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„Mann und Weib und Weib und Mann ...“

Geschlechtsspezifische physiologische Voraussetzungen der Stimmbildung bei Erwachsenen

„Mann und Weib und Weib und Mann ...“
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sebastian Bielicke
  • Abgabedatum: September 2009
  • Umfang: 69 Seiten
  • Dateigröße: 2,4 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Musik und Theater Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 48
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0831-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bielicke, Sebastian September 2009: „Mann und Weib und Weib und Mann ...“, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Musikpädagogik, Gesang, Stimme, Physiologie, Gender Studies

Diplomarbeit von Sebastian Bielicke

Einleitung:

Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an.

So singen Pamina und Papageno im ersten Aufzug der Zauberflöte von W. A. Mozart. Diese poetische Aussage mag in mancherlei Hinsicht zutreffen, eine Eigenschaft aber hat das Verhältnis von ‘Mann und Weib’ in jedem Fall mit der Gottheit gemeinsam: die Unergründlichkeit.

Verwirrend ist beispielsweise die Vielzahl und teilweise Widersprüchlichkeit der Aussagen, die in der stimmphysiologischen, gesangspädagogischen und anderweitigen Literatur über Männer und Frauen getroffen werden. Einerseits wird ein physiologisch begründeter Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Gesang überhaupt geleugnet. Husler/Rodd-Marling etwa stellen kategorisch fest: ‘Der menschliche Stimmapparat ist seinem anatomisch-physiologisch-physikalischen Aufbau nach bei Mann und Frau genau derselbe. Daran wird niemand zweifeln.’ Aus der aktuellen Genderforschung äußert Grotjahn, ‘die Differenzen von weiblichem und männlichem Singen (erwiesen sich) in der historischen Analyse als Konstruktionen’. Auch in Gesangsschulen mit einfachem Anspruch wird den Schülern erklärt: ‘Ob Männlein oder Weiblein, die Stimme funktioniert völlig identisch’.

Im Widerspruch hierzu stehen die vielfältigen, kaum miteinander in Übereinstimmung zu bringenden Registersysteme, die über männliche und weibliche Tonerzeugung sehr unterschiedliche Darstellungen vortragen. Auch im Bereich der Klangformung werden von renommierten Forschern drastische Thesen gewagt, die unmittelbar auf die gesangspädagogische Praxis abzielen. So stellt etwa Johan Sundberg in seinem Standardwerk ‘Die Wissenschaft von der Singstimme’ fest, Männern und Frauen seien ‘zwei völlig verschiedene Techniken der Vokalartikulation’ beizubringen.

Auf einen angehenden Gesangslehrer und Studienabsolventen, dessen eigene Unterrichtserfahrung ipso facto noch nicht sehr umfassend sein kann, müssen diese Disparitäten verwirrend wirken. Aus diesem Grund erscheint es nicht allein lohnend, sondern unumgänglich, sich über das komplexe Thema der Geschlechter im Gesangsunterricht einen Überblick zu verschaffen und an entscheidenden Stellen sein physiologisches Wissen zu vertiefen, um die angeblichen geschlechtsbezogenen Gesetzmäßigkeiten richtig einordnen und zutreffende Schlussfolgerungen für die eigene stimmbildnerische Arbeit ziehen zu können.

Dabei versteht es sich, dass die statistisch begründeten Aussagen über Männer- bzw. Frauenstimmen von Durchschnittswerten innerhalb der Probandengruppe sprechen. Gesangswissenschaft ist eine Humanwissenschaft und keine exakte Naturwissenschaft. Auch bei allgemein anerkannten Gesetzmäßigkeiten können individuelle Ausnahmen im Rahmen der physiologischen Grenzen auftreten, ohne dass hierdurch die Gesetzmäßigkeit als solche in Frage stünde. Aus empirischen Untersuchungsergebnissen ist daher nicht ohne weiteres ein Befund im Einzelfall zu deduzieren.

Derartige Ergebnisse zu liefern kann folglich auch nicht das Ziel dieser Arbeit sein. Die gründliche Prüfung der einzelnen Schülerstimme, das funktionale Einfühlungsvermögen des Gesangslehrers kann durch stimmwissenschaftliche Befunde nicht ersetzt werden. Gleichwohl werden die Feststellungen des Gesangspädagogen gezielter getroffen und klarer formuliert werden können, wenn er weiß, was bei einem männlichen bzw. weiblichen Schüler statistisch zu erwarten ist und welche Zusammenhänge unter den Funktionskreisen die Vokologie in den vergangenen Jahrzehnten aufgedeckt hat.

Die Eingrenzung des Themas ergibt sich aus den Bestandteilen des Untertitels dieser Arbeit: ‘Geschlechtsspezifische physiologische Voraussetzungen der Stimmbildung bei Erwachsenen’.

‘Geschlechtsspezifisch’ zeigt an, dass hier vor allem Unterschiede zwischen den Vertretern verschiedener Geschlechter behandelt werden sollen. Varianzen innerhalb der Geschlechtergruppen, etwa zwischen hohen und tiefen oder dramatischen und lyrischen Stimmen werden nicht ausgiebig diskutiert. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass der Verfasser die Bedeutung der interindividuellen Unterschiede verkannt hätte. Wo eine Aussage oder ein Ergebnis für sich gesehen eine unzulässige Verallgemeinerung darzustellen scheint, ist sie als Ausssage über durchschnittliche und im medizinischen Sinne gesunde Vertreter des jeweiligen Geschlechts gemeint. Es erscheint nur umständlich und wenig zielführend, jede entsprechende Aussage mit einem ‘durchschnittlich’ oder ‘von Ausnahmen abgesehen’ zu relativieren. Ferner werden bezüglich der stimmbildnerischen Ziele (unter denen ja Voraussetzungen erst als solche erscheinen) insbesondere im Bezug auf die klassische Gesangsstimme Stereotypisierungen kolportiert, die klassischen Sängern beiderlei Geschlechts zugeordnet werden (z. B. in Bezug auf die Farbe eines leichten Soprans oder das hohe c‘‘ des Tenors). Das entspricht den kontextspezifischen Anforderungen der gesangspädagogschen Praxis.

‘Physiologisch’ bedeutet hier sowohl im allgemeinsprachlichen Sinne körperlich-funktional als auch im medizinischen Sinne gesund. Im Kontext des Gesangsunterrichts ist die Stimmgesundheit des Schülers ein vorrangiges Ziel, und die Arbeit an körperlichen Funktionen hat sich primär an den im medizinischen Sinne physiologischen Abläufen zu orientieren. Entsprechend der Zielsetzung der Arbeit und der fachlichen Ausrichtung des Verfassers wird unter physiologisch stimmphysiologisch im engeren Sinne verstanden. Die für einen Nichtfachmann schwer zugängliche Neurophysiologie bleibt ausgespart, zumal sie auch noch nicht hinreichend ausgeforscht ist und nach Ansicht von Neumann für die Stimmbildung ohnehin keine geschlechtsspezifischen Erkenntnisse bereithält.

Physiologisch ist allerdings nicht gleichbedeutend mit anatomisch. Das genetisch festgelegte biologische Geschlecht des Schülers (engl. ‘sex’) steht hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es beginnt jedoch keine erwachsene Schülerstimme in einem unberührten Naturzustand mit dem Unterricht, vielmehr hat sie bereits eine weitgehende Sozialisation durchlaufen. Die funktionellen Abläufe sind folglich auch von der Vorstellung des Schülers von seiner Geschlechterrolle (engl. ‘gender’) beeinflusst, beispielsweise im Gebrauch von Kopf- und Brustregister bei Frauenstimmen. Diese Gegebenheiten stellen relevante Voraussetzungen der Stimmbildung dar. Zwar ist das biologische Geschlecht für die physiologischen Eigenschaften einer Stimme prägender als das soziale (zumindest für akustisch messbare Werte); eine Einbeziehung von empririschen Studien über das rollengeprägte physiologische Verhalten ist aber legitim.

‘Voraussetzungen’ ist als Begriff selbsterklärend. Die Zielsetzung der Arbeit ist es, Voraussetzungen zu beschreiben, mithin primär eine deskriptive und nicht eine präskriptive. Es soll referiert werden, welche Unterschiede bisher erforscht und in der Literatur beschrieben sind. Pädagogische Schlussfolgerungen sind aufgrund der Vielfalt der Meinungen und Ansätze in der heutigen Gesangspädagogik innerhalb des hier gegebenen Rahmens nicht gründlich auszudiskutieren. Nichtsdestoweniger werden Äußerungen maßgeblicher Autoren im einschlägigen Zusammenhang wiedergegeben, um zu illustrieren, inwieweit es sich bei dem dargestellten Sachverhalt um eine Voraussetzung der stimmbildnerischen Arbeit handelt. Eine wesentliche Gruppe von Voraussetzungen wird sich aus Untersuchungen der Sprechstimme ergeben. Die Stimme wird täglich in großem Umfang als Kommunikationsmittel genutzt. Dabei übt oder vernachlässigt sie Funktionen, die der Singstimme dann leichter bzw. schwerer zugänglich sind.

‘Stimmbildung’ zeigt innerhalb des Physiologischen eine Konzentration auf die Stimmphysiologie an. Definitiv ausgeklammert werden die Bereiche der allgemeinen Musikalität, der durchschnittlichen Begabung mit Textverständnis und Vorstellungskraft und weiterer Aspekte, die vorwiegend für andere Anteile des Gesangsunterrichts relevant sind als für den stimmbildnerischen. Dabei steht die am längsten und ausführlichsten diskutierte und auch unter Probanden der empirischen Forschung überproportional vertretene klassische Gesangsstimme im Vordergrund, ohne dass jedoch die moderneren Stile unberücksichtigt blieben. Die physiologischen Voraussetzungen sind für alle Stile die gleichen, nur die Ziele der Stimmbildung weichen z. T. ab (etwa in der Frage des Registerausgleichs).

‘Erwachsene’ Männer und Frauen sind der Gegenstand dieser Arbeit. Die stimmliche Entwicklung von der Geburt bis zum Stimmwechsel wird nicht behandelt. Als erwachsen soll hier eine Person gelten, deren Postmutationsphase abgeschlossen ist. Eine klare Altersbegrenzung ist damit allerdings nicht möglich. Männerstimmen gelten bei Habermann ab dem 18. bis 20. Lebensjahr als weitgehend erwachsen. Mathelitsch/Friedrich setzen das Ende der Postmutationsphase bei Männern auf das 18. Lebensjahr fest. Bei Frauen liegen alle Autoren jeweils ein bis zwei Jahre früher.

In Anbetracht des vorliegenden Materials ist zudem die Einschränkung nötig, dass als Zielpopulation aller hiesigen Betrachtungen vorrangig Angehörige des westlichen Kulturkreises untersucht wurden. Geschlechtsspezifische Studien mit asiatischen oder afrikanischen Probanden sind hier nicht in hinreichendem Umfang bekannt, so dass über diese Populationen auch keine greifbaren Erkenntnisse referiert werden können. Zur sprachlichen Vereinfachung sei klargestellt, dass, soweit hier von ‘männlichen’ und ‘weiblichen’ Personen oder Körperteilen die Rede ist, sich dies stets auf Erwachsene bezieht.

Eine konkrete Kernfrage für eine derart offen und beziehungsreich angelegte Thematik zu formulieren, ist schwierig. Ich frage deshalb eher allgemein: Gibt es physiologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die für die Stimmbildung relevant sind, und worin bestehen sie gegebenenfalls?

Die Voraussetzungen der Stimmbildung sind vielfältig, wie oben bereits angedeutet wurde. Entsprechend muss, selbst bei Konzentration auf die physiologische Perspektive, die Betrachtung dieser Arbeit multidimensional ausfallen. Eine eigenständige empirische Forschung erschien vor allem aus diesem Grund kaum ergiebig. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln hätte der Verfasser allenfalls Versuche mit einer sehr kleinen, nicht repräsentativen Probandenzahl veranstalten können, deren Ergebnisse aufgrund der entsprechend hohen statistischen Irrtumswahrscheinlichkeit wenig besagt hätten. Der Aufwand wäre demgegenüber immens gewesen, bieten doch sämtliche Stimmfunktionen relevante Fragestellungen, die zu untersuchen wären.

Angesichts der Multidimensionalität des Themas erschien es sinnvoller, sich ganz auf die bereits vorhandene, umfangreiche Literatur zum Thema zu stützen und konsequent zusammenzutragen, was Wissenschaft und Lehre zu dessen Teilaspekten bisher festgestellt haben. Dabei wurden Recherchen im Schrifttum der Gesangspädagogik, der Phoniatrie, der Linguistik, der Stimmakustik sowie vereinzelt auch der Genderforschung angestellt, um für einen aussagekräftigen Überblick möglichst viele verschiedene Aspekte zu erfassen. Angesichts der Fülle an Literatur in jedem dieser Gebiete ist eine Vollständigkeit natürlich nicht überall erreichbar. Der Schwerpunkt der Recherchen liegt klar im Bereich der Gesangspädagogik und der klinischen und akustischen Erforschung der Sängerstimme. Andere Quellen mögen als exemplarisch und als Ansatzpunkt für einen interdisziplinären Austausch angesehen werden. So stütze ich mich im Bereich der Soziolinguistik hauptsächlich auf die gründlichen Recherchen von Biemans.

Die Grobstruktur des Haupttteils folgt der Themenstellung gemäß der heute allgemein üblichen Einteilung stimmphysiologischer Arbeiten nach dem Modell der drei stimmlichen Funktionskreise Haltung/Atmung, Phonation und Resonanz/ Artikulation. Innerhalb jedes Abschnittes sind die Quellen diskursiv angeordnet.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 1
A Ziel der Arbeit 1
B Definition des Themas 2
C Methodik 4
II. Untersuchung 5
A Haltung und Atmung 5
1. Allgemeines 5
2. Vitalkapazität 5
3. Einflüsse der Bekleidung 6
4. Einflüsse einer Schwangerschaft 9
B Stimmerzeugung 11
1. Allgemeines 11
2. Tonhöhe 11
3. Register 16
a Registertheorien und -terminologien 16
b Vollfunktion 18
c Randfunktion 21
d Registerausgleich und Mittelstimme 24
e Exkurs: Psychische und expressive Konnotationen der Hauptregister 27
f Pfeifregister 30
g Strohbassregister 30
4. Phonationsmodi 31
5. Hormonelle Einflüsse 32
a Menstruation 32
b Hormonpräparate 33
c Schwangerschaft 34
d Alterserscheinungen 35
C Resonanz und Artikulation 36
1. Allgemeines 36
2. Rauhigkeit 38
3. Nasalität 39
4. Vokale und formant tuning 40
5. Sängerformant und Decken 43
6. Konsonanten 45
III. Ergebnis 46
A Zusammenfassung 46
B Stellenwert des Themas im Gesamtkontext des Gesangsunterrichts 47
C Kritik, Diskussion und Forschungsdesiderate 48
IV. Anhang A1
A Anatomische Abbildungen A1
B Graphen und Notenbilder A4
C Tabellen A7

Textprobe:

Kapitel II, Untersuchung:

A, Haltung und Atmung:

1, Allgemeines:

Atmung dient im Zusammenhang mit der Stimmgebung dazu, einen subglottischen Luftüberdruck und damit einen transglottischen Luftstrom zu generieren, der die aneinander angenäherten Stimmlippen zum Vibrieren bringen kann. Voraussetzung für eine optimale, flexible Atmung ist generell eine physiologische, das heißt freie und aufrechte Körperhaltung.

Die Erfordernisse an stimmgerechte Haltung sowie die geläufige Einteilung der totalen Lungenkapazität in Residualvolumen und Vitalkapazität sind für Männer und Frauen grundsätzlich identisch. Geschlechtsspezifische Verhältnisse werden hier meist nicht einmal thematisiert.

2, Vitalkapazität:

Das Geschlecht ist (neben Alter, Größe, Trainingszustand u. a.) einer der Faktoren, welche die Vitalkapazität bestimmen, d. h. die durch Ein- und Ausatmung bewegbare Luftmenge. Nach Sundberg haben Männer bei gleicher Körpergröße eine etwas größere Vitalkapazität als Frauen. Nach Habermann beträgt die Teilmenge des sogenannten Phonationsvolumens, i. e. ‘das für die maximale Tondauer verfügbare linear von der Vitalkapazität (VK) abhängende Luftvolumen’ an der gesamten Lungenkapazität bei Männern in den Grenzwerten etwa um fünf Prozentpunkte mehr als bei Frauen (50 - 80 % gegenüber 45 - 75 %).

Die von Luchsinger konstatierten bewegten Luftvolumina bei ausgebildeten Sängern schwanken in relativ großem Ausmaß. Geschlechtsunabhängig weisen hohe Stimmen ein geringeres bewegtes Luftvolumen auf als tiefe.

Von praktischen Konsequenzen hieraus ist jedoch nirgends die Rede, so dass es sich hierbei nicht um eine relevante Voraussetzung der Stimmbildung zu handeln scheint. Der Unterschied ist quantitativ eher marginal und steht zudem in einem komplexen Zusammenhang mit dem Trainingszustand der Atemmuskulatur, der Größe des Kehlkopfes (der bei Frauen wiederum kleiner ist als bei Männern) sowie dem bevorzugten Phonationsmodus bzw. dem überwiegend benutzten Register. Deshalb haben Männer auch beim Sprechen einen geringeren glottalen Widerstand als Frauen und dementsprechend einen höheren transglottalen Luftstrom. Die Ausdauer bei der Stimmgebung hängt eher vom variablen Luftverbrauch als von der gering schwankenden Luftkapazität ab, die für den Sänger im Ergebnis nur von ‘untergeordneter Bedeutung’ ist.

Die Stimmphysiologen sind sich hier einig. Aus der Gesangspädagogik ertönen jedoch Stimmen, die dem Atemapparat von Männern und Frauen dennoch unterschiedliche Metaphern unterlegen möchten. Heuer-Christen spricht in ihrem fantasievollen Vortrag über geschlechtsspezifischen Unterricht exemplarisch von gegensätzlichen bildhaften Vorstellungen zur Spannung des Atemkörpers: Ihre weiblichen Studierenden hätten auf eine vertikale Spannungsvorstellung besser angesprochen, die männlichen hingegen auf eine suggerierte Breitspannung. Leider bleibt bei ihr jedoch unklar, auf welchen physiologischen Voraussetzungen dieser Effekt beruht. Auch unterscheidet sie zwischen lyrischen und dramatischen Stimmen nur hinsichtlich des interpretatorischen Zugangs, nicht hinsichtlich der Stimmbildung, was wenig plausibel erscheint, ist doch der subglottische Atemdruck eines der Hauptmerkmale dieser beiden Stimmgattungen. So ist denn dieser Gedanke allenfalls Indiz für ein Desiderat der systematischen empirischen Forschung.

Generell ist zu sagen, dass anatomisch begründete geschlechtsspezifische Unterschiede in der sängerischen Atemschulung bisher nicht nachgewiesen sind. Wenn es geringfügige Unterschiede gibt, so sind sie wohl eher mittelbar auf den größeren Körperwuchs von Männern oder den tendenziell stärker verhauchten Phonationsmodus bei Frauen zurückzuführen.

Arbeit zitieren:
Bielicke, Sebastian September 2009: „Mann und Weib und Weib und Mann ...“, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Musikpädagogik, Gesang, Stimme, Physiologie, Gender Studies

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