Wege aus der Stille. Möglichkeiten der Teilhabe durch Unterstützte Kommunikation
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Janina Heß
- Abgabedatum: Oktober 2009
- Umfang: 157 Seiten
- Dateigröße: 10,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule Mainz Deutschland
- Bibliografie: ca. 116
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3844-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Heß, Janina Oktober 2009: Wege aus der Stille. Möglichkeiten der Teilhabe durch Unterstützte Kommunikation, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gebärden, Praxisstudie, Nicht-sprechende Kinder, Kommunikationsförderung, Soziale Arbeit
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Diplomarbeit von Janina Heß
Einleitung:
‘Man kann den Teil nicht verlieren, ohne dass das Ganze schwankt’.
Sprache ist die wichtigste Grundlage unserer Kommunikation zu anderen Menschen. Durch sie können Erlebnisse geschildert, am Gruppengeschehen teilgenommen, Gefühle und Wünsche geäußert, Erfahrungen ausgetauscht und Handlungen geplant werden.
Wenn jedoch Sprache aufgrund verschiedener Ursachen kaum oder nicht erlernt werden kann, kommt vieles von den oben genannten Möglichkeiten zu kurz und schon im Kindesalter wird das Kind mit Ausschluss und Frustration konfrontiert. Dies beeinträchtigt den Sprach- oder generell den Kommunikationserwerb massiv.
Ich möchte mich in meiner Diplomarbeit mit der ‘Unterstützten Kommunikation’ (nachfolgend UK genannt) befassen, also Kommunikation mit Kindern, die nicht oder kaum sprechen können. Ich werde hierbei einleitend kurz auf die Kommunikationsentwicklung bei altersgemäß entwickelten Kindern eingehen und aufzeigen, welche weiteren Entwicklungen davon abhängen. Damit wird deutlich, wie schwerwiegend es für nichtsprechende Kinder sein kann, wenn sie kein alternatives Kommunikationssystem an die Hand bekommen.
Anschließend werde ich eine Einführung in die UK geben, eine kurze Darstellung der historischen Entwicklung, die Zielgruppen, Ziele und Formen der UK sowie die Besonderheiten des GuK-Gebärdensystems aufzeigen. Ich möchte in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen, die leider immer noch viel zu häufig bestehen, beleuchten. Innerhalb des Theorieteils und anhand meiner Praxisarbeit werde ich versuchen, die in der Fachwelt viel diskutierte Frage, ob UK für die Sprachentwicklung hinderlich oder förderlich ist, zu beantworten.
Der Schwerpunkt meiner Diplomarbeit liegt auf der Einführung eines alternativen Kommunikationssystems in einer Gruppe einer integrativen Kindertageseinrichtung, in der ein nicht sprechendes Kind (Leon, 3,5 Jahre alt) betreut wird. Mein Ziel ist es, ein alternatives Kommunikationssystem im Rahmen einer Praxisstudie einzuführen. So wird diesem Kind ermöglicht, mit anderen Kindern und den Erzieherinnen zu kommunizieren, eigene Wünsche und Vorstellungen ausdrücken und Grenzen aufzeigen zu können. Hierbei habe ich vor darauf zu achten, dass alle Kinder dieses System lernen, also auch diejenigen, die über eine gesunde Sprachentwicklung verfügen. Dadurch können alle Kinder miteinander kommunizieren und niemand fühlt sich ausgeschlossen. Von besonderer Bedeutung ist das Lernen mit Spaß und ohne Zwang, da die Kinder auf diese Weise neue Inhalte besser verinnerlichen und in den Alltag integrieren können.
Die Frage, ob und wie sich in diesem speziellen Fall die UK auf die Sprachentwicklung auswirkt, werde ich im Rahmen meiner Praxisstudie ab Kapitel 4 unter Berücksichtigung der Theorie versuchen zu beantworten.
Das eingeführte System muss gut dokumentiert und transparent gemacht werden, damit es auch nach meiner Einführungs- und Pilotphase weitergeführt werden kann. Auf diesen Sachverhalt gehe ich in meinem Praxisteil ab Kapitel 4 näher ein.
Dazu ist es anfangs sehr wichtig, eine Diagnostik für das Kind durchzuführen bzw. eine Problem- und Handlungsbedarfsanalyse zu erstellen. Nur so können genaue Ziele definiert, Interventionen wirksam, das Handeln begründet, reflektiert und im Hinblick auf die Ziele überprüft werden. Hierzu befand ich es als notwendig, aus den zurzeit existierenden Methoden und Diagnostikbögen, welche hauptsächlich aus der Sprachtherapie adaptiert wurden, eine eigene, auf den individuellen Fall von Leon (Name geändert) zugeschnittene Methode zur Diagnostik zu entwickeln.
Des Weiteren habe ich Interviews mit Leons Eltern, Erzieherinnen und Therapeuten zu Beginn und nach 6 Monaten UK-Förderung geführt. Sie sollten die Entwicklung von Leons Kommunikation beschreiben.
Im Anhang, der sich ab Seite 128 nach dem Literaturverzeichnis befindet, finden sich die transkribierten Interviews sowie alle weiteren zur Evaluation der Praxisstudie notwendigen Materialien ebenso wie meine Danksagung und das Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.
Dieses Thema bedeutet mir sehr viel, da ich seit mehreren Jahren selbst mit Menschen arbeite, denen es ermöglicht wurde, durch die Mittel der UK zu kommunizieren. Leider ist die Methode der UK noch nicht sehr weit verbreitet und so kommt es trotz der guten und vielfältigen Möglichkeiten, die die UK bietet, immer wieder zu Frustration seitens der Betroffenen. Viele Menschen kennen die UK und ihre Formen und Methoden nicht und können so auch nicht mit nichtsprechenden Menschen kommunizieren.
Die Forschung und wissenschaftliche Evaluation der UK befindet sich in Deutschland leider noch in ihren Anfängen. Es gibt fast ausschließlich sehr gute Praxisberichte und Praxisbeispiele, aber kaum wissenschaftlich fundierte Theorie.
In meiner Arbeit gibt es weitere interessante Punkte, auf die näher eingegangen werden könnte. Dies ist mir aber leider im Rahmen meiner Diplomarbeit aufgrund der begrenzten Seitenanzahl nicht möglich.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Kommunikation | 6 |
| 2.1 | Was ist Kommunikation? | 6 |
| 2.2 | Wie wird Kommunikation gelernt? | 6 |
| 2.3 | Folgen für die Kommunikationsentwicklung nicht sprechender Kinder | 13 |
| 3. | Einführung in die UK | 20 |
| 3.1 | Was ist UK? | 20 |
| 3.2 | Historische Entwicklung der UK | 20 |
| 3.3 | Zielgruppen | 23 |
| 3.4 | Ziele | 25 |
| 3.5 | Formen der UK | 26 |
| 3.5.1 | Voraussetzungen für UK | 26 |
| 3.5.2 | Elemente der UK | 28 |
| 3.5.3 | Rahmenbedingungen | 29 |
| 3.5.4 | Kommunikationshilfen | 31 |
| 3.5.4.1 | Körpereigene Kommunikationsformen | 34 |
| 3.5.4.2 | Nicht elektronische Kommunikationshilfen | 36 |
| 3.5.4.3 | Elektronische Kommunikationshilfen | 39 |
| 3.6 | Gebärden | 43 |
| 3.6.1 | Gebärden in der UK | 43 |
| 3.6.2 | GuK - Gebärdenunterstützte Kommunikation (ein System von E. Wilken) | 44 |
| 3.7 | UK in der Sprachentwicklung - hinderlich oder förderlich? | 48 |
| 3.8 | Grenzen und Barrieren der UK | 52 |
| 4. | Praxisstudie mit Leon | 56 |
| 4.1 | Einführung in die Diagnostik | 56 |
| 4.1.1 | Begriffserklärung | 56 |
| 4.1.2 | Methoden der Diagnostik in der UK | 57 |
| 4.1.3 | Ziele der UK-Diagnostik | 58 |
| 4.1.4 | Unterschiedliche Diagnostikverfahren | 59 |
| 4.1.5 | Entwicklung eines eigenen Diagnostikbogens | 70 |
| 4.2 | Einzelfallstudie mit Leon | 71 |
| 4.2.1 | Empirische Methode der Einzelfallstudie | 71 |
| 4.2.2 | Angewandtes Studiendesign | 73 |
| 4.2.3 | Fördersituation | 74 |
| 4.2.3.1 | Darstellung der Lebenssituation | 74 |
| 4.2.3.2 | Systematischer Ablauf | 75 |
| 4.2.3.3 | Diagnostik | 75 |
| 4.2.3.4 | Förderziele | 80 |
| 4.2.3.5 | Maßnahmen | 81 |
| 4.2.4 | Ablaufmodell | 82 |
| 4.2.4.1 | Zeitlicher Rahmen | 82 |
| 4.2.4.2 | Strukturierte Förderung | 83 |
| 4.2.4.3 | Ablauf der Einzelförderung | 85 |
| 4.2.4.4 | Ablauf der Gruppenförderung | 89 |
| 4.2.4.5 | Teilhabe der sozialen Umwelt | 92 |
| 4.2.5 | Interviews | 94 |
| 4.2.5.1 | Methode des Experteninterviews | 94 |
| 4.2.5.2 | Interviewauswertung | 96 |
| 5. | Auswertung der Studie unter Berücksichtigung der Interviews | 102 |
| 5.1 | Evaluation | 102 |
| 5.2 | Abschließende Diagnostik | 107 |
| 5.3 | Zusammenfassung | 111 |
| 5.4 | Probleme und Grenzen | 112 |
| 5.5 | Zukünftige Fördermöglichkeiten | 113 |
| 6. | Schlussresümee und Ausblick | 115 |
| 7. | Literaturverzeichnis | 117 |
| 8. | Anhang | 128 |
Textprobe:
Kapitel 3.7, UK in der Sprachentwicklung – hinderlich oder förderlich?
Viele Eltern und Bezugspersonen befürchten, dass Kinder, wenn man ihnen Mittel der UK anbietet, es nicht mehr nötig hätten, sprechen zu lernen. Sie haben Angst, alternative Kommunikationsformen könnten den Lautspracherwerb einschränken oder gar verhindern. Diese Befürchtungen und Ängste führten dazu, UK-Interventionen so lange hinaus zu zögern, bis die herkömmliche Sprachtherapie gescheitert war.
Zu der Kontroverse, ob die UK generell hinderlich oder förderlich für die Sprachentwicklung ist, gibt es kaum wissenschaftlich fundierte Literatur oder Studien. Deshalb widme ich mich in diesem Kapitel hauptsächlich der Frage, ob speziell Gebärden den Lautspracherwerb verhindern oder fördern. Es gibt laut v. Tetzchner/Martinsen keine Forschungsergebnisse, die beweisen, dass der Erwerb von Gebärden sich negativ auf die Lautsprache auswirkt. Im Gegenteil: Ich werde in diesem Kapitel exemplarisch einige Studien und ausgewählte Literatur vorstellen, die die förderliche Wirkung von Gebärden auf den Lautspracherwerb erläutern.
Außerdem gibt es einige Anhaltspunkte für diese förderliche Wirkung, die aus meinen eigenen Erfahrungen und Ergebnissen aus dem Praxisteil meiner Diplomarbeit sowie aus meinen sonstigen Praxiserfahrungen resultieren.
Doch woher kommt dann diese grundsätzliche Skepsis? Dies könnte aus der Gehörlosenpädagogik stammen und mit dem ‘Oralismus’, einem Ansatz von Samuel Heinicke, zusammenhängen. Ziel dieses Ansatzes war, das ausschließliche Sprechen und Lippenlesen im Unterricht mit gehörlosen Kindern, um eine bessere soziale Integration zu ermöglichen. Dieser Ansatz wurde teilweise noch bis in die 1990er Jahre in der Ausbildung der Sprachheilpädagogen vermittelt.
Parallel zu dem Ansatz des Oralismus, entwickelte jedoch Abbé de L’Epee eine Zeichensprache, die vergleichbar mit unserer heutigen Gebärdensprache ist und deren Ziel eine möglichst frühe Teilhabe an Kommunikation war.
Inzwischen ist eine Öffnung der Sprachheilpädagogen spürbar, doch es wird trotzdem eine lange Zeit dauern, bis sich UK in der Sprachheiltherapie soweit etablieren wird, dass sie selbstverständlich ist.
Die Grundlage der Kommunikation bilden die Interaktionen des Kindes mit seinen Eltern, anfangs vor allem der Mutter. Die anfangs noch nicht zielgerichteten körpereigenen Äußerungsformen wie lautieren, blicken und sich zu bewegen werden von den Eltern aufgegriffen und somit als kommunikative Willensäußerung verstanden. Ainsworth/Bell haben herausgefunden, dass Kinder, auf deren Äußerungen im ersten Halbjahr eingegangen wurde, im letzten Viertel des Jahres weniger schreien, dafür aber mehr Laute und Gebärden als Mitteilung einsetzen.
Auch in der frühen, noch intuitiven Kommunikation zwischen Eltern und Kind, verwenden Eltern zu den sprachlichen, an das Niveau der Kleinkinder angepassten Äußerungen, zusätzlich Gestik und Mimik. Diese typischen Gesten und Gebärden, z.B. Hände zusammen klatschen für ‘bitte-bitte’ oder das Hochstrecken der Arme als Antwort auf die Frage ‘Wie groß bist Du?’, gehören zum kommunikationsfördernden Repertoire von vielen Eltern und Kindern ab dem ca. achten Monat bei einer gesunden Sprachentwicklung.
Die Bedeutung von Gesten für die Sprachentwicklung haben Rowe/Golfin-Meadow bestätigt: Sie betonen, dass sie kein Beiwerk sind, sondern ‘integraler Bestandteil der Sprache. Beim Spracherwerb […] bahnen die Hände den Wörtern ihren Weg’.
Dies bestätigt auch Grimm, indem er die Gefährdung der Sprachentwicklung ohne die Fähigkeit, mit Gesten zu kommunizieren, herausstellt. Aufgrund dieser Erkenntnisse für die gesunde Sprachentwicklung liegt es nahe, dass die Förderung der Kommunikation von Kindern mit Behinderung auf die Nutzung von Gesten und Gebärden keinesfalls verzichten kann.
Trotzdem stehen die Befürchtungen im Raum, Kinder könnten die Anstrengungen des Sprechenlernens scheuen, wenn sie ein einfacheres und bequemeres Kommunikationssystem zur Verfügung haben. Dass dies aber nicht der Fall ist, beweisen inzwischen viele Studien. Umgekehrt gibt es jedoch keine Studie, die beweist, dass der Erwerb von Gebärden oder anderen alternativen Kommunikationssystemen den Spracherwerb behindert. Dies wird im weiteren Verlauf näher erläutert.
Um Kommunikation zu erlernen, benötigen Menschen immer ein Symbolsystem; in den meisten Fällen ist dies unsere Lautsprache. Solche Symbolsysteme stellen allerdings auch alle anderen alternativen Formen der UK dar.
Bei Kindern, bei denen der Spracherwerb durch Gebärden gefördert werden soll, verfolgt die UK das Ziel, ‘den Spracherwerb zu beschleunigen und die Qualität ihrer Interaktionen in der Phase vor dem Sprechenlernen zu verbessern.’. Somit wird gleichzeitig von denjenigen, die kaum oder keine Lautsprache entwickeln, von Anfang an ein alternatives Kommunikationssystem erlernt. Lernen stützt sich immer auf Fähigkeiten, die vorher bereits erworben wurden. Dies ist auch in der Sprachentwicklung der Fall. Daher ist es förderlich, nichtsprechenden Kindern bereits ein alternatives Kommunikationssystem an die Hand zu geben, da vor allem die für die Sprachentwicklung wichtigen Voraussetzungen der pragmatischen und kognitiven Fähigkeiten eines Kindes durch die UK bereits vor dem eigentlichen Spracherwerb eingeübt werden können.
Von Tetzchner/Martinsen beziehen sich auf eine Studie von Rostad 1989, bei der Gebärden von 8 geistig behinderten Kindern erlernt wurden. Die 4 Kinder mit Down-Syndrom lernten im Laufe der Zeit sowohl Gebärden als auch gesprochene Wörter. Zu Anfang ging der Erwerb von neuen Gebärden und Wörtern recht langsam vonstatten, später fielen zuerst Forschritte beim Gebärden auf. Allmählich sprachen die Kinder jedoch immer mehr neue Wörter. Je mehr Wörter sie sprachen, desto weniger Gebärden verwendeten sie nach und nach, bis sie gar nicht mehr gebärdeten. Diese Studie weist darauf hin, dass das Erlernen der Gebärden sich positiv auf den Lautspracherwerb ausgewirkt hat und dass die Kinder immer weniger gebärdeten, je mehr Wörter sie sprechen konnten. Über die anderen 4 Kinder ist nichts Näheres bekannt.
Launonen stellte bei einer großen Studie 1996 bei einer Gruppe von Kindern, die seit ihrem ersten Lebensjahr eine umfassende Betreuung sowie Gebärdenunterricht erhielten, fest, dass diese mit vier Jahren über ein deutlich größeres Repertoire an Wörtern verfügten als Kinder, die die gleiche Betreuung, jedoch ohne Gebärdenunterricht, erhielten. Die erste Gruppe von Kindern verfügte neben dem größeren Wortschatz auch über ein Gebärdenrepertoire, was ihre Ausdrucksmöglichkeiten insgesamt vergrößerte.
Viele Menschen, die jahrelang herkömmlichen Sprachunterricht bekamen, ohne dass dies zu nennenswerten Ergebnissen führte, begannen nach Erlernen von Gebärden oder graphischen Zeichen aber plötzlich zu sprechen. Diese Erkenntnis von Casey und Romski u.a. ‘führt zu der Annahme, [dass] die Fertigkeiten in unterschiedlichen Kommunikationsformen einander beeinflussen und verstärken’. Auch Vater erläutert die sprachanbahnende Funktion von Gebärden. Die Möglichkeit, durch die Gebärden etwas ausdrücken und bewirken zu können, führt zu einem vermehrten Aussagebedürfnis. Ist diese Kommunikationswilligkeit für Gebärden vorhanden, wird sie auch bei der Lautsprache zu beobachten sein. Auf diese Weise bereitet die Gebärde laut Vater den Boden für den Lautspracherwerb.
Zu dieser Erkenntnis kommt auch Lell, wenn sie erläutert, dass Gesten und Gebärden für viele Kinder als visuelle Brücke dienen, um die Symbolfunktion der Sprache zu verstehen. Das Visualisieren der gesprochenen Wörter durch Gebärden hilft, die Sprache zu verlangsamen, indem sie wichtige Wörter eines Satzes hervorhebt. Dadurch kann das Sprachverständnis verbessert und Missverständnissen vorgebeugt werden.
Durch die ähnlichen kognitiven Voraussetzungen zwischen den beiden Symbolsystemen Sprache und Gebärden ermöglichen sich wechselseitig bedingende positive Auswirkungen. Die Zentren für Hand- sowie Mundmotorik liegen in benachbarten Hirnarealen. Daher kann sich eine Aktivität der Hände, wie beim Gebärden, förderlich auf die Mundmotorik auswirken.
Siegel stellte in einer Studie bei über tausend Personen mit Behinderung fest, dass durch den Einsatz von Gebärden 39% vermehrt lautierten und 25% vermehrt Lautsprache verwendeten.
Trotz dieser vielen positiven Auswirkungen bleibt es meist beim Gebärden und daher auch lange beim Spracherwerb von unterstützt kommunizierenden Kindern bei Einwortäußerungen. Untersuchungen aus England und Wales haben gezeigt, dass Mehrwortäußerungen nur von ca. 10% der Kinder mit einer geistigen Behinderung gebärdet werden. Die Gründe für diesen Verbleib auf der Einwortebene könnten in der Asymmetrie zwischen dem Verstehen von Sprache und dem Sprechen im Fall eines unterstützt kommunizierenden Kindes liegen. Ein unterstützt kommunizierendes Kind entnimmt seiner Umwelt die Lautsprache, kann diese aber für die Sprachproduktion nicht für sich nutzen, sondern muss auf andere Modalitäten wie z.B. das Gebärden umsteigen. Daher sollten Kindern mit einem alternativen Kommunikationssystem die Eltern als Vorbilder dienen und parallel zur Lautsprache in Mehrwortäußerungen gebärden.
In der gesunden Sprachentwicklung stellt der Schritt von der Einwort- zur Mehrwortebene eine wichtige Entwicklung dar, die auch in der UK unbedingt gefördert werden sollte, um eine Weiterentwicklung garantieren zu können.
Zu diesen vielen Studien, die die positive Wirkung aufzeigen, kommen inzwischen viele Erfahrungen aus der Praxis, unter anderem auch aus meiner eigenen. In meiner Praxisstudie mit Leon zeigten sich erste positive Auswirkungen der Gebärden auf den Spracherwerb, wie ab Kapitel 4 zu lesen sein wird.
Die Chancen, die die UK und speziell Gebärden bieten überwiegen eindeutig gegenüber den Befürchtungen, die heute leider immer noch vereinzelt existieren.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836638449
Arbeit zitieren:
Heß, Janina Oktober 2009: Wege aus der Stille. Möglichkeiten der Teilhabe durch Unterstützte Kommunikation, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gebärden, Praxisstudie, Nicht-sprechende Kinder, Kommunikationsförderung, Soziale Arbeit




