Steuermoral: Analyse und Wirkungen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Philipp Hofmann
- Abgabedatum: Juli 2009
- Umfang: 70 Seiten
- Dateigröße: 808,1 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
- Bibliografie: ca. 94
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3492-2
- ISBN (CD) :978-3-8366-3492-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hofmann, Philipp Juli 2009: Steuermoral: Analyse und Wirkungen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Steuermoral, Steuerpsychologie, Steuerehrlichkeit, Steuerhinterziehung, Steuermentalität
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Diplomarbeit von Philipp Hofmann
Einleitung:
Im Jahre 2008 trifft die ‘Liechtensteiner Steueraffäre’ auf eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post AG Klaus Zumwinkel gilt seitdem als Symbolfigur für mehrere hunderte deutsche Steuersünder, die auf illegale Weise versucht haben, steuerpflichtiges Vermögen am deutschen Fiskus vorbei in das Fürstentum Liechtenstein zu schleusen. Von Seiten der Medien, der Politiker oder in der breiten Öffentlichkeit ist in solchen Zeiten oft von einer schlechten Steuermoral die Rede. Während Aussagen über die Situation der Steuermoral getroffen werden, treten grundsätzliche Fragen in den Hintergrund: Was stellt überhaupt Steuermoral dar und wodurch wird sie bestimmt? Diese wesentlichen Fragen geben einen Grundgedanken dieser Arbeit wieder.
Angesichts der öffentlichen Diskussion über Steuerhinterziehung besteht Anlass, das dahinterstehende Verhalten der Individuen verstehen zu wollen. In der Realität lässt sich jedoch das Verhalten von Steuersündern nur schwer beobachten. Die Wissenschaft beschäftigt sich daher mit der allgemeineren Frage, wie es um die Einstellung der Steuerzahler gegenüber der gesetzlichen Verpflichtung, Steuern zu zahlen, steht. Die in der Ökonomie unterstellte Rationalität würde zu einer weitaus größeren Steuerhinterziehung führen, als es der Realität entspricht. Der Ansatz des rationalen Handelns reicht daher nicht aus, das Verhalten der Individuen im Zusammenhang mit der Besteuerung befriedigend zu klären. Diese Erklärungslücke wird in der Wissenschaft als ‘Steuerzahlerrätsel’ bezeichnet. Mithilfe der verhältnismäßig jungen Disziplin der Wirtschaftspsychologie werden psychologische Erkenntnisse auf das Verhalten von Individuen in einem ökonomischen Umfeld übertragen. Die wirtschaftspsychologische Betrachtung in dieser Ausarbeitung erlaubt es, insbesondere auf die subjektive Perspektive des Steuerzahlers einzugehen. Individuelle und gesellschaftliche Aspekte der Steuermoral können unterschiedlich ausgeprägt sein. Aufgrund dessen ergibt sich eine interessante Ursachenanalyse der Steuermoral im Schnittfeld zweier verschiedener Disziplinen der Wissenschaft.
Im Besonderen wird ein Bezug zum deutschen Steuersystem an verschiedenen Stellen der Arbeit hergestellt. Jedoch soll das Phänomen der Steuermoral in Teilen eine internationale Würdigung erfahren, um die unterschiedlichen Ausprägungen in einem breiten Kontext verstehen zu können.
Das Ziel des Autors ist es in der vorliegenden Untersuchung die folgenden Fragestellungen zu bearbeiten:
Wie wird das Verhalten der Steuerzahler aus ökonomischer und psychologischer Perspektive erklärt und welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Erklärung?
In welcher Weise spielen individuelle und gesellschaftliche Moralvorstellungen in den Rahmen der Besteuerung mit ein? Wie sind sie zu gewichten und worin liegt die Problematik?
Wie hat sich die Steuermoralforschung entwickelt und welchen Stand weist sie auf?
Welche Bedingungen fließen in eine positive oder negative Steuermoral ein und welche ökonomischen Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten?
Die vorliegende Ausarbeitung umfasst mit Einleitung und Schlussbemerkungen fünf Kapitel. Im Hinblick auf die dargestellte Zielsetzung liegen dieser Arbeit folgende Vorgehensweise und Methodik zugrunde:
Es soll in Kapitel 2 das Verhalten der Steuerpflichtigen in einem Spannungsfeld zwischen Steuerhinterziehung und Steuerehrlichkeit aufgezeigt und analysiert werden. Anhand ökonomischer und psychologischer Theorien werden der Entscheidungsprozess im Rahmen der Besteuerung kritisch nachvollzogen und die Grenzen der Theorie dargelegt. Das 2. Kapitel verdeutlicht so, warum die Steuermoral in Bezug auf den Entscheidungsprozess zu berücksichtigen ist.
In Kapitel 3 beginnt die fundierte analytische Betrachtung der bisherigen Steuermoralforschung. Daraus folgen Möglichkeiten des Verständnisses von ‘Steuermoral’, Antworten auf den Grad ihrer Verbreitung sowie weitere im Zusammenhang ihrer Behandlung auftretende Problematiken.
Kapitel 4 stellt die im Kapitel 3 gewonnenen Aspekte der Steuermoral aufgegliedert in ihre Einflussfaktoren dar. Gestützt auf empirische Ergebnisse und theoretische Hypothesen werden die ökonomischen und psychologischen Bedingungen der Steuermoral analysiert. Wirtschaftspolitische Anstöße werden einbezogen, um zu zeigen, wie die Einflussfaktoren zu einer positiven oder negativen Steuermoral beitragen.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | I | |
| Abbildungsverzeichnis | III | |
| Abkürzungsverzeichnis | IV | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Reaktionen auf Steuern | 3 |
| 2.1 | Ausgangspunkt: Akteure und Steuerzwecke | 3 |
| 2.2 | Verhaltensreaktionen der Zensiten | 6 |
| 2.2.1 | Aspekte des Steuerzahlerverhaltens | 7 |
| 2.2.2 | Ausmaß der Schattenwirtschaft als Teil der Steuerhinterziehung | 8 |
| 2.3 | Soziales Dilemma: Entscheidungskonflikt der Steuerpflichtigen | 10 |
| 2.3.1 | Ausgewählte theoretische Ansätze zur Steuerhinterziehung | 12 |
| 2.3.1.1 | Die Reaktanztheorie | 12 |
| 2.3.1.2 | Das ökonomische Standardmodell | 13 |
| 2.3.1.3 | Prospect Theory | 15 |
| 2.3.1.4 | Die Steuerpsychologie | 17 |
| 2.3.2 | Das Steuerzahlerrätsel - Kann die Steuermoral helfen? | 20 |
| 3. | Konzept der Steuermoral | 23 |
| 3.1 | Konkretisierung der Steuermoral | 23 |
| 3.1.1 | Steuermoral und Wirtschaftspsychologie | 23 |
| 3.1.2 | Beschränkte Rationalität | 24 |
| 3.1.3 | Die Evolution der Steuermoralforschung | 26 |
| 3.1.3.1 | Soziale Repräsentation | 27 |
| 3.1.3.2 | Intrinsische Motivation | 28 |
| 3.1.4 | Die Steuermoral im Spannungsverhältnis | 29 |
| 3.2 | Ermittlung und Umfang der Steuermoral | 31 |
| 3.2.1 | Bestimmung der Messungsverfahren | 31 |
| 3.2.2 | Umfang der Steuermentalität | 31 |
| 3.2.3 | Nationale und internationale Vergleiche der Steuermoral | 32 |
| 3.3 | Ursachen und Maßnahmen des Steuermoraldilemmas | 34 |
| 4. | Einflussfaktoren der Steuermoral | 38 |
| 4.1 | Diverse empirische und theoretische Determinanten | 38 |
| 4.1.1 | Normen und sozioökonomische Eigenschaften | 39 |
| 4.1.2 | Steuerbelastung | 41 |
| 4.1.3 | Gerechtigkeit der Besteuerung | 44 |
| 4.1.4 | Rahmenbedingungen des politischen Systems | 47 |
| 4.1.5 | Transparenz der öffentlichen Ausgaben | 49 |
| 4.2 | Interaktion mit staatlichen Institutionen | 51 |
| 5. | Schlussbemerkungen | 55 |
| Literaturverzeichnis | 57 |
Textprobe:
Kapitel 3.3, Ursachen und Maßnahmen des Steuermoraldilemmas:
Im Mai 2003 veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Tagung mit dem Titel: ‘Volkssport Steuerhinterziehung?’. Einleitende Worte verwiesen auf das Bild in der Öffentlichkeit, in der eine latente ‘Sympathie für Steuerhinterzieher und Steuerhinterziehung’ herrscht und ausschließlich Steuern von den ‘Dummen und Ehrlichen’ gezahlt werden.
Wie wirken derartige gesellschaftliche Ansichten auf die moralische Bewertung des Steuerzahlerverhaltens? In der Einstellung zum Steuerdelikt zeigt sich die Steuermoral. Steuerhinterziehung zu betreiben ist gesetzeswidrig und wird juristisch verfolgt. Trotzdem besteht in verschiedenen Gesellschaften eine asymmetrische Bewertung der Steuerdelikte. Die Ansicht, dass Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt gilt, ist weit verbreitet. Die Stellung der Steuerhinterziehung rangiert im Verhältnis zu anderen Delikten als gesellschaftlich, bis zu einem gewissen Grad, toleriertes Verhalten. Es mangelt an einem Gefühl für Recht und Unrecht. Diese asymmetrische Bewertung in der Gesellschaft stellt Steuerhinterziehung als ein geringfügiges Delikt dar. Verschiedene Untersuchungsergebnisse zeigen diese asymmetrische Bewertung. Nach diesen Resultaten sollte ein Diebstahl in gleicher finanzieller Höhe wie ein Steuerhinterziehungsdelikt härter bestraft werden.
Die deutschen Steuerzahler sehen ihre Ehrlichkeit nicht genügend honoriert: 45 % sind der Meinung, dass ‘der Ehrliche am Ende der Dumme sei’ und immerhin noch 38 % empfinden Mitleid gegenüber den Steuerehrlichen. Empirische Studien der FORES dokumentieren ein Steuermoraldilemma. Steuerhinterziehung sei generell unmoralisch, äußern 67 % der Befragten. Nahezu die Hälfte der Interviewten findet jedoch, aufgrund der ungerechten Steuergesetze sei Steuerhinterziehung gerechtfertigt. Somit wird Steuerhinterziehung als unmoralisch angesehen, aber durch die Ungerechtigkeit der Steuergesetze legitimiert. Dabei zeichnet sich allerdings eine positive Trendwende im Vergleich zu den vorherigen Umfragen ab.
Wodurch entsteht eine solche Misere der Steuermoral? Das Unrechtsempfinden kann zum Teil subjektiv in der Komplexität der Steuergesetze bzw. in dem Steuersystem schlechthin begründet sein.
Der Sprachwissenschaftler Moser unterzog Steuergesetze einer kritischen Analyse. Er machte die Feststellung, dass die Steuergesetze für den gewöhnlichen Steuerzahler kaum nachvollziehbar seien und die sprachliche Gestaltung an Fachleute gerichtet sei. Lange und komplizierte Sätze, die hohe Abstraktheit der Sprache, Verwendung von Abkürzungen seien u.a. die Ursachen für die sprachliche Komplexität der Steuergesetze.
Auf Seiten des Staates attestierte bereits Schmölders vor 50 Jahren den Politikern der Regierung einen fehlenden Sachverstand bei der komplizierten Materie der Steuerpolitik. Den weltweit vielschichtiger werdenden Wirtschaftsverflechtungen folgen die Steuergesetzgebungen, um die Steuereinnahmen zu sichern. Selbst bei den Finanzverwaltungen zeigt sich der demoralisierende Zustand überfordernder Komplexität in der unterschiedlichen Behandlung des Einzelfalls aufgrund der Doppeldeutigkeit und dem Interpretationsspielraum von Steuergesetzen. Das Ausnutzen von Schlupflöchern oder die kreative Auslegung von Sachverhaltsgestaltungen, bleibt meist ein Vorbehalt von ‘Großverdienern’. Diese sind in der Lage (Steuer-)Experten zu engagieren, um die eigene Steuerbelastung bestmöglich zu reduzieren. Selbst unter den Experten im Steuerrecht herrscht eine intensiver werdende Spezialisierung auf bestimmte Steuersachgebiete. Ein Gefühl der Hilflosigkeit kann bei den gewöhnlichen Steuerzahlern auftreten, die nicht in der Lage sind, die komplizierte Steuergesetzgebung zu verstehen oder Experten zu engagieren. Dies führt zu Frustration sowie Resignation und endet in einer schlechteren Steuermoral.
Abgesehen von der Reduzierung der Komplexität stehen verschiedene Maßnahmen der Steuerpolitik zur Verfügung, um das Steuermoraldilemma zu begrenzen, andere können dieses sogar noch intensivieren. Eine dieser Maßnahmen zur Förderung der Steuermoral und der Staatseinnahmen kann – paradoxerweise - das Gewähren einer Steueramnestie sein. Die deutsche Steuerpolitik hat einen mäßigen fiskalischen Erfolg bei ihrer Durchführung festgestellt. Welche Wirkungen die Steueramnestie auf die Steuermoral hat, gilt es als Nächstes zu betrachten.
Mit einer Steueramnestie verfolgt der Staat das Ziel, reumütige Steuersünder wieder in den Kreis der redlichen Steuerzahler zu integrieren. Dies kann kurzfristig das Steueraufkommen steigern und bei dauerhafter Integration auch zum Langzeiterfolg führen. Doch wie wirkt sich das Gewähren einer Amnestie auf die bisher ehrlichen Steuerzahler aus? Die Einstellung, dass Steuerhinterziehung ein Kavaliersdelikt sei, kann durch Amnestieregelungen verstärkt werden. Die Reputation des Staates sinkt, da er sich mit keinen anderen Maßnahmen zu helfen weiß. In einem äußersten Fall könnte die Steueramnestie sogar strategisch ausgenutzt werden. Steueramnestie kann eine Art ‘Schlag ins Gesicht’ für ehrliche Steuerzahler sein und untergräbt somit die Steuermoral.
Wie das Steuermoraldilemma aufzeigt, wird die Steuermoral von vielschichtigen, meist subjektiven Einflussfaktoren bestimmt. Für die Steuerpolitik können das Erkennen und Verstehen der verschiedenen Einflussfaktoren wichtige Determinanten darstellen, um eine positivere Steuermoral zu generieren. Dabei soll festgehalten werden, dass es nicht das Konzept der Steuermoral gibt, sondern diese von verschiedenen Einflussfaktoren bestimmt wird. Vor allem interkulturelle Differenzen und die subjektive Perspektive des Steuerpflichtigen sind zu berücksichtigen. Wenn die Steuerpolitik dies beachtet und versucht, eine Untergrabung der Steuermoral zu vermeiden, kann eine höhere Steuerehrlichkeit mit einer gesteigerten Steuermoral einhergehen. Deshalb sollen diverse Einflussfaktoren der Steuermoral genauer analysiert und ihre Wirkung auf die Steuermoral betrachtet werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836634922
Arbeit zitieren:
Hofmann, Philipp Juli 2009: Steuermoral: Analyse und Wirkungen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Steuermoral, Steuerpsychologie, Steuerehrlichkeit, Steuerhinterziehung, Steuermentalität




