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Biografische Erfahrungen, subjektive Verarbeitung, Handlungsfähigkeit

Qualitative Interviews zur Lebenssituation von Schülern der Sonderschule für Lernbehinderte im Übergangsfeld Schule - Beruf

Biografische Erfahrungen, subjektive Verarbeitung, Handlungsfähigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Michael Bannach
  • Abgabedatum: Januar 1985
  • Umfang: 248 Seiten
  • Dateigröße: 12,3 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Dortmund Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2591-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2591-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2591-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bannach, Michael Januar 1985: Biografische Erfahrungen, subjektive Verarbeitung, Handlungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kritische Psychologie, Handlungsähigkeit, Qualitative Studie, Schüler, Sonderschule

Diplomarbeit von Michael Bannach

Zusammenfassung:

In der vorliegenden Arbeit stehen Aspekte der Lebenssituation von Schülern der Schule für Lernbehinderte im Zentrum. Anhand von drei Fallstudien, die auf der Basis von problemzentrierten Interviews mit Jugendlichen erstellt wurden, werden pädagogisch relevante Ereignisse, Erfahrungen und Sichtweisen aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler dargestellt und auf dem Hintergrund von Theorien diskutiert, die sich mit den - vor allem institutionell bestimmten - Passagen des Lebenslaufes unterprivilegierter Kinder und Jugendlicher befassen.

Vertiefend arbeitete ich heraus, wie die einzelnen Schüler die Überweisung auf die Sonderschule verarbeiten und wie sie ihr schulisches „Versagen“ interpretieren.

Daneben wird zusammenfassend nach der „Handlungsfähigkeit“ der Jugendlichen in ihrer Lebenssituation zwischen Schule und Beruf gefragt. Der Begriff ‘Handlungsfähigkeit’ wird im ersten Teil der Arbeit umfassend unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Kritischen Psychologie hergeleitet.

Ziele der Arbeit und Kapitelübersicht (...) Vereinfacht gesagt, bildet die Kategorie „Handlungsfähigkeit“ einen „roten Faden“ dieser Arbeit. Sie wird zunächst als zentrales Moment menschlicher Lebenstätigkeit, als Element des sogenannten Menschenbildes hergeleitet und in zwei Prozesstypen unter Lebensbedingungen in der bürgerlichen Klassengesellschaft differenziert.

Im dritten Kapitel wird versucht, die Handlungsfähigkeit von unterprivilegierten Jugendlichen zwischen Schule und Beruf anhand von theoretischen Überlegungen und empirischen Untersuchungen näher zu bestimmen. Als Abschluss meiner empirischen Untersuchung will ich im fünften Kapitel versuchen, die „Handlungsfähigkeit“ von Sonderschülern anhand von drei konkreten Fällen als zusammenfassende Interpretation darlegen. (...) Im zweiten Kapitel soll die Kategorie Handlungsfähigkeit und ihre Funktionsaspekte im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gattung Mensch und des gesellschaftlich-historischen Prozesses hergeleitet werden. Die Kritische Psychologie hat die Kategorie Handlungsfähigkeit, „die individuelle Teilhabe an der bewusst vorsorgenden Bestimmung über gesellschaftliche Lebensbedingungen“, als wesentliches Moment der Lern- und Entwicklungsfähigkeit des gesellschaftlichen Menschen herausgearbeitet (Holzkamp 1984, 35). (...) Die Handlungsfähigkeit des Individuums ist charakterisiert durch die universell gegebene Möglichkeit, sich bewusst zu den Möglichkeiten/Beschränkungen seiner Lebensbedingungen zu „verhalten“. Diese Möglichkeit des bewussten „Verhaltens-Zu“ gründet sich auf die materiell-ökonomischen Bedingungen nach der Dominanz des gesellschaftlich-historischen Prozesses (2.5.2) und hat weitgehende Konsequenzen für den Bezug des Individuums auf sich selbst (2.6.2) und dem bewussten „Verhalten-Zu“ seiner jeweiligen Handlungsfähigkeit und ihrer Funktionsaspekte Erkenntnis/Emotion/Motivation (2.6).

Die Möglichkeitsbeziehung des Menschen zur Welt zeichnet sich durch die ‘doppelte Möglichkeit’ aus, d.h. das Individuum hat in Abhängigkeit von individuellen wie gesellschaftlichen Bedingungen immer die Möglichkeit, sich unter die vorgefundenen Bedingungen zu fügen oder über die Lebensbedingungen selbst zu verfügen (2.6.2). (...) Die Ausrichtung der Handlungsfähigkeit auf die Prozesstypen der „restriktiven“ bzw. „verallgemeinerten“ Handlungsfähigkeit soll im Abschnitt (2.7) unter den Lebensbedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft entfaltet und auch in ihren Auswirkungen auf die psychischen Aspekte Erkenntnis/Emotion/Motivation differenziert werden.

Das dritte Kapitel umfasst den Sozialisationsprozess von Sonderschülern.

Der Aneignungsprozess unterprivilegierter Jugendlicher realisiert sich unter erschwerten Lebensbedingungen, deren Charakter mit dem allgemeine Begriff der „Isolation“ zu kennzeichnen ist (3.1.1). Die isolierenden Bedingungen verhindern, dass sich die unterprivilegierten Kinder und Jugendlichen umfassend die materielle wie symbolische Kultur aneignen können. Die gesellschaftlich Benachteiligung beginnt in der Familie, setzt sich in der Grundschule wie auch in der Sonderschule fort und wiederholt sich in der Berufseinmündungsphase. Die spezielle Benachteiligung der Sonderschüler im Vergleich etwa zu den Hauptschülern wird aufgezeigt. In Abschnitt (3.5.4) wir nach der subjektiven Verarbeitung der Diskriminierungen, denen Sonderschüler ausgesetzt sind, gefragt. Die Darstellungen der Untersuchungen zum ‘Stigma Dummheit’ und zum ‘Selbst- und Gesellschaftsbild’ von Sonderschülern sind notwendig, weil die Erfahrungen mit dem Status Sonderschüler für die Jugendlichen zentrale Bedeutung haben, wie ich in der Gesprächen feststellte.

Ich gehe davon aus, dass die subjektiven Sichtweisen, die Erfahrungen und die Befindlichkeiten der Jugendlichen als Resultate der aktiven Auseinandersetzung mit ihrer Lebensrealität aufzufassen sind, die sich im biographischen Prozess der individuellen Vergesellschaftung herausgebildet haben. So werden im dritten Kapitel vor allem die gesellschaftlichen Handlungsräume, die die Jugendlichen biographisch durchlaufen haben, dargestellt. Es werden die Handlungsräume der biographischen Abschnitte des ‘typischen’ Sonderschülers/ Heimjugendlichen wie Familie (3.1.2), Heim (3.1.3), Grundschule (3.1.4), Sonderschule (3.1.5) und Jugendphase im Übergangsfeld zwischen Schule und Beruf dargelegt. Die ‘subjektive Seite’ des Vergesellschaftungsprozesses findet bei der Analyse der Jugendphase Berücksichtigung.

Es schien mir notwendig, um die Schulerfahrungen der interviewten Jugendlichen nicht fehlzudeuten, Ergebnisse der Jugendforschung/ Schulforschung, die die subjektive Bedeutung von Schule und Lernen und subkulturelle Aktivitäten von Jugendlichen interpretieren, aufzuarbeiten (3.2.2).

Der Abschluss des Kapitels bildet der Versuch, Aspekte der Kategorie „Handlungsfähigkeit“ bezogen auf die Gruppe der Sonderschüler in der Schule (Bewusstsein, Deutung schulischen ‘Versagens’) und nach der Sonderschule (Möglichkeiten/Beschränkungen der Verselbständigung über Lohnarbeit) anzuwenden (3.2.3).

Im vierten Kapitel werden die Methode meiner Untersuchung und die damit zusammenhängenden Probleme theoretisch erläutert. Dazu wird die methodologische Diskussion um die qualitative Sozialforschung aufgenommen. Nach einer Kritik der normativen Sozialforschung wird die methodische Alternative, das „interpretative Paradigma“ dargestellt und kritisiert (4.1) Die Methode meiner Befragung, das problemzentrierte-biographische Interview wird skizziert und von verwandten Methoden, etwa dem narrativen Interview abgegrenzt. Anschließend werden Probleme im Forschungsfeld selbst angesprochen: Das Interviewmaterial ist von dem Befragten und dem Interviewer gemeinsam produziert, so gilt es, Aspekte der Beziehungsstruktur im Interview zu durchleuchten und einige Fragehaltung des problemzentrierten Interviews offenzulegen (4.3). Die Auswertung qualitativer Interviews ist noch relatives Neuland. Hier soll eine Übersicht über einige Verfahren gegeben werden, die aber, da die Interpretationen von Interviews von der spezifischen Fragestellung und Zielsetzung der Forschung abhängig sind, nur in ihren Grundformen skizziert werden können (4.4).

Im fünften Kapitel folgt der eigentliche empirische Teil: In (5.1) werden die Bedingungen des Forschungsprozesses offengelegt. Die Vorüberlegungen zu den Zielen der Interviews werden verdeutlicht, die Kontaktaufnahme mit den Jugendlichen und die jeweilige Interviewsituation beschrieben. Weiter lege ich mein Vorgehen in der Auswertung offen (5.1.5), indem ich vor allem die analytischen Kategorien der Darstellung und Interpretation der Interviews begründe.

In (5.2) werden die Interviews mit den Jugendlichen dargestellt und interpretiert, gegliedert in thematische Aspekte.

Nach der Darstellung und Interpretation der Einzelfälle „Doris“, „Saskia“ und „Tobias“ soll abschließend eine vergleichende Zusammenfassung der Interviewauswertung versucht werden. Hier soll auch die Frage nach dem Nutzen der biographischen Methode als Voraussetzung für die Praxis und als Methode der Praxis (Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte) aufgeworfen werden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Intention der Arbeit 1
1.2 Ziele der Arbeit und Kapitelübersicht 10
2. Handlungsfähigkeit als wesentliche Bestimmung menschlicher Lebenstätigkeit 15
2.1 Methodisches Herangehen an das Psychische durch die Kritische Psychologie 15
2.2 Herausbildung der Grundformen des Psychischen 17
2.3 Neue Qualität des Psychischen bei der Herausbildung individueller Lern- und Entwicklungsfähigkeit 19
2.4 Neue Qualität des Psychischen bei der Herausbildung der "gesellschaftlichen Natur" des Menschen im Tier-Mensch-Übergangsfeld 21
2.5 Neue Qualität des Psychischen bei gesamtgesellschaftlicher Vermittlung individueller Existenz 24
2.5.1 Handlungsfähigkeit als Grundbedürfnis 24
2.5.2 Die Möglichkeitsbeziehung als Qualität des handelnden Individuums 27
2.6 Erkenntnis/Wertung/Motivation als Funktionsaspekte der Handlungsfähigkeit 29
2.6.1 Die Möglichkeitsbeziehung und ihre Bedeutung für die psychischen Funktionsaspekte der Handlungsfähigkeit 29
2.6.2 Zum Verhältnis von Handlungsmöglichkeiten/-beschränkungen als subjektive Problematik 31
2.7 Die Prozesstypen der Handlungsfähigkeit und ihre psychischen Aspekte der Erkenntnis/Wertung/Motivation in der bürgerlichen Gesellschaft 34
2.7.1 Zur Kategorie „Handlungsfähigkeit“ 40
3. Handlungsmöglichkeiten /-behinderungen im Lebenszusammenhang von unterprivilegierten Kindern und Jugendlichen 42
3.1 Handlungsmöglichkeiten /-behinderungen und deren subjektive Verarbeitung im Lebenszusammenhang von Sonderschülern 42
3.1.1 Vorbemerkung: 'Lernbehinderte'? - Zum Behindertenbegriff der materialistischen Behindertenpädagogik 42
3.1.2 Aspekte der Lebensbedingungen unterprivilegierter Familien 45
3.1.3 Aspekte der Lebensbedingungen von Kindern/ Jugendlichen in Heimen 48
3.1.4 Unterprivilegierte Kinder in der Grundschule 52
3.1.5 Sonderschule: Isolierende Bedingungen und subjektive Verarbeitung 56
3.1.5.1 Zur gesellschaftlichen Funktion der Sonderschule 56
3.1.5.2 Zur Effektivität der Sonderschule 61
3.1.5.3 Zur Diskriminierung von Sonderschülern 63
3.1.5.4 Zur Verarbeitung des Status Sonderschüler durch die Jugendlichen - Zum Stigma „Dummheit“ und zum Selbst- und Gesellschaftsbild von Sonderschülern 64
3.2 Handlungsmöglichkeiten/-behinderungen von unterprivilegierten Jugendlichen zwischen Schule und Beruf und deren subjektive Verarbeitung 72
3.2.1 Der Stellenwert der Jugendphase 72
3.2.1.1 Persönlichkeitstheoretische Aspekte 73
3.2.1.2 Soziologische Aspekte 75
3.2.1.3 Identitätsbildung und Verselbständigung Jugendlicher in der Lebensphase zwischen Schule und Beruf 77
3.2.1.4 Von der Schule in den Beruf? Die gegenwärtigen Berufsaussichten von Sonderschülern 83
3.2.2 Zur subjektiven Bedeutung von Schule und Lernen, subkulturelle Orientierungen 87
3.2.3 Zur Handlungsfähigkeit von (ehemaligen) Sonderschülern - Versuch einer näheren Bestimmung 96
3.2.3.1 Sonderschüler: Aspekte des Bewußtseins, Deutung schulischen Versagens 98
3.2.3.2 Jugendliche nach der Sonderschule: Behinderung der Verselbständigung durch Ausbildungsplatzmangel und Arbeitslosigkeit 103
4. Zur Interviewmethode der qualitativen Sozialforschung - Zur Methode der Durchführung und Auswertung problemzentrierter Interviews (biographischer) Interviews 109
4.1 Theoriediskussion: Normative oder qualitative Sozialforschung? 109
4.1.1 Kritik der normativen Sozialforschung 109
4.1.2 Methodische Alternative - das interpretative Paradigma 113
4.2 Das problemzentrierte (-biographische) Interview 117
4.3 Zur Interviewsituation 121
4.4 Zur Auswertung qualitativer Interviews 125
5. Vorüberlegungen, Durchführung und Interpretation der Interviews mit Heimjugendlichen/Sonderschülern 131
5.1 Zum Forschungsprozess 131
5.1.1 Kontaktaufnahme mit Heimjugendlichen 131
5.1.2 Die sozialen Bedingungen des Kinderheims 131
5.1.3 Vorüberlegungen zu den Zielen des Interviews 132
5.1.4 Zur Interviewsituation 134
5.1.5 Der Auswertungsprozess 136
5.1.5.1 Methode der Auswertung 136
5.1.5.2 Begründung der analytischen Kategorien der Interpretation 137
5.2 Interviewdarstellung und Interpretation 146
A. DORIS 147
B. SASKIA 167
C. TOBIAS 190
5.3 Vergleichende Auswertung der Interviews. Nutzen der biographischen Methode als Voraussetzung für die Praxis und Methode der Praxis 210
Nachwort 221
Literaturverzeichnis 222
Anhang 1 237
Anhang 2 238
Anhang 3 239

Arbeit zitieren:
Bannach, Michael Januar 1985: Biografische Erfahrungen, subjektive Verarbeitung, Handlungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kritische Psychologie, Handlungsähigkeit, Qualitative Studie, Schüler, Sonderschule

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