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Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!

Der personenzentrierte Ansatz als Familienkultur

Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Nadja Baudry
  • Abgabedatum: August 2011
  • Umfang: 75 Seiten
  • Dateigröße: 445,7 KB
  • Note: 2,1
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 24
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-2196-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Baudry, Nadja August 2011: Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: klientenzentrierte Gesprächstherapie, Carl Rogers, Erziehung, Familie, Beziehungen

Diplomarbeit von Nadja Baudry

Einleitung:

Die Institution der Familie hatte und hat immer noch eine absolut zentrale Bedeutung sowohl in der Gesellschaft als auch im Leben jedes Einzelnen. Durch den Wandel der Leitbilder und Werte von Familien hat sich im Laufe der Zeit zwar radikal verändert, was es bedeutet, in einer Familie zu leben, dennoch hat die Institution Familie nie an Bedeutung verloren. Sie ist die flexibelste aber auch zerbrechlichste Form des menschlichen Miteinanders, welche unabhängig von Kultur, Epoche, Bildung, Gesellschaftsform, Politik etc. Fortbestand hat. Das ist ein Zeichen ihrer fundamentalen Bedeutung im Leben des Menschen. ‘Die Familie ist vom ersten bis zum letzten Atemzug Zeuge unserer Existenz.’ Sie ist der Startpunkt jedes Lebens und befriedigt unsere Bedürfnisse nach körperlichen, emotionalen und geistigen Beziehungen, nach Pflege, Kommunikation und Sexualität (Ehepaar). Sie hat die Funktion, ihre Mitglieder in ihrer eigenen sozialen Gruppe darauf vorzubereiten, ihren Platz in der größeren sozialen Gruppe zu finden, indem sie ihnen hilft, die Werte und Traditionen dieser Gruppe zu verinnerlichen. Ein Ziel ist es also, die Familienmitglieder als selbständige, autonome Wesen in die größere Gemeinschaft zu entlassen. Dort sollen sie dann ihre eigene Vorstellung von der Familie verwirklichen. Dieser Kreislauf zeigt, was für einen großen Einfluss und Kraft die Familie hat und damit natürlich auch eine enorme Verantwortung.

Verläuft das Miteinander harmonisch und liebevoll, offen und wachstumsfördernd, können sich die einzelnen Persönlichkeiten durch den Halt und die Kraft der Gemeinschaft voll entwickeln, und Potentiale werden freigesetzt. Zerfällt sie hingegen, kann ein ähnlich großes Potential an Zerstörungskraft aus ihr wachsen. Es obliegt der Verantwortung jedes einzelnen Familienmitglieds, über die Entwicklung ihrer Gemeinschaft zu entscheiden. Das Projekt Familie kann damit eine der größten Chancen im Leben sein, in seiner Persönlichkeit zu wachsen und sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche Potentiale zu entfalten – oder aber eines der größten Schicksale im Leben, die uns zu ewigen Opfern unserer Kindheit machen, indem wir alte Verletzungen und Missverständnisse aus der Herkunftsfamilie in unsere eigens gegründete weitertragen und –sei es unbewusst oder bewusst – den Kreislauf fortsetzen. Die Schmerzen, die wir in unserer Kindheit erlebt haben und nicht zum Ausdruck bringen konnten, tragen wir mit uns herum bis ins Erwachsenenalter. Die Familie bietet die intensivsten Bindungen zwischen Menschen, und intensive Bindungen führen dazu, dass alte Wunden aufplatzen. In unserer Kommunikation und Interaktion innerhalb der Familie offenbaren sich dann in unseren Reaktionen all diese Ärgernisse und Schmerzen, die wir in der Vergangenheit nicht haben überwinden können. Das Fatale an der Sache ist, dass wir dann unserem jeweiligen Gegenüber unterstellen, er habe sie verursacht.

Diese Art der Projektion ist oft sogar schon eine bedeutende Komponente beim Eingehen einer Paarbindung. Das Paar sucht in seinem Gegenüber unbewusst den Menschen, der seine alten Wunden heilen soll. Die Frau baut z.B. darauf, dass der Mann der Vater ist, der sie niemals verlassen wird, während der Mann hofft, dass sie die Mutter ist, die ihn bedingungslos akzeptiert. Wenn die beiden dann merken, dass diese Hoffnungen sich nicht erfüllen, fangen sie an, unzufrieden mit dem Gegenüber zu werden und ihn zu beschuldigen. Es entsteht eine innere Leere, ohne dass die Partner genau wissen, wie es dazu kommen konnte. Sie fühlen nur, dass der andere sie nicht zu füllen vermag, und oft genug entsteht aus diesem Gefühl der Wunsch, ein Kind zu haben. Letztlich entscheiden sich dann zwei augenscheinlich erwachsene Menschen für das hoffnungsvolle Projekt Familie, und im Grunde genommen leben hier zwei bedürftige Kinder zusammen, die ihr Heil wiederum in ihrem Kind suchen.

Die beschriebenen Szenarien erscheinen auf den ersten Blick mitunter etwas pathetisch oder dramatisiert, diese Überzeichnung ist aber bewusst gewählt, um zu verdeutlichen, was die Motivation dieser Diplomarbeit ist. Die geschilderte Problematik kommt im Laufe der Epochen innerhalb der Familie zwar unterschiedlich zum Ausdruck, in ihrer bloßen Existenz ist sie aber zeitlos. Um den Kreislauf von festgefahrenen, manifestierten und internalisierten Familientraditionen, -kulturen und Glaubenssätzen nachhaltig zu unterbrechen und neue, innovative und wachstumsfördernde Lebensumstände innerhalb einer Familie zu erschaffen, braucht es einen frischen Wind, einen radikalen Umschwung, eine absolutes Neudenken, welches in Grunde schon seit 30 Jahren existiert. Der personenzentrierte Ansatz nach Carl Rogers gewinnt in Zeiten der Individualisierung, Selbstverwirklichung und des Bewusstseinswandels eine ganz neue Bedeutung und könnte gerade heute in den gelebten Familienbeziehungen eine alltagstaugliche angewandte Praxis finden.

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1
1.1 Zielsetzung der Arbeit 3
1.2 Aufbau der Arbeit 3
1.3 Eingrenzung der theoretischen Grundlagen und Konzepte 5
2 Entwicklung und Verwandlung der Gemeinschaft ‘Familie’ 6
2.1 Definition des Begriffs Familie 6
2.2 Statistische Erhebungen 7
2.3 Vielfalt der Hilfsangebote für Familien und Paare 9
3 Grundlagen 10
3.1 Der personenzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers 11
3.1.1 Die Persönlichkeitstheorie 12
3.1.2 Die klientenzentrierte Gesprächsführung 13
3.2 Wissenschaftliche Untersuchungen und Weiterführungen von Rogers’ Theorie förderlicher zwischenmenschlicher Beziehungen 16
3.2.1 EinÜberblick über förderliche Dimensionen für die persönliche Entwicklung nach R. Tausch und A. Tausch 17
3.2.2 Das Gordon-Modell – ‘Parent-Effectiveness-Training’ 21
3.2.3 Das Family Effectiveness Training (FET) 29
3.2.4 Die Wirksamkeit des GORDON-Elterntrainings 30
3.2.5 Über den Zusammenhang des P.E.T und der personenzentrierten Familie 31
4 Der personenzentrierte Ansatz als Familienkultur 35
4.1 Die Vision einer Neuen Familie 36
4.1.1 Entscheidungsbildung innerhalb der Familie 39
4.2 Der personenzentrierte Ansatz als Haltung der Eltern und seine Konsequenzen für die Erziehung 43
4.2.1 Über Demokratie innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung 49
4.2.2 Über die Bedeutung und den Wert von Grenzen 51
4.2.3 Über den Wert des Glücklichseins 54
4.3 Die Paarbeziehung als lebendige, wachstumsfördernde Begegnung 55
4.4 Die Bedeutung der Beziehungsqualität der Eltern für die Entwicklung des Kindes 60
4.5 Kritische Aspekte und Grenzen bei der Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes 62
5 Fazit 64
6 Literaturverzeichnis 68

Textprobe:

Kapitel 3.1, Der personenzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers:

Carl R. Rogers wurde 1902 in Oak Park, dem Staat Illinois der USA geboren und starb am 4. Februar 1987 in La Jolla, Kalifornien. Rogers gilt als einer der Hauptvertreter der Humanistischen Psychologie. Er war nach seinem Studium 12 Jahre lang psychotherapeutisch und beratend tätig und lehrte dann von 1940 bis 1963 an drei amerikanischen Universitäten als Professor für Psychologie. Sein gesamtes Berufsleben lang beschäftigte er sich mit der Frage nach den Bedingungen, die dazu führen, dass eine Person von sich aus über ihr Erleben und ihre Gefühle spricht, sich dabei besser verstehen lernt und schließlich zu Einstellungs- und Verhaltensänderung gelangt. „Seine Beobachtungen über den Zusammenhang zwischen personzentrierter Haltung und konstruktiven Persönlichkeitsveränderungen konnten mit einer Reihe von empirischen Untersuchungen überprüft und in den wesentlichen Punkten bestätigt werden.“ 1941 schrieb er ein Buch über Beratungstechnik und Psychotherapie, welches 1941 unter dem Originaltitel „Counselling and Psychotherapy“ erschien. Der Inhalt dieses Buches beschäftigt sich ausschließlich mit der verbalen Interaktion zwischen Helfer und Hilfesuchenden. 1951 erschien dann sein Buch „Client-centered therapy“, in welchem Rogers seine Sichtweise umfassender darlegt und zum ersten Mal weitergehende Implikationen berücksichtigt und Konzepte wie Gruppentherapie oder schülerzentrierten Unterricht erörtert. In seinem Werk „On Becoming a Person“, welches 1961 erschien, stellt Rogers diverse Aufsätze sowie Auszüge aus aufgezeichneten Therapiegesprächen zusammen, die zwischen 1951 und 1961 entstanden sind. Sein Anliegen war es, diese Arbeiten zum ersten mal nicht nur für Fachpsychologen, sondern auch für den „intelligenten Laien“ zugänglich zu machen. Er schreibt „ich hoffe aufrichtig, dass viele Menschen, die kein besonderes Interesse an Fragen der Beratung oder Psychotherapie haben, feststellen werden, dass die Lernerfahrungen aus diesem Bereich auch sie in ihrem Leben stärken können.“ Aufgrund der Erkenntnis über die weitreichende Anwendbarkeit seiner Theorie entwickelte sich die anfangs „non-direktive Beratung“ über die „klientenzentrierte Psychotherapie“ hin zu einem „personenzentrierten Ansatz“.

3.1.1, Die Persönlichkeitstheorie:

Rogers’ Persönlichkeitstheorie und sein klienten- bzw. personenzentrierter Ansatz, welcher darauf basiert, wird der humanistischen Psychologie zugeordnet, welche eine phänomenologische Orientierung hat. Das bedeutet, dass vorurteilsfrei von den Dingen an sich ausgegangen wird und der Mensch als einzigartiges Individuum gesehen wird, mit der Fähigkeit zu Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und Stabilität. Rogers vertritt die Grundüberzeugung, dass der Mensch von Natur aus gut ist und in sich die Fähigkeit trägt, sich selbst zu entwickeln und zu verwirklichen. Es wohnt in jedem Menschen diese treibende Kraft nach konstruktiver Veränderung und Selbstverwirklichung. Rogers nennt diesen Aspekt in seiner Theorie die „Aktualisierungstendenz“. Diese Tendenz strebt nach Erhaltung und Förderung des Organismus’.

Der sog. organismische Bewertungsprozess beurteilt Erfahrungen stets danach, ob sie für den Organismus als Ganzes erhaltend oder förderlich sind oder ob sie eher hemmend wirken. Im Laufe der Entwicklung eines Kindes als psychische Struktur entsteht dann das „Selbst“ und als Teil der Aktualisierungstendenz entsteht die „Tendenz zur Selbstaktualisierung“. Hier werden Erfahrungen nunmehr danach bewertet, ob sie für den Organismus förderlich sind und ob sie für das Selbstkonzept förderlich sind. Da die Entstehung des Selbst unmittelbar mit dem Verlangen nach unbedingter Wertschätzung verbunden ist, richtet sich das Kind mehr und mehr nach den Bewertungen seiner Bezugspersonen und weniger nach seinen eigenen organismischen Bewertungen. Die eigenen Bedürfnisse werden immer weniger wahrgenommen und zugunsten einer positiven Zuwendung seitens der Bezugspersonen unbewusst in den Hintergrund gedrängt. Erfahrungen finden durch die „bewertende Brille der Erwachsenen“ statt und werden somit oft verfälscht oder verleugnet, da sie ansonsten nicht mit dem Selbstkonzept übereinstimmen, welches sich, geprägt durch das Umfeld und die Beziehungen, aufgebaut hat. Rogers nennt diesen Prozess „die grundlegende Entfremdung im Menschen“.

Arbeit zitieren:
Baudry, Nadja August 2011: Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
klientenzentrierte Gesprächstherapie, Carl Rogers, Erziehung, Familie, Beziehungen

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