Bachelor + Master Publishing
765 Bachelorarbeiten, 508 Masterarbeiten, 10.071 Diplomarbeiten

Gemeinsam einsam fernsehen

Eine Untersuchung zum Einfluss von sozialen Hinweisreizen auf das soziale Präsenzerleben bei der Filmrezeption

Gemeinsam einsam fernsehen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Alexander Blicker-Dielmann
  • Abgabedatum: März 2010
  • Umfang: 144 Seiten
  • Dateigröße: 2,2 MB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
  • Bibliografie: ca. 90
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4935-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Blicker-Dielmann, Alexander März 2010: Gemeinsam einsam fernsehen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Soziale Präsenz, Kommunikation, Social TV, Publikumsvorstellung, Medienwirkungsforschung

Diplomarbeit von Alexander Blicker-Dielmann

Einleitung:

Die Auswertungen der ARD/ZDF-Onlinestudien von 2008 und 2009 bestätigen das Fernsehen als Leitmedium. Die intermedialen Nutzungsanteile verzeichnen sogar einen leichten Zuwachs von 40,5 Prozent im Jahr 2008 auf 41,5 Prozent in 2009. Neben dem Fernsehen erhöhte sich auch der Nutzungsanteil des Internets von 10,6 Prozent auf 13,1 Prozent. Gleichzeitig ergab sich eine erhöhte Nachfrage nach Videos im Netz. So nutzten 2009 62 Prozent der Online-User ab 14 Jahren bewegte Bilder im Internet. In 2008 waren es 55 Prozent. Nach dem Medienradar 2009 gaben 79 Prozent dieser Nutzer an, TV-Inhalte anzusehen. Interessant sind diese Ergebnisse vor dem Hintergrund, dass das Fernsehen „viel stärker als andere Medien der Entspannung, der Ablenkung vom Alltag, dem Spaß und der Bewältigung von Einsamkeitsgefühlen dient“. Gleichzeitig wird der soziale Nutzen der Fernsehrezeption in direkter Form als gemeinschaftliches Erleben und indirekt als Angebot von Themen für Anschlusskommunikationen betont. Es gibt allerdings auch Stimmen, die in dieser Entwicklung eine Gefahr sehen. Vincent Nichols, Erzbischof der römisch-katholischen Kirche von England, warnte im August 2009 im Online-Portal der Times:

Facebook and Myspace drive teens to suicide. …. Skills such as reading a person´s mood and body language were in decline, and that exclusive use of electronic information had a ´dehumanising´effect on community life. …. Among young people often a key factor in their committing suicide is the trauma of transient relationships. They throw themselves into a friendship or network of friendships, then it collapses and they´re desolate.

Auch wenn man die medienvermittelte Kommunikation nicht kausal für die Selbstmorde Jugendlicher verantwortlich machen kann, findet sich die Kritik doch auch in der Medienpsychologie wieder. So stellen Theorien und Modelle, die den defizitären Ansätzen zuzuordnen sind, gerade den negativen Aspekt des Verlusts an sozialen Hinweisreizen in den Vordergrund ihrer Betrachtung. Immer mehr Menschen unterhalten inzwischen Beziehungen über größere räumliche Distanz. Die Weiterentwicklung und zunehmende Verbreitung von Kommunikationstechnologien schafft hierfür die Voraussetzungen. Durch die Vereinzelung wird der soziale Nutzen der Fernseh-Rezeption von den Forschern des Social TV als gefährdet angesehen, insbesondere da das Fernsehen über keinen direkten Kommunikationskanal verfügt. Um den sozialen Nutzen des Fernsehens trotz dieser Entwicklung zu gewährleisten, wird vorgeschlagen, das Fernsehen mit der computervermittelten Kommunikation (cvK) zu verbinden und somit eine Verbindung zwischen den Rezipienten zu ermöglichen. Daraus ergibt sich die Frage, ob die computervermittelte Information ausreicht, um ein vergleichbar soziales Erleben im Sinne der gemeinschaftlichen Fernsehrezeption zu schaffen.

Das Konzept des Social TV geht von einem Gemeinschaftserleben über das Verbundenheitsgefühl zwischen den Rezipienten aus. Die vorliegende Studie geht der Frage nach, ob ein computervermittelter Hinweisreiz zum affektiven Erleben des Mitpublikums eine Verbundenheit im Sinne der Theorie der sozialen Präsenz bewirkt. Sollte dies gelingen, wäre dies ein erster Schritt, die räumlich zunehmend isoliert stattfindende Film- und Fernsehrezeption sozialer zu gestalten.

Diese Untersuchung leistet also einen Beitrag zur Rezeptionsforschung. Der Fokus liegt dabei ebenfalls auf der Filmrezeption als Gemeinschaftserlebnis. Darüber hinaus leistet sie einen Beitrag zur Publikumsforschung, indem sie der Frage nachgeht, ob soziale Hinweisreize ausreichen, um die Vorstellung eines Mitpublikums im Sinne des Modells rezeptionssituativer Publikumsvorstellungen und damit ein Gefühl von sozialer Präsenz auszulösen.

Im theoretischen Teil dieser Untersuchung wird in einem ersten Schritt der zugrundeliegende Kommunikationsbegriff bestimmt und eine Anbindung an verschiedene Forschungsdisziplinen vorgenommen (2.1). In einem zweiten Schritt wird die Rezeptionssituation näher betrachtet. Neben unterstützenden Theorieverweisen wird dabei hauptsächlich auf die aus der computervermittelten Kommunikation stammende Theorie der sozialen Präsenz (2.2) sowie das Modell rezeptionssituativer Publikumsvorstellungen (2.3) zurückgegriffen. In einem ersten Ergebnis werden Hypothesen aufgestellt, die Aussagen über die Salienz von Zuschauervorstellungen bzw. das Empfinden sozialer Präsenz bei der Filmrezeption im Zusammenhang mit sozialen Hinweisreizen treffen (3). Im anschließenden empirischen Teil wird der Untersuchungsverlauf beschrieben (4.1). In diesem Kontext werden die Variationen des Experiments, also die unabhängige Variable ausgearbeitet (4.1.5). Es folgt eine Erläuterung der Erhebungsmethoden (4.2) mit einem Schwerpunkt auf der Messung von sozialer Präsenz als abhängige Variable (4.2.1). Anschließend wird auf die Bestimmung des Stimulusmaterials (4.3) sowie auf die verwendeten statistischen Verfahren (4.4) näher eingegangen. In einem letzten Schritt werden die empirischen Ergebnisse dargestellt (5), diskutiert (6) und ein sich daraus ableitender Ausblick auf weitere Forschungsfragen gegeben (7).

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
2. Theoretischer Hintergrund 7
2.1 Begrifflichkeit und wissenschaftliche Verortung 7
2.2 Die Theorie der sozialen Präsenz 8
2.2.1 Begriffsbestimmung 8
2.2.2 Dimensionen und Ebenen von sozialer Präsenz 14
2.3 Das Modell rezeptionssituativer Publikumsvortellungen 18
2.3.1 Modellannahmen 18
2.3.2 Mediale Hinweise und subjektive Medientheorien 19
2.3.3 Publikumsvorstellungen 23
2.3.4 Effekte 27
2.4 Echte Kopräsenz als Referenzsituation 28
3. Forschungsfragen und Hypothesen 30
4. Methodik 32
4.1 Untersuchungsverlauf 32
4.1.1 Rekrutierung der Versuchsteilnehmer 32
4.1.2 Empfang und Einweisung der Probanden 33
4.1.3 Freiwilligkeit der Teilnahme und Vertraulichkeit der Daten 35
4.1.4 Erhebungsphase 37
4.1.5 Variationen des Experimentes (unabhängige Variable) 37
4.1.5.1 Kopräsenz-Bedingung 37
4.1.5.2 Feedback-Bedingung 38
4.1.5.3 Kontroll-Bedingung 40
4.2 Erhebungsmethoden 40
4.2.1 Messung von sozialer Präsenz (abhängige Variable) 40
4.2.2 Weitere Fragebogenerhebungen 44
4.2.3 Sliderrating, psychophysiologische Datenerhebung, Mimikerfassung 47
4.2.4 Technische Umsetzung 48
4.3 Auswahl des Filmmaterials 48
4.4 Verwendete Verfahren der Datenanalyse 50
5. Ergebnisse 52
5.1 Allgemeine Ergebnisse 52
5.2 Deskriptive Statistiken zu den Variablen 53
5.3 Häufigkeiten von Antwortverweigerungen („keine Angabe“) 56
5.4 Ergebnisse der Varianzanalyse (ANOVA) 57
5.5 Signifikante Ergebnisse 60
5.6 Zusammenfassung der Ergebnisse 63
6. Diskussion 63
6.1 Inhaltliche Diskussion 63
6.2 Methodenkritik 65
7. Ausblick 66
8. Zusammenfassung 68
9. Literaturverzeichnis 70
10. Abbildungsverzeichnis 77
11. Tabellenverzeichnis 78
12. Abkürzungsverzeichnis 79
13. Anhang 80
A Diagramme zur Telepräsenz 80
B Diagramme zurSozialen Präsenz 82
C Materialien zur Rekrutierung 83
D Vorlage zur Slider-Beschriftung 93
E Auswertungen zum Pretest 94
F Film- und Szenenbeschreibungen 97
G Auswertungen zur Hauptuntersuchung 102
H Screenshots 105
I Einleitungstext: Kopräsenz und Kontrollgruppe 112
J Einleitungstext: Feedback: Smiley und Feedback: Kurve 114
K Fragebogen 116

Textprobe:

Kapitel 2.4, Echte Kopräsenz als Referenzsituation:

Der defizitäre Ansatz stellt die Face-to-Face-Situation als optimale Gesprächssituation dar. Obwohl in kompensatorischen Ansätzen die positiven Aspekte der verminderten Kommunikation in den Vordergrund gestellt werden, soll an dieser Stelle die Hypothese formuliert werden, dass die tatsächliche Anwesenheit eines Mitzuschauers das stärkste soziale Präsenzerleben auslöst. Auch Maletzke betont: „Die Grundform aller Kommunikation ist das persönliche Zwiegespräch“. Er betont weiterhin, dass in bestimmten Situationen trotz räumlicher Trennung und trotz anonymer Rezeptionssituation ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Empfängern einer medialen Botschaft möglich sei. Dennoch sei der persönliche Kontakt, insbesondere wegen seiner Lebendigkeit als Optimum anzusehen. Selbst eine Glaswand zwischen einem Dirigenten und einem Orchester führe dazu, dass der Kontakt zwischen beiden Seiten gestört sei und sogar zum Abbruch der gemeinsamen Handlung führe. Maletzke betont weiter, dass Gewöhnung dieses Gefühl der Trennung abmildern könne, jedoch medial vermittelte Kommunikation immer eine Schranke beinhalte.

Dohle und Hartmann beziehen sich in ihrem Modell der rezeptionssituativen Publikumsvorstellung ebenfalls auf die Face-to-Face-Situation als Basissituation für Publikumsvorstellungen. Sie betonen dabei insbesondere die Möglichkeit einer gegenseitigen Perspektivübernahme, die in einer echten Kopräsenzsituation zwischen Kommunikationspartnern entstehen kann. Wie Maletzke sehen sie den trennenden Aspekt, wollen jedoch die auch von Maletzke erkannten Möglichkeiten elaborieren.

Empirische Arbeiten zur sozialen Präsenz unter Verwendung des Fragebogen-instruments Networked Minds Social Presence Questionaire zeigen in ihrer Tendenz, dass die Face-to-Face-Kommunikation im Vergleich zu medienvermittelten Kommunikationssituationen ein höheres soziales Präsenzempfinden auslöst. In einer ersten Evaluationsstudie überprüften Biocca, Harms und Gregg das soziale Präsenzempfinden von 76 Versuchspersonen anhand einer ersten Version ihres Fragebogeninstruments. 19 Probandenpaare sollten eine Aufgabe in der ersten Hälfte des Experimentes unter Face-to-Face-Bedingungen lösen. Die restlichen Probandenpaare diskutierten unter mediierten Bedingungen. Im Anschluss daran bekamen sie den Fragebogen zur sozialen Präsenz. Danach setzten sie die Aufgabenlösung unter der jeweils entgegengesetzten Experimentalsituation fort, d.h. die Probanden der Face-to-Face-Bedingung diskutierten medienvermittelt weiter und die Versuchspersonen der mediierten Kommunikationssituation umgekehrt unter der Face-to-Face-Bedingung. Im Anschluss daran wurde wiederum soziale Präsenz gemessen. „All scales showed a greater score fort he Face-to-Face condition.Participants felt where higher levels of mutuel awareness in the face-to-face condition.“ Zwischen Face-to-Face und CMC ergab sich in der Kopräsenz ein signifikantes Ergebnis. Andere Unterschiede zwischen den Subskalen waren entweder nicht signifikant oder ließen sich auf einen Reihenfolgeneffekt zurückführen.

In einer weiteren Studie untersuchten Harms und Biocca einen veränderten Fragebogen zur Messung von sozialer Präsenz auf interne Konsistenz und Reliabilität. 240 Studierende wurden für die Studie herangezogen. Ihre Aufgabe bestand darin, ihr Gegenüber kennen zu lernen, indem sie sein Freizeitverhalten, sein Verhältnis zur Schule und Ähnliches in Erfahrung bringen sollten. Unterschieden wurden drei Gruppen. Die erste kommunizierte in einem abgeschlossenen Raum in einer Face-to-Face-Situation, die zweite kommunizierte über einen Text-Chat miteinander und die dritte im Rahmen einer Videokonferenz. Die Autoren fassten die mediierten Interaktionssituationen zusammen und stellten sie der Face-to-Face-Situation gegenüber. Hierbei ergaben sich für Copresence, Attentional Allocation, Perceived Emotional Unterstanding, Perceived Behavioral Interdependence jeweils signifikante Ergebnisse zugunsten der Face-to-Face-Situation.

Auch in der Pilotstudie von Bente, Rüggenberg und Krämer zur sozialen Präsenz und Vertrauen im Zusammenhang mit Avatar-Umgebungen zeigten sich signifikant höhere Copresence-Werte in Face-to-Face-Situationen im Vergleich zu audio-, text- sowie avatarbasierten Kommunikationssettings.

2005 stellten Hauber, Regenbrecht, Hills, Cockburn und Billinghurst in ihrer Studie ein neues dreidimensionales Videokonferenzsystem einer 2-D-Videokonferenz-Situation sowie einer Face-to-Face-Situation in einer realen Umgebung gegenüber. An dem Experiment nahmen 32 Probanden im Alter zwischen 19 und 63 Jahren teil. Die Aufgabe bestand darin, anhand einer Liste mit Gegenständen diejenigen festzulegen, die für sie für das Überleben in der Wüste nötig sind, analog zur Pilotstudie von Biocca Harms und Gregg. Dabei wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Kommunikation in der Face-to-Face-Bedingung die höchsten Präsenzwerte erzielt, gemessen anhand des ursprünglichen Fragebogens aus der Pilotstudie, im Vergleich zur 3-D sowie 2-D Bedingung. Diese Hypothese wurde bestätigt, denn die Ergebnisse aller Skalen waren in der Face-to-Face-Bedingung signifikant höher im Vergleich zum 3-D-Setting. Gegenüber der 2-D Situation erzielte die Face-to-Face-Bedingung bei den Skalen Mutual Awareness, Mutual Understanding, Attention Allocation sowie bei der Empathy höhere Werte, größtenteils sogar auf 1%-Signifikanzniveau. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zwischen der 2- und 3-D Bedingung keine signifikanten Unterschiede gab.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass in Face-to-Face-Situationen mit einem höheren Präsenzerleben zu rechnen ist als in mediierten Situationen.

Arbeit zitieren:
Blicker-Dielmann, Alexander März 2010: Gemeinsam einsam fernsehen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Soziale Präsenz, Kommunikation, Social TV, Publikumsvorstellung, Medienwirkungsforschung

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren