Antisemitismus in Deutschland: Zum Wandel eines Ressentiments im öffentlichen Diskurs
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Thomas Kühner
- Abgabedatum: Januar 2008
- Umfang: 129 Seiten
- Dateigröße: 435,1 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Technische Universität Darmstadt Deutschland
- Bibliografie: ca. 128
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4126-5
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kühner, Thomas Januar 2008: Antisemitismus in Deutschland: Zum Wandel eines Ressentiments im öffentlichen Diskurs, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Antisemitismus, Holocaust, Israel, Antizionismus, Juden
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Diplomarbeit von Thomas Kühner
Einleitung:
Antisemitismus ist gegenwärtig ein globales Phänomen, das in manchen Ländern mehr, in anderen weniger verbreitet ist. Vor allem in der islamisch-arabischen Welt ist in den letzten Jahren ein Anstieg offener antisemitischer Äußerungen zu verzeichnen, teilweise bedingt durch den Nahostkonflikt und durch die Radikalisierung des Islams.
Allerdings hat der Antisemitismus in keinem Land solche Ausmaße und Konsequenzen gehabt wie im nationalsozialistischen Deutschland, wo er erstmalig in der Geschichte eine Art Staatsdoktrin darstellte. Die systematische Judenverfolgung über die eigenen Staatsgrenzen hinaus, gipfelte schließlich in der Shoa, die Millionen von Juden das Leben kostete und für die Geschichte Deutschlands, als auch für die Geschichte des Antisemitismus, einen radikalen Bruch darstellt. Trotz dieser historisch singulären Ereignisse ist Antisemitismus heute in Deutschland kein überholtes Phänomen oder eine Einstellung radikaler Minderheiten. Dies belegt die empirische Sozialforschung und die zahlreichen öffentlichen Debatten der jüngsten Zeit, die unter dem Paradigma der ‘Vergangenheitsbewältigung’ standen und immer noch stehen.
Im Rahmen dieser Studie soll untersucht werden, wie sich der Antisemitismus nach der Shoa im öffentlichen Diskurs in Deutschland entwickelt hat. Insbesondere sollen dabei die Debatten nach der Wiedervereinigung 1990, die einen entscheidenden politischen Einschnitt markiert, betrachtet werden.
Dabei soll die Rolle des Antisemitismus in der politischen Kultur analysiert werden. Daraus resultierend soll diskutiert werden, was den Antisemitismus gegenwärtig in Deutschland charakterisiert und wodurch er sich auszeichnet.
Das Ziel ist eine Konkretisierung des Begriffs Antisemitismus.
Im ersten Kapitel wird der Begriff Antisemitismus zunächst allgemein und abstrakt definiert, um eine erste Vorstellung vom Phänomen der Judenfeindschaft zu erlangen. Anschließend werden die gängigen Erklärungstheorien des Antisemitismus skizziert, da dies zum Verständnis und der Wirkungsweise des Ressentiments notwendig ist. In diesem Kontext soll zudem geklärt werden, inwieweit sich Antisemitismus und Rassismus unterscheiden.
Der heutige Antisemitismus ist nur vor dem Hintergrund seiner jahrhundertealten Tradition zu verstehen. Im dritten Kapitel wird deswegen die historische Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland bis zur Shoa rekapituliert. Der Fokus wird hierbei auf die relevanten historischen Erscheinungsformen des Antisemitismus gelegt. Dieses Wissen ist notwendig, um den Wandel des Antisemitismus nach der Shoa nachvollziehen zu können.
Im darauf folgenden Kapitel werden die neuen gesellschaftlichen Bedingungen dargestellt, die im Jahr 1945 mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland eingetreten sind. Diese radikalen Veränderungen verdeutlichen, warum die Shoa in vielfacher Hinsicht einen Bruch darstellt und der ‘nationalsozialistische’ Antisemitismus nicht weiter fortbestehen konnte. Vor dem Hintergrund der neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wird anschließend die Entwicklung des Antisemitismus nach 1945 in der Bundesrepublik und der DDR bis zur Wende 1990 dargestellt. Die Entstehung der ‘Berliner Republik’ durch die Wiedervereinigung stellt einen entscheidenden politisch-kulturellen Einschnitt dar, der zugleich, so die These, Auswirkungen auf den Antisemitismus hat. Diese Interdependenz wird im letzten Abschnitt des vierten Kapitels erörtert.
Basierend auf der Entwicklung des Antisemitismus nach 1945 werden im fünften Kapitel die gängigen Theorien des Antisemitismus nach der Shoa skizziert. Die Skandale und Debatten der Nachkriegszeit verdeutlichen den veränderten Charakter des Antisemitismus nach der Shoa, der nun einer neuen theoretischen Erörterung bedarf. Mit Hilfe dieses theoretischen Hintergrunds werden im sechsten Kapitel die Bedeutung und die Ausdrucksformen des Antisemitismus in den öffentlichen Debatten der ‘Berliner Republik’ detaillierter analysiert. Dies wird mittels einer umfassenden Diskursanalyse von einigen ausgewählten Debatten und Skandalen, die im Kontext der ‘Aufarbeitung’ der NS-Vergangenheit standen, untersucht.
Im Rahmen eines Exkurses wird im letzten Abschnitt der Wandel der Bezugspunkte des Antisemitismus erörtert. Im Zeitalter der Globalisierung ist der Fokus nicht mehr alleine auf Deutschland gerichtet, sondern antisemitische Agitation richtet sich zunehmend gegen Israel und die USA, forciert durch die Mythen um die Terroranschläge des 11.Septembers 2001 und den Nahostkonflikt. Der Exkurs soll deshalb die Verbindungen und Überschneidungen von Antisemitismus, Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien und Israelfeindschaft aufzeigen, um die Brisanz für den aktuellen politischen Diskurs zu verdeutlichen.
Das Resümee fasst die Entwicklung des Antisemitismus nach der Shoa zusammen, um darauf basierend den Begriff Antisemitismus konkreter zu definieren.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Zum Begriff des Antisemitismus | 7 |
| 2.1 | Definition des Begriffs Antisemitismus | 7 |
| 2.2 | Theoretische Erklärungsmodelle: Ursachen des Antisemitismus | 9 |
| 2.2.1 | Sozioökonomische Begründungen: Krisentheorie, Klassentheorie, Deprivationstheorie | 10 |
| 2.2.2 | Theorie psychosozialer Projektion: ‘Sündenbock-Theorien’ | 11 |
| 2.2.3 | Korrespondenztheorien | 12 |
| 2.2.4 | Extremismustheorien | 12 |
| 2.2.5 | Differenztheorien: Identitäts- und Ausgrenzungsmuster | 13 |
| 2.2.6 | Antisemitismustheorien der Frankfurter Schule | 13 |
| 2.2.7 | Funktionalistische und kausale Theorieansätze in der Tradition der Frankfurter Schule | 17 |
| 2.3 | Abgrenzung des Antisemitismus von Rassismus und Xenophobie | 19 |
| 2.4 | Differenzierung des Antisemitismus in latent und manifest | 21 |
| 3. | Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland im 19. und20. Jahrhundert bis zur Shoa | 22 |
| 3.1 | Christlicher Antijudaismus | 22 |
| 3.2 | Die Judenemanzipation | 24 |
| 3.3 | Der Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich | 25 |
| 3.4 | Der Antisemitismus in der Weimarer Republik | 29 |
| 3.5 | Der Antisemitismus im Dritten Reich | 31 |
| 3.6 | Fazit: Der Antisemitismus vor 1945 | 33 |
| 4. | Antisemitismus nach 1945 | 35 |
| 4.1 | Neue Bedingungen ab 1945 | 35 |
| 4.2 | Die Entwicklung des Antisemitismus nach 1945 bis 1990 | 37 |
| 4.2.1 | Die Entwicklung des Antisemitismus nach 1945 bis 1990 in der BRD | 38 |
| 4.2.1.1 | Phase 1: 1945 - 1952 | 38 |
| 4.2.1.2 | Phase 2: 1953 - 1966 | 41 |
| 4.2.1.3 | Phase 3: 1967 - 1979 | 42 |
| 4.2.1.4 | Phase 4: 1980 - 1990 | 44 |
| 4.2.2 | Antisemitismus in der DDR | 47 |
| 4.3 | Fazit: Der Antisemitismus zwischen 1945-1990 | 49 |
| 4.4 | Die Wiedervereinigung als Katalysator des Antisemitismus | 51 |
| 5. | Theoretische Formen des Antisemitismus nach 1945 | 54 |
| 5.1 | Der Sekundäre Antisemitismus: Schuld – und Erinnerungsabwehr | 55 |
| 5.1.1 | Definition des Begriffs ‘sekundärer Antisemitismus’ | 55 |
| 5.1.2 | Psychologische Hintergründe des sekundären Antisemitismus | 57 |
| 5.1.3 | Schuld- und Schamgefühle | 57 |
| 5.1.4 | Strategien der Entlastung | 59 |
| 5.1.5 | Ursachen und Ziele der Schuld- und Erinnerungsabwehr | 63 |
| 5.1.7 | Fazit | 64 |
| 5.2 | Philosemitismus | 64 |
| 5.3 | Kommunikationslatenz und Kryptoantisemitismus | 68 |
| 6. | Antisemitismus in öffentlichen Konflikten nach 1990 | 71 |
| 6.1 | Goldhagen-Debatte | 72 |
| 6.1.1 | Goldhagens Thesen | 72 |
| 6.1.2 | Die Reaktionen auf die Studie | 73 |
| 6.1.3 | Fazit der Debatte | 74 |
| 6.2 | Die Walser Debatten | 75 |
| 6.2.1 | Die Rede: ‘Erfahrungen beim Erfassen einer Sonntagsrede’ | 75 |
| 6.2.2 | Reaktionen | 78 |
| 6.2.3 | Auswirkungen und Folgen | 83 |
| 6.2.4 | Die zweite Walser Debatte um den Roman ‘Tod eines Kritikers’ | 85 |
| 6.3 | Die Debatte um das ‘Denkmal für die ermordeten Juden Europas’ | 86 |
| 6.3.1 | Meinungen vor der Entscheidung im Bundestag | 87 |
| 6.3.2 | Die Bundestagsdebatte am 25. Juni 1999 | 88 |
| 6.3.3 | Auswirkung und Bedeutung der Debatte | 91 |
| 6.4 | Die Möllemann Affäre | 92 |
| 6.4.1 | Die Möllemann – Karsli Affäre | 92 |
| 6.4.2 | Die Flugblatt-Affäre | 95 |
| 6.4.3 | Fazit | 96 |
| 6.5 | Die Hohmann Affäre | 97 |
| 6.5.1 | Die Rede ‘Gerechtigkeit für Deutschland’ | 98 |
| 6.5.2 | Die verspäteten Reaktionen und die Folgen | 99 |
| 6.6 | Die geographische Imagination antisemitischer Muster | 101 |
| 6.6.1 | Das Konstrukt der jüdischen Weltverschwörung | 102 |
| 6.6.2 | Antiamerikanismus | 104 |
| 6.6.3 | Antizionismus und Israelfeindschaft | 106 |
| 6.6.4 | Fazit | 109 |
| 7. | Schlussfolgerung | 111 |
| 8. | Literaturliste | 119 |
Textprobe:
Kapitel 5.1.2, Psychologische Hintergründe des sekundären Antisemitismus:
Die psychosozialen Voraussetzungen, welche die Erinnerungsabwehr begünstigen, sind dieselben, die auch den primären Antisemitismus begünstigen. Es sind vor allem stereotype Denk- und Einstellungsmuster, eine autoritätsgebundene Persönlichkeit und eine Ich-Schwäche. Dazu Rensmann:
‘Die erinnerungsabwehrenden Dispositionen verschränken sich mit der Sozialpsychologie der autoritätsgebundenen Persönlichkeit. Ich-Schwäche, autoritäre Aggression, Erfahrungsarmut und Anfälligkeit für kollektiven Narzißmus sind auch die Elemente, die die Erinnerungs- und Verantwortungsabwehr gegenüber den deutschen Verbrechen besonders begünstigen, Schamfähigkeit gegenüber Auschwitz blockieren’.
In diesem Zusammenhang ist die starke Beschädigung des kollektiven Narzissmus, der nationalen Eitelkeit, durch den Zusammenbruch des Dritten Reichs von entscheidender Bedeutung. Der Nationalsozialismus steigerte die nationale Eitelkeit ins Unermessliche und unterstütze damit das Subjekt, das sich mit der Nation identifizierte. Mit der Kriegsniederlage und der darauf folgenden weltweiten Diskreditierung des Nationalsozialismus entfiel das Identifikationsobjekt von heute auf morgen.
Es ist die menschliche Kälte, die Auschwitz ermöglichte, die nach der Shoa fortbesteht und die Schuldabwehr ermöglicht. Dazu Rommelspacher:
‘Die aus Abwehr und Ignoranz resultierende Mitleidslosigkeit steht in einer Tradition von Einfühlungsverweigerung, die die Verbrechen damals ermöglichte. Die Abspaltung der eigenen Gefühle geht Hand in Hand mit der Abwehr der Gefühle der anderen’.
5.1.3, Schuld- und Schamgefühle:
Schuld- und Schamgefühle müssen nicht zwangsläufig aus eigenen verbrecherischen Handlungen resultieren, sondern beziehen sich vielmehr auf eine kollektive Verantwortung nahezu aller Deutschen, die nicht am Widerstand gegen das Naziregime beteiligt waren. Dies verdeutlicht Dan Dinner treffend:
‘Die Abstraktion der Vernichtung, will heißen: die funktionale und arbeitsteilig organisierte Teilhabe der deutschen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit am industriellen Massenmord, an Auschwitz, macht alle – von wirklichen Widerständlern abgesehen – zum Bestandteil des Vernichtungsprozesses’.
Im Anbetracht der Schuld erwartet man eine Bestrafung oder Rache der Opfer, wobei in diesem Fall beides ausbleibt. Als Bestrafung wird allerdings oftmals die Verweigerung der Versöhnung mit den Juden angesehen.
Das Bewusstsein von Schuld bedarf eines Schamgefühls, das für das Individuum eine innere Aggression darstellt. Wird dieses verdrängt bzw. nicht internalisiert, ist die Fähigkeit Scham zu empfinden dem Ich fremd und die Schuld kann nicht kritisch verarbeitet werden. Schuldgefühle werden als oktroyiert wahrgenommen und es entsteht ein diffuses Schuldgefühl, aus dem ein ‘Schuldkomplex’ entstehen kann.
Die mangelnde Verarbeitung der Schuld hat fatale Folgen und wird zusätzlich durch eine positive Haltung zur deutschen Nation bekräftigt:
‘Das diffuse Schuldgefühl, hier im Hinblick auf die deutschen Verbrechen, wirkt auf das Ich extern und bedrohlich und muss mit allen Mitteln abgewehrt werden; dies zumal, wenn sich das Subjekt mit den Tätern und der deutschen Nation ungebrochen identifiziert’.
Insofern handelt sich bei der Schuldabwehr um eine Art Impuls zwanghafter Selbstverteidigung. Anstatt eines ‘gesunden’ Scham- und Schuldgefühls gegenüber den nationalsozialistischen Verbrechen findet eine Externalisierung der Schuld statt und die Forderung nach einem Schlussstrich unter das Vergangene wird erhoben. Die Gründe und die Problematik dieser Haltung verdeutlicht Adorno:
‘Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben lässt, und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur wieder Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll; mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist.’ Auschwitz wird damit ein Problem der anderen, sprich der Juden. ‘Diese Externalisierung, die Herausverlagerung der Konflikte aus dem Selbst, ist aber nichts anderes als die Flucht vor der eigenen Verantwortung’.
Die Erinnerungsabwehr bedeutet aber keineswegs eine blinde Apologetik des Nationalsozialismus, wie es im rechtsextremen Bereich der Fall ist. Die Forderung einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, entsteht nicht aufgrund einer erfolgten Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern im Gegenteil, weil eben diese vermieden werden soll:
‘Der Ruf nach einem Schlussstrich wurde seit Kriegsende immer von denen vorgebracht, ‘die das größte Interesse an einem solchen Schlussstrich haben’ und die selbst gar nicht erst angefangen haben, sich mit dem Vergangenen auseinander zusetzen’.
Zudem stellt sich die Frage, ob die Schuld- und Erinnerungsabwehr unbewusst erfolgt, oder politisches Kalkül ist. Adorno dazu: ‘Die Tilgung der Erinnerung ist eher eine Leistung des allzu wachen Bewußtseins als dessen Schwäche gegenüber der Übermacht unbewußter Prozesse’.
Es ist also anzunehmen, dass Schuld und Erinnerung bewusst ausgeblendet werden, vor allem auf politischer Ebene.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836641265
Arbeit zitieren:
Kühner, Thomas Januar 2008: Antisemitismus in Deutschland: Zum Wandel eines Ressentiments im öffentlichen Diskurs, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Antisemitismus, Holocaust, Israel, Antizionismus, Juden




