Interaktionsmuster in OpenSource Communities
Open Source - eine Alternative zu traditionellen Geschäftsmodellen?
- Art: Diplomarbeit
- Autor: René Lehnert
- Abgabedatum: September 2009
- Umfang: 103 Seiten
- Dateigröße: 1,2 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität Duisburg-Essen, Standort Duisburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 60
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4560-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lehnert, René September 2009: Interaktionsmuster in OpenSource Communities, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Netzwerkanalyse, Open Source, KDE, Soziologie, Internet
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Diplomarbeit von René Lehnert
Einleitung:
‘Besonders die rasante Entwicklung der Computer und Informationstechnologien haben die modernen Gesellschaften nachhaltig verändert. Vielfältige virtuelle Gemeinschaften sind durch die neuen Kommunikationsformen des Internet entstanden. Welche Rolle diese virtuellen ‚communities’ gegenüber traditionell lokal orientierten Gemeinschaften spielen, ist heute nur in Ansätzen verstanden’.
Innerhalb virtueller Gemeinschaften nehmen Open Source-Communities1 eine Sonderstellung ein. Während virtuelle Spielergruppen, Chats oder Themen-Foren vornehmlich dem Vergnügen oder Wissensaustausch dienen, wird in Open Source-Projekten ein reales Marktprodukt entwickelt. Die Projektmitglieder arbeiten freiwillig an Software, die zwar kostenlos vertrieben wird, aber auf dem Markt gegen Konkurrenzprodukte bestehen muss.2 Dadurch bringen Open Source-Projekte sozialwissenschaftliche Themen wie Arbeitsteilung, Arbeitsorganisation, Marketingstrategien, Qualitätskontrolle etc. ins Spiel, welche sich über die meisten anderen freiwilligen Internetgemeinschaften nicht abgreifen lassen.
Für Unternehmen sind Open Source-Strukturen interessant, weil dort starkes Innovationspotenzial vermutet wird. Außerdem scheinen in diesen Arbeitsprozessen jene Probleme elektronischer Informations- und Kommunikationstechnik gelöst, auf die traditionelle Unternehmensstrukturen noch keine Antwort gefunden haben. Telearbeit ist beispielsweise für Unternehmen reizvoll, weil sich durch das Internet Transaktionskosten verringern lassen. Doch die Einführung dieser Arbeitsmethode bringt Probleme mit sich. Die neuen Organisationsstrukturen divergiert zum Teil erheblich mit bestehenden und setzen Konfliktpotenzial frei. Auch Abseits der Telearbeit hat elektronische Kommunikationsunterstützung via Email Einzug in Unternehmen gehalten und entfaltet Veränderungspotenziale. Mit Verweis auf die Bedeutung von Geschwindigkeit in einer globalisierten Welt, sprechen Kuhn/Thielmann vom Erfordernis des ‘Echtzeitunternehmens’, in welchem Daten ‘ohne Zeitverzögerung in Echtzeit in den wohl organisierten, betrieblichen Datenpool integriert’ werden. Umstrukturierungen von Daimler Chrysler hin zum Echtzeitunternehmen zeigten, dass es nicht ausreicht, elektronisch vermittelte Kommunikation als reinen Bestandteil des Kerngeschäftsprozesses zu nutzen, ‘sie muß vollständig darin eingebettet werden’. Open Source-Projekte stellen als hauptsächlich elektronisch vermittelte Produktionsweise ein Modell dar, welches diese Anforderungen erfüllt. Doch wie gelingt das? Die Selbstbeschreibung der Szene bringt KDE-Gründer Matthias Ettrich wie folgt auf den Punkt:
‚Wenn alle nur machen, was sie wollen, und keine kontrollierende und leitende Instanz existiert, warum gibt es dann nicht endlose Diskussionen und ein heilloses Durcheinander? [.] Derzeit wissen wir, dass es funktioniert, ahnen aber lediglich, warum’.
Umso erstaunlicher ist es, dass trotz der offenen Fragen das empirische Material rar ausfällt. Sozialwissenschaftliche Diskussionen zu diesem Thema blieben bisher überwiegend theoretischer Natur. Dabei präsentieren sich Open Source-Communities als quasi gläserne Organisationen. Interne Kommunikations- und Arbeitsabläufe stehen jedermann im Netz frei zur Verfügung. Ein Grund für die mangelnde empirische Ausbeute könnte darin liegen, dass Programmierkenntnisse, Umgang mit Datenbanken und Verfahren der Netzwerkanalyse in den Sozialwissenschaften eher die Ausnahme darstellen. Das Computerzeitalter hat neue Fragen aufgeworfen, aber es gibt dem Forscher auch die Mittel an die Hand, genau diese Fragen zu lösen. Gerade im Bereich der sozialen Netzwerkanalyse steht inzwischen leistungsfähige Software zur Verfügung, die den früheren Nachteil der Methode beheben, auf mehr Datenmaterial als die Umfrageforschung angewiesen zu sein. Wie aufschlussreich die sozialwissenschaftlichen, aber auch ökonomischen Einsichten einer netzwerkanalytisch aufgearbeiteten Kommunikationsstruktur sein können, demonstrieren Collingsworth/Menezes in einer aktuellen Untersuchung des Emailverkehrs des 2001 in Konkurs getretenen US Energiekonzerns Enron. Die Unternehmenskrise zeichnete sich schon im Emailnetz ab, so das Argument. Es fanden sich u.a. Zusammenhänge zwischen Aktienkurs und Emailaktivität.
‚our hypothesis is that we can use the anomalies in the network to identify social tension in the organization and consequently help mitigate its consequences’.
Ziel dieser Diplomarbeit ist es, einen empirischen Beitrag zu leisten, indem Netzwerkstrukturen eines Open Source-Projektes hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf traditionelle Unternehmensstrukturen ausgewertet werden. Als Untersuchungsgegenstand empfiehlt sich das Open Source Projekt KDE (K Desktop Environment)3, denn es war bereits Thema sozial-wissenschaftlicher Abhandlungen und bietet ein gewisses empirisches und theoretisches Fundament. Das Projekt stellt seit 1996 eine graphische Desktopumgebung her, die das Betriebssystem Linux4 auch für PC-Anwender nutzbar machen soll.
Derzeit zählt die Community ca. 1200 aktive Mitwirkenden. Seit 1997 existiert auch ein formaler Dachverband in Form eines gemeinnützigen Vereins KDE e.V.
Inhaltsverzeichnis:
| 1 | Problemstellung und Zielsetzung | 1 |
| 1.1 | Das Sozialwissenschaftliche Interesse an Open Source Communities | 1 |
| 1.2 | Aufbau der Arbeit | 3 |
| 2. | Datenerhebung und Analysesoftware | 4 |
| 2.1 | Datenerhebung | |
| 2.2 | Verwendete Analysesoftware | |
| 3 | Verwendete Netzwerkanalytische Maßzahlen und Verfahren | 7 |
| 4. | Die Bedeutung von Reputation in Open Source Projekten | 1 |
| 4.1 | Bisherige Forschungsergebnisse zur Reputation in Open Source Projekten | 11 |
| 4.2 | Tätigkeitsbezogener Reputationserwerb | 3 |
| 4.3 | Projektbezogener Reputationserwerb | 6 |
| 4.4 | Kommunikationsbezogener Reputationserwerb | 8 |
| 4.5 | Kapitel-Resümee | 1 |
| 5. | Die statische Struktur der KDE-Mailingliste | 22 |
| 5.1 | Email-Kommunikation in Unternehmen | 22 |
| 5.2 | Power Law Verteilung in Emailnetzen | 23 |
| 5.3 | Vernetzung nach Kommunikationsintensität | 25 |
| 5.4 | Zentrum und Peripherie in der Kommunikation | 27 |
| 5.4.1 | Festlegung eines Zentrums | 27 |
| 5.4.2 | Kommunikation zwischen Zentrum und Peripherie | 29 |
| 5.4.3 | Kommunikation zwischen Zentrum und Neulingen | 30 |
| 5.5 | Arbeits- und Kommunikationsstruktur im Vergleich | 31 |
| 5.6 | Sozialkapital in einer Reputationsökonomie | 34 |
| 5.6.1 | Das Konzept des Sozialkapitals | 34 |
| 5.6.2 | Sozialkapital in KDE | 36 |
| 5.6.3 | Formalisierung und Informalisierung in Unternehmen und Open Source-Projekten | 41 |
| 5.7 | Kapitel-Resümee | 42 |
| 6. | Dynamiken der KDE-Emailkommunikation | 43 |
| 6.1 | Auftrittsäugigkeiten von Threads | 43 |
| 6.2 | Netzwerkstabilität im KDE Mailingnetz | 43 |
| 6.2.1 | Teilnehmerfluktuationen auf Makroebene | 45 |
| 6.2.2 | Teilnehmerfluktuationen auf Mikroebene | 47 |
| 6.2.3 | Kommunikationsverhalten von Neulingen | 49 |
| 6.3 | Dynamiken von Zentrum und Peripherie | 51 |
| 6.3.1 | Positionale Analysen der Zentrums-Peripheriestruktur | 51 |
| 6.3.1.1 | Positionale Halbjahres-Analyse | 51 |
| 6.3.1.2 | Positionale Analyse nach Moving Structure Ansatz | 54 |
| 6.3.1.3 | Limitierung des Zentrumszuwachses | 58 |
| 6.3.1.4 | Das Zentrum und seine Kleingruppengröße | 60 |
| 6.3.2 | Überbrückungsfunktion des Zentrums | 61 |
| 6.4 | Struktureller Wandel während verschiedener Produktionsphasen | 64 |
| 6.4.1 | Netzwerkmaßzahlen während der Produktionsphasen | 66 |
| 6.4.2 | Positionale Analyse der Produktionsphasen | 67 |
| 6.4.3 | Soziale Morphologie des virtuellen Raumes | 70 |
| 6.4.3.1 | Soziale Morphologie der Inuit | 70 |
| 6.4.3.2 | Gemeinsamkeiten der soziale Morphologie der Inuit und der KDE-Gemeinschaft | 71 |
| 6.4.3.3 | Bedeutung sozialer Morphologie für Unternehmensstrukturen | 74 |
| 6.5 | Kapitel-Resümee | 75 |
| 7. | Abschlussdiskussion | 76 |
| 7.1 | Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse | 76 |
| 7.2 | Die Übertragbarkeit von Open Source- auf traditionelle Unternehmensstrukturen | 77 |
| I | Literaturverzeichnis | V |
| II | Abbildungs- und Tabellenverzeichnis | IX |
Textprobe:
Kapitel 5.6.2, Sozialkapital in KDE:
Für Unternehmen und Open Source-Projekte ist gleichermaßen Humankapital Grundvoraussetzungen für den Karriereerfolg. Computerkenntnisse, englische Sprachkenntnisse und ggf. auch Programmierfähigkeiten sind notwendiges Humankapital, um die Einstiegshürden in KDE zu überwinden. Einmal in einer Organisation Fuß gefasst, wird zunehmend Sozialkapital bedeutsam (Scheidegger 2008: 503). Zwar sind alle Mailinglisten offen einsehbar, dennoch werden schon Aufgrund der menschlichen kognitiven Beschränktheit nicht alle Threads von jedem gleichermaßen gelesen. Dadurch entsteht ein Informationsgefälle, eine Voraussetzung für Sozialkapital. Unverbundene Subnetzwerke sind in der KDE-Mailingliste allerdings nicht vorhanden. Strukturelle Löcher bieten Akteuren in der Mailingliste also keine Grundlage zur Akkumulation von Sozialkapital. Das Informationsgefälle rechnet sich für bestimmte Akteure auf eine andere Weise, nämlich als Wissensvorsprung bezüglich ungeschriebener Normen, Regeln und Mechanismen der Community:
‚Trotz gleichzeitiger Mitgliedschaft in ein und demselben Sozialraum wird auf diese Weise ein unterschiedliches Wissen über die Inhalte der Kommunikation, aber auch über die Beziehungen wischen den Teilnehmern erworben. Das bedeutet, dass bestehende Sozialstrukturen und die Entwicklung von Normenden Teilnehmern in unterschiedlicher Weise bewusst werden. Wersich regelmäßig beteiligt, weiß besser als andere darüber Bescheid, welche Themen bereits auf welche Weise behandelt wurden, bei welchen Äußerungen in der Vergangenheit sanktioniert wurde, aber auch, wer am ehesten die eigenen Interessen und Argumente teilt. Aktive und stetige Teilnehmer verfügen also übereinen Sicherheitsgewinn, der sich auch in strategische Vorteileummünzen lässt’- Hierin findet sich ein erster Unterschied zum Sozialkapital, wie es Burt dem gehobenen Management empfiehlt: Sozialkapital in Mailinglisten entsteht durch eine möglichst breite, nicht durch eine spezielle Vernetzung. Es kommt weniger darauf an wo man sich platziert, sondern wie häufig man auftritt. Außerdem ist Wissen über gruppentypische Normen, Regeln und Mechanismen zwar über eine breite Einbettung im Netz erworben, fällt jedoch unter die Kategorie Humankapital. Entsteht Sozialkapital nach Burt als Option, mit Informationen zu handeln oder zu taktieren, ist die Information dort also Ware, wird sie hier zum Konsumgut, welches sich der Akteur aneignet. Deshalb kann bei einer vorteilhaften breiten Vernetzung mit Verweis auf diese Art Informationsmacht in der Mailingsliste streng genommen nicht von Sozialkapital gesprochen werden.
Ein weiterer Unterschied offenbart sich bei Erinnerung an die bereits angesprochene Bedeutung von Reputation. Kapitel 4.2 beleuchtete die These, nach der sich Beiträge innerhalb der Open Source-Community als in Reputation aufwiegbare Gaben an die Gemeinschaft verstehen lassen. In Anlehnung daran bleibt zu fragen, wie die KDE-Gemeinschaft sicherstellt, dass ein hohes Emailaufkommen auch als Geschenk wahrgenommen wird. Angesichts von beispielsweise in Internetforen vorherrschendem Spam und Flaming kann man einen hohen Email-Indegree nicht vorbehaltlos mit einer hohen Beschenkung gleichsetzen. Wenn Brand/Schmidt das hohe Kommunikationsaufkommen einer kleinen Minderheit als hohe Geschenkvergabe gleichsetzen, dann machen sie implizit die Annahme, dass Spam, Flamings, off topic’ oder sonstige Ablenkungen nicht störend vorkommen, bzw. Kommunikation im Großen und Ganzen mit Leistungserstellung gleichgesetzt wird. Tatsächlich sind ‘off-topic’-Diskussionen in KDE unpopulär und die Kommunikation sachlich und problemorientiert. Hier sichert eine Norm den Wert einer Währung.
Vor dem Hintergrund der Reputationsökonomie, könnte eine auf den Code fixierte Kommunikation also nicht nur der Intrinsik der pragmatischen Programmierermentalität oder externen Reputation für evtl. bessere Jobchancen dienen, sondern auch der internen Reputation des Einzelnen in der Community. Dann würde auch klar, warum es nicht zur weitläufigen sozialen Schließung einzelner Teilgruppen kommt, wie sie bisweilen in Unternehmen zu beobachten ist und sich der innere Kreis von KDE nicht durch unternehmenstypische Informationszurückhaltung auszeichnet. Schließung macht die eigene Kommunikation nicht mehr für alle sichtbar. Das erbrachte Geschenk wird so nicht mehr von der breiten Masse wahrgenommen und verliert an Reputationskraft. Prozesse sozialer Schließung erklärt Weber durch Bestandsinteresse etablierter Akteure:
‘Mit wachsender Zahl der Konkurrenten im Verhältnis zum Erwerbsspielraum wächst hier das Interesse der an der Konkurrenz Beteiligten, diese irgendwie einzuschränken’.
Diese Schließung bedient sich in Unternehmen traditionell formaler Kommunikationsstrukturen:
‘In großen Organisationen ist die Bereitstellung oder das Verhindern von Kommunikationsverbindungen ein grundlegender Aspekt der Kontrolle, die das höhere Management ausübt’.
In ihrem Buch ‘Rechnerkommunikation für Anwender’, postulieren Hennekeuser/Peter eine ‘organisatorische Kulturrevolution’ ganz im Sinne der Open Source-Bewegung:
‘War es bisher üblich, sich Macht durch das Zurückhalten von Information zu sichern, so gilt fortan die Devise, daß Informationsweitergabe und Öffnung persönliche Stärke ausmachen. Computer-Netzwerke sind hier sicherlich von entscheidender Bedeutung’.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836645607
Arbeit zitieren:
Lehnert, René September 2009: Interaktionsmuster in OpenSource Communities, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Netzwerkanalyse, Open Source, KDE, Soziologie, Internet




