Kognitive Könnensprobleme als Ursache dysfunktionaler Verhaltensweisen im Controlling-Prozess
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Claus Tiemann
- Abgabedatum: Mai 2007
- Umfang: 98 Seiten
- Dateigröße: 414,1 KB
- Note: 2,3
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Kiel Deutschland
- Bibliografie: ca. 51
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3475-5
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Tiemann, Claus Mai 2007: Kognitive Könnensprobleme als Ursache dysfunktionaler Verhaltensweisen im Controlling-Prozess, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Controlling, Verhaltensorientierung, Könnensprobleme, Kognition, Dysfunktion
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Diplomarbeit von Claus Tiemann
Einleitung:
Problemstellung der Arbeit:
Dysfunktionales Verhalten ist ein in Unternehmen bekanntes, aber schwer zu fassendes und zu untersuchendes Phänomen. Es durchzieht alle Organisations- und Hierarchieebenen und ist Ausdruck irrationalen Verhaltens, welches wenig mit dem rationalen Verhalten des homo oeconomicus gemein hat, der sich aus dem entscheidungsorientierten Controllingansatz heraus als allwissend und zugleich willfährig gegenüber den Unternehmenszielen zeigt.
Der Controllingprozess kann durch dysfunktionales Verhalten erheblich gestört und sogar boykottiert werden. Die Controllinginstrumente werden wirkungslos, wenn dysfunktionales Verhalten dazu führt, dass Informationen gefälscht oder falsch interpretiert werden. Sind die Controlling-Instrumente selbst Ursache dysfunktionalen Verhaltens, wird der originäre Zweck der Controlling-Instrumente, u. a. zielabweichendes Verhalten aufzudecken, sogar ad absurdum geführt.
Um dysfunktionales Verhalten untersuchen zu können, muss sich die Betriebswirtschaftlehre den Verhaltenswissenschaften öffnen, um ihre eigene Forschung mit verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpfen zu können. Wielpütz führt sogar aus, dass das Controlling grundsätzlich als sozialwissenschaftliches Phänomen interpretiert werden müsse. Dabei geht es nicht um die bloße Übernahme verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern um eine kritische und sachkundige Anwendung von verhaltenswissenschaftlichen Instrumenten für Problemfelder, bei denen mit den eigenen betriebswirtschaftlichen Instrumenten keine Fortschritte zu erzielen sind.
Im Gegensatz zu dysfunktionalem Verhalten aufgrund von Wollensproblemen ist dysfunktionales Verhalten aufgrund von kognitiven Könnensproblemen bisher weitaus weniger bei den Verhaltenswirkungen von Controlling-Instrumenten berücksichtigt worden. Daher sind durch kognitive Könnensprobleme verursachte dysfunktionale Verhaltensweisen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit.
Zielsetzung der Arbeit:
Die Untersuchung von dysfunktionalen Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme im Controlling-Prozess hat das Ziel, folgende Forschungsfragen zu beantworten:
(1) Welches sind die Ursachen für dysfunktionales Verhalten durch kognitive Könnensprobleme?
(2) Entwicklung einer Systematik für die Ursachen kognitiver Könnensprobleme.
(3) Inwieweit und welche Controlling-Instrumente können kognitive Könnensprobleme auslösen?
(4) Welche Auswirkungen von kognitiven Könnensproblemen sind durch psychologische Studien belegt und wo gibt es Forschungslücken?
Nachfolgend wird erläutert, in welchen Schritten das Thema dieser Arbeit untersucht und wie die Beantwortung der Forschungsfragen geschehen soll.
Aufbau der Arbeit:
Aufgrund des interdisziplinären Charakters dieser Arbeit sind in Kapitel 2 drei Grundlagengebiete zu behandeln. Begonnen wird in Kapitel 2.1 mit den Grundlagen dysfunktionalen Verhaltens, dessen Definition dargestellt und dessen Ursachen in Wollens- und Könnensprobleme systematisiert werden.
Darauf folgt in Kapitel 2.2 eine Untersuchung der psychologischen Grundlagen von Kognition und Wissen. Hier findet eine Verknüpfung der Definition von Kognition und den in Abschnitt 2.2.5 zu untersuchenden kognitiven Könnensproblemen statt, deren Ursachen systematisiert und anhand von Beispielen aus dem Controlling erklärt werden.
In Kapitel 2.3 wird das für diese Arbeit zugrunde liegende Controllingverständnis erläutert. Die Stufen der Informationsbeschaffung, Planung und Kontrolle werden auf Potentiale für kognitive Könnensprobleme und daraus folgendes dysfunktionales Verhalten der beteiligten Akteure überprüft.
Kapitel 3 befasst sich mit dem Controllinginstrument Investitionsrechung und untersucht die Phasen und die Rechnungselemente auf kognitive Könnensprobleme und daraus folgendes dysfunktionales Verhalten der beteiligten Akteure und fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen.
Kapitel 4 widmet sich der Zusammenarbeit und Interaktion von Controller und Manager in Zusammenhang mit den aus der Untersuchung hervorgegangenen relevanten kognitiven Könnensproblemen dieser beiden Akteure.
Abschließend werden in Kapitel 5 die Ergebnisse dieser Arbeit hinsichtlich der Beantwortung der Fragestellungen in einem Fazit zusammengefasst und es wird ein Ausblick für künftigen Forschungsbedarf vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis:
| II. | Gliederung | 6 |
| II. | Abkürzungsverzeichnis | 9 |
| III. | Tabellenverzeichnis | 10 |
| IV. | Abbildungsverzeichnis | 11 |
| 1. | Einleitung | 12 |
| 1.1 | Problemstellung der Arbeit | 12 |
| 1.2 | Zielsetzung der Arbeit | 13 |
| 1.3 | Aufbau der Arbeit | 14 |
| 2. | Grundlagenteil | 15 |
| 2.1 | Grundlagen dysfunktionalen Verhaltens | 15 |
| 2.2 | Grundlagen der Wirtschaftspsychologie im Bereich der Kognition als Ursache von Könnensproblemen | 20 |
| 2.2.1 | Kognition und Kognizieren | 20 |
| 2.2.2 | Wissen als Ergebnis des Kognizierens | 22 |
| 2.2.2.1 | Deklaratives Wissen | 22 |
| 2.2.2.2 | Prozedurales Wissen | 23 |
| 2.2.3 | Metakognitive Verarbeitungsregulation | 26 |
| 2.2.3.1 | Deklaratives metakognitives Wissen | 26 |
| 2.2.3.2 | Prozedurales metakognitives Wissen | 27 |
| 2.2.4 | Kognitive Aktivitäten als Problemlöseprozess | 27 |
| 2.2.5 | Kognitive Beeinträchtigungen | 30 |
| 2.2.5.1 | Definition und Systematisierung kognitiver Beeinträchtigungen | 30 |
| 2.2.5.2 | Kognitive Begrenzungen | 32 |
| 2.2.5.3 | Kognitive Verzerrungen | 36 |
| 2.2.5.4 | Kognitive Prägungen | 42 |
| 2.2.6 | Empirische Untersuchungen zu kognitiven Beeinträchtigungen | 44 |
| 2.2.6.1 | Empirische Untersuchung zur functional fixation | 45 |
| 2.2.6.2 | Empirische Untersuchung zur Principal-Agent-Theorie | 45 |
| 2.2.6.3 | Empirische Untersuchungen zum Dissonanzphänomen | 46 |
| 2.2.6.4 | Wechselwirkungen zwischen kognitiven Beeinträchtigungen | 47 |
| 2.3 | Grundlagen des Controlling | 48 |
| 2.3.1 | Maßgebendes Controllingverständnis für diese Arbeit | 48 |
| 2.3.2 | Rationalitätssicherung als Controllingaufgabe | 51 |
| 2.3.3 | Stufen im Controlling-Prozess und ihr Potential für dysfunktionales Verhalten im Controlling-Prozess | 53 |
| 2.3.3.1 | Informationsgenerierung im Controlling-Prozess | 54 |
| 2.3.3.2 | Planung als Aufgabe des Controllers | 57 |
| 2.3.3.3 | Kontrolle im Controlling-Prozess | 61 |
| 2.4 | Zwischenfazit | 62 |
| 3. | Kognitive Könnensprobleme im Controlling-Prozess am Beispiel des Controllinginstruments Investitionsrechnung | 63 |
| 3.1 | Begriff und Funktion der dynamischen Investitionsrechnung | 64 |
| 3.2 | Untersuchung von dysfunktionalen Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme am Beispiel eines Investitionsobjektes | 65 |
| 3.2.1 | Dysfunktionale Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme in Investitionsphasen | 68 |
| 3.2.2 | Dysfunktionale Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme bei Rechnungselementen der Investition | 71 |
| 3.2.2.1 | Kognitive Könnensprobleme bei der Bestimmung des Kalkulationszinssatzes | 71 |
| 3.2.2.2 | Kognitive Könnensprobleme bei der Bestimmung der Nutzungsdauer | 73 |
| 3.2.2.3 | Kognitive Könnensprobleme bei der Berechnung der Anfangs-auszahlung | 74 |
| 3.2.2.4 | Kognitive Könnensprobleme bei der Prognose der Einzahlungen | 76 |
| 3.2.2.5 | Kognitive Könnensprobleme bei der Prognose der Auszahlungen | 77 |
| 3.2.2.6 | Kognitive Könnensprobleme bei der Berechnung des Restwertes | 78 |
| 3.2.3 | Dysfunktionale Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme bei den Akteuren | 78 |
| 3.3 | Bedeutung für das Controlling | 81 |
| 4. | Die Controller-Manager-Beziehung | 83 |
| 5. | Fazit und Ausblick | 91 |
| Literaturverzeichnis | 94 |
Textprobe:
Kapitel 3.2.1, Dysfunktionale Verhaltensweisen durch kognitive Könnensprobleme in Investitionsphasen:
Die Entwicklung eines neuen innovativen Produktes und daraus resultierende Investitionen sind für ein Unternehmen sowohl ein Risiko hinsichtlich eines Vermögensverlustes bei einem Fehlschlag als auch eine Chance hinsichtlich der in die Entwicklung investierten Ressourcen und der daraus erwachsenen Marktchancen.
Die Unterschätzung von Projektrisiken durch Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung kann dabei die Folge einer kognitiven Verzerrung sein, die als response bias bezeichnet wird. Dies ist ein Wunschdenken, welches die Einschätzungsfähigkeit beeinträchtigt. Wird also von der F&E Abteilung die Unbedenklichkeit des neuen Produktes hinsichtlich der Markteinführung aus diesem Wunschdenken heraus bescheinigt, wird bereits vor der Investition die Grundlage für eine falsche Investitionsrechnung im Controlling-Prozess gelegt, da bei einem unausgereiften Produkt z. B. mit ungeplanten Auszahlungen durch Gewährleistungsansprüche gerechnet werden muss. Ebenso können Einzahlungen durch einen schlechten Ruf wegen qualitativer Mängel ausbleiben.
Der übertriebene Optimismus eines Managers hinsichtlich des Investitionsprojektes kann durch den Glauben entstehen, die Ergebnisse der Investition selbst beeinflussen zu können, während er bei Projekten, an denen er nicht beteiligt ist, die Erfolgsaussichten wesentlich realistischer einzuschätzen vermag.
Dies kann durch eine kognitive Dissonanz des entscheidenden Managers begleitet sein, der selektiv nur die Informationen zu der Investition sucht und bewertet, die konsonant zu der Auffassung des Managers stehen, die also z. B. für die Durchführung der Investition sprechen. Dieses wird gefördert, wenn der Manager von seinem Controller durch zu viele Informationen kognitiv überfordert wird und einen information overload erleidet, der zu Aktionismus und irrationalem Verhalten führen kann.
Die Komplexität der miteinander in Beziehung stehenden Wirkungen einer Investition kann die Wahrnehmungsfähigkeit des Controllers und des Managers überfordern und damit Fehler im Planungsprozess der Investition hervorrufen.
Grundsätzlich zählt die Verwendung von Vergangenheitsdaten in Form von Heuristiken zu den einfachsten aber auch ungenauesten Möglichkeiten der Entscheidungsfindung für ein Investitionsvorhaben, wenn Zahlungsfolgen und Rahmenbedingungen eines früheren Investitionsobjekts auf das geplante Vorhaben übertragen werden, da eine Vergleichbarkeit selten gegeben sein dürfte.
Ist die Entscheidung für die Investition gefallen und diese realisiert, so kann es auch während der Nutzungsdauer der Investition zu einer Fortführung der kognitiven Dissonanz beim Manager kommen. Die Dissonanz entsteht dadurch, dass der Entscheidungsträger die negativen Effekte der gewählten Investition in Kauf nehmen und auf die positiven Effekte der nicht gewählten (alternativen) Investition verzichten muss. Die Dissonanz ließe sich durch eine Rücknahme der Investitionsentscheidung beseitigen, was bei einer realisierten Investition schwer bis unmöglich ist. Daher kann durch das Hinzufügen neuer positiver Kognitionen die Attraktivität der gewählten Investition übertrieben und umgekehrt durch das Hinzufügen negativer Kognitionen die Vorteile der nicht gewählten Investition herabgesetzt werden. Dieser Effekt wird auch als spread-apart-Effekt bezeichnet.
Werden durch das Controlling unerwartete Schwierigkeiten aufgedeckt und z.B. die Unwirtschaftlichkeit der Investition festgestellt, kann es durch eine hohe Bindung des Managers an ‘sein’ Investitionsprojekt zu einer Verlust-Eskalation kommen. Die Bindung an dieses Projekt begründet sich u. a. durch die hohe Bedeutung, die es für den Manager hat sowie durch den Grad der Unwiderruflichkeit der Entscheidung.
Wurde z. B. eine hoher Betrag in die Instandsetzung der Produktionsanlage investiert, ohne dass sich diese bisher amortisiert hätte, wird ein Manager bei dem nächsten Schadensfall eher die Investition in eine weitere Reparatur in Betracht ziehen, als das Projekt zu beenden, bevor ein Erfolg erzielt werden konnte. Dies wird als sunk cost-Falle bezeichnet. Die Prospect-Theorie beschreibt das Festhalten an falschen Entscheidungen mit dem Phänomen, dass Menschen bei Verlusten risikosuchend agieren und eher ein hohes Risiko eingehen, um die entstandenen Verluste wieder auszugleichen, als die bereits entstandenen geringeren Verluste zu realisieren.
Nach Abschluss des Investitionsprojekts ist durch das in dieser Arbeit gewählte Modell der Erfolg der Investition durch die exakte Zurechenbarkeit der Zahlungsströme messbar. Bei einem positiven Ergebnis neigen Manager zu einer internalen Attribution. Das bedeutet, dass sie ihren eigenen Fähigkeiten und ihrem Engagement den Erfolg der Investition zuschreiben, obwohl der Erfolg objektiv z. B. eher veränderten Marktbedingungen zugeschrieben werden müsste. Ist das Ergebnis negativ, attributieren sie external und geben externen unberechenbaren Faktoren die Verantwortung für das Scheitern. Dabei besteht die Gefahr, dass aufgrund einer falschen Attribution die Manager keinen Lerneffekt erfahren und die gleichen Entscheidungsregeln für die nächsten Projekte verwendet werden, was zu weiteren Fehlentscheidungen führen kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836634755
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