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Entscheidungen und Emotionen

Entscheidungen und Emotionen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Philipp Morszeck
  • Abgabedatum: August 2009
  • Umfang: 89 Seiten
  • Dateigröße: 1,3 MB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
  • Bibliografie: ca. 51
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4946-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Morszeck, Philipp August 2009: Entscheidungen und Emotionen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Behavioural Finance, Wirtschaftspsychologie, Anlegerverhalten, Zertifikate, Finanzmarkt

Diplomarbeit von Philipp Morszeck

Einleitung:

‘... Wir Torhüter sind speziell. Nicht nur weil wir den Ball in die Hand nehmen dürfen und anders angezogen sind. Wir sind auch im Bereich der Persönlichkeit und Emotion etwas anders. ... Wir erleben das Spiel auf andere Art.’ Torhüter bieten ihrer Mannschaft Rückhalt. Ihre Aufgabe ist es, unvorhersehbare Aktionen ihrer Mit- und Gegenspieler, die sich in Gegentoren niederschlagen können, zu verhindern. Die Offensivleistung einer Mannschaft kann nicht zu einem erfolgreichen Ergebnis führen, wenn die Defensivaufstellung mehr Fehler zulässt, als eigene Erfolge in Form von Toren erzielt werden. Diese Aufstellung ist auf die Mannschaft eines Anlegers, sein Portfolio, übertragbar. Ein ausgewogenes Portfolio setzt sich aus Bestandteilen unterschiedlicher Qualitäten zusammen. Je nach Einstellung werden offensive und defensive Anlagen so aufgestellt, dass am Ende der Spielzeit, der Laufzeit, das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Während Aktien und Derivate dazu dienen, Tore in Form guter Renditen zu erzielen, gelten Renten eher als Defensivstrategie, deren Funktion darin besteht, ein Spiel zu kontrollieren oder zumindest nicht zu verlieren. Es gibt einen vergleichsweise jungen Spielertyp, der gemäß seiner unterschiedlichen Stärken in Offensive, Mittelfeld und Defensive gleichermaßen eingesetzt werden kann: Das Zertifikat.

Zertifikate sind ‘Alleskönner’ und in der Lage, jede erdenkliche taktische Ausrichtung eines Portfolios abzubilden. Während der Ertrag klassischer Anlagen prinzipiell von steigenden Basiswerten abhängig ist, eröffnen Zertifikate zusätzlich die Möglichkeit eines Gewinns in seitwärts tendierenden oder fallenden Märkten. Damit kann nicht nur die Timing-Problematik des richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunktes gemindert, auch rückläufige Kurse können gewinngenerierend genutzt werden.

Die Torhüter unter den Zertifikaten sind kapitalgarantierte Zertifikate. Ihre Aufgabe ist es, das Risiko einer Anlage zu minimieren. Dafür bieten sie optimale Voraussetzungen, da am Ende ihrer Spielzeit das Ergebnis der Defensivleistung fest steht. Durch die Garantie des eingesetzten Kapitals ist sicher, dass dieser Portfoliobestandteil ohne Gegentreffer bleibt. Daneben kann dieser Zertifikateyp auch Offensivattribute aufweisen. Allein die Mindestverzinsung vieler Garantieprodukte liegt aktuell deutlich über der eines Sparbuches. Sie stellen eine Anlagealternative dar, die daher lohnend in Betracht gezogen werden kann und zusätzlich Raum für weiteren Mehrertrag lässt.

Der Verlauf eines Spiels geht häufig mit Emotionen und Stimmungen einher. Angst kann in einer stürmischen Phase aufkommen, in der der Druck auf die eigene Mannschaft so groß ist, dass sich Zweifel hegen, diese Situation schadlos zu überstehen. Überschwang entsteht, wenn ein scheinbar kontrollierter Spielverlauf zu Nachlässigkeiten führt. Dies sind Emotionen, wie sie auch mit den Kapitalmärkten verbunden sind, aber dort nicht von allen Berichterstattern eingefangen werden. Traditionelle Entscheidungsmodelle sind nicht in der Lage, das Geschehen an der Börse zu erklären. Sie erfassen den Einfluss menschlicher Emotionen nicht. Die vorliegende Ausarbeitung untersucht den Einfluss von Emotionen auf Entscheidungen im Anlagebereich. Grundlage ist eine kurze Beschreibung der Eigenschaften und des Marktes von Anlagezertifikaten. Bevor sozialpsychologische Konzepte in Bezug auf Risikowahrnehmung und -verhalten dargestellt werden, die Aufschluss und Erklärungen geben, die traditionelle Entscheidungsmodelle schuldig bleiben, wird der Zusammenhang von Entscheidungen und Emotionen geklärt. Abschließend wird die Abhängigkeit des Zertifikatemarktes vom Indexverlauf des DAX untersucht. Der Fokus der Arbeit erfasst die Defensivaufstellung eines Portfolios in Form von Garantiezertifikaten. Sie sind speziell wie Torhüter, unterscheiden sich hinsichtlich der wahrgenommenen Emotionen und erleben das Spiel auf andere Art.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
1. Einleitung 5
2. Anlagezertifikate 6
2.1 Der Markt für Anlagezertifikate 6
2.2 Anlagezertifikate: Eine Definition 8
2.3 Garantiezertifikate: Untersuchungsgegenstand der Arbeit 10
2.4 Der Privatanleger: Akteur auf dem Markt für Anlagezertifikate 11
3. Der Zusammenhang von Entscheidungen und Emotionen 12
3.1 Die Entscheidungssituation 12
3.2 Traditionelle Modelle rationalen Entscheidens 13
3.3 Emotionen: Eine Definition 15
3.4 Integration von Kognitionen und Emotionen: Zwei-System-Betrachtung 18
4. Risikowahrnehmung und Risikoverhalten von Anlegern 21
4.1 Prospect-Theorie 22
4.1.1 Gewinne und Verluste als Werttreiber 23
4.1.2 Die Form der Wertfunktion 24
4.1.3 Knick und Steilheit der Wertfunktion 25
4.1.4 Die unterschiedliche Sensitivität von Wahrscheinlichkeiten 27
4.1.5 Zusammenfassung und Kritik 29
4.2 Framing und Mental Accounting 30
4.3 Entscheidungsheuristiken 35
4.3.1 Attribut-Substitution 36
4.3.2 Die Verfügbarkeitsheuristik 37
4.3.3 Die Prototypheuristik 41
4.3.4 Die Affektheuristik 45
4.3.5 Zusammenfassung und Kritik 49
4.4 Emotionale Selbstorganisation eines Anlegers 50
4.4.1 Streben nach Konsonanz 50
4.4.2 Streben nach Kontrolle 55
4.4.3 Erwartungen 60
4.5 Sozialer Herdentrieb 63
4.5.1 Psychologische Konformität und der Einfluss von Gruppen 63
4.5.2 Einfluss der Medien 67
4.6 Entwicklung kapitalgarantierter Zertifikate 70
5. Diskussion und Ausblick 76
6. Zusammenfassung 80
7 Anhang 82
7.1 Anlagezertifikate: Grundlagen und Vorstellung der Strukturen 82
7.2 Kurzbeschreibung der Aktienstrukturen 82
7.2.1 Partizipationsanleihe, Delta 1 Anleihe 83
7.2.2 Aktienkorbanleihe, Basketanleihe 83
7.3 Kurzbeschreibung der Rentenstrukturen 84
7.3.1 Stufenzinsanleihe, Step-Up Callable 84
7.3.2 Marktzinsanleihe, Floored Floating Rate Note 84
7.3.3 Zinskurvenanleihe, Steepener 85
8. Literaturverzeichnis 86

Textprobe:

Kapitel, 4.3.4, Die Affektheuristik:

Die Autoren erklären den Effekt durch Leichtigkeit der Transformation der Entscheidung auf die Antwortskala. Je einfacher dabei diese Transformation vorgenommen werden kann, desto größer ist ihr Gewicht. Obwohl Ergebnissen auf einer Preisskala höhere Präferenzen zugeschrieben werden, scheinen in einer Rangfolge hohe Wahrscheinlichkeiten aufgrund ihrer scheinbaren Attraktivität zu überwiegen.

Bei der Auswahl von Zertifikaten aus dem Emissionsgeschäft liegt keine Preisskala vor, da alle Produkte zu einem Nominalwert von 100 EUR angeboten werden. Vielmehr geht es bei der Auswahl um die Einschätzung, welches Zertifikat einem anderen vorgezogen wird. Die Erfahrung des Verfassers dieser Arbeit deutet darauf hin, dass Produkte mit hohen garantierten Ergebnissen, in Form hoher garantierter Kuponzahlungen, vorgezogen werden. Für diese, oft für die Hälfte der Laufzeit garantierten Kupons, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 1 des Eintritts. Bei der Strukturierung von Zertifikaten lassen hohe, über dem Markzinsniveau liegende Fixkupons in Verbindung mit einer Kapitalgarantie nicht viel Spielraum für eine werthaltige Optionskomponente. Aus diesem Grund sinkt die Eintrittswahrscheinlichkeit höherer zu-künftiger Ergebnisse, die sich in einer variablen Kuponzahlung ausdrücken. Um bei der Strukturierung eine Einnahme und dennoch einen Referenzpunkt für die zu er-wartenden Erträge zu schaffen, werden viele Produkte mit einem Cap, einer Grenze für den Maximalertrag, versehen. Der Cap schafft eine leicht zugängliche und konkrete Vorstellung über den zu erwartenden Maximalertrag eines Zertifikates, auch wenn die niedrige Wahrscheinlichkeit dieses Eintritts dem Anleger wohl meistens verborgen bleibt.

Eine Präferenz kann sich außerdem durch einen Vergleich einstellen. Dabei wird der Kupon eines Zertifikates nicht isoliert betrachtet, sondern die Präferenz aus einem Vergleich verschiedener Produkte gewonnen. Ein Vergleich bei der Auswahl eines Anlagezertifikates scheint hierbei durch Betrachtung unterschiedlicher Höhen sicherer Kupons verschiedener Strukturen und Emittenten vorgenommen zu werden. Ein höherer Fixkupon, der zwar die größte Eintrittssicherheit bietet, ist aus den oben genannten Gründen allerdings kein Garant für das höchste Ergebnis, dennoch bietet dieser Vergleich eine Erklärung für die oft zu beobachtende bevorzugte Wahl eines Anlegers.

Die Affekt-Heuristik kann auch zur Erklärung der Ergebnisse der Prospect-Theorie herangezogen werden. Gewinne und Verluste sind affektgeladene Bilder, die intuitiv zugänglicher sind und in einen Gefühlszustand übersetzt werden. Diese affektive Einschätzung kann schnell und grundlegend durch Framing oder andere subtile Kontextfaktoren, die mit einem Affekt verbunden sind, beeinflusst werden.

Wenn das Ergebnis einer Entscheidung stark emotionsgeladene Bedeutungen aufweist, wie beispielsweise ein Lottogewinn oder die Auswirkungen der Finanzkrise, werden Änderungen in Wahrscheinlichkeiten zu wenig berücksichtigt. Die Möglichkeit eines Eintritts gewinnt dann weit mehr Gewicht als die Eintrittswahrscheinlichkeit selbst. Loewenstein et al. erklären die Übergewichtung der bloßen Möglichkeiten anhand emotionaler Folgen. Wenn ein aversives Ereignis, wie der Verlust von Kapital, oder ein positives Ereignis, wie ein Lotteriegewinn oder eine hohe Renditechance, die Nullschwelle überschreitet, löst es emotional Angst bzw. Hoffnung aus. Dies führt zu einer Übergewichtung kleiner Wahrscheinlichkeiten, die den gleichzeitigen Kauf einer Versicherung und eines Lotterieloses erklären. Diese Insensitivität zu Änderungen von Wahrscheinlichkeiten ist dabei umso größer, je emotionaler und lebhafter die Ergebnisse der Entscheidung sind. Angst beispielsweise ist höchst abhängig von mentalen Bildern, wie die Furcht vor einem Flugzeugabsturz oder einem Kapitalverlust. Eine Angstkonditionierung, wie sie nach der Lehman-Pleite vorgenommen wird, kann sich permanent bzw. nachhaltiger auswirken als andere Lernergebnisse. Während Floored Floater in der Regel mit einen Namen versehen werden, der an eine marktübliche Verzinsung angelehnt ist, macht sich eine Emittentin diesen Wirkungszusammenhang zunutze (z.B. WKN NLB5PS ). Ihre Struktur trägt den Na-men ‘Inflationsanleihe’, was im Rahmen der aktuellen Staatsdefizite ein in der Presse häufig diskutiertes und affektiv negativ besetztes Thema ist. Gleichzeitig wird diese Anleihe mit einem Kupon-Cap, der strukturell wertlos ist, von 10% p.a. ausgestattet. Obwohl dieser Referenzpunkt keine Relation zur Realität hat, erscheint ein Eintritt in Verbindung mit dem affektgeladenen Inflationsszenario wahrscheinlicher. Die Namensgebung eines Produktes kann die affektive Einschätzung des Anlegers beeinflussen. Besonders kapitalgarantierte Strukturen tragen nicht nur Komponenten wie ‘Anleihe’ oder ‘Schutz’ in ihrem Namen, die ein geringes Risiko dieser Anlage implizieren; eine ebenfalls häufig im Namen eines Produktes anzutreffende Komponente ist die Renditechance, die durch Nennung der Maximalrendite ein gleichwertiges Gewicht zur Risikoeigenschaft gewinnt. Nach der Insolvenz von Lehman Brothers sind viele Emittenten dazu übergegangen, den Begriff ‘Zertifikat’ aus dem Namen zu streichen, da dieser inzwischen stark negativ besetzt ist. MacGregor et al. kommen in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass bei sehr allgemeinen oder vagen Informationen zu einer Finanzanlage metaphorische Bilder und damit verbundene Affekte die Grundlage einer Entscheidung bilden. Für den Zertifikatemarkt könnte dies als ein Grund für den deutlichen Rückgang ausstehender Volumina herangezogen werden, da die Zuspitzung der Finanzkrise und die affektiv geladenen sowie sehr oberflächlichen Diskussion in Fernsehen und Presse in Zusammenhang stehen.

Arbeit zitieren:
Morszeck, Philipp August 2009: Entscheidungen und Emotionen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Behavioural Finance, Wirtschaftspsychologie, Anlegerverhalten, Zertifikate, Finanzmarkt

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