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Musikalische Aspekte von Intonation

Musikalische Aspekte von Intonation
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: David Menke
  • Abgabedatum: März 2009
  • Umfang: 134 Seiten
  • Dateigröße: 2,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 62
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2863-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Menke, David März 2009: Musikalische Aspekte von Intonation, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: expressive Intonation, Tonsystem, Temperierung, Gehörphysiologie, Pythagoras

Diplomarbeit von David Menke

Einleitung:

Die Intonation ist ein Grundbaustein bei der praktischen Ausübung von Musik. Für Musikausübende sowie Tonmeisterinnen oder Dirigentinnen von Musikensembles ist es im praktischen Alltag nahezu unumgänglich, sich mit dem Thema Intonation zu beschäftigen. Fast paradox stellt sich jedoch hierbei oft die Realität dar:

Eine Vielzahl der Musikausübenden – von der Amateurin bis hin zum Profi – beschäftigt sich zwar oberflächlich mit Intonation und ist ständig bemüht, im Ensemble- als auch im Solospiel „korrekt“ zu intonieren, zumindest intuitiv, jedoch kann immer wieder festgestellt werden, dass eine wirklich bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema nicht so häufig anzutreffen ist.

Das stellt nach Meinung des Autors ein durchaus ernstzunehmendes Problem dar. Wenn beispielsweise im Orchester Akkorde ausgestimmt werden sollen, wird oft ziellos herumprobiert. Dirigentinnen (wie auch viele Tonmeisterinnen), deren musikalisches Ohr oft durch die Arbeit am Klavier auf die gleichstufig-temperierte Stimmung getrimmt ist, und im Umgang mit Intonation entsprechend unerfahren sind, haben zuweilen kein Konzept, wie Akkorde aufgebaut werden sollten, um saubere Resultate zu erzielen und geben teilweise eher verwirrende Hinweise.

Für mich persönlich als ausübenden Tonmeister spielt die Intonation bei Musikaufnahmen eine ebenso große Rolle. Oftmals müssen schnell Entscheidungen bezüglich ihrer „Korrektheit“ getroffen und daraus resultierend Retakes bestimmter Passagen des Musikwerkes aufgenommen werden. Im schlimmsten Fall kann man mit allzu gut gemeinten Verbesserungsvorschlägen gar den musikalischen Fluss, welcher meines Erachtens eine der höchsten Prioritäten bei der Musikproduktion hat, nicht nur unterbrechen, sondern die Musikerinnen sogar dermaßen aus ihrer Konzentration bringen, dass ein konstruktiv-musikalisches Arbeiten danach sehr schwer und zäh wird.

Ich nehme an, dass eine Bewusstmachung für den Aspekt Intonation in der praktischen Arbeit mit Musik in vielen Situationen und für viele Menschen, die mit Musik zu tun haben erstens eine Vereinfachung in vielen Arbeitsprozessen mit sich bringen und zweitens gleichwohl eine Chance bei der künstlerisch-kreativen Qualitätssuche bedeuten könnte.

Sowohl das Verständnis für die Intonationsproblematik (die sich im Ensemblespiel unweigerlich ergibt), als auch die Optionen und obligatorischen Kompromisse bei dem Zusammenspiel etwa von Streichern mit einem heute (meist) gleichstufig-temperierten Tasten- oder elektroakustischem Instrument (also die Vereinigung von temperierten und nicht temperierten Instrumenten), sowie auch der expressive Einsatz von Intonation sind musikalische Aspekte der Intonation, welche in dieser Arbeit genauer beleuchtet werden sollen.

Gang der Untersuchung:

Zunächst werden die Grundlagen für das Verständnis der Aspekte von musikalischer Intonation erläutert:

Es ist wichtig zu verstehen, welche Arten von musikalischen Intervallen es gibt und welche Qualitätsmerkmale diese aufweisen (am Beispiel von Konsonanz und Dissonanz). Dafür ist es essentiell zu verstehen, was der Maßstab Cent bedeutet und warum er in die Musiktheorie eingeführt wurde. Als weiterer Punkt des Kapitels wird ein kurzer Abriss der historisch wichtigen Intonationssysteme aufgezeigt, da dies zum Verständnis für das Thema Intonation hilfreich ist.

Nach einem kurzen Einblick in die Gehörphysiologie und –psychologie wird ergründet, warum es wichtig ist, zwischen pythagoreischer, reiner und gleichstufig-temperierter Intonation zu unterscheiden und welche Bedeutung dies für das praktische Musikgeschehen haben könnte.

In der darauf folgenden Untersuchung wird anhand von Beispielen aus der Musikliteratur verdeutlicht, welche Optionen sich für die Intonation einzelner Töne und Akkorde in der Praxis ergeben. Dabei wird zunächst das Musikwerk theoretisch auf die Aspekte und Möglichkeiten der Intonation untersucht (Intonationsanalyse) und danach praktisch anhand einer experimentellen Untersuchung von Aufnahmen festgestellt, welche Entscheidungen diesbezüglich hochrangige Instrumentalistinnen bewusst oder oftmals auch unbewusst treffen.

Durch die Untersuchung soll der Leserin dazu verholfen werden, sich einen Überblick über die Vielzahl der Möglichkeiten von musikalischer Intonation zu verschaffen.

In der Auswertung werden die in der Untersuchung der Musikbeispiele festgestellten Intonationsparameter analysiert. Gibt es bei den untersuchten Werken Parameter, die als Gemeinsamkeiten oder Tendenzen dargestellt werden könnten, also z.B. die Strebigkeit von Leittönen?

Inwieweit entscheiden Künstlerinnen sich für ein bestimmtes Intonationssystem, wenn Konflikte im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten auftreten? Es wird beurteilt, welche Entscheidungen bezüglich der Intonation künstlerisch überzeugend sind und was gegebenenfalls beim musikalischen Einsatz von Intonation eher nicht zu empfehlen ist.

Inhaltsverzeichnis:

Kurzbeschreibung II
Inhaltsverzeichnis IV
Einleitung 1
1. Grundlagen 4
1.1 Das menschliche Ohr 4
1.1.1 Außen- und Mittelohr 4
1.1.2 Das Innenohr 5
1.2 Intervalle 9
1.2.1 Allgemeines 9
1.2.2 Schwebungen 10
1.2.3 Kombinationstöne 10
1.3 Charakterisierung von Intervallen sowie gehörphysiologische Phänomene 12
1.4 Das Phänomen des Zurechthörens 14
1.5 Unreinheit als Merkmal von Klangästhetik 15
1.6 Das Cent und die Wahrnehmung von Tönen im menschlichen Ohr 16
1.7 Kritische Bänder und die Einheit Mel 18
1.8 Historischer Abriss der diatonischen Tonsysteme 20
1.8.1 Pythagoras (um 570 v.Chr.) 22
1.8.2 Die reine Skala nach Didymos 26
1.8.3 Die Mitteltönigkeit 28
1.8.4 Die Temperierten Stimmungen 32
1.8.5 Gesamtübersicht über alle möglichen Intervalle 37
2. Untersuchung 38
2.1 Allgemeines 38
2.1.1 Problemstellung unter Berücksichtigung der bisherigen Betrachtungen 38
2.1.2 Überlegungen zur Untersuchung 39
2.1.3 Ziel der Untersuchung 42
2.1.4 Methodik 43
2.2 Die untersuchten Beispiele 45
2.2.1 J.S. Bach - Sonate für Violine Solo in g-moll, BWV 1001 45
2.2.2 Johannes Brahms - Klavierquintett in F-Moll, op.34 - Finale Takt 1-11 71
2.2.3 James Brown - Lost Someone 81
4. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 85
5. Anhang a
5.1 Technische Methodik der Untersuchung a
5.1.1 Generelles a
5.1.2 Messungenaugkeiten c
5.2 Messergebnisse d
6. Literaturverzeichnis i
7. Abbildungsverzeichnis v
8. Abkürzungen und Einheiten vi
9. Quellen der untersuchten Aufnahmen vii

Textprobe:

Kapitel 2, Untersuchung:

Allgemeines:

In diesem Kapitel wird nach einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Betrachtungen eine Methodik vorgestellt, die zu einem bewussteren Umgang mit den Möglichkeiten und Grenzen von Intonation angewendet werden kann. Daraufhin werden einige Musikbeispiele auf die jeweiligen Möglichkeiten der Intonationsgebung ausgelotet (Intonationsanalyse) und anhand von Aufnahmen objektiv bezüglich der Tonhöhen untersucht.

Problemstellung unter Berücksichtigung der bisherigen Betrachtungen:

Was lässt sich nach dem bisher Erörterten folgern in Bezug auf die Anforderungen, die in der Praxis an gute Intonation gestellt werden? Zunächst sei noch einmal herausgestellt, welches die Grundgedanken bei der Untersuchung sind:

In der Horizontalen sei angenommen, dass es nach wie vor das System von Pythagoras ist, welches in der abendländischen Musik als Basis für die Konstruktion einer theoretisch perfekt intonierten Melodielinie gilt. Es baut auf reinen Quinten auf und ist dadurch etwas gespreizt, welches eine Forderung des menschlichen Gehörsinnes für das Melodieempfinden ist. Dies wurde beispielsweise in den Experimenten von Nickerson untersucht.

In der Vertikalen hat sich jedoch herausgestellt, dass zumindest für einfache konsonante Zwei- und Dreiklänge Intervalle im pythagoreischen Verhältnis nicht optimal sind. Deswegen werden neben der Oktave, Quinte und Quarte auch die Terzen und Sexten aus der Naturtonreihe als „reine Intervalle“ übernommen und als die beste Lösung für das Intonieren im harmonischen Klang angesehen, was auch durch gehörphysiologische Eigenschaften begründet sein mag.

Der Verlauf der Musikgeschichte zeigt, dass der Mensch mit der exklusiven Verwendung von nur einem der Systeme alleine nicht zufriedengestellt werden konnte (bei Tasteninstrumenten jedoch sollte ein Spiel in allen Tonarten des Quintenzirkels ohne ein Aufwendiges Umstimmen des Instruments gewährleistet sein). Konsequenterweise entwickelte sich als Kompromiss aus Spielbarkeit sowie ästhetischem Anspruch des Ohrs die gleichstufig-temperierte Skala. Die (oben beschriebene) Einteilung der Oktave in 12 exakt gleich große Tonschritte bedeutet jedoch eine Nivellierung aller Tonqualitäten und Unterscheidungsmöglichkeiten der Intervalle, so dass das System zwar von vielen als das Ultimum akzeptiert wird, jedoch auch auf Kritik stößt. Untersucht man also heutzutage das Thema Intonation, so wird man unweigerlich konfrontiert mit dem Problem des Zusammenspiels zwischen Instrumenten, die gleichstufig-temperiert gestimmt sind und solchen, die (wie beispielsweise die Violine oder die menschliche Stimme) ein fließendes, da nicht durch Tasten fix definiertes Spiel mit der Intonation erlauben. Nun ist also bei gleichstufig-temperiert gestimmten Tasteninstrumenten wie etwa einem Flügel bzw. Klavier a priori eine Intonationsgebung mathematisch festgelegt, nämlich die Teilung der Oktave in 12 exakt gleiche Teile.

Daraus resultiert folgendes Problem. Das System der gleichstufig-temperierten Stimmung suggeriert, eine Lösung für alle intonatorischen Probleme zu sein, kann diesem Anspruch aber nur in bedingtem Maße gerecht werden, da das menschliche Ohr und die menschliche Empfindung dieses Intonationssystem zwar akzeptieren, aber je nach Kontext andere Intonationsgebungen bevorzugen. Ein weiterer Aspekt ist, dass auch die oben angeführten Systeme nicht „perfekt“ sein können, denn das menschliche Empfinden für Schönheit scheint nach einer Balance zwischen Harmonie und Unreinheit bzw. Unregelmäßigkeit zu streben.

Überlegungen zur Untersuchung:

Was macht eine künstlerisch wertvolle Interpretation eines Musikwerkes bezogen auf die Intonation aus?

Zunächst sei betont, dass natürlich jeder Mensch seinen eigenen Geschmack und seine eigene Vorstellung von Ästhetik hat. Somit lassen sich bezüglich der Intonation gegebenenfalls gewisse Übereinstimmungen in der Ausführung bei allgemein anerkannten Interpretinnen von Musik feststellen, es kann aber natürlich keine Allgemeingültigkeit beansprucht werden. Man könnte außerdem sagen, dass eine bekannte Künstlerin nicht unbedingt auch eine musikalisch wertvolle Interpretation darbietet. Darüber hinaus gibt es die neutrale, von Mode- und Zeiterscheinungen unbeeinflusste Zuhörerin nicht, denn jede Rezipientin von Musik wurde in einem gewissen System sozialisiert, also den persönlichen Geschmack betreffend von äußeren Faktoren beeinflusst und geprägt. So ist es schwierig allgemein zu sagen, was als musikalisch perfekt, wertvoll, ansprechend, schön oder etwa ästhetisch gilt.

Das Ziel der Untersuchung kann folglich nicht darin liegen, ein Regelwerk für Schönheit und Perfektion aufzustellen, sondern vielmehr ein Bewusstsein für jene Aspekte der musikalischen Intonation zu fördern, welche das subjektive, die Musikbewertung betreffende System beeinflussen können.

So wird im Folgenden an drei Beispielen zunächst theoretisch ausgeführt, welche Möglichkeiten zur Intonationsgebung theoretisch vorhanden sind (Intonationsanalyse) und schließlich untersucht, für welche Ausführung sich anerkannte Interpretinnen des jeweiligen Musikwerks bewusst oder auch unbewusst entscheiden. Dabei ist selbstverständlich immer zu beachten, dass in der Analyse das vorliegende, auf Tonträger aufgenommene und damit einmalig fixierte Material untersucht wird und somit eine Art „Scheinwerferlicht“ auf eine begrenzte Auswahl aus der Vielzahl von Möglichkeiten geworfen wird. Ergo ist es plausibel, dass die einzelne Musikerin ggf. (beispielsweise auf Grund von technischen Schwierigkeiten in der Ausführung) nicht in der Gesamtheit ihrer Möglichkeiten und künstlerischen Absichten erfasst wird. Die analysierte Intonation in den vorliegenden Tonaufnahmen weicht somit möglicherweise von der eigentlich intendierten Intonation der Künstlerin ab.

Die allgemeine Annahme, dass der pythagoreische Ansatz für Melodien und die Verwendung der reinen Intonation im harmonischen Kontext optimal sei, ist in der Wissenschaft kein undiskutiertes Faktum. Es gibt beispielsweise durchaus Gegenstimmen, die behaupten, durch die Einführung des gleichstufig-temperierten Intonationssystems sei das menschliche Ohr sozusagen umtrainiert worden und verlange geradezu nach dieser Stimmung. Es gab und gibt vielleicht auch immer noch Vertreter der Meinung, dass gar ausschließlich in reiner Stimmung intoniert werden sollte. Ein Experiment aus dem Jahre 1949, bei dem die Intonation einzelner Töne und Intervalle von Streichinstrumenten (die praktischerweise auf Grund ihrer Bauart eine freie Wahl der Intonation lassen) gemessen und analysiert wurde, zeigte und bestätigte jedoch, dass der Mensch anscheinend trotz der etwa schon 300 Jahre andauernden Tradition der gleichstufig-temperierten Stimmung dazu tendiere, das System nach Pythagoras zu bevorzugen. Dabei wurde zugleich klar, dass experimentell nicht die Anwendung von ausschließlich einem System bestätigt werden konnte. Das führt aber auch zu der Schlussfolgerung, dass jede Musikausübende eine gewisse Freiheit in Bezug auf die Intonation hat und somit eine Individualisierung der Interpretation durch Intonation stattfinden kann, die als richtig akzeptiert wird, aber nicht einem Regelwerk entspricht. Dies wäre dann der künstlerische Einsatz von Intonation, auch als justesse expressive bezeichnet.

Arbeit zitieren:
Menke, David März 2009: Musikalische Aspekte von Intonation, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
expressive Intonation, Tonsystem, Temperierung, Gehörphysiologie, Pythagoras

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