Mehrgenerationenwohnen
Eine Antwort auf die Herausforderungen des demographischen und sozialen Wandels?
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Elke Schulte
- Abgabedatum: Februar 2008
- Umfang: 95 Seiten
- Dateigröße: 461,2 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven Deutschland
- Bibliografie: ca. 146
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1778-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schulte, Elke Februar 2008: Mehrgenerationenwohnen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Mehrgenerationenwohnen, Demografischer Wandel, Heimpflege, Rentenversicherung, Wohnform
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Diplomarbeit von Elke Schulte
Einleitung:
In den letzten Jahren sind der demographische Wandel und seine negativen Folgen für die Zukunft der Gesellschaft und ihrer sozialen Sicherungssysteme in Deutschland zunehmend thematisiert worden. Seit Jahren sinkt die Geburtenrate in Deutschland auf den mittlerweile weltweit nahezu einmaligen Stand von 1,33 Kindern je Frau, bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung der Bevölkerung. Auf dieses Phänomen sowie auf die dadurch drohenden gesellschaftlichen und sozialen Konsequenzen haben Bevölkerungswissenschaftler schon seit Langem hingewiesen. Inzwischen ist unübersehbar geworden, dass Deutschlands Bevölkerungszusammensetzung, wie auch die anderer Industrienationen, in eine bedrohliche Schieflage geraten ist und die sozialen Sicherungssysteme dadurch in absehbarer Zeit in eine große Finanzierungskrise geraten. Dadurch wird in Zukunft die Unterstützung und Betreuung kranker, alter und pflegebedürftiger Menschen schwerer zu realisieren sein, da einem sinkenden Anteil junger Menschen eine steigende Zahl älterer und hochaltriger- und damit oft pflegebedürftiger Menschen gegenüberstehen wird.
Auch andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die sich unter dem Oberbegriff des „sozialen Wandels“ zusammenfassen lassen, bestimmen die Überschriften aktueller Studien und Literatur. Diese Veränderungen haben eine globale Dimension und gehen in Deutschland einher mit sinkenden Sozialleistungen und Erwerbs- und Familieneinkünften, zunehmender Arbeitslosigkeit, Kinderarmut und einer allgemein wachsenden Verunsicherung weiter Teile der Bevölkerung. Flexibilisierung, Individualisierung und Separation in der Gesellschaft führen viele Menschen in die Isolation, während die Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche fortschreitet und permanente Hektik den Alltag der Menschen bestimmt. Familiäre Beziehungen, die dem Einzelnen früher Zuwendung und Halt geboten haben, dünnen aus oder zerbrechen, während eine zunehmend empfundene Überforderung verstärkt psychische Erkrankungen hervorruft.
Mittlerweile wird diese Thematik öffentlich kommuniziert und es setzt ein Fragen nach dem richtigen Weg, diesen Phänomenen wirkungsvoll zu begegnen, ein. Als ein möglicher Lösungsansatz ist unter anderem der Aufbau von unterstützenden sozialen Netzwerken im Umfeld von Mehrgenerationenwohnprojekten in den Fokus von Politik und Verwaltung geraten. Diese sollen den Einzelnen entlasten und generationenübergreifend Zuwendung und Schutz bieten sowie die Unterstützung und Pflege im Alter sicherstellen. So hat zum Beispiel die niedersächsische CDU das Mehrgenerationenwohnen in ihr neues Regierungsprogramm für die Jahre 2008 bis 2013 aufgenommen und will diese Wohnform durch gezielte Förderung von Modellprojekten unterstützen (REGIERUNGSPROGRAMM CDU: 70). Auch viele Kommunen bekunden ein großes Interesse an Mehrgenerationenwohnprojekten zur langfristigen Finanzierbarkeit ihrer finanziellen Verbindlichkeiten.
Problemstellung:
In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit das Mehrgenerationenwohnen ein passender Ansatz ist, um eine mögliche Lösung für die vielfältigen Probleme zu bieten, die der demographische und soziale Wandel auslöst. Ein Überblick über die beiden Bereiche des demographischen und des sozialen Wandels soll zeigen, welche derzeitigen und prognostizierbaren Auswirkungen die Menschen in Deutschland betreffen, wenn keine wesentlichen Änderungen eintreten.
Vor dem Hintergrund der Folgen des Wandels wird erarbeitet, in welcher Form das Mehrgenerationenwohnen einem Lösungsanspruch gerecht werden kann. Wer kann in welcher Form vom Mehrgenerationenwohnen profitieren? Wo liegen die Stärken und wo die Schwächen, bzw. Begrenzungen dieser Wohnform? Ist damit das Mehrgenerationenwohnen ein wirkungsvoller Ansatz, der es lohnt, weiterverfolgt zu werden oder handelt es sich bei dieser Form des auf Gegenseitigkeit ausgelegten Unterstützungsrahmensletztendlich um eine sozialromantische Utopie, die zwar in die Köpfe von Sozialplanern, jedoch nicht den Alltag der Menschen einziehen kann?
Gang der Untersuchung In dieser Arbeit wird zunächst auf das Themenfeld des demographischen Wandels eingegangen. Es beschreibt die Veränderung von Bevölkerungsstrukturen und –zahlen durch Geburten, Sterbefälle und Wanderungsbewegungen. Die Auswirkungen des Wandels auf die umlagefinanzierten sozialen Sicherungssysteme in Deutschland werden darauf folgend thematisiert. Anschließend wird der Bereich des sozialen Wandels beleuchtet, der Veränderungen im Normen- und Wertesystem einer Gesellschaft beschreibt. Aufgegliedert in die gesellschaftliche, wirtschaftliche und familiäre Dimension werden die Auswirkungen des Wandels für die Menschen in Deutschland aufgezeigt. Eine Zwischenbilanz fasst die Ergebnisse zusammen.
Im Abschnitt ‚Mehrgenerationenwohnen’ wird eine Erläuterung zur Wohnform des Mehrgenerationenwohnens gegeben und auf die Bedeutung der Entwicklung generationenübergreifender Netzwerkbeziehungen für die Gesellschaft eingegangen. Anschließend werden Faktoren zur Entstehung von Mehrgenerationenbeziehungen entwickelt, der Nutzen dieser Beziehungen unter den Bedingungen des demographischen und sozialen Wandels herausgearbeitet und auf das Wohnumfeld des Menschen, als historisch gewachsenem Vernetzungsort bezogen.
Im darauf folgenden Abschnitt werden die Mehrgenerationen-Netzwerkbeziehungen und den Vernetzungsort zum Mehrgenerationenwohnen zusammengefasst. Hierbei wird auf die Motivation der Interessenten für Mehrgenerationenwohnformen eingegangen, auf die Chancen dieser Wohnform mit Blick auf die aufgezeigten Probleme und ihrer Risiken sowie auf Ausgestaltungsmerkmale. Am Beispiel zweier bereits existierender Mehrgenerationenwohnprojekte soll das Thema greifbar gemacht werden. Die Arbeit schließt mit einem Resümee ab.
Da die Themenbereiche des demographischen und insbesondere des sozialen Wandels aktuell in der Öffentlichkeit diskutiert werden und viele Artikel der Tagespresse darauf eingehen, wurde auch im Rahmen der Diplomarbeit auf diese Artikel Bezug genommen und sie in die Arbeit einbezogen.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungs- und Tabellenverzeichnis | 6 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 6 | |
| 1. | Einleitung | 7 |
| 1.1 | Problemstellung | 8 |
| 1.2 | Gang der Untersuchung | 9 |
| Lesehinweis | 10 | |
| 2. | Demographischer Wandel | 11 |
| 2.1 | Erster demographischer Wandel | 11 |
| 2.2 | Zweiter demographischer Übergang | 13 |
| 2.3 | Auswirkung des demographischen Wandels | 14 |
| 2.4 | Herausforderungen für die sozialen Sicherungssysteme | 17 |
| 2.4.1 | Rentenversicherung | 17 |
| 2.4.1.1 | Absinken des Rentenniveaus | 17 |
| 2.4.1.2 | Geburtenrückgang | 19 |
| 2.4.1.3 | Migration als angedachter Lösungsweg | 20 |
| 2.4.2 | Krankenversicherung | 21 |
| 2.4.2.1 | Kostenanstieg im Gesundheitswesen | 21 |
| 2.4.2.2 | Geriatrisierung des Gesundheitssystems | 22 |
| 2.4.3 | Pflegeversicherung | 23 |
| 2.4.3.1 | Steigende Pflegekosten | 23 |
| 2.4.3.2 | Notstand in der Heimpflege | 25 |
| 3. | Sozialer Wandel | 27 |
| 3.1 | Begriffsbestimmung | 27 |
| 3.2 | Wirtschaftliche Dimension | 28 |
| 3.2.1 | Erosion der ausreichend entlohnten Normalarbeitsverhältnisse | 28 |
| 3.2.2 | Hohe Arbeitslosigkeit gefährdet die sozialen Sicherungssysteme | 29 |
| 3.2.3 | Entwertung durch Separation von Gesellschaft und Arbeitswelt | 31 |
| 3.2.4 | Negative Folgen beruflicher Individualisierung | 32 |
| 3.3 | Gesellschaftliche Dimension | 32 |
| 3.3.1 | Verunsicherung und Überforderung der Gesellschaft | 32 |
| 3.3.2 | Isolation in der Gesellschaft | 33 |
| 3.3.3 | Zunahme psychischer Erkrankungen | 34 |
| 3.4 | Familiäre Dimension | 36 |
| 3.4.1 | Armutsrisiko durch Familiengründung | 36 |
| 3.4.2 | Überlastung der Familie durch Flexibilisierung | 37 |
| 3.4.3 | Verlust der Entlastungsfunktion von Familie | 38 |
| 4. | Zwischenbilanz | 40 |
| 5. | Mehrgenerationenwohnen | 42 |
| 5.1 | Begriffsbestimmung von Mehrgenerationenwohnen | 42 |
| 5.2 | Wachsende Bedeutung vernetzter Mehrgenerationenbeziehungen | 44 |
| 5.2.1 | Grenzen der staatlichen Sozialpolitik | 44 |
| 5.2.2 | Belastung durch isolierte Elternschaft | 46 |
| 5.2.3 | Soziale Netzwerke als generationenübergreifender Familienersatz | 48 |
| 5.3 | Faktoren des Entstehens von Mehrgenerationenbeziehungen | 49 |
| 5.3.1 | Gegenseitige Abhängigkeit als Voraussetzung für Vertrauensaufbau | 49 |
| 5.3.2 | Humankapital als verwertbares Gut | 51 |
| 5.3.3 | Ehrenamt als soziales Kapital | 52 |
| 5.3.4 | Positive Helferrückwirkung bei ehrenamtlichem Engagement | 53 |
| 5.3.5 | Rückgriff auf bewährte Versorgungsstruktur | 54 |
| 5.4 | Bedeutung des Nahbereichs für Mehrgenerationen-Beziehungen | 54 |
| 5.4.1 | Sozialraum als geeigneter Handlungsort | 54 |
| 5.4.2 | Bedeutung der Nachbarschaft als soziale Ressource | 57 |
| 5.4.3 | Positive Entwicklung gemeinschaftlicher Wohnformen | 59 |
| 5.5 | Entstehen von Mehrgenerationenwohnprojekten | 60 |
| 5.5.1 | Motivation zum Eintritt in Mehrgenerationenwohnprojekte | 60 |
| 5.5.2 | Chancen des Mehrgenerationenwohnens | 61 |
| 5.5.3 | Risiken von Mehrgenerationenwohnprojekten | 64 |
| 5.6 | Ausgestaltung von Mehrgenerationenwohnprojekten | 66 |
| 5.6.1 | Bauliche Gestaltung und Unterstützungsstrukturen | 66 |
| 5.6.2 | Bedeutung des Mehrgenerationenwohnens in urbaner Lage | 68 |
| 5.6.3 | Rechtsformen von Mehrgenerationenwohnprojekten | 69 |
| 6. | Beispiele aus der Praxis | 72 |
| 6.1 | „Stadthaus statt Haus“ Aachen | 73 |
| 6.2 | Hermine-Kölschtzky-Haus Oldenburg | 75 |
| 7. | Resümee | 79 |
| Literaturverzeichnis | 81 | |
| Ehrenworterklärung | 92 | |
| Anhang | 93 | |
| Fragebogen zum Mehrgenerationenwohnen in Aachen | 93 | |
| Fragebogen zum Mehrgenerationenwohnen in Oldenburg | 96 |
Textprobe:
Kapitel 2.4.3, Pflegeversicherung:
Steigende Pflegekosten:
Viele soziale Aufgaben, die bislang im Familien- oder Nachbarschaftsverband übernommen wurden, delegierte die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten an hierfür eingerichtete Institutionen der Wohlfahrtspflege, wie Sozialstationen, Pflegedienste, Alten- und Pflegeheime sowie Hospize. Diese Professionalisierung der Pflege führt zu finanziellen Belastungen, die bis dahin für Bedürftige durch kommunale Steuermittel erbracht wurden. 1995 übernahm die neu eingeführte umlagefinanzierte Pflegeversicherung diese Kosten. Mit Blick auf den demographischen Wandel, der zu einer Alterung der Gesellschaft und zur Zunahme der Anzahl Hochaltriger führt, sind die Mittel zur Aufrechterhaltung dieser Institutionen langfristig jedoch nicht mehr gesichert, denn das Risiko, pflegebedürftig zu werden steigt mit dem Alter exponentiell an.
Während das Pflegebedürftigkeits-Risiko bei den 60 bis 80-Jährigen bei 3 Prozent liegt, erhöht es sich bei den über 80-Jährigen auf 25 Prozent. Mit der durch die steigende Lebenserwartung zunehmenden Zahl an Hochaltrigen wird daher in Zukunft auch die Zahl der Pflegebedürftigen ansteigen. Insbesondere die Anzahl an Demenzerkrankungen, die bereits heute ca. eine Millionen Menschen betrifft, wird in den nächsten Jahren altersbedingt steigen und mit ihr die entstehenden Pflegekosten und die notwendige Zahl an Pflegekräften. Die Betreuung und medizinische Versorgung Demenzerkrankter ist besonders kostenintensiv. So berechnete das Robert-Koch-Institut 2004 für altersdemente Patienten pro Person und Jahr durchschnittliche Kosten in Höhe von 43.767 Euro, die zu 67 Prozent auf die Familien, zu 29,6 Prozent auf die Pflegeversicherung und zu 2,5 Prozent auf die Krankenkassen entfallen (E-BALANCE 2007). Dabei berechtigt nicht die Demenz als solche zu Leistungen der Pflegeversicherung, sondern nur die dabei in der Regel anfallende notwendige Unterstützung bei der Grundpflege zur Körperhygiene, Nahrungsaufnahme, Mobilität oder der hauswirtschaftlichen Versorgung (SOVD 2007).
Zum Jahresende 2005 waren in Deutschland rund 2,13 Mio. Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Hinzu kommt noch einmal fast die doppelte Anzahl derjenigen, die eine hauswirtschaftliche Unterstützung benötigen, um ihren Alltag bewältigen zu können (SOVD 2007). Noch tragen Familien die Hauptlast bei der Versorgung pflege- und unterstützungsbedürftiger Angehöriger. Im Zuge des demographischen Wandels ändern sich die Familienzusammensetzungen und helfende und pflegende Angehörige werden aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung der Pflegebedürftigen selber zunehmend älter und gesundheitlich beeinträchtigt sein. Hier wird die Pflegeversicherung in Zukunft als Ausfallbürge eintreten müssen. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass die bisherigen häuslichen Pflege- und Unterstützungspersonen - in der überwiegenden Mehrzahl die Töchter und Schwiegertöchter - vermehrt einer eigenen Berufstätigkeit nachgehen und daher anfallende Hilfe- und Pflegeleistungen nicht mehr selber erbringen können.
Durch eine geringere Kinderzahl je Familie und das höhere Lebensalter, das im Schnitt erreicht wird, steigt die Anzahl an hilfe- und pflegebedürftigen Angehörigen je Person. Kamen früher auf einen Bedürftigen mehrere in unmittelbarer Nähe wohnende Angehörige, die sich seiner Unterstützung und Pflege annahmen, so hat sich heute die Situation grundlegend geändert. Da viele Menschen in Deutschland keine- oder nur wenige Kinder bekommen, verteilt sich die Last der Angehörigenfürsorge zukünftig auf eine kleinere Zahl von Personen. Zu dieser Unterstützung sind zudem immer weniger Angehörige überhaupt in der Lage, da die Familien aufgrund der geforderten beruflichen Mobilität oft weit voneinander entfernt wohnen.
Bereits jetzt darf die menschliche Zuwendung aufgrund von Personaleinsparungen im sozialen und pflegerischen Bereich immer weniger Zeit in Anspruch nehmen. Dies wird sich in Zukunft noch verschärfen, da die Pflegeversicherung bereits unter den jetzigen Altersverhältnissen seit 1999, vier Jahre nach ihrer Einführung, mehr Geld ausgibt, als sie einnimmt. Von 1999 bis 2006 ist allein die Gruppe der 80 bis 85-Jährigen Leistungsempfänger um 22 Prozent angestiegen ist. Daher wurde bereits vor einigen Jahren eine dringend notwendige Reform der Pflegeversicherung angekündigt, die im Verlauf des Jahres 2008 in Angriff genommen werden soll.
Notstand in der Heimpflege:
Aufgrund der Überforderung unterstützender und pflegender Angehöriger gewinnt der Heimsektor für Pflegebedürftige bereits jetzt eine immer höhere Bedeutung. So sind von 1998 bis 2006 alleine mehr als 1000 Pflegeheime mit Zulassung nach SGB XI entstanden und seither kommen jährlich ca. 160 hinzu. Berechnungen gehen von einem weiter steigenden Bedarf von etwa 10.000 Heimplätzen pro Jahr aus, so dass die Zahl der Heimbewohner bis 2020 um mehr als die Hälfte zunehmen wird.
Die Zunahme demenzieller Erkrankungen, die mit einem großen Fürsorgeaufwand verbunden sind, stellt die Pflegeheime vor große Herausforderungen. So gelten 52 Prozent der Heimbewohner als weitgehend desorientiert, mit Auffälligkeiten, wie motorischer Unruhe, depressiven Stimmungslagen, oder Angstzuständen. 96 Prozent sind auf Unterstützung bei der Körperpflege angewiesen und nur 20 Prozent sind noch in der Lage, das Heim selbständig zu verlassen und wieder aufzusuchen. Der Versorgungsaufwand dieser demenziell Erkrankten ist daher immens.
Auch das ursprüngliche Strukturprinzip der Durchmischung der Heimbewohnerschaft mit leistungsfähigeren und leistungsschwächeren Bewohnern, die einander unterstützen könnten, hat sich geändert. Heime werden immer später aufgesucht, und nur dann, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Dadurch kommt es in den Pflegeheimen zu eine Konzentration dieser Schwersthilfebedürftigen.
Die zunehmend erschwerten Arbeitsbedingungen mit ausgeprägten physischen und psychischen Belastungen im Umfeld von hohem Zeitdruck, dem Gefühl von Überforderung, mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung und fehlenden Karrierechancen sowie strukturellen Defiziten im Personalmanagement, und einem Überborden bürokratischer Dokumentationsanforderungen führen trotz Anfangs hoher Motivation oft nach wenigen Jahren zur Aufgabe des Pflegeberufes. Dadurch wird bereits jetzt die angestrebte Fachkraftquote von 50 Prozent nur in 62 Prozent der Heime erreicht. Ca. 14 000 offene Stellen in der stationären Pflege konnten nicht wieder besetzt werden und Laien übernehmen vermehrt qualifikationsfordernde Pflegeaufgaben.
Mit Blick auf die hohen Kosten, die weitere notwendige Heimplätze verursachen und der aussichtslosen Lage, über das System der Pflegeversicherung mit seinen eingeschränkten finanziellen Mitteln, Entlastung für das Pflegepersonal zu schaffen und eine menschenwürdige Altenpflege auch in Zukunft zu gewährleisten, muss über Alternativen nachgedacht werden. Der Pflegenotstand, von dem bereits heute die Rede ist, wird zukünftig voraussichtlich ein unvertretbares Ausmaß für alle Beteiligten annehmen, wenn nicht neue Lösungen zur Prävention oder zur generationenübergreifenden Lastenverteilung innerhalb der Gesellschaft gefunden werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836617789
Arbeit zitieren:
Schulte, Elke Februar 2008: Mehrgenerationenwohnen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Mehrgenerationenwohnen, Demografischer Wandel, Heimpflege, Rentenversicherung, Wohnform




