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Der Versuch der Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit durch Kollektiverziehung in Jugendwerkhöfen der DDR

Dargelegt an ausgewählten Beispielen

Der Versuch der Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit durch Kollektiverziehung in Jugendwerkhöfen der DDR
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Attila Beier
  • Abgabedatum: Dezember 2002
  • Umfang: 114 Seiten
  • Dateigröße: 6,5 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4073-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4073-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4073-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Beier, Attila Dezember 2002: Der Versuch der Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit durch Kollektiverziehung in Jugendwerkhöfen der DDR, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Makarenko, schwererziehbar, Umerziehung, solzialistische Persönlichkeit

Diplomarbeit von Attila Beier

Einleitung:

In den vergangenen zwölf Jahren der deutschen Einheit wurde nur wenig zur DDR-Pädagogik veröffentlicht. Insbesondere betrifft das den Jugendhilfebereich, der einer theoretischen Auseinandersetzung bedarf.

Das Ziel meiner Diplomarbeit ist es zu untersuchen, welche pädagogischen Einflüsse zur Herausbildung der sozialistischen Persönlichkeit durch Kollektiverziehung Anwendung fanden. Ein besonderes Augenmerk richte ich auf die Heimerziehung in der DDR. Im sogenannten real existierenden Sozialismus war diese Institution eher verpönt. Das Gesamtbild einer sozialistischen Persönlichkeit duldete keine defizitären Verhaltenstendenzen. Hier wirkten Staat und Politik direkt ein. Es entstanden speziell für Kinder und Jugendliche Einrichtungen, die den Charakter des Umerziehens trugen, eben im Sinne eines klar definierten Bildungs- und Erziehungsziels, zur Herausbildung von allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten. In diesem Zusammenhang instrumentalisierte die DDR- Pädagogik spezialisierte Heime in dem Glauben, damit Menschen zu verändern und an das System heranzuführen. Einen besonderen Stellenwert übernahm dabei die Theorie der Kollektiverziehung.

Die Grundlagen dazu lieferte der pädagogische Klassiker Anton Semjonowitsch Makarenko, die ich in einem gesonderten Abschnitt erläutern werde.

Die Arbeit wäre zu umfangreich, wollte ich mich den differenzierten Heimunterbringungen in der DDR widmen. Im Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung wird der Jugendwerkhof als umstrittene Institution diskutiert. Als eine der härtesten Erziehungsmodelle überwiegen in der Gesellschaft Mythen und Interpretationen dieser Einrichtungen. Niemand geeigneteres als ehemaliges pädagogisches Personal kann Auskunft geben, wie sich die Erziehung dort darbot. Ausgewählte Interviews sollen einen Einblick bieten, welche Gedanken diese Erziehungsform hinterlassen haben.

In der Darstellung meines Themas habe ich die Arbeit in fünf Hauptpunkte gegliedert:

Der erste Abschnitt bildet den allgemeinen Einblick in das Bildungssystem der DDR. Vor der Begriffsdiskussion von Bildung und Erziehung will ich die Bildungsgeschichte aufzeigen. Dabei geht es hauptsächlich um die staatlichen Rahmenbedingungen in damaligen Gesetzestexten sowie um die ideologischen Hintergründe zum Erziehungsbegriff und zum pädagogischen Prozess.

Ein Fokus des von mir gewählten Themas liegt im Begriff der Kollektiverziehung. Hier werde ich im zweiten Abschnitt die Einflüsse des sowjetischen Pädagogen A.S. Makarenko auf die DDR-Pädagogik untersuchen, seine Vorstellungen einer sozialistischen Persönlichkeit erarbeiten und die von ihm favorisierte Arbeitserziehung als Mittel zur Erreichung bewusster Disziplin darstellen.

Der dritte Abschnitt gibt Auskunft über die Institutionen von Heimerziehung der Jugendhilfe in der DDR. Hierbei konzentriere ich mich auf den Jugendwerkhof. Ich werde hinterfragen, welche Gründe vorgelegen haben müssen, um als Kind oder Jugendlicher im JWH Freital eingewiesen zu werden. Als Quellen benutze ich die im Original vorhandenen Karteikarten des damaligen Jugendwerkhofes Freital.

Umerziehung als eine Form der Kollektiverziehung stellt den vierten Abschnitt der Arbeit dar. Meine Auseinandersetzung mit dem Wesen der Heimerziehung begründet sich auf der damaligen These, dass eine stabile Erziehungssituation entsteht, wenn die Folgen falscher Erziehung überwunden werden. Die Begriffe Schwererziehbarkeit und Umerziehung erfahren hier eine genauere Betrachtung.

Im fünften Abschnitt kommen ehemalige Pädagogen aus Freital zu Wort. Diese Interviews sind nur ein Ausschnitt und sollen die erarbeitete Theorie an praktischen Beispielen verdeutlichen.

Mit dieser Auseinandersetzung wird die Hoffnung verbunden, dass in künftigen Diskussionen zu diesem Thema kein Spannungsfeld zwischen Opfern und Tätern entfacht wird, sondern eine wertschätzende Aufarbeitung von Erlebtem geschieht.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
0. Einleitung 1
1. Das sozialistische Bildungssystem 3
1.1 Die Entwicklung der Bildungsgeschichte in der DDR 3
1.2 Begriffsdiskussion – Bildung und Erziehung in der DDR 7
1.2.1 Die gesetzlichen Grundlagen 7
1.2.2 Grundlagen der Pädagogik 9
1.2.2.1 Erziehung 10
1.2.2.2 Bildung 10
1.2.2.3 Der pädagogische Prozess oder die Einheit von Bildung und Erziehung 11
2. Der Einfluss von A.S. Makarenko auf die Kollektiverziehung in der DDR 12
2.1 Grundpositionen von Anton Semjonowitsch Makarenko 12
2.1.1 Makarenkos Kollektiverziehung am Beispiel seiner „Gorki- Kolonie“ 13
2.1.2 Das Kollektiv und seine Merkmale 16
2.1.3 Die Bedeutung von Stil und Ton des Einzelnen und des Kollektivs 18
2.1.4 Die sozialistische Persönlichkeit 19
2.1.4.1 Das Wesen der Persönlichkeit 19
2.1.4.2 Die sozialistische Persönlichkeit bei Makarenko 21
2.1.4.3 Die entwickelte sozialistische Persönlichkeit in der DDR 22
2.2 Erziehungsziele von Makarenko 24
2.3 Methoden der kollektiven Erziehung von Makarenko 27
2.3.1 Arbeitserziehung 29
2.3.2 Ziele und Aufgaben der Arbeitserziehung 29
2.4 Kollektiverziehung in der DDR 30
2.4.1 Bedeutung der Kollektiverziehung 31
2.4.2 Inhalt und Wesen der Kollektiverziehung 32
3. Jugendhilfe – Heimerziehung in der DDR 34
3.1 Aufgaben der Jugendhilfe in der DDR 35
3.2 Stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe 38
3.3 Einweisungsgründe 40
3.3.1 Statistische Erhebung von Einweisungsgründen am Beispiel des Jugendwerkhofes Freital 41
3.3.2 Zur Herkunft und zum Bildungsstand der Jugendlichen 42
3.3.3 Darstellung ursächlicher Einweisungsgründe 44
3.4 Eine Situationsbeschreibung aus dem Erleben des Verfassers als ehemaliger Erzieher im Jugendwerkhof Freital 47
3.4.1 Ein ganz normaler Arbeitstag 48
3.4.2 Rechte, Pflichten und Sanktionen 51
4. Jugendwerkhöfe als Mittel zur Überwindung falscher Erziehung 55
4.1 Erziehungsschwierigkeiten als Folge falscher Erziehung 55
4.2 Begriffsklärung von Schwererziehbarkeit und Umerziehung 57
4.2.1 Zum Begriff der Schwererziehbarkeit 58
4.2.2 Inhalt der Umerziehung 59
4.2.3 Arbeitserziehung als zentrales Umerziehungsmodell 61
5. Befragung ehemaliger Pädagogen des Jugendwerkhofes Freital 62
5.1 Untersuchungsgegenstand 62
5.2 Methodisches Vorgehen 63
5.2.1 Methodische Begründung 63
5.2.2 Organisation 64
5.2.3 Durchführung der Untersuchung 64
5.2.4 Der Interviewleitfaden 65
5.2.5 Auswertung der Daten 66
5.2.5.1 Dokumentation der Daten 66
5.2.5.2 Datenauswertung 66
5.3 Ergebnis der Untersuchung 67
5.4 Anmerkungen zu den Befragungen 70
6. Zusammenfassung 71
Literaturverzeichnis 74
Anhang

Automatisiert erstellter Textauszug:

Leitet man daraus eine Konsequenz ab, kann falsche Erziehung mit der Stellung des Kindes in der Gemeinschaft direkt in Verbindung gebracht werden. Die positive Wirkung der Eltern, z.B. das Vermitteln von Geborgenheit, Vertrauen und Zuwendung in allen Lebenssituationen, wird sich danach auch positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Vordergründig ist dabei, dass das Kind seinen Wert kennt und das Gefühl entwickelt, in der Gemeinschaft gebraucht zu werden. Dem entgegen ist zu vermuten, dass der Mangel an Zuwendung, Respekt und Akzeptanz, freundschaftlichem Entgegenkommen, Zugehörigkeit und Einbezogenheit in der Familie, trotz der positiven Arbeitseinstellung der Eltern, in das Gegenteil umschlagen und mangelnde Lernbereitschaft der Kinder hervorrufen kann. [...]

Was nun, wenn unter den Bedingungen des Jugendwerkhofes diese Pflichten nicht erfüllt würden? Dafür gab es Strafen. Insbesondere bei der Missachtung der Heim- und Hausordnung oder Verfehlungen, die die Ehre des Kollektivs verletzen, wurden oder konnten Sanktionen in Form von Verwarnungen vor der Gruppe, Tadel oder Verweis vor dem versammelten Heimkollektiv durch den Direktor oder sogenannte bestimmte Maßnahmen verhängt werden. Das konnte ohne Weiteres ein Arrest in der heiminternen Zelle sein. Sie befand sich unweit der Gruppenräume und trug den Charakter von Härte, Angst und des Gestanks. Bei einzelnen Jugendlichen, aber auch Erziehern/innen löste diese Maßnahme Respekt aus. Stahltür, Stahlbett, Toilettenbecken, Panzerglas und Einsamkeit auf ca. 5 – 6 m² wechselten auch schon mal mit einem Sportprogramm für zeitweilig isolierte Jugendliche als einzige Abwechslung oder Kontaktierung mit der Außenwelt. Es entschied der Erzieher vom Dienst oder der Gruppenerzieher über die Anwendung folgenden Sportteils und der Häufigkeit von Wiederholungen. [...]

Der Widersinn, seine Widersprüchlichkeit und utopische Zielstellung bleibt aus objektiver Sicht ein Eingeständnis hoffnungsloser pädagogischer Zielformulierung und Armutszeugnis einer Heimform, geführt von Utopisten und Idealisten. Eine Umsetzung der Anforderungen erscheint sicher jedem Leser aus heutiger Perspektive als paradox. Und dennoch haben sich die Erzieher/innen diesen Forderungen gebeugt. Wohl dem, der es verstand, sein eigenes Ich zu behalten, wahrhaftig und glaubhaft den schon ausreichend bevormundeten Alltag der anvertrauten Jugendlichen zu gestalten, nämlich dann hatte man eine Chance den Respekt oder besser das Angenommenwerden zu erreichen. Das war für einen Erzieher der Schlüssel in die Gruppe oder für den Einzelnen. So hörte man die Sorgen, Träume und Wünsche heraus, die der Kollektiverziehung geschuldet, bei administrativen und autoritären Erziehungsstielen nicht zu hören waren. Aber wie wollte man auf die persönlichen Bedürfnisse eingehen? Das ging nur, wenn 15 Jugendliche verstanden, dass einer ihrer Kameraden besondere Zuwendung benötigt. Der individuelle Part persönlicher Entwicklung und Reife wurde über Erziehungsund Förderpläne festgehalten. Auch hier überwog die sozialistische Persönlichkeit als Grundvoraussetzung für die gesunde Entwicklung jedes Einzelnen. Ebenso blass wie die Forderungen der Leitung fielen auch diese Pläne aus. Eher oberflächlich ging man auf die individuellen Bedürfnisse ein. Zeitgemäß war das Kollektiv und der Beitrag jedes Einzelnen für die Gemeinschaft. [...]

Arbeit zitieren:
Beier, Attila Dezember 2002: Der Versuch der Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit durch Kollektiverziehung in Jugendwerkhöfen der DDR, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Makarenko, schwererziehbar, Umerziehung, solzialistische Persönlichkeit

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