Lebensgeschichte und Ökolandwirtschaft
Empirische Fallstudien im Oldenburger Münsterland
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Wolfram Seppel
- Abgabedatum: April 2008
- Umfang: 143 Seiten
- Dateigröße: 749,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 61
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3290-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Seppel, Wolfram April 2008: Lebensgeschichte und Ökolandwirtschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Biolandwirtschaft, Ökolandwirtschaft, Oldenburger Münsterland, Südoldenburg, Biografie
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Diplomarbeit von Wolfram Seppel
Einleitung:
Thematische Hinführung:
‘Auf einem Hof, der nach dem Konzept des alternativen Landbaus betrieben wird, ist der Bruch von Tradition und Moderne ein doppelter: Während die derzeitige konventionelle Agrarwirtschaftsrationalisierung mit der traditionellen entfalteten Bauernwirtschaft bricht, bricht der alternative Landbau jetzt wieder mit der agrarindustriellen Bewegung’ (Hildenbrand et al. 1992: 93).
Die Landwirtschaft gehört zu den traditionellsten Tätigkeiten der Menschen. Über Jahrhunderte war sie geprägt von geschlossenen Kreisläufen zwischen Natur und bäuerlichem Betrieb. Doch mit dem Beginn der industriellen Revolution im Europa des späten 18. Jahrhunderts setzten gleichzeitig auch Rationalisierungstendenzen im Agrarsektor ein, die ein erstes Aufweichen der traditionellen Stoffkreisläufe zur Folge hatten.
Ihren bisher tiefgreifendsten Strukturwandel erlebte die Landwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im 20. Jahrhundert. Die Bevölkerung in den Industrienationen wuchs und musste ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Gleichzeitig erzielten Wissenschaft und Technik große Fortschritte, weltumspannende Märkte gewannen an Dynamik. Diese Entwicklungen führten dazu, dass die Ökonomie und das Kapital zunehmend in den traditionsreichen Agrarsektor eindrangen – und mit ihnen die Technisierung, Chemisierung und Standardisierung der Produktion. Ein Prozess, der heute auch als ‘Industrialisierung der Agrarwirtschaft’ bezeichnet wird. Moderne Landwirtschaftsbetriebe konnten und mussten sich erstmals auf einzelne Betriebszweige spezialisieren, wodurch die traditionellen betrieblichen Stoffkreisläufe weiter aufgebrochen wurden. Dadurch gelang es, die Ernährung in den aufstrebenden Nationen sicherzustellen.
Doch bei allem Fortschritt blieb der neuzeitliche Strukturwandel nicht ohne negative Folgen. Der Industrialisierungsprozess machte zahlreiche menschliche Arbeitskräfte in der Landwirtschaft überflüssig, Nutztiere wurden zunehmend in Massen gehalten und dabei nicht selten nur als Mittel zur ökonomischen Profitmaximierung betrachtet. Zudem griffen die modernen Landbaumethoden in die natürlichen Ökosysteme ein und erzeugten diverse Umweltprobleme, wie etwa hohe Nitratbelastungen im Grundwasser. Nicht zuletzt fanden sich in den produzierten Lebensmitteln mehr und mehr Rückstände chemischer Einsatzmittel.
Durch die gesellschaftlichen Umbrüche ab den späten 1960er Jahren, die in Westdeutschland zunächst von der Studentenbewegung und danach von den Neuen Sozialen Bewegungen geprägt wurden, verstärkte sich die Suche nach verträglicheren Alternativen. Diese wurden schließlich in den Ideen des Ökolandbaus gefunden, der neben dem Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz auch die Wiederherstellung der geschlossenen Stoffkreisläufe zum Ziel hat. Einige Forscher sprechen bei dieser Wirtschaftsform daher von einer ‘Gegenbewegung’ oder einem ‘Alternativmodell’ zur industriellen Landwirtschaft. Und nachdem der Ökolandbau lange Zeit ein Nischendasein fristete, fand er zunehmend Eingang in die politische Gesetzgebung und wurde im Jahr 2001 sogar zu einem Schwerpunkt der von der damaligen Bundesregierung ausgerufenen ‘Agrarwende’ in Deutschland.
Im Mittelpunkt dieser Diplomarbeit steht eine Region, die ein Paradebeispiel für die Industrialisierung der konventionellen Agrarwirtschaft abgibt. Es handelt sich um das Oldenburger Münsterland, auch Südoldenburg genannt, das aus den beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta besteht und zwischen Weser und Ems im westlichen Niedersachsen gelegen ist. Hier schlug die agrarische Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg besonders stark durch. Die Region gilt daher als ‘Prototyp der industrialisierten Landwirtschaft in Deutschland’ und gleichzeitig als ‘Zentrum der deutschen Veredelungswirtschaft’. Das bedeutet, dass die meisten der fast 5.000 regionalen Landwirtschaftsbetriebe auf die Produktion von tierischen Gütern spezialisiert sind. Nirgendwo sonst in Deutschland sind größere Schweine- und Geflügelbestände auf einem Gebiet konzentriert als hier. Da die Betriebe gleichzeitig relativ flächenarm sind, ist das traditionelle bäuerliche System der betrieblichen Nährstoffkreisläufe praktisch ausgehebelt. Was auf der einen Seite dafür sorgt, dass vielen landwirtschaftlichen Familienbetrieben, auch den kleineren, eine Existenzgrundlage gegeben ist und der Wirtschaft positive Wachstumszahlen beschert, hat auf der anderen Seite zur Folge, dass das Ökosystem im hohen Maße strapaziert wird und die Nutztiere zu ethisch umstrittenen Bedingungen gehalten werden. Diese Problemfelder zeigten sich schon bald, nachdem die Entwicklung zu einem Veredelungsgebiet einsetzte.
Doch anders, als es erwartet werden könnte, hat im Oldenburger Münsterland keine mit dem allgemeinen westdeutschen Trend vergleichbare ‘Gegenbewegung’ in Form des Ökolandbaus stattgefunden. Im Gegenteil: Bis heute werden dort Umweltschutzambitionen als unverträglich mit der regionalen Agrarwirtschaft und daher als bedrohlich angesehen.
Zusätzlich zu dieser Erscheinung weist das Oldenburger Münsterland noch weitere Besonderheiten auf. Die Region ist gekennzeichnet von einem hohen Grad an Homogenität. In wirtschaftlicher Hinsicht zeigt sich dies daran, dass neben den landwirtschaftlichen Veredelungsbetrieben im Familienbesitz vor allem agrarisch ausgerichtete mittelständische Industrieunternehmen überwiegen. In soziokultureller und religiöser Hinsicht sind es insbesondere die konventionelle Agrarwirtschaft sowie der katholische Glaube, die das soziale Leben prägen und zur Mentalitätsbildung der Einwohner beitragen. In politischer Hinsicht zeigt sich die Homogenität in der Dominanz der CDU. Bei Wahlen erreicht die Partei in der Regel eine Zweidrittelmehrheit – und das schon seit Jahrzehnten. In Folge dieser Erscheinungen haben sich enge personelle Verflechtungen zwischen regionaler Wirtschaft, Politik, Kirche, Wissenschaft und Bauernschaft entwickelt.
Auch wenn die Region einen hohen Grad an Homogenität aufweist, so ist sie eben doch nur relativ homogen. Und tatsächlich finden sich auch im Oldenburger Münsterland einige wenige Landwirtschaftsbetriebe, die nach ökologischen bzw. alternativen Maßstäben wirtschaften. In der Regionalforschung scheinen diese wenigen Ökobetriebe bislang kaum Beachtung zu finden. Diesem Defizit möchte die vorliegende Diplomarbeit Abhilfe leisten, denn aus agrarsoziologischer und regionalwissenschaftlicher Sicht ist die Existenz dieser Betriebe durchaus interessant: Angesiedelt in einem relativ homogenen Umfeld weichen sie von der gängigen Norm ab. Das wirft die Frage auf, aus welchen Gründen die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter ihre Höfe umgestellt haben. Welche Rolle spielten ihre Familien dabei? Wie reagierte das soziale Umfeld? Hinzu kommen praktische Fragen: Boten ihre Höfe günstige Voraussetzungen für eine Umstellung? Und ist die für die konventionelle Intensivlandwirtschaft ausgerichtete Infrastruktur des Oldenburger Münsterlandes auch für Ökobetriebe nutzbringend? Diese Überlegungen führen schließlich zur Kernfragestellung dieser Arbeit:
Was hat einzelne Landwirtinnen und Landwirte aus dem Oldenburger Münsterland dazu bewegt, ihre Betriebe auf die ökologische bzw. alternative Wirtschaftsweise umzustellen?
Diese Frage soll exemplarisch untersucht werden anhand von lebensgeschichtlichen Fallstudien über fünf Ökolandwirte aus der Region. Dazu sollen fünf Betriebsleiter in offenen Interviews nach ihrer Biographie, ihrem Betrieb und dem regionalen Umfeld befragt werden. Die gewonnenen Daten sollen anschließend nach qualitativen sozialwissenschaftlichen Methoden ausgewertet werden, um einerseits die Kernfragestellung zu beantworten und andererseits weitere Aussagen über die untersuchte Forschungsthematik zu formulieren.
Aufbau und Gliederung:
Diese Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der theoretische Teil soll die erforderlichen Grundkenntnisse über die Thematik vermitteln. Dazu wird in Kapitel 2 zunächst der Ökolandbau näher beleuchtet: Nach einer grundsätzlichen Wesensbestimmung folgt ein Überblick über seine Geschichte, Organisation und Ausdehnung – schwerpunktmäßig bezogen auf Deutschland. Das dritte Kapitel widmet sich dem Oldenburger Münsterland: Auch hier wird zunächst ein Blick auf die Geschichte geworfen, bevor auf soziale und kulturelle Hintergründe eingegangen wird. Es folgt eine Fokussierung auf den regionalen Agrarsektor und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen. Der theoretische Teil wird abgeschlossen mit dem vierten Kapitel: Hier sollen die Ergebnisse einiger Studien vorgestellt werden, die für diese Arbeit von besonderer Relevanz sind. Dazu gehören Untersuchungen über das Oldenburger Münsterland, über allgemeine Beweggründe für Betriebsumstellungen auf Ökostandards und eine Studie über die Einstellungen und das Verhalten von Ökolandwirten.
Der empirische Teil beginnt mit dem fünften Kapitel, in dem die empirisch-methodische Vorgehensweise erläutert wird, auf der die Untersuchung dieser Arbeit fußt. In Kapitel 6 werden die relevanten Teile der lebensgeschichtlichen Fallstudien über vier aktive Ökolandwirte und eine ehemalige Ökolandwirtin aus dem Oldenburger Münsterland aufgeführt, die an der Untersuchung teilgenommen haben. Es handelt sich dabei um:
Eduard Brönstrup, einem qualitätsorientierten Direktvermarkter, der mit Hilfe der alternativen und später der ökologischen Wirtschaftsweise Hoftradition und innovative Betriebsführung in Einklang bringen möchte, Brigitte de Vries, einer engagierten Ex-Ökolandwirtin, die Umweltschutz aus christlicher Überzeugung betreibt und deren Berufsbiographie von postmaterialistischen Selbstverwirklichungsbestrebungen gekennzeichnet ist, Franz-Josef Richert, einem Pionier, der seine Motivation aus tiefster Überzeugung schöpft und dabei entgegen jeglicher Skepsis aus seinem sozialen Umfeld handelt, Andreas Schuster, einem modernen Öko-Agraringenieur mit ökonomischem Verstand, der sich ein gutes Maß an Anerkennung, auch über die Region hinaus, erarbeitet hat und:
Stefan Thorwal, einem Hobby-Weltenbummler, der seinen Beruf als Landwirt zwar im Sinne einer ‚zweiten Wahl’ betrachtet, darin aber seinen Überzeugungen in Form des Ökolandbaus folgt.
Ein intensiver Vergleich, der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Teilnehmern herausstellen soll, folgt in Kapitel 7. Der Fokus wird hier insbesondere auf den Vergleich der verschiedenen Einflussfaktoren gerichtet, die auf eine ökologische Betriebsumstellung hingewirkt haben.
Das achte und letzte Kapitel soll als Fazit die Ergebnisse aus dem theoretischen und dem empirischen Teil zusammenführen. Hier werden die Schlussfolgerungen zu der untersuchten Thematik dargelegt; erstens im Hinblick auf die Beweggründe für die Betriebsumstellungen, zweitens im Hinblick auf die Biographien der untersuchten Ökolandwirte und drittens im Hinblick auf das Oldenburger Münsterland. Diese Schlussfolgerungen verdichten sich daran anschließend zu einem letzten Fazit zur Kernfragestellung dieser Diplomarbeit.
Im separaten Anhang dieser Diplomarbeit befinden sich das für die Interviews verwendete Stichwort- und Fragencluster, die einzelnen Transkriptionen der Interviews sowie ein Exemplar einer lebensgeschichtlichen Fallstudie.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungsverzeichnis | 5 | |
| Tabellenverzeichnis | 5 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 5 | |
| EINLEITENDER TEIL | ||
| 1. | Einleitung | 6 |
| 1.1 | Thematische Hinführung | 6 |
| 1.2 | Aufbau und Gliederung | 9 |
| THEORETISCHER TEIL | ||
| 2. | Die ökologische Landwirtschaft | 11 |
| 2.1 | Wesensbestimmung | 11 |
| 2.2 | Geschichte | 12 |
| 2.3 | Organisation | 14 |
| 2.4 | Ausdehnung | 16 |
| 3. | Das Oldenburger Münsterland | 18 |
| 3.1 | Kurze Darstellung der geschichtlichen Entwicklung | 20 |
| 3.2 | Soziale und kulturelle Hintergründe | 21 |
| 3.3 | Geschichte und aktuelle Struktur der Agrarwirtschaft | 22 |
| 3.4 | Probleme und Herausforderungen | 26 |
| 4. | Ergebnisse aus der bisherigen Forschung | 28 |
| 4.1 | Kölsch und Dettmer: ‘Agrarfabriken oder bäuerliche Wirtschaftsweise?’ | 28 |
| 4.2 | Nischwitz: ‘Die Veredelungswirtschaft in Südoldenburg unter dem Einfluss sich wandelnder sozioökonomischer und politischer Rahmenbedingungen’ | 30 |
| 4.3 | Best: ‘Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft als Entscheidungsprozess’ | 31 |
| 4.4 | Sattler, Friedmann und Schmidt: ‘Umstellung auf den Ökolandbau’ | 34 |
| 4.5 | Larcher und Vogel: ‘Einstellung und Verhalten von Biobäuerinnen und Biobauern im Wandel der Zeit’ | 35 |
| EMPIRISCHER TEIL | ||
| 5. | Empirisch-methodische Vorgehensweise | 38 |
| 5.1 | Anforderungen an das Forschungsdesign und theoretische Grundlagen | 38 |
| 5.2 | Abfolge der empirischen Forschungspraxis | 40 |
| 5.2.1 | Feldforschung | 41 |
| 5.2.2 | Schrittfolge einer Fallanalyse | 42 |
| 5.2.3 | Fallreihenbildung | 44 |
| 6. | Lebensgeschichtliche Fallstudien | 45 |
| 6.1 | Eduard Brönstrup | 45 |
| 6.1.1 | Kurzdarstellung des bisherigen Lebensverlaufs | 45 |
| 6.1.2 | Biographische Großgeschichten | 46 |
| 6.1.3 | Bezug zum Oldenburger Münsterland | 56 |
| 6.1.4 | Fazit der Fallanalyse | .58 |
| 6.2 | Brigitte de Vries | 61 |
| 6.2.1 | Kurzdarstellung des bisherigen Lebensverlaufs | 61 |
| 6.2.2 | Biographische Großgeschichten | 62 |
| 6.2.3 | Bezug zum Oldenburger Münsterland | 72 |
| 6.2.4 | Fazit der Fallanalyse | 74 |
| 6.3 | Franz-Josef Richert | 78 |
| 6.3.1 | Kurzdarstellung des bisherigen Lebensverlaufs | 78 |
| 6.3.2 | Biographische Großgeschichten | 78 |
| 6.3.3 | Bezug zum Oldenburger Münsterland | 89 |
| 6.3.4 | Fazit der Fallanalyse | 92 |
| 6.4 | Andreas Schuster | 95 |
| 6.4.1 | Kurzdarstellung des bisherigen Lebensverlaufs | 95 |
| 6.4.2 | Biographische Großgeschichten | 95 |
| 6.4.3 | Bezug zum Oldenburger Münsterland | 104 |
| 6.4.4 | Fazit der Fallanalyse | 106 |
| 6.5 | Stefan Thorwal | 109 |
| 6.5.1 | Kurzdarstellung des bisherigen Lebensverlaufs | 109 |
| 6.5.2 | Biographische Großgeschichten | 109 |
| 6.5.3 | Bezug zum Oldenburger Münsterland | 118 |
| 6.5.4 | Fazit der Fallanalyse | 120 |
| 7. | Fallvergleich | 123 |
| 7.1 | Vergleich der biographischen Kerndimensionen | 123 |
| 7.2 | Vergleich der Einflussfaktoren | 127 |
| 7.2.1 | Vergleich der endogenen förderlichen Einflussfaktoren | 127 |
| 7.2.2 | Vergleich der exogenen förderlichen Einflussfaktoren | 130 |
| 7.2.3 | Vergleich der endogenen hemmenden Einflussfaktoren | 133 |
| 7.2.4 | Vergleich der exogenen hemmenden Einflussfaktoren | 134 |
| SCHLUSSTEIL | ||
| 8. | Schlussfolgerungen zur Thematik | 135 |
| 8.1 | Zu den Beweggründen für die ökologische Betriebsumstellung | 135 |
| 8.2 | Zu den untersuchten Ökolandwirten | 136 |
| 8.3 | Zum Oldenburger Münsterland | 138 |
| Ökolandwirte im Oldenburger Münsterland. Eine Frage der Persönlichkeit | 139 | |
| Literaturverzeichnis | 140 | |
| Internetquellenverzeichnis | 143 |
Textprobe:
Kapitel 6.1.3, Bezug zum Oldenburger Münsterland:
Soziales Umfeld:
‘Und das hat sich alles so positiv und gut entwickelt, weil die Leute eben ne andere Mentalität haben hier, speziell Cloppenburg/Vechta’.
‘.die haben so n gewissen Lebensrhythmus und ne Vorstellung vom Leben, von Familie und von Zusammenhalt und all dieses, .’.
In der Vergangenheit hatte der Traditionshof der Brönstrups nach Einschätzung des heutigen Betriebsleiters immer eine herausragende Sonderstellung in der Region um Cloppenburg. Der Hof galt als fortschrittlich und wurde dementsprechend mit Stolz geführt. Angeblich kamen deshalb auch Neidgefühle bei den anderen Bauern in der Umgebung auf.
Auch heute genießt Eduard Brönstrups Hof zweifelsohne eine Sonderstellung in der Region. In dieser Hinsicht führt er die Tradition seiner unmittelbaren Vorfahren fort, auch wenn die Sonderstellung nun auf anderen Merkmalen beruht. Statt sich der Wirtschaftsweise der konventionellen Intensivlandwirtschaft des Oldenburger Münsterlandes anzupassen, geht er mit der alternativen und später ökologischen Landwirtschaft einen Sonderweg, der es ihm erlaubt, seine Betriebsführung nach seinen beruflichen Leitmotiven auszurichten. Darüber hinaus verkauft er seine Produkte über Wege der Direktvermarktung, also auch ab Hof, wodurch er einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat.
Heute allerdings begegnen ihm die konventionellen Landwirte in der Region nach seiner Einschätzung jedoch nicht mehr mit Neid, sondern sie ‘belächeln’ eher seinen Betrieb. Er räumt aber ein, dass er ihre genaue Meinung nicht kennt, weil sie sie ihm nicht mitteilen. Würden die Landwirte aber seine Wirtschaftsweise für gut befinden, würden sie diese – nach seiner Logik – nachahmen, was aber nicht geschieht.
Er geht davon aus, dass eine bestimmte Mentalität die Bewohner desOldenburger Münsterlandes kennzeichnet. Werte wie Familie, Zusammenhalt und Ordnung, die auch vom katholischen Glauben herrühren, stünden dabei im Mittelpunkt. Der hiesige Landwirt arbeite dafür, den Betrieb stets zu erweitern und ihn später an seine Kinder weiterzugeben. Den Ursprung dieser Motivation sieht er in der Geschichte des Oldenburger Münsterlandes verankert. So seien sich deren Bewohner bewusst darüber, dass sie durch ‘viele körperliche Anstrengungen viel geleistet’ haben, worauf sie heute stolz seien. Daraus entwickele sich der Antrieb, auch heute noch intensiv zu wirtschaften mit dem Ziel, den Betrieb an die Nachkommen weiterzugeben, womit auch der Antrieb selbst weitergegeben werde.
Eduard Brönstrup greift damit Identitäts- und Mentalitätszuschreibungen für die Bewohner des Oldenburger Münsterlandes auf, die in ähnlicher Form auch von der Wissenschaft beschrieben werden Es ist aber nicht klar, ob er sich selbst auch dieser regionalen Mentalität zuordnet. In Teilaspekten können aber Übereinstimmungen mit seinen Handlungsmotiven festgestellt werden: Er ist darauf bedacht, das Geleistete seiner Vorfahren fortzuführen und auszubauen. Dazu wählt er allerdings mit der alternativen Landwirtschaft einen anderen Weg als seine konventionellen Berufskollegen. Auch Familiensinn ist ohne Zweifel bei ihm gegeben, auch wenn die Scheidung von seiner Ex-Frau eine Zäsur in seiner Familienbiographie darstellt. Falls es also tatsächlich diese regionale Mentalität gibt, dann kann im Fall von Eduard Brönstrup behauptet werden, dass er sie für seine Biographie individualisiert und modernisiert.
Wirtschaftsstrukturelles Umfeld:
Obwohl Eduard Brönstrup seit seinem Einstieg in die praktische Landwirtschaft 1992 einen regionalen Sonderweg geht, ist die Entwicklung seines Betriebes stark von der Eigentümlichkeit des wirtschaftsstrukturellen Umfeldes beeinflusst worden. Daher ist sein Bezug zum Oldenburger Münsterland eng mit seiner Betriebs- und Berufsbiographie verknüpft.
Während der Verkauf der Eier über den ‚Neuland’-Verband anfangs gut funktioniert, erweist sich die Vermarktung der Schweine über den Verband als umständlich und unbefriedigend, weil dieser im Oldenburger Münsterland keine Vermarktungslogistik bereitstellt, von der der Landwirt profitieren könnte.
Ein Anruf der Landwirtschaftskammer bringt unerwartet die Lösung des Problems mit sich und verändert die weitere Betriebsentwicklung auf ganz entscheidende Weise. Er wird gefragt, ob er in Oldenburg einen Marktstand auf einem Wochenmarkt betreiben möchte. Daraufhin steigt er in die Direktvermarktung ein, auf der heute fast sein ganzer Betrieb beruht. Die räumliche Nähe zur Universitätsstadt Oldenburg mit ihren fast 160.000 Einwohnern kommt dem Landwirt dabei zu Gute. Dort kann er bald auf einen festen Kundenstamm bauen. Auch die Nähe zu Osnabrück und Bremen erweist sich später als vorteilhaft.
Die zunehmende Ausrichtung des Betriebes auf die Direktvermarktung kann also als Reaktion auf die schlechten Vermarktungsbedingungen über den ‚Neuland’-Verband im Oldenburger Münsterland und dem weiteren Umland verstanden werden. Dabei ist aber zu betonen, dass eine gewisse Affinität zur Direktvermarktung bei Eduard Brönstrup wohl schon vorhanden war und dass ihm günstige Rahmenbedingungen den Einstieg erleichtert haben. Als Pionier der alternativen oder gar der ökologischen Landwirtschaft sieht er sich aber nicht. Er sei eher auf die Entwicklung aufgesprungen, die andere vorgegeben haben. Bezogen auf die Region um Cloppenburg, so räumt er ein, kann er aber zu den Pionieren dazugezählt werden, weil er dort einer der ersten war, der eine alternative Landwirtschaftsform betrieben hat, was ihm ja auch die Sonderstellung eingebracht hat.
Während Eduard Brönstrup von der Infrastruktur der konventionellen Landwirtschaft des Oldenburger Münsterlandes nach seinen Angaben heute in keiner Weise profitieren kann, kommt ihm eine neu geschaffene ‚Naturmühle’ für Ökogetreide in Höltinghausen im Landkreis Cloppenburg zu Gute, da er von dort Futtermittel beziehen kann.
Der Landwirt bekundet Verständnis dafür, dass sich die Intensivlandwirtschaft im Oldenburger Münsterland so entwickelt hat, wie sie heute vorzufinden ist. Historisch sei sie aus der Mentalität der Bewohner erwachsen und werde heute durch die Kräfte des Marktes beherrscht, auf die die Landwirte reagieren müssen. Er betont aber, dass diese Wirtschaftsweise für ihn persönlich nicht die Richtige wäre, weil ihn erstens die Arbeitsabläufe in der konventionellen Landwirtschaft nicht reizen und zweitens, weil er auf vielseitige Betriebszweige Wert lege, was bei den Spezialisierungstendenzen in der konventionellen Landwirtschaft ebenfalls nicht möglich wäre.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836632904
Arbeit zitieren:
Seppel, Wolfram April 2008: Lebensgeschichte und Ökolandwirtschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Biolandwirtschaft, Ökolandwirtschaft, Oldenburger Münsterland, Südoldenburg, Biografie




