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Geschwisterkonstellationen im Kontext systemischer Beratung

Geschwisterkonstellationen im Kontext systemischer Beratung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Christine Adler
  • Abgabedatum: Mai 2009
  • Umfang: 73 Seiten
  • Dateigröße: 547,8 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abt. Aachen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 55
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4177-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Adler, Christine Mai 2009: Geschwisterkonstellationen im Kontext systemischer Beratung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Geschwister, Systemtheorie, Inzest, Bruder, Schwester

Diplomarbeit von Christine Adler

Einleitung:

‘Geschwisterbeziehungen wurden als Thema in der Familientherapie bisher stark vernachlässigt. Sie sind jedoch von enormer Bedeutung’.

Diese These von Carole Gammer war unter anderem Anlass dazu, vorliegende Diplomarbeit zum Themenkomplex Geschwister und systemische Beratung zu verfassen. Die Geschwisterthematik erfährt schon lange mein Interesse. Zum einen persönlich – als Erstgeborene in einer Geschwisterreihe von drei Kindern – und zum anderen fachlich. In den unterschiedlichen studienbegleitenden Praxiserfahrungen waren Geschwisterkonstellationen und Geschwisterbeziehungen immer wieder Thema, zum Beispiel bei der Tätigkeit im Ronald McDonald Haus, wo Eltern und Geschwister kranker Kinder begleitet werden oder während des Praxissemesters im Frauenhaus, in dem sich Geschwister gegenseitig nach dem Verlassen des Elternhauses mit der Mutter eine Stütze sein können, wo es aber auch zu einem inzestuösen Übergriff zwischen zwei Geschwistern kam.

Die Ansätze des systemisch–konstruktivistischen Paradigmas faszinieren durch ihre hohe Wirksamkeit und ihre Eignung in einer postmodernen Gesellschaft. Der Konstruktivismus hilft in einer von Pluralität geprägten Gesellschaft die Vorstellung zu bewältigen, dass nicht alle Menschen eine Sicht auf die Dinge teilen. Beim Durcharbeiten von Fachliteratur stieß ich auf Carole Gammers oben zitierte These, die beide Interessensgebiete miteinander verbinden ließ. Da ich die systemische Beratung als eine sehr wirksame und brauchbare Hilfeform in unserer Gesellschaft erachte, hielt ich es für sehr spannend, diese beiden Themen – Geschwisterkonstellationen und systemische Beratung – miteinander zu verbinden. Alle Abbildungen sowie das Zitat von Kurt Tucholsky über dem ersten Kapitel unterstützen und verdeutlichen den Inhalt der Arbeit.

Zugunsten des Leseflusses verzichte ich auf gleichzeitige Angaben des weiblichen und männlichen Geschlechts von Substantiven, zum Beispiel SozialarbeiterIn. Ich möchte prinzipiell beide Geschlechter eingeschlossen wissen – es sei denn, es folgt eine explizite Hervorhebung.

Das gewählte Thema erfordert aufgrund eigener Geschwistererfahrungen, also persönlicher Betroffenheit, an mancher Stelle die Verwendung der ersten Person des Personalpronomens (‘ich’). So gut es möglich war, wurde es zugunsten des wissenschaftlichen Anspruchs vermieden. In Abschnitten, in denen die, für das professionelle Handeln Sozialer Arbeit, so wichtige Reflexion angebracht war, konnte jedoch auf die Anwendung der ersten Person nicht gänzlich verzichtet werden.

Problemstellung:

Die zentralen Fragen, welche die Grundlage vorliegender Arbeit sind, lauten:

Inwieweit berücksichtigt systemische Beratung die Geschwisterbeziehungen und Geschwisterkonstellationen von ratsuchenden Menschen? Falls dies unzureichend geschieht, wird dann nicht etwa eine Ressource vergeudet? Wenn sie ausreichend thematisiert werden, wie gelingt dies – mit welchen Methoden und Techniken? Ich stelle die Hypothese auf, dass Geschwister eher weniger Beachtung in der systemischen Beratung finden als zum Beispiel die Paarbeziehung der Eltern oder die Eltern–Kind–Beziehung(en).

Gang der Untersuchung:

Um diese Fragen annähernd beantworten und die Hypothese verifizieren oder falsifizieren zu können, gehe ich folgendermaßen vor: Zunächst wird der aktuelle Forschungsstand des Teils der Geschwisterforschung in den Blick genommen, der für die Hypothese und die Fragestellung relevant ist.

Dieses erste Kapitel enthält Begriffsdefinitionen, die Vorstellung zentraler Theorien und die Beschreibung und Auswertung ausgewählter Geschwisterkonstellationen. Die Fülle möglicher Beziehungen ist unermesslich: Angefangen bei Halb–, Stief– und Pflegegeschwistern über Geschwister kranker oder behinderter Kinder bis hin zur Zwillingsforschung. Diese alle zu thematisieren, würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Daher wurde aus persönlichem Grund die Vorstellung der Dreikind–Familie sowie aus gesellschaftsaktuellem Anlass die Einzelkind–Thematik gewählt.

Anschließend soll die Frage diskutiert werden, ob Geschwisterkonstellationen und Beziehungen zwischen Geschwistern Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen haben. Um der Tabuisierung des Geschwisterinzests entgegenzuwirken, soll auch dieser Themenbereich als Abschluss des ersten Kapitels dargestellt werden.

In einem nächsten Schritt werden Grundzüge der Systemtheorie, vor allem Ansätze des Soziologen Niklas Luhmann sowie die systemische Beratung vorgestellt, um dann im dritten Kapitel eine Theorie–Praxis–Verknüpfung herzustellen: Geschwisterbeziehungen und Geschwisterkonstellationen in der Praxis systemischer Beratung. Dort werden die Ergebnisse der Gespräche mit den Praxisvertretern systemischer Beratung präsentiert und die Frage danach, ob und wie Geschwister als Ressource in der Beratung genutzt werden, beantwortet.

Schließlich sollen – konzeptionell vordenkend – systemische Methoden und Techniken herausgestellt werden, die sich besonders eignen, Geschwisterbeziehungen in Beratungssettings zu berücksichtigen und ressourcenorientiert anzugehen.

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung 2
1. Die Geschwisterforschung 5
1.1 Definition der relevanten Begriffe 5
1.2 Theorien zu Geschwisterbeziehungen 11
1.3 Ausgewählte Geschwisterkonstellationen und –beziehungen 16
1.3.1 Die Dreikind- Familie 16
1.3.1.1 Das erstgeborene Kind 17
1.3.1.2 Das mittlere Kind 20
1.3.1.3 Das jüngste Kind 22
1.3.2 Die Einkind–Familie 26
1.3.3 Bedeutung der Geschwisterkonstellation für die Persönlichkeit 31
1.4 Geschwisterinzest 35
1.4.1 Einführung und Definitionen 35
1.4.2 Formen und Häufigkeit von geschwisterlichem Inzest 37
1.4.3 Aktueller Forschungsstand 38
2. Systemische Beratung 39
2.1 Grundzüge der Systemtheorie 39
2.2 Was ist systemische Beratung? 42
3. Geschwisterkonstellationen in systemischer Beratung 48
3.1 Auswertung der Befragungen 48
3.2 Geschwisterbeziehungen – (k)eine Ressource in der Beratung? 52
3.3 Thematisch brauchbare systemische Methoden und Techniken 57
4. Fazit 62
Anhangsverzeichnis 66
Literaturverzeichnis 67

Textprobe:

Kapitel 1.3.1.2, Das mittlere Kind:

Das zweitgeborene Kind wird, wenn ein drittes Kind zur Welt kommt, zum mittleren Kind, heute auch bekannt als ‘Sandwich-Kind’. Diese Bezeichnung verweist allerdings eher auf die Aspekte dieser Geburtsposition, die als Nachteile für das Kind angesehen werden. Indem das Kind so bezeichnet wird, werden ein Dazwischenstehen, Vernachlässigung und eine Problemvorprogrammierung unterstellt, da der Begriff negativ konnotiert ist. In Familien mit mehr als drei Kindern werden alle Kinder nach dem ältesten und vor dem jüngsten Kind als mittlere Kinder bezeichnet. Die mittlere Geburtsposition ist nach Kevin Leman diejenige, deren Definition am wenigsten eindeutig zu formulieren ist, denn seiner Meinung nach steht fest, ‘dass das Wort Mitte vielerlei bedeuten kann’. Nach seiner Geburt befindet sich das spätere Sandwichkind erst einmal in der Position des zweiten Kindes. Nicht nur die Eltern, sondern auch das Geschwisterkind, das die Eltern eine gewisse Zeit für sich allein hatte, dienen ihm als Vorbild. Wenn das erste Kind unzureichend auf die Geburt eines weiteren Kindes vorbereitet wurde, reagiert es zunächst mit Eifersucht und Regression, um die Aufmerksamkeit zu erhalten, die das Neugeborene bekommt. Horst Petri macht auf einen interessanten Gesichtspunkt der Situation zweiter und nachfolgender Kinder aufmerksam: ‘Es ist auffallend, wie ausschließlich sich die Wissenschaft mit dem Trauma beschäftigt, das das älteste Kind durch die Geburt eines Geschwisters erleidet, während in der Realität ebenso häufig die umgekehrte Situation besteht: Nicht das ältere erleidet ein Trauma, sondern das nachfolgende Kind durch die Anwesenheit bereits eines oder gar mehrerer Geschwister’. Im Konkurrenzkampf um die elterliche Liebe und Bestätigung bilden Erst– und Zweitgeborene meist unterschiedliche Talente und Stärken heraus. Zweite Kinder bilden meist gegenteilige Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen des Erstgeborenen aus, zwischen ihnen liegen die größten Differenzen innerhalb einer Familie.

Reinhold Ruthe überschreibt in seinem Buch ‘Musterkinder und Rebellen’ das Kapitel über die mittlere Geschwisterposition mit der Formulierung ‘noch zu klein und schon zu groß’. Wie auch die Position des ältesten Kindes weist diese Geschwisterposition ebenfalls positive und negative Aspekte auf. So werden mittlere Kinder als diplomatisch, kompromissbereit, durchsetzungsfähig und verhandlungsgeschickt beschrieben, da sie bemüht sind, die Beziehungen zu dem Erst- und Letztgeborenen positiv zu gestalten. Adler weist ferner daraufhin, ‘dass [sich] ’Zweitgeborene’ häufig zum Ehrgeiztypen entwickeln, indem sie von Kindheit an darauf trainieren, einem älteren Kind ebenbürtig zu sein’. So können zweite Kinder Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit ausbilden, da sie sich an dem älteren Kind ein Vorbild nehmen und bemüht sind, ihm in nichts nachzustehen.

Andererseits fühlen sich die Sandwichkinder mehr als andere vernachlässigt und überflüssig. Ruthe führt diese Gefühle darauf zurück, dass auch innerhalb des Familiensystems die Position des Mittleren unsicher ist. In die Mitte geborene Kinder benötigen lange Zeit, um ihre Rolle zu finden und sich im gemeinsamen Familienleben zurechtzufinden.

Interessant ist, dass einige mittlere Kinder die Fragen der Selbsterforschungsbögen nicht anhand der vorgegeben Kategorien ‘stimmt/stimmt nicht’ beantwortet haben, sondern ihr Kreuz zwischen die beiden Antwortmöglichkeiten setzten und mehrfach als ergänzende Charaktereigenschaft ‘kann schwer Entscheidungen treffen’ angegeben wurde. Dazu passt Lemans Äußerung: ‘Das Mittelkind ist ein ’Sowohl als auch-Typ’ – ein Ergebnis des vielfältigen Druckes, der aus unterschiedlichen Richtungen ausgeübt wird’.

Um das Gefühl etwas Besonderes zu sein nicht missen zu müssen, ist es ganz wichtig, dass zweitgeborene bzw. mittlere Kinder ihre eigenen Stärken und Talente unabhängig vom Erstgeborenen aktivieren können, um Lob, Anerkennung und Stolz der Eltern für sich allein ernten zu können und eine eigene Identität ausbilden können. Da sich das erste Kind meist unmittelbar an den Eltern orientiert, bietet die Peer-Group dem nachfolgenden Kind vor allem in der späten Kindheit diese Orientierung.

Festzuhalten bleibt, dass die mittlere Geschwisterposition nicht mehr Risiken und Nachteile birgt als die übrigen. Kevin Leman verweist sogar auf das Gegenteil: ‘Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Mittelgeborene nicht so viele Komplexe und Probleme haben wie Erstgeborene oder Einzelkinder. (…) Spätergeborene Kinder sind auch weniger ängstlich als Erstgeborene. Warum ist das so? Weil Erstgeborene die Ängste der Eltern spüren, die sich mit Problemen herumschlagen müssen, mit denen sie keine Erfahrungen haben. (…) Vielleicht ist ’ausgeglichen’ ein gutes Wort zur Charakterisierung von Mittelkindern.’ Zusammenfassend gesagt werden kann, dass Kinder, die zwischen dem ältesten und dem jüngsten Geschwister zur Welt kommen, eine gute Vorbereitung auf das Leben in einer Leistungsgesellschaft erfahren, da sie von Geburt an gewohnt sind, dass die Welt hierarchisch organisiert ist und dass unbequeme Lebenssituationen durch die Erfahrungen von Ungerechtigkeit und die eingeschränkte Machtposition, die mittlere Kinder für sich erleben, leichter hingenommen werden können.

Arbeit zitieren:
Adler, Christine Mai 2009: Geschwisterkonstellationen im Kontext systemischer Beratung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Geschwister, Systemtheorie, Inzest, Bruder, Schwester

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