Haltung der Medien und der Intellektuellen und aus dem Blickwinkel von Peter Handke. Da die Meinung des Schriftstellers im vollkommenen Kontrast zu der westlichen Haltung steht, werden seine Aussagen und Schriften als Basis für die weitere Auseinandersetzung mit der Haltung der Politik, der Medien und der Intellektuellen verwendet. Zugleich wird damit ein Kontext zwischen Politik und Literatur hergestellt.
Die spätere Argumentationsweise erfordert eine chronologische Darstellung der Thematik. Zunächst wird eine Übersicht der historischen Ereignisse mit Eckdaten skizziert, um das ethnische Problem zwischen Serben und Albanern darzulegen. Insbesondere beschäftigt sich das erste Kapitel mit der Frage, inwieweit die historischen Ereignisse für die jüngste Auseinandersetzung verantwortlich gemacht werden können. Nach der These vieler westlicher Historiker beweist die jugoslawische Geschichte nicht, daß eine Diskrepanz zwischen beiden Ethnien über Jahrhunderte hinweg zu dem jüngsten Konflikt geführt haben. Sie gehen davon aus, daß der jüngste Kosovo-Konflikt ein Produkt dieses Jahrhunderts ist.
Nach der Einführung in die jugoslawische Geschichte wird die Literatur zum Zuge kommen. Bereits in den vorangegangenen Balkankonflikten protestierte der Schriftsteller Peter Handke vehement gegen das in der westlichen Öffentlichkeit bestehende Serbenbild. Sein eindeutiges politisches Engagement lädt zu einer zu diskutierenden Sichtweise ein. Eine umfassende Interpretation über Handkes Werke in der Balkanproblematik Abschied des Träumers vom Neunten Land / Eine Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien / Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise / Die Fahrt im Einbaum oder das Stück zum Film vom Krieg / Unter Tränen fragend wird seine Ansichten im zweiten und dritten Kapitel skizzieren. Die Teilung auf zwei Kapitel erschien der Verfasserin sinnvoll, da sich das Engagement des Schriftstellers auch auf zwei verschiedene Konflikte konzentrierte, wobei die Einstellung zwar gleich, doch sich seine Haltung massiv veränderte. In dritten Kapitel werden auch seine Briefe, Interviews, Aktionen und die außenstehende Kritik während des Kosovo-Konfliktes untersucht. In diesem Zusammenhang drängt sich eine existentielle Frage der Literatur auf: Muß ein Schriftsteller objektiv bleiben oder darf er subjektiv sein?
Mit Hilfe dieser Ausarbeitung kann im vierten Teil der Arbeit in die politische Dimension gewechselt werden. Ausgehend von Handkes Vorwurf der einseitigen Berichterstattung soll der Wahrheitsgehalt dieser Anklage nachgeprüft werden. Die Argumentation der westlichen Staaten schien eindeutig. Doch die Zielsetzung der NATO, die menschliche Würde zu verteidigen und gleichzeitig zu verletzen, verlangte eine legitime Basis. Die Medien und die Intellektuellen waren gefragt. Ihre Arbeit soll zur Diskussion gestellt werden. Der Augenmerk liegt bei der Frage, ob und inwiefern sich die Medien und die Intellektuellen von der Politik haben instrumentalisieren lassen, um den Luftangriff zu legalisieren. Wie wurde der Begriff der Moral interpretiert und aufgrund welcher Argumentation konnte die Politik ihre Entscheidung in der Öffentlichkeit legitimieren?
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Nuancen des Kosovo-Konfliktes zu beleuchten. Am Beispiel Kosovo wird deutlich, inwiefern Politik, Kultur, Literatur und Philosophie voneinander abhängen, die Gesellschaft prägen und daher als Einheit begriffen werden müssen. Die Vorgänge im und um Kosovo haben gezeigt, daß Kriege und Auseinandersetzungen nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern auch die normativen Werte einer Gesellschaft in Frage gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis:
| VORBEMERKUNG | 3 | |
| Einleitung | 3 | |
| 1. | KOSOVO - HISTORIE, FAKTEN UND MYTHEN | 5 |
| 1.1 | DER BALKAN | 6 |
| 1.1.1 | Die Herkunft der Serben und Albaner | 6 |
| 1.1.2 | Geographie | 7 |
| 1.1.3 | Geschichte | 8 |
| 1.1.4 | Die Schlacht auf dem Amselfeld und ihr Mythos | 9 |
| 1.1.5 | Das Osmanische Reich | 10 |
| 1.1.6 | Der serbische Exodus | 11 |
| 1.1.7 | Aufstände | 11 |
| 1.2 | SCHICKSALSJAHRE | 12 |
| 1.2.1 | Der erste Weltkrieg | 13 |
| 1.2.2 | Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen | 13 |
| 1.2.3 | Das Problem der Albaner | 14 |
| 1.2.4 | Kolonisierung des Kosovo | 14 |
| 1.2.5 | Serbische Intellektuelle | 15 |
| 1.2.6 | Der Zweite Weltkrieg | 16 |
| 1.2.7 | Loyalität der Albaner | 17 |
| 1.3 | BUNDESREPUBLIK JUGOSLAWIEN | 18 |
| 1.3.1 | Verfassung von 1974 | 19 |
| 1.3.2 | Das Ende der Ära Tito | 19 |
| 1.3.3 | Slobodan Miloševic | 20 |
| 1.3.4 | Kosovo den Serben | 21 |
| 1.3.5 | Der Vertrag von Dayton | 22 |
| 1.3.6 | Der bewaffnete Aufstand | 22 |
| 1.3.7 | Warnflüge der NATO | 23 |
| 1.3.8 | Das Massaker von Raçak und Rambouillet | 24 |
| 1.3.9 | 78 Tage | 24 |
| 1.3.10 | Zusammenfassung | 25 |
| 2. | PETER HANDKE | 27 |
| 2.1 | BIOGRAPHIE | 28 |
| 2.1.1 | Abschied von Slowenien | 29 |
| 2.1.2 | Kurzer Exkurs zu Wirtschaft und Politik | 30 |
| 2.1.3 | Zurück zu Handke | 31 |
| 2.1.4 | Gerechtigkeit für Serbien | 32 |
| 2.1.5 | Die Grenze | 34 |
| 2.1.6 | Srebrenica | 34 |
| 2.1.7 | Forderung nach Gerechtigkeit | 36 |
| 2.1.8 | Der Angriff auf die Journalisten | 37 |
| 2.1.9 | Die vermuteten Gründe | 38 |
| 2.1.10 | Das System | 39 |
| 2.2 | DIE REAKTION AUF PETER HANDKE | 40 |
| 2.2.1 | Interview mit Alain Finkielkraut | 41 |
| 2.2.2 | Die Reaktion der jugoslawischen Seite | 42 |
| 2.2.3 | Peter Handke im Gespräch | 44 |
| 2.2.4 | Die Quintessenz | 45 |
| 2.2.5 | Die zwei Sichtweisen | 46 |
| 2.2.6 | Der literarische Versuch | 47 |
| 3. | PETER HANDKE UND DER KOSOVO-KONFLIKT | 49 |
| 3.1 | INTERVIEW NACH DER REISE | 51 |
| 3.1.1 | Der Domino-Effekt | 54 |
| 3.1.2 | Unter Tränen fragen | 55 |
| 3.1.3 | Der Holocaust als Legitimation | 57 |
| 3.1.4 | Das Stück am Ende des Krieges | 58 |
| 3.1.5 | Die Fahrt im Einbaum | 59 |
| 3.1.6 | Die Premiere | 63 |
| 3.1.7 | Ein Dichter und seine Wahrheit | 64 |
| 3.1.8 | Zusammenfassung | 66 |
| 4. | POLITIK UND MEDIEN IM KOSOVO-KONFLIKT | |
| 4.1 | FEINDBILDER | 71 |
| 4.1.1 | Die Parallele | 73 |
| 4.1.2 | Operation Hufeisen | 74 |
| 4.1.3 | Das Massaker von Raçak | 76 |
| 4.2 | DIE MEDIEN | 78 |
| 4.2.1 | Kritische Sichten | 80 |
| 4.2.2 | Informationsquellen | 80 |
| 4.2.3 | Der NATO-Pressesprecher | 82 |
| 4.3 | DIE INTELLEKTUELLEN | 84 |
| 4.3.1 | Die Funktion der Intellektuellen | 85 |
| 4.3.2 | Intellektuelle im Krieg | 86 |
| 4.3.3 | Die menschlichen Werte | 87 |
| 5. | AUSBLICK | 88 |
| 6. | RESUMÉE | 93 |
| LITERATURVERZEICHNIS | ||
| Anhang | 99 |
2.2.4 Die Quintessenz Nach Peter Handkes Meinung scheint man seinen Artikel vollkommen mißverstanden zu haben. Er selbst ordnet ihn als Friedenstext ein, welcher als Denkanstoß gedacht war. Die erwähnten Medien verdienten die Kritik, da sie das Bild der Serben simplifiziert und somit das Vorstellungsvermögen der westlichen Welt manipuliert hätten. Das läßt nach Handke die Schlußfolgerung zu: Wenn die Medien ein antiserbisches, lächerliches Bild produzieren, könnte es ebenso sein, daß alle anderen Informationen eben diesem verantwortet sind, was bedeuten würde, daß das dargestellte Bild ebenso falsch sein kann. Um die Wahrheit herauszufinden, geht er nach Serbien und findet dort andere Menschen und eine beinahe idyllische [...]
Auffallend an den Äußerungen der zitierten schreibenden Künstler ist, daß diese viel gelassener erscheinen als die Kommentatoren der westlichen Welt. Sicherlich mag ein Grund jener gewesen sein, daß sie nicht attackiert wurden, so daß sie noch genügend Muße besaßen, sich geduldig mit den Aussagen Handkes auseinanderzusetzen. 2.2.3 Peter Handke im Gespräch Ein interessantes Streitgespräch mit dem verstorbenen Stern-Reporter Gabriel Grüner verdeutlicht Peter Handkes Einstellung nach dem Erscheinen seines Berichtes. Ein ‚kollektiver Wahn‘ sei in manchen Presseorganen ausgebrochen. Nicht als Journalist habe er schreiben wollen, sondern er wollte etwas schreiben, was ‚konkret und befreiend zugleich‘ sei. Er sei davon ausgegangen, daß sein Text ‚etwas öffnen‘, daß man ihn als ‚Zwischenruf‘ akzeptieren würde. Die Journalisten hätten es seit Jahren verdient, daß man etwas gegen sie schriebe. Auf Grüners Frage, ob ein Dichter mehr Autorität als ein Journalist habe, antwortet er: [...]
Der Schriftsteller würde sich anerkennend über ein verleumdetes Volk äußern, Details aus dem serbischen Alltag darstellen und nur seinem eigenem dichterischen Blick vertrauen. Er wünsche sich, daß auch Ćosić zu jenem positiven Blick fähig sei, daß er sich seiner Abstammung wegen nicht zu schämen brauche, zumal das Schamgefühl in Berlin überflüssig sei. Wenn seine Landsleute stolz seien, so dürfe er das auch sein. Dieser Text würde Erfolg bei jenen haben, die gegen Vorurteile kämpfen. Ćosić solle seine Skepsis und seinen destruktiven Ton überwinden und eine klare Meinung äußern. So ist Ćosićs letzter Kommentar in seinem Essay: „Und so tue ich es denn.“110 Die Neue Zürcher Zeitung fragt ihn in einem Interview, ob ihn der Wirbel um Peter Handke aufgeregt habe: [...]
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