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Das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung im Wohnheim unter besonderer Berücksichtigung der Selbstbestimmung

Theorie und praktische Datenerhebung in zwei Wohnheimen mit anschließendem Vergleich

Das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung im Wohnheim unter besonderer Berücksichtigung der Selbstbestimmung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jasmin Gutenberger
  • Abgabedatum: Februar 2010
  • Umfang: 321 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Justus-Liebig-Universität Gießen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 100
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4864-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Gutenberger, Jasmin Februar 2010: Das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung im Wohnheim unter besonderer Berücksichtigung der Selbstbestimmung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Selbstbestimmung, geistige Behinderung, Wohnheim, praktische Erhebung, Interviews

Diplomarbeit von Jasmin Gutenberger

Einleitung:

Primärer Gegenstand vorliegender Arbeit ist die Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung in Wohnheimen.

Die Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung ist zum großen Teil abhängig ‘von den gegebenen Möglichkeiten und Chancen, die von der unmittelbaren und der mittelbaren Umwelt (...) eingeräumt werden.’ Genannter Personenkreis hat demnach nicht die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten wie Menschen ohne Behinderung, die in der Regel ab einem bestimmten Alter das Elternhaus verlassen und ihren Weg selbst bestimmt und selbstständig gehen können.

Mehr als die Hälfte der erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung wohnen noch im Elternhaus.

Dafür ist nicht nur das oft anhängliche Verhalten der Eltern, sondern auch der Mangel an Platzangeboten sowie der Umgang mit dieser Personengruppe in Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung verantwortlich.

Wie eigene Erfahrungen bei der Betreuung von Freizeiten für Menschen mit geistiger Behinderung zeigten, hat eine große Anzahl dieser Menschen den Wunsch, aus dem Elternhaus auszuziehen, um ihr Leben unabhängig von diesem führen zu können. Ihnen sollte diese Möglichkeit ebenso – wie jungen Erwachsenen ohne Behinderung – gegeben werden.

Die meisten Menschen mit geistiger Behinderung sind nicht fähig, alleine zu wohnen und daher auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie begeben sich aus der Abhängigkeit von den Eltern in die Abhängigkeit neuer Personen. Es gibt für sie – abgesehen von wenigen Ausnahmen – nur die Möglichkeit, in einem Wohnheim oder in einer ähnlichen Wohnform zu leben.

Daher soll in dieser Arbeit exemplarisch untersucht werden, inwieweit Menschen mit geistiger Behinderung, die in Einrichtungen wohnen, tatsächlich über ihr Leben bestimmen und dieses genießen können. Fraglich ist, inwiefern sie der Fremdbestimmung durch Grenzen und Regeln einer Einrichtung unterliegen.

In vorliegender Arbeit wird ansatzweise dargestellt, was Selbstbestimmung und auch die damit verbundene Normalisierung generell – und besonders in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung in Wohnheimen – bedeuten und voraussetzen. Es wird also ein so genannter Soll-Zustand beschrieben.

Diesem angedachten Soll-Zustand soll ein beschriebener Ist-Zustand gegenüber gestellt werden. Um die Realität, die in Wohneinrichtungen vorherrscht, exemplarisch aufzu- zeigen, ist es notwendig, einen Blick direkt in das Milieu hinein zu werfen. Dazu werden für diese Arbeit – im Zuge einer eigenen Erhebung – Interviews mit Bewohnern und eine Fragebogenerhebung bei den pädagogischen Fachkräften in zwei Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung durchgeführt.

Es werden zehn Bewohner zu den Themen Selbstbestimmung, Zufriedenheit und zwischenmenschliche Beziehungen in den Wohneinrichtungen befragt.

Da die zehn Befragten keine zahlenmäßig repräsentative Gruppe darstellen, handelt es sich eher um eine Stichprobe, die Aufschluss über die subjektive Meinung dieser Bewohner geben soll. Wichtig sind dabei ihre situationsbedingte Zufriedenheit sowie die ihnen gegebenen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung.

Die befragten Bewohner gehören nicht einer bestimmten Altersgruppe an, sondern es wird Wert darauf gelegt, dass erwachsene Menschen verschiedenen Alters zu Wort kommen. Denn vor allem in Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung leben unterschiedliche Generationen zusammen.

Darüber hinaus werden die pädagogischen Mitarbeiter der Wohnheime gebeten, Fragebögen auszufüllen, in welchen die oben genannten Themen behandelt werden. Somit kann letztendlich eine Meinung Dritter mit in das Gesamtergebnis einfließen.

Das Ziel vorliegender Arbeit soll es sein, herauszufinden, inwieweit die befragten Menschen mit geistiger Behinderung in den zwei – für diese Arbeit willkürlich ausgewählten Wohnheimen – ein Leben nach den Kriterien der Selbstbestimmung führen können. Eventuell sind schlussendlich Verbesserungsvorschläge möglich.

Gang der Untersuchung:

Im zweiten Kapitel wird der Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung beschrieben. Es wird die Geschichte verschiedener Bezeichnungen und Begrifflichkeit dargestellt. Anschließend werden Definitionen und Ansätze bezüglich des Begriffes ‘Geistige Behinderung’ aus verschiedenen Sichtweisen genannt. Letztendlich wird in dem zweiten Kapitel die Geschichte des Schicksals der Menschen mit geistiger Behinderung in Bezug auf den Einstellungswandel in der Gesellschaft dargestellt. Die Informationen dieses Kapitels sollen dem Leser vermitteln, von welchem Personenkreis – aus verschiedenen wissenschaftlichen Sichtweisen – die Rede ist und einen kurzen Blick in die Vergangenheit ermöglichen.

Im dritten Kapitel werden dem Leser die aktuellen Leitideen der Pädagogik vorgestellt. Da unterschiedliche Leitideen zusammenhängen, werden hier die der Normalisierung, der Selbstbestimmung und der Inklusion beschrieben. Es wird neben der Bedeutung der jeweiligen Idee auf deren Entwicklungsgeschichte eingegangen.

Da in vorliegender Arbeit auf die Selbstbestimmung das Hauptaugenmerk gelegt wird, wird insbesondere diese Leitidee thematisiert. Im Zuge dessen wird auf Konzepte für Menschen mit geistiger Behinderung eingegangen, die aus dem Selbstbestimmungs- gedanken hervorgegangen sind.

Gegenstand des vierten Kapitels ist das Wohnen. Es wird zu Beginn auf das Wohnen allgemein eingegangen, dann speziell auf das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen.

Zunächst wird erläutert, welche Bedeutung eine Wohnung für den Menschen hat und welche Kriterien erfüllt sein sollten, damit Wohnqualität gegeben sein kann. Auch die sozialen Funktionen einer Wohnung werden erläutert.

Anschließend wird darauf eingegangen, wie Menschen mit geistiger Behinderung im Laufe der Geschichte untergebracht waren und gewohnt haben und dies gegenwärtig tun. Auch wird erläutert, welche Notwendigkeiten und Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit Menschen mit geistiger Behinderung selbst bestimmt leben können. An dieser Stelle wird also der oben beschriebene Soll-Zustand für eine mögliche Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung beim Wohnen aufgezeigt.

Ab dem fünften Kapitel beginnt die eigene Erhebung dieser Diplomarbeit. In diesem Kapitel werden zunächst die Trägerschaft der beiden Wohnheime, der Internationale Bund, und die beiden Wohnheime vorgestellt, in welchen die Erhebung stattfinden soll. Dabei wird über Zahlen, räumliche und faktische Gegebenheiten, über die Bewohner und über die Mitarbeiter Auskunft gegeben. Diese Fakten aufzuzeigen, ist aus zwei Gründen wichtig: Der Leser soll die Möglichkeit haben, sich ein Bild von den zwei Wohnheimen zu machen. Zum anderen sind die gegebenen Umstände eines Wohnheims die Voraussetzung für ein selbst bestimmtes Leben der Bewohner.

Im sechsten Kapitel werden die einzelnen Interviewpartner anonymisiert vorgestellt, um dem Leser deren Vorgeschichte zu eröffnen. Durch das Wissen über die Vergangenheit eines Menschen können die späteren Antworten auf die Interviewfragen besser nachvollzogen werden.

Im Weiteren werden die Forschungsmethodik, das Vorgehen beim Interview und die Rahmenbedingungen bei diesem geschildert. Auch nach welchen Kriterien und in welchen Schritten die Auswertung der Interviews stattfindet, wird in diesem Kapitel veranschaulicht.

Das siebte Kapitel stellt die Ergebnisse der Interviews mit den Bewohnern dar. Die Ergebnisse werden in verschiedene Themenbereiche unterteilt, in welchen die Aussagen aus den verschiedenen Interviews komprimiert werden. In den Themenbereichen selbst sind erneut kleinere Themenabschnitte untergebracht. Somit hat der Leser zunächst einen Gesamtüberblick und kann letztendlich durch eingebrachte Zitate aus den Interviews bis ins Detail die Aussagen und Ergebnisse verfolgen.

In diesem Kapitel werden darüber hinaus die Fragebögen und deren Ergebnisse vorgestellt. Die eigens entwickelten Fragebögen wurden mit den pädagogischen Fachkräften durchgeführt um auch deren Meinung über die Selbstbestimmung der Bewohner zu ermitteln.

Im achten Kapitel findet eine Reflexion und Interpretation der gesammelten Ergebnisse statt. Hier fließen sowohl die Ergebnisse der Interviews und der Fragebögen mit den pädagogischen Mitarbeitern als auch die gewonnen Informationen über die beiden Wohnheime ein. Das Gesamtbild aus den drei genannten Komponenten lässt eine weitgehende Beurteilung über die Selbstbestimmung der Menschen mit geistiger Behinderung in den zwei Wohnheimen zu. Dabei wird Bezug zu dem in vorherigen Kapiteln erläuterten Soll-Zustand bezüglich der Selbstbestimmung genommen.

Das neunte Kapitel bildet das Fazit der vorliegenden Arbeit.

Inhaltsverzeichnis:

Band I:
1. Einleitung 1
1.1 Motivation und Gegenstand 1
1.2 Vorgehensweise und Aufbau 2
2. Der Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung 5
2.1 Bezeichnungen 6
2.2 Der Versuch einer Begriffsklärung 6
2.3 Definitionen und Ansätze aus verschiedenen Sichtweisen 9
2.3.1 Rechtliche und sozial rechtlich Sichtweise 11
2.3.2 Medizinische Sichtweise 12
2.3.2.1 Pränatale Ursachen 12
2.3.2.2 Perinatale Ursachen 13
2.3.2.3 Postnatale Ursachen 13
2.3.3 Pädagogische Sichtweise 14
2.3.4 Soziologische Sichtweise 15
2.3.5 Psychologische Sichtweise 16
2.3.5.1 Adaptives Verhalten 17
2.3.5.2 Intelligenzdiagnostik 18
2.3.6 Verschiedene Sichtweisen – Schlussbetrachtung 22
2.4 Einstellungswandel gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung 22
2.5 Verhalten der Bevölkerung im Laufe der Geschichte 23
2.6 Zusammenfassung 27
3. Aktuelle Leitideen in der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung 29
3.1 Das Normalisierungsprinzip 29
3.1.1 Entstehung des Normalisierungsgedankens 29
3.1.1.1 Normalisierung nach Nils Erik Bank-Mikkelsen 30
3.1.2.2 Normalisierung nach Bengt Nirje 31
3.1.3.3 Normalisierung nach Wolf Wolfenberger 34
3.1.2 Zusammenfassung der Forderungen des Normalisierungsprinzips 35
3.1.3 Das Normalisierungsprinzip in Deutschland 36
3.1.4 Aktuelle Entwicklungen 37
3.1.5 Der Zusammenhang von Normalisierung und Selbstbestimmung 38
3.2 Das Paradigma der Selbstbestimmung 38
3.2.1 Der Begriff der Selbstbestimmung 39
3.2.2 Entstehungsgeschichte der Selbstbestimmung 40
3.2.2.1 Independent-Living-Bewegung 40
3.2.2.2 Self-Advocacy-Bewegung 41
3.2.3 Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung 43
3.2.3.1 Die neue Rolle des Helfenden 44
3.2.3.2 Vorstellung neuer Konzepte 45
3.2.3.2.1 Das Konzept des Empowerments 45
3.2.3.2.2 Das Konzept der persönlichen Assistenz 47
3.2.3.2.3 Das Kundenmodell 49
3.2.3.3 Mehr Selbstbestimmung durch rechtliche Betreuung 50
3.2.3.4 Auswirkungen des Selbst bestimmt-Leben-Konzeptes 51
3.3 Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung am gesellschaftlichen Leben: Komponenten der Inklusion 52
3.3.1 Barrierefreiheit 53
3.3.2 Das Gleichbehandlungsgesetz 54
3.3.3 Die Konvention der Vereinten Nationen 56
3.3.3.1 Perspektivenwechsel 57
3.3.3.2 Zweck der BRK 57
3.3.3.3 Verpflichtungen 57
3.3.3.4 Forderungen der BRK 58
3.4 Zusammenfassung 59
4 Wohnen 61
4.1 Bedeutung des Wohnens 61
4.2 Wohnqualität und Wohnbedürfnisse 63
4.3 Zentrale soziale Funktionen einer Wohnung 66
4.4 Wohnen bei Menschen mit geistiger Behinderung 66
4.4.1 Geschichte der Unterbringung 66
4.4.2 Gegenwärtige Wohnformen 68
4.4.3 Charakterisierung eines Wohnheims 71
4.4.3.1 Aufnahme in ein Wohnheim 71
4.4.3.2 Finanzierung 72
4.4.3.3 Personal 74
4.5 Selbst bestimmtes Leben in Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung 75
4.5.1 Kriterien für das selbst bestimmte Wohnen 75
4.5.1.1 Bestimmung des Wohnorts und Wahl des Wohnheims 75
4.5.1.2 Interne Notwendigkeiten in der Einrichtung 76
4.5.1.3 Notwendige Gegebenheiten in der Umgebung der Einrichtung 78
4.5.1.4 Bildung von Bedürfnissen 78
4.5.1.5 Veränderung der Beziehung zwischen Bewohnern und Betreuern 79
4.5.2 Gesetzliche Rahmenbedingungen als Voraussetzung 81
4.5.2.1 Allgemeine Gesetze und Bestimmungen 81
4.5.2.2 Bestimmungen und Verordnungen für das Wohnen 82
4.5.3 Qualitätsmessung in Wohnheimen 85
4.5.4 Schwierigkeiten bei der Umsetzung 86
4.6 Zusammenfassung 87
Eigene Erhebung in zwei Wohnheimen
5 Vorstellung der Trägerschaft und der Wohnheime 89
5.1 Der Internationale Bund (IB) 89
5.1.1 Gründung 89
5.1.2 Geschichtliche Entwicklung 90
5.1.3 Zahlen: Mitarbeiter/ Einrichtungen/ Hilfeempfänger 91
5.1.4 Arbeitsfelder des IB 91
5.1.5 Die IB-Behindertenhilfe 92
5.1.5.1 Leitlinien und Menschenbild 93
5.1.5.2 Wohnformen für Menschen mit Behinderung 94
5.1.5.3 Stationäre Einrichtungen 94
5.1.5.3.1 Anzahl der Einrichtungen 95
5.1.5.3.2 Finanzierung der Einrichtungen 95
5.1.5.3.3 Gesetze als Voraussetzung für die Aufnahme in ein Wohnheim 95
5.2 Vorstellung der Wohnheime 97
5.2.1 Wohnheim I 97
5.2.1.1 Fakten und Zahlen 97
5.2.1.2 Lage und Räumlichkeiten 98
5.2.1.3 Bewohner 98
5.2.1.4 Werkstatt und Tagesförderstätte 100
5.2.1.5 Tagesablauf 104
5.2.1.6 Freizeit und Urlaub 105
5.2.1.7 Allgemeine Gegebenheiten 106
5.2.1.8 Mitarbeiter 108
5.2.1.9 Qualitätsmessung 110
5.2.1.10 Finanzierung 111
5.2.2 Wohnheim 111
5.2.2.1 Fakten und Zahlen 111
5.2.2.2 Lage und Räumlichkeiten 112
5.2.2.3 Bewohner 112
5.2.2.4 Werkstatt und Tagesförderstätte 114
5.2.2.5 Tagesablauf 116
5.2.2.6 Freizeit und Urlaub 117
5.2.2.7 Allgemeine Gegebenheiten 118
5.2.2.8 Mitarbeiter 120
5.2.2.9 Qualitätsmessung 122
5.2.2.10 Finanzierung 122
5.3 Zusammenfassung 123
6. Die Interviews mit den Bewohnern 124
6.1 Vorbereitungen 124
6.2 Vorstellung der Interviewpartner 124
6.2.1 Bewohner des Wohnheims I 125
6.2.2 Bewohner des Wohnheims II 128
6.3 Die Forschungsmethodik 132
6.3.1 Wahl des Interviews als Befragungsmethode 132
6.3.2 Vorgehensweise unter Berücksichtigung des Personenkreises 132
6.3.2.1 Wichtige Kriterien für die Durchführung der Interviews 132
6.3.2.2 Sprache und Umfang des Interviews 133
6.3.3 Das Leitfadeninterview 133
6.3.4 Die Interviewfragen 134
6.4 Durchführung der Interviews 135
6.5 Vorgehen bei der Auswertung der Interviews 136
6.5.1 Einteilung in Themenbereiche 136
6.5.2 Transkription 137
6.5.3 Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring 137
6.6 Zusammenfassung 139
7. Ergebnisse der Interviews und Ergänzung durch Fragebögen 141
7.1 Ergebnisse der Interviews 141
7.1.1 Wohlfühlfaktor im Wohnheim und Selbstbestimmung beim Ein-und Auszug 142
7.1.2 Privatsphäre 144
7.1.3 Selbstbestimmung im Alltag I (Zimmergestaltung/Ernährung/Bekleidung) 145
7.1.4 Selbstbestimmung im Alltag II (Freizeit/Urlaub/Schlafenszeiten) 148
7.1.5 Zwischenmenschliche Kontakte und Beziehungen 151
7.1.6 Umgang der Betreuer mit den Bewohnern 153
7.1.7 Verfügungsgewalt der Bewohner über das Taschengeld 156
7.2 Darstellung des Fragebogens für die Betreuer 157
7.2.1 Aufbau des Fragebogens 158
7.2.2 Die Fragen 158
7.2.3 Ergebnisse der Befragung 159
7.2.3.1 Darstellung in Tabellen 159
7.2.3.2 Schriftliche Darstellung der Ergebnisse 162
7.3 Zusammenfassung 165
8. Reflexion und Interpretation der Ergebnisse 167
8.1 Zusammenfassung 177
9. Fazit 178
10. Literaturverzeichnis 180
Band II:
Anhang 193

Textprobe:

Kapitel 2.5, Verhalten der Bevölkerung im Laufe der Geschichte:

Anfang der Menschheitsgeschichte:

Wie kranke oder behinderte Menschen in den Anfängen der Menschheitsgeschichte behandelt wurden, weiß man nicht genau. Es wird aber angenommen, dass wenig Rücksicht auf diese genommen und kaum Unterstützung geleistet wurde.

Stein- und Bronzezeit:

Auch wenn in der jüngeren Stein- und Bronzezeit durch das Sesshaftwerden der Menschen eine Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung an sich möglich wurde, wird davon ausgegangen, dass eine Zuwendung diesen gegenüber nicht bestand.

Damals hing der Umgang mit dem Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung ‘von den magischen, mythologischen und normativen Vorstellungen der jeweiligen Gruppe oder Gesellschaft ab.’. Als Ursache für die Behinderungen der Menschen wurden Dämonen verantwortlich gemacht oder man sah sie als Strafe Gottes. Menschen mit geistiger Behinderung wurden in der Regel ausgegrenzt. Die Gesellschaft sprach ihnen kein Recht auf ein normales Leben zu und ihre Menschenwürde wurde ihnen aberkannt. Verstoßung oder Tötung waren die Folge.

Mittelalter:

Auch im Mittelalter wurde aufgrund des Mangels an medizinischem Wissen die Behinderung eines Menschen als magisch und durch den Teufel verursacht gesehen. Von Werken des Teufels, also vor Behinderungen, hielten sich die Menschen fern. Insbesondere Schwangere sollten sich vor dem Anblick von Menschen mit Behinderungen schützen, damit sie keine Kinder mit Behinderungen auf die Welt brachten.

Von der Neuzeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts:

In dieser Zeit hat sich die gesellschaftliche Einstellung bis auf wenige Ausnahmen kaum geändert. Menschen mit geistiger Behinderung waren in Armenhäusern, Irrenanstalten oder anderen abgeschiedenen Orten untergebracht. Sie wurden dort unter unmenschlichen Bedingungen verwahrt und von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Die Gesellschaft sollte vor deren Anblick geschützt werden. Ziel war weder ihr Schutz noch ihre Förderung.

Vom 19. Jahrhundert bis zum Anfang des 20. Jahrhundert:

Der Schutz der Menschen mit geistiger Behinderung, ihr Recht auf Bildung und der Zuspruch ihrer Menschenwürde wurden erst im 19. Jahrhundert zum Thema.

Die Menschen sollten zunächst aus ihren menschenunwürdigen Verwahrungsorten befreit und stattdessen ordentlich versorgt und gepflegt werden. Dies geschah in der Regel in privat initiierten Anstalten (vgl. ebd.). Besonderes Interesse galt nun auch der Erziehung und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung. Somit entstanden Bildungs- als auch Heil- und Pflegeanstalten.

BARBARA FORNEFELD hebt hervor, dass es in dieser Zeit für die Zuwendung gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung drei Gründe gab. Diese sei aus ‘medizinischem, pädagogisch-sozialem oder religiös-karitativem Interesse entstanden. Zudem habe ein optimistisch - aufklärerischer Zeitgeist geherrscht.

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Hilfsschulen gegründet, deren Anzahl sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts stark erhöhte. Das System und die Organisation dieser Schulen veränderte sich ständig, da man versuchte, sowohl den Kindern und Jugendlichen mit leichter als auch denen mit schwerer geistiger Behinderung eine bestmögliche Förderung zu gewährleisten.

Zweiter Weltkrieg: Nationalsozialismus:

Ein wichtiges Kapitel in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung und deren Behandlung ist die Ära der Nationalsozialisten. Wie HEINZ MÜHL es passend ausdrückt, herrschte eine ‘Ideologie und Praxis der Diskriminierung’. Er spricht außerdem von einer ‘Vernichtung lebensunwerten Lebens’, wobei hier ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass damit nicht seine eigene Meinung, sondern die der Nationalsozialisten dargestellt wird. Menschen mit geistiger Behinderung waren es also nach deren Meinung nicht wert, zu leben. Auch die Einstellung der damaligen Gesellschaft wurde über Jahre hinweg, bereits vor Beginn des zweiten Weltkrieges, vorbereitet.

Menschen mit geistiger Behinderung wurden als ‘unheilbar Blödsinnige’ und daher als ‘Ballastexistenzen’ gesehen. Es erfolgten darüber hinaus oft eine Einstufung dieser als schul- und bildungsunfähig und eine Aberkennung der bürgerlichen Rechte. Eine Folge war der Ausschluss vom Schulunterricht. Im Weiteren ordnete man Zwangssterilisationen für die damals als ‘Schwachsinnige’ bezeichneten Menschen an. Letztendlich wurden sowohl Neugeborene, als auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung umgebracht.

Diese Tötungen liefen unter dem Deckmantel des ‘Gnadentods’ (Euthanasie) für ‘unheilbar Kranke’.

Die Geschehnisse aus der Zeit während des zweiten Weltkrieges führten zu nachhaltigen Vorurteilen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung in der Bevölkerung.

Arbeit zitieren:
Gutenberger, Jasmin Februar 2010: Das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung im Wohnheim unter besonderer Berücksichtigung der Selbstbestimmung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Selbstbestimmung, geistige Behinderung, Wohnheim, praktische Erhebung, Interviews

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