Bachelor + Master Publishing
765 Bachelorarbeiten, 508 Masterarbeiten, 10.071 Diplomarbeiten

Die Braut, die sich traut

Repräsentation und Praxis dynamischer Prozesse kultureller Hybridisierung im glokalen Kontext

Die Braut, die sich traut
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Martin Bernd Nagele
  • Abgabedatum: Juni 2008
  • Umfang: 146 Seiten
  • Dateigröße: 1,7 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 89
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3911-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Nagele, Martin Bernd Juni 2008: Die Braut, die sich traut, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kill Bill, Quentin Tarantino, Populärkultur, Medienanthropologie, Kultur und Raum

Diplomarbeit von Martin Bernd Nagele

Einleitung:

In Zeiten, in welchen über neue Medien dynamische Verflechtungen von Traditionen, Orten und Menschen hergestellt werden und sich ein folgenträchtiger Wandel hinsichtlich (inter-)medialer bzw. (inter-)kultureller Kommunikation beobachten lässt, drängt es sich auf, die Welt, in der wir leben, hinsichtlich medial bedingter Veränderungen zu interpretieren.

Die folgende Arbeit nähert sich zu diesem Zweck einem Filmbeispiel aus der ‘Traumfabrik’ Hollywood an: Konkret stehen Praxis sowie Repräsentation kultureller Verflechtungen im und rund um den populären Actionfilm Kill Bill Vol. 1 und Vol. 2 (USA 2003/USA 2004) im Mittelpunkt meiner Analyse.

Ziel der Arbeit ist es der komplexen Dynamik kultureller Praktiken anhand des Films exemplarisch auf den Grund zu gehen. Denn die neuen Bedingungen der Verbreitung von Kommunikation sind vielfältig, ebenso wie auch die Veränderungen, die sich durch sie ergeben. Grundlage zeitgemäßer kulturwissenschaftlicher Forschung unter Bedingungen der Globalisierung ist es deshalb, mit veränderten Kategorien wie Kultur und Raum umgehen zu lernen.

Im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Annäherungen geht die Anthropologie nicht primär von einer kulturellen Homogenisierung bei der Betrachtung von Globalisierungsprozessen aus. Politische und kulturelle Machtgefüge bewirken zwar immer auch ein gewisses Maß an Homogenisierung, dennoch stehe heute die Untersuchung von ‘(…) neuen Organisations- und Interaktionsformen von Vielfalt und Differenz, die von makrostrukturellen Machtverhältnissen beeinflusst werden, aber auch selbst auf diese einwirken’ im Zentrum des Interesses.

Menschen tragen Kultur mit sich, verbreiten und vermitteln, modifizieren und transformieren sie. Die Herausforderung liegt darin, globale und lokale Elemente einer glokalisierten Welt in ihrer Einheit zu verstehen, da diese Kategorien widersprüchlich zueinander stehen. Räume, in denen Globalisierung unter anderem durch neue Medien sowie durch eine globalisierte Warenwelt zum Tragen kommt, seien nicht an einen bestimmten Platz gebunden. Arjun Appadurai spricht in diesem Zusammenhang von einer deterritorialization bzw. ‘Entterritorialisierung’ von Kultur.

Anhand des Films Kill Bill können Bewegungen und Verflechtungen von Kultur auf verschiedenen Ebenen exemplarisch veranschaulicht werden. Von sozial- und kulturanthropologischem Erkenntnisinteresse ist bei einer ersten Sichtung vor allem Kill Bills interkulturelle Beschaffenheit, welche dem internationalen ‘Subgenre-Mainstream’ bzw. vielfältigen mythischen Traditionen entspringt.

Der in Hollywood und Hongkong produzierte Film kann auf Seiten östlicher Filmtraditionen mit Kung Fu Kampfkunst ebenso wie mit japanischem Schwertfilm und Anime aufwarten; auf Seiten der westlichen Einflüsse sind Italo-Western, Blaxploitation-Kino und das europäische Autorenkino sowie der italienische giallo-Psychothriller prägend für die Beschaffenheit des Films. Diese Melange macht aus Kill Bill neben vielen weiteren kulturellen Verschmelzungen ein totales hybrides Produkt.

Der Film – so belegen es z. B. unterschiedliche interdisziplinäre Annäherungen des Buchs Unfinished Business – Kill Bill und die offenen Rechnungen der Kulturwissenschaften – vereint besonders hinsichtlich seiner intertextuellen Beschaffenheit Popkultur und Hochkultur mit einer einzigartigen Leichtigkeit und bestätigt damit auch neuere Theorien der Cultural Studies, die von einer Aufhebung der Trennung beider ausgehen. Für das moderne Hollywood ist es offenbar attraktiv geworden, auf als ‘B-Movies’ abgewertete Genrerivalen zurückzugreifen. Eine Aufwertung der so genannten grindhouse-Filme, und vor allem der Kung-Fu-Filmkultur, ist die Folge von Tarantinos Würdigung, die sich im Spannungsfeld von lokalen, translokalen und globalen Prozessen bewegt.

Durch eine Kombination aus kommunikatanalytischer (bzw. filmwissenschaftlicher) Methodik und globalisierungstheoretischen (sozial- und kulturanthropologischen) Ansätzen sowie Bewertungsstrategien hinsichtlich dynamischer Kultur- bzw. Mythen-Räume soll der Transkulturalität, die den Erfolg des Films auf unterschiedlichen Ebenen mitbestimmt, anschaulich Rechnung getragen werden. Die wichtigsten Ebenen des Films Kill Bill erfahren, geleitet von denselben Kategorien, die bei ‘Kommunikatanalysen’ in der Filmwissenschaft untersucht werden, Aufschlüsselung. Damit einhergehend können hybride Schnittpunkte für sozial- und kulturanthropologische, aber auch kultur-, film- und literaturwissenschaftliche Stellungnahmen, vorwiegend hinsichtlich unterschiedlicher Überlagerungsprozesse von Mythos und Film herausgebildet werden.

Bezüglich des spezialisierten Zweigs der ‘Kommunikat-Analyse’, erklärt Thomas Kuchenbuch, dass diese einen oder mehrere Filme, Bücher, Plakate, etc. ins Zentrum stelle, wobei auch der Information zu den Kommunikatoren, den möglichen RezipientInnen und dem Präsentationsrahmen eine wichtige Rolle zukomme. Ausgangspunkt bleibe der Film, so der Kommunikationswissenschaftler, aus dem möglichst viel über die reale und mögliche Kommunikation, die er auslöst oder auslösen könnte, herausgelesen werden solle. ‘Ausgangspunkt der Analyse bleibt aber die Eigenart des Kommunikats, die Auswahl und Anordnung seiner Elemente, also die Stilmittel (…), die sich darin manifestierende persönliche Handschrift des Kommunikators (…), das Genre, auf das das Kommunikat zielt, und sein mutmaßliches (angestrebtes oder tatsächliches) Publikum.’ Mein Augenmerk bei der Analyse des Films wird auf transkulturellen Interaktionsformen sowohl auf Mikro- (Filmdetails) als auch auf Makroebene (Produktion/Konsumation) liegen. Die Arbeit gliedert sich dementsprechend in zwei große Teile. Meinem Erkenntnisinteresse entsprechend, und Kuchenbuchs ‘Kommunikatanalyse’ entspringenden Fragen folgend, stellt sich die Gliederung der Arbeit wie folgt dar:

Zu Beginn des ersten Teils der Arbeit wird nach dem Autor des Films und den seinen Werdegang prägenden Erfahrungen gefragt, um einerseits Zusammenhänge zwischen der Identität des Autors und der Identität seines vierten Films zu offenbaren, andererseits um die Frage nach der ‘Kommunikationsabsicht des Autors’ auszumachen. So wird das nötige Vorverständnis erzeugt, das für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Auftreten kultureller Verflechtungen im Film Kill Bill notwendig ist.

Das zweite große Kapitel des ersten Teils widmet sich dann der Frage nach den ‘Stilmitteln’ sowie der ‘Frage nach dem Genre’, wobei das Ziel verfolgt wird, die genrespezifische Intertextualität als Interkulturalität auszuweisen, einhergehend mit der Frage nach der ‘Stellung des Kommunikats zu fachspezifischen Traditionen’.

Anhand einer historischen Annäherung an eines der ‘Hauptgenres’, Kung Fu, das in Zusammenhang mit Theorien zu Mythos und kultureller Globalisierung als offene, bewegte Kulturlandschaft erscheint und dabei dezentralisierend wirkt, aber in der räumlichen Präsentation auch reterritorialisierend Darstellung erfährt, versuche ich aufzudecken, welche soziokulturellen Traditionen, Codes und Regeln hier bei der medialen Erschaffung neuer mythscapes Anwendung erfahren.

Die Genres dienen den ZuseherInnen dazu, sich Orientierung zu verschaffen und dem geschulten Rezipienten öffnen sich darüber hinaus neue Welten. Die verbindende Kraft oder besser gesagt den roten Faden zwischen den Genres, die bereits von sich aus dynamisch und offen sind, stellt eine spezielle Form von Splatter-Ästhetik dar, die jedem Kampf des Films ihren eigenen Stempel verleiht. Dabei kommt es zu einer besonderen Ästhetik der Gewaltdarstellung, die ebenso wie die generelle Überlagerung von Genrespezifika auf den Körper zu Erklärungsbedarf führt. Mein Blickfeld wendet sich deshalb nach einer theoretischen Einbettung zu untersuchender Kultur-Räume, der Praxis mythisch inspirierter Handlungen anhand der vielfältigen Projektionsfläche des filmisch in Szene gesetzten Körpers zu.

Anhand der Analyse ritueller und ideologischer Inkorporierungen in den Körper der mythischen Heldin können multiple Filmidentitäten aufgeschlüsselt werden. Um außerdem zu zeigen, auf welche Art die globale Rachegeschichte gängige Geschlechternarrationen hinterfragt und über die Einschreibung fernöstlicher Vorgängermythen - abseits stereotyper Hollywood-Inkorporierungen - eventuell sogar ein neues Frauenbild entwirft und gängige Rollenbilder zerstört, habe ich an zentraler Stelle der Arbeit einen Gender-Schwerpunkt gesetzt.

Der mythische bzw. spirituelle Weg der globalen Kriegerin, die ihrem Ehrenkodex folgend gewaltvoll um Gerechtigkeit kämpft, wird ebenfalls Teil meiner Ausführungen sein. Dabei wird es möglich, die gezeigten Kämpfe und Konflikte sowie die Figuren in mythologische Traditionen einzuordnen und nach der Macht zu fragen, mit der und um die hier gekämpft wird.

Vladimir Propps syntagmatische Strukturanalyse werde ich verwenden, um die Funktionen der HandlungsträgerInnen in Kill Bill schließlich als konstante Größen auszuweisen und eine gemeinsame Struktur von Mythen und populären Filmen sichtbar zu machen.

Mein übergeordnetes Ziel ist es, mithilfe des ersten Teils der Arbeit ein vermeintlich neuartiges popkulturelles Produkt in seinen historisch gewachsenen Zusammenhängen wahrzunehmen und die mythischen Handlungselemente und -räume, als losgelöst von etwaigen Zentren, zu verstehen. Somit widmet sich der erste Teil meiner Arbeit der übergeordneten Frage nach den kulturellen Baukästen des Films und versucht anhand der angesprochenen Ebenen darzulegen, wie sich hier dynamische dezentralisierte Kultur-Landschaften miteinander vernetzen und in Form spezieller Codes die Körperdarstellung der HandlungsträgerInnen prägen.

Verflechtungen bzw. Prozesse der Hybridisierung sollten immer aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden: Sie stellen einen Wandel durch Verschmelzung, bei dem sich Elemente des Eigenen und des Fremden zu neuen symbolischen Formen und Praktiken verbinden dar. Wolf spricht in diesem Zusammenhang von ‘kulturellen Baukästen, aus denen sich bestimmte Akteure unter bestimmten historischen Voraussetzungen bedienen.’ Zum anderen gehen kulturelle Verflechtungen immer mit bestimmten Machtverhältnissen einher. Der Zwang der Anpassung an eine dominante Kultur führt dabei zu einer Neudefinition von Identität, Ethnizität und zu Prozessen der Abgrenzung.

Im zweiten Teil der Arbeit rückt die übergeordnete Frage nach den Wirkungsweisen der globalen Ware Kill Bill ins Zentrum des Erkenntnisinteresses. Ich frage zuerst nach der ‘Kommuniktionssituation’ bzw. danach, wer die Anspielungen versteht, wobei dabei insbesondere die speziellen Starsysteme, die über neue Medien anschaulich gemacht werden können, von Interesse sind. Die ‘Frage nach dem intendierten ‘Publikum’ und dem wirklich erreichten (Zielpublikum und Realpublikum);’ geht in meiner Untersuchung Hand in Hand mit der Frage nach der Akkumulation und Erweiterung von Bedeutung, die speziell bei der Rezeption im Sinne von cult media – innerhalb virtueller Gemeinschaften – von Fans weltweit Würdigung erfahren.

Der Regisseur des Autorenfilms wird außerdem als international gefeierter (Pop)-Star und besondere Zone, an der sich kulturelle Verflechtungen beobachten lassen, vorgestellt. Unter anderem soll darlegt werden, auf welche Weise die HauptdarstellerInnen mitunter sich selbst bzw. ihre früheren Rollen in abgewandelter Form spielen, was u. a. durch einen Vergleich verschiedener Rollen und der Frage nach Authentizität zu erreichen ist. Der Starkult schafft imaginative Welten. Der Umgang der Fans mit den in Gang gesetzten Starsystemen, in Anlehnung an die Mechanismen besonderer Erscheinungsformen von Fan Art wird dabei Betrachtung finden.

Die Ware Film kennzeichnende marktökonomische Aura und technisch bedingte Transformationsprozesse auf Seiten der Produktion und des Publikums sind ebenfalls ein zentrales Thema meiner Annäherung. Bei der Darstellung des Films Kill Bill als Ware werden globale – mit ökonomischen Gegebenheiten in Zusammenhang stehende – Prozesse der Verschmelzung untersucht, um der weltweiten Verbreitung von Kill Bill gerecht werden zu können. Nochmals soll vorgeführt werden, dass amerikanische Kulturgüter nicht zwangsläufig zu Uniformität führen. Hierfür setze ich mich mit historisch gewachsenen Machtverhältnissen rund um global vernetzte Medien und der Rolle globaler technologisierter Räume auseinander, deren Beeinflussung sowie Veränderungen des Filmbetriebs am konkreten Beispiel Kill Bill gut zu veranschaulichen sind.

Gefragt wird auch danach, wie der moderne Mythos Kill Bill es schafft, in seiner globalen Verbreitung ökonomisch erfolgreich zu zirkulieren und welche Möglichkeiten genutzt werden, um den globalen Blick auf sich zu ziehen. Ich beschäftige mich zu diesem Zweck mit neuen Medien und den Rahmenbedingungen für spezifische Lebenswelten unter Bedingungen der kulturellen Globalisierung in Verbindung mit ökonomischen Hintergründen.

Anhand des Films soll exemplarisch untersucht werden, wie die globale Verbreitung in Zeiten des DVD- bzw. Internet-Zeitalters vor sich geht, welche Veränderungen und Ent-Territorialisierungsbewegungen dabei ersichtlich werden, und wie das Ereignis Kill Bill von seinen Zusehern und Fans, medial wiederverwertet, uminterpretiert und weiterverbreitet wird. Letztlich steht eine kurze filmkritische Auseinandersetzung am Programm, die u.a. eine Zusammenfassung besprochener Themenfelder darstellt, in dem sie Auskunft über die kritische journalistische Rezeption gibt.

Bleibt zu sagen, dass sich die Ethnologie heute keineswegs zum ersten Mal mit kulturellen Veflechtungen unter Bedingungen der Globalisierung beschäftigt. Dank verschiedenartiger Definitionen und Konzeptionen des Kultur-Begriffs durch bedeutende Kulturtheoretiker ist aber im Gegensatz zu früheren Ansätzen, davon auszugehen, dass sich Kulturen immer schon wechselseitig verändert und beeinflusst haben und niemals lediglich in sich geschlossene, an bestimmte Orte gebundene Systeme, waren.

Der gewählte Film fordert es, weil er, als moderner Mythos der Popindustrie, ein global zirkulierendes Kommunikationsereignis darstellt, heraus, seine strukturellen Merkmale, Funktions- und Wirkungsweisen genau zu überprüfen. Während Zeit und Raum in Zeiten fortgeschrittener Globalisierungskonfigurationen sowohl im realen Leben eine Neustrukturierung sowie -bewertung erfahren, spielt das Filmbeispiel Kill Bill nicht nur mit einem Wandel des gängigen Hollywoodkinos, sondern auch mit einem Wandel von Kultur an sich.

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung 7
1. Kulturelle Verflechtungen im Film
1.1 Tarantinouniverse Vol. I – Grindhouse Culture goes Hollywood 13
1.1.1 Biografische Eckdaten –Vom Konsumenten zum Produzenten 14
1.1.2 Hybridisierungsflüsse aus der ‘Entenpresse’–Funktionsweisen und Kernhandlung des Rachefilms Kill Bill 21
1.2 Ein transkultureller Film und seine kulturellen Baukästen 27
1.2.1 Intertextuelle bzw. interkulturelle Liaisons lokaler Formen – Globale mythscapes in Kill Bill 28
1.2.2 Überlagerungen auf den total hybriden Körper – Ideologie, Geschlecht, Kampf 37
1.2.2.1 Ideologische Identitätskonstruktionen und Genrekonventionen 40
1.2.2.2 Hybride Geschlechterwelten 53
1.2.2.2.1 Repräsentation von Frau im Film 54
1.2.2.2.2 Inkorporierung asiatischer Rachegeschichten 60
1.2.2.2.3 Konstruierte Frauenrollen und deren Zerstörung 67
1.2.2.3 Der mythische Weg und blutige Kampf einer poststrukturalen Heldin 71
2. Kulturelle Verflechtungen rund um den Film
2.1 Tarantinouniverse Vol. II – Beyond the Movie Theatre 79
2.1.1 Imaginative Welten und Starsysteme – Authentizität im Spannungsfeld von Multimedialität 80
2.1.2 Kill Bill zwischen World Cinema, New Hollywood, Mainstream und Independent 87
2.2 Kill Bill in Bewegung – Der Film als globale Ware 96
2.2.1 Zur Produktion und Verbreitung des Films 96
2.2.1.1 Macht- und Marktumstrukturierung in Zeiten postmoderner Technologisierung 97
2.2.1.2 Verflechtungen Internationaler Filmzentren und Repräsentationen lokaler Verbreitung 106
2.2.2 Soziokulturelle Konsumations- und digitale Reproduktionsprozesse 118
2.2.2.1 Praxis medialer Vervielfältigung – Transformationsprozesse im Cyberspace 118
2.2.2.2 Kritische mediale Sinngebungsprozesse 129
3. Schluss 133
4. Literatur-/Quellenverzeichnis 141
4.1 Bibliographie 141
4.2 Enzyklopädien 146
4.3 Fachzeitschriften 146
4.4 Zeitungsartikel 146
4.5 Internetquellen 146
5. Filmographie 148
6. Anhang 149
6.1 Abbildungsverzeichnis 149

Textprobe:

Kapitel 1.2.2.2.3, Konstruierte Frauenrollen und deren Zerstörung:

Die Rezipientinnen des Films treffen u. a. auf die Rolle der Mutter, der Blondine, der Braut, der Jungfrau Maria, der Krankenschwester, des japanischen Schulmädchens und der japanischen Rächerin. Kiddo nimmt im komatösen Zustand auch die Rolle der unfreiwilligen Prostituierten ein.

Dennoch tauchen – wie sich gezeigt hat – auf mehreren Ebenen Neu- bzw. Umgestaltungen der Kategorie Geschlecht auf. Michel Foucault hat unter dem Einfluss der Diskurse der Macht gefordert, weibliche Existenz im Konflikt mit gesellschaftlichen Mächten zu begreifen und Frau nicht auf eine einzige Bedeutung hin zu fixieren, sondern als Wesen zu verstehen, das sich im Herrschaftskontext verschiedenartig manifestiert, denn Widerstand gegen das Bestehende wird von Foucault als Aufgabe der zu sich selber kommenden Frauen gesehen.

Dieser Forderung kommt Tarantino äußerst großzügig nach, indem er die vorgeführten Bilder von Weiblichkeit und auch Männlichkeit als kulturelle Konstruktionen und Illusionen ausstellt und die Frau als bestimmende Figur in männlich dominierte Genres eingliedert. Einerseits gelingt dies über Vorgänge nationaler Hybridisierung, die sich insbesondere an den weiblichen Gestalten erkennen lässt, andererseits über die Entmythifizierung sozio-kultureller Rollenbilder.

Kill Bill macht schwerwiegende Brüche mit den Stereotypen einer traditionell von Männerbildern dominierten Action-Filmindustrie ersichtlich. Durch die gezielte Zerstörung von Mustern wird auf mehreren Ebenen eine neue Art von Heldin, die sich in einer von Männern dominierten Genrewelt sehr gut behaupten kann, geboren.

Im amerikanischsten aller Genres, dem Western, scheitert die Heldin allerdings nicht nur einmal an den männlichen Kontrahenten. Budd und Bill stellen im zweiten Teil des Films Western Cowboys dar. Wie Martin Weidinger in seinem Artikel The Man with the Gun ausführt, sind sich die Western-Expertinnen darüber einig, dass Männlichkeit das Genre, welches in der einschlägigen Literatur mehrheitlich als antifeministisch wahrgenommen werde, dominiert. Männlichkeit sei – so führt der Amerikanist und Politikwissenschaftler aus - nicht ohne Weiblichkeit herstellbar. Weidingers Erläuterungen folgend, diene Weiblichkeit im Western zu Gunsten der Glorifizierung des männlichen Helden dann auch bloß als passives in die Zivilisation eingebettetes Spiegelbild, im kontrastreichen Gegensatz zu den in der Wildnis aktiv tätigen Cowboys mit ihren Kanonen.

‘Im Western ist die Rolle der Frau weit weniger von praktischer, denn von symbolischer Bedeutung. Während der Held ein Grenzgänger ist, steht die Frau ganz eindeutig für den Bereich der Zivilisation’, schreibt Weidinger. Beatrix´ untergeordnete Rolle und ihre Einbußen hinsichtlich aktiver Entfaltungsphasen des Körpers im Western Genre lassen sich dementsprechend genrespezifisch leicht erklären. Letztlich tritt Beatrix im Film aber selbst als Cowgirl auf; in einer Totalen geht sie – in der Manier klassischer Westerncowboys - der Sonne entgegen, nachdem sie sich aus ihrem eigenen Grab freischaufeln konnte.

Laut Tarantino, der sich oftmals damit gerühmt hat, mittels seiner Filme seinem eigenen Spaßanspruch gerecht werden zu wollen, ist es nach eigenen Angaben sein persönlichster Film. Um Kill Bill aber gar als ‘a little gender movie’ zu bezeichnen, wie es sein Erzeuger selbst getan hat, ist es notwendig, die patriarchalen Strukturen in der Produktion zu übersehen.

Die filmische Darstellung von Frau kann allerdings sehr wohl im Sinne einer gründlichen Dekonstruktion althergebrachter Muster in der Geschlechterdarstellung interpretiert und eingeordnet werden. Die geschlechtsspezifische Leistung an Kill Bill – von Tarantino als eindeutig nicht reale Fantasiegeschichte bezeichnet – liegt meines Erachtens darin, dass Weiblichkeit zwar zuerst anhand von althergebrachten Geschlechterrollen dargestellt wird, diese teilweise nach wie vor existierenden Mythen aber letztlich alle überwunden bzw. zerstört werden können.

Die Ausforschung von Mechanismen, die eine Übertretung der weiblichen Geschlechtsfunktion möglich machen, hat dabei geholfen, die Ursachen für die Zerstörung dargebotener Weiblichkeitstopoi und Männerphantasien freizulegen. Den dem Körper eingeschriebenen geschlechtsspezifischen kulturellen Mustern, insbesondere aus asiatischen Bezugssystemen, konnte mittels der Vergleiche mit weiblichen asiatischen Filmfiguren anschaulich auf den Grund gegangen werden. Schließlich wurde noch ersichtlich, dass die dargebotenen Rollenmuster aufgrund ihrer Dekonstruktion letztlich als Täuschungen verstanden werden müssen.

Bleibt damit abzuschließen, dass ‘Frau zu sein’ in diesem fiktionalen Film nicht wirklich bewertet wird. Vielmehr werden unterschiedliche kulturspezifische diskursive Einschreibungen vorgeführt um letztlich wieder aufgehoben zu werden. Tarantinos Kino ist im Stande – soviel ist durch meine Betrachtung ersichtlich geworden - als Zeichensystem durchaus auch ein verzerrtes Bild von klassisch in Szene gesetzter Weiblichkeit zu präsentieren, und schafft es dabei, gängige Medienrealitäten zu überwinden, die als männlich konstruiert zu verstehen sind.

Zu diversen materiellen Schäden durch körperliche Einschreibungen in die Umwelt, sprich Auswirkungen der Körperpraxis kommen wir im nächsten Kapitel, das die wichtigsten Kämpfe am Weg der Heldin näher beleuchtet. Es bildet den Abschluss der Untersuchung der reichhaltigen Schnittstelle des Körpers und zeigt, dass letztlich nur über Gewalt, die im Action-Film Kill Bill als effizientestes Mittel der Konfliktlösung vorgeführt wird, Macht erreicht werden kann.

Arbeit zitieren:
Nagele, Martin Bernd Juni 2008: Die Braut, die sich traut, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kill Bill, Quentin Tarantino, Populärkultur, Medienanthropologie, Kultur und Raum

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren