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Gewalt und Gewaltprävention im Kontext von Schule

Gewalt und Gewaltprävention im Kontext von Schule
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sabrina Bothe
  • Abgabedatum: Februar 2007
  • Umfang: 136 Seiten
  • Dateigröße: 2,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
  • Bibliografie: ca. 65
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1605-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bothe, Sabrina Februar 2007: Gewalt und Gewaltprävention im Kontext von Schule, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gewalt, Aggression, Schule, Prävention, Gewaltprävention

Diplomarbeit von Sabrina Bothe

Einleitung:

„Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz. (…) Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Wänden gerissen. (…) In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können. Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind“.

Dies ist ein Auszug aus dem Brief, den das Lehrerkollegium der Rütli-Hauptschule im Berliner Problembezirk Neukölln an Berlins Bildungssenator verfasst hat. Es ist ein verzweifelter Hilferuf, der die Kapitulation eines ganzen Lehrerkollegiums vor ihren gewalttätigen Schülern offenbart. Die Lehrer klagen in ihm über die Unmöglichkeit ihrer Aufgabe, die Schüler zu unterrichten.

Immer wieder sind in den letzten Jahren Schulen in das Blickfeld der Medien geraten. So zum Beispiel das Erfurter Gutenberg-Gymnasium, an dem 2002 ein Schüler auf Grund eines Schulverweises zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und sich selbst erschoss. Solch erschreckende Nachrichten sind Extremfälle. Doch die oben beschriebene Situation der Rütli- Schule ist Alltag. Ein Alltag, der für die Lehrkräfte nicht zu bewältigen ist und ein ganzes Kollegium verzweifeln lässt.

Für die Medien sind sowohl Extremfälle, wie der Vorfall in Erfurt, als auch die Situation der Rütli-Schule Anlass, das Thema Gewalt an Schulen immer wieder spektakulär zu präsentieren. Als Folge dessen wird der Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt wird, die Verhältnisse an deutschen Schulen würden sich zunehmend „amerikanischen Verhältnissen“ nähern. Die Rede ist von einer permanenten Steigerung der Gewalt an Schulen und einer Zunahme der Brutalität. Doch ist der Alltag der Rütli-Schule auch der Alltag anderer Schulen? Stehen brutale, medienwirksame Einzelereignisse, wie der Vorfall in Erfurt stellvertretend für die Situation an deutschen Schulen?

Als angehende Lehrerin möchte ich der Frage auf den Grund gehen, ob das Ausmaß schulischer Gewalt tatsächlich so gravierend ist, wie es massenmedial dargestellt wird. Welche Formen der Gewalt begegnen den Lehrkräften in den Schulen und welche Ursachen oder Risikofaktoren können für solche Verhaltensweisen verantwortlich sein? Ich denke, dass es bei gewaltbereiten Schülern nicht nur wichtig ist, dessen Charaktereigenschaft zu erkennen - man muss sie auch verstehen. Eine Betrachtung der Schüler mit ihrem dazugehörigem Umfeld ist daher unabdingbar. Erst solch eine ganzheitliche Betrachtung, führt dazu, dass man das Handeln eines Schülers richtig beurteilen kann und auch erst dann ist es möglich, geeignete Maßnahmen zu treffen, um eine Verhaltensänderung hervorzurufen. Diese Überlegungen führen zu der Frage, welche Präventions- und Interventionsmöglichkeiten im Zusammenhang mit aggressiven Verhaltensweisen für den Schulbereich geeignet sind und wie diese durchzuführen sind. Inwieweit müssen diesbezüglich vielleicht auch Veränderungen auf der Schulebene vorgenommen werden und welche Möglichkeiten gibt es, Lehrer auf solche Problem-Situationen vorzubereiten?

Um die oben genannten Fragen beantworten zu können, werden in Kapitel 2 zunächst die theoretischen Grundlagen vorgestellt. Da die Begriffe Gewalt und Aggression im Allgemeinen sehr unterschiedlich aufgefasst werden und eine einheitliche Definition nicht existiert, werde ich eine mögliche Begriffsbestimmung vornehmen und die beiden Termini voneinander abgrenzen. Des Weiteren wird in der Diskussion um Gewalt im Kontext von Schule von dem Begriff Bullying gesprochen, welcher ebenfalls in Kapitel 2 eingehender beleuchtet wird. Abschließend werde ich verdeutlichen, welche Auslegung des Gewaltbegriffs mir in diesem Kontext geeignet erscheint und ich daher dieser Arbeit zugrunde lege.

In Kapitel 3 wird auf Grund der Ergebnisse verschiedener repräsentativer Untersuchungen bezüglich der Gewalt an Schulen die aktuelle Situation der Institutionen dargestellt. Es soll damit ein Überblick über die existierenden Gewaltformen und deren Ausmaße gegeben werden. Im Hinblick auf Gewaltprävention ist es besonders wichtig, nicht nur das allgemeine Ausmaß der Gewalt an Schulen zu kennen, sondern auch zu überprüfen, ob spezielle Problembereiche existieren. Aus diesem Grund wird in Kapitel 3 zusätzlich die Gewalt nach verschiedenen Schulformen und nach unterschiedlichen Altersstufen differenziert sowie unter Berücksichtigung beider Geschlechter analysiert. Dieser Ist-Analyse folgend, werde ich der zentralen Frage nachgehen, ob die Gewalt an Schulen im Laufe der letzten Jahre tatsächlich zugenommen hat. Abschließend werden in Kapitel 3 die allgemeinen Merkmale von Täter und Opfer dargestellt.

Um aggressive Verhaltensweisen besser verstehen zu können, werden in Kapitel 4 verschiedene theoretische Erklärungsansätze zur Gewalt an Schulen aufgezeigt. Es handelt sich dabei um Ansätze aus verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsgebieten, so dass auch hier die Komplexität des Phänomens Gewalt zum Ausdruck kommt.

In einer Diskussion um Gewalt an Schulen ist es meiner Meinung nach unerlässlich, mögliche Ursachen und Risikofaktoren, die das Gewaltverhalten von Schülern fördern können, zu betrachten. Dies wird der Kernpunkt des 5. Kapitels sein. Zunächst soll hierbei das außerschulische Umfeld von Schülern betrachtet werden, wobei insbesondere die Einflüsse der Familie, der Peer-Group und der Medien auf das Gewaltverhalten der Kinder und Jugendlichen dargestellt wird. Im Anschluss an die außerschulische Betrachtung werde ich den Blick auf die Institution Schule selbst richten. Die Frage ist, ob diese durch ihre eigene Struktur gewaltförmiges Handeln bei Schülern verursachen oder verstärken kann. In wie weit sind hinsichtlich solcher Verhaltensweisen einzelne Merkmale des schulischen Kontextes bedeutsam? Betrachtet werden in diesem Zusammenhang drei Bereiche: Die Schulform und Schulgröße, die schulische Lernkultur und das Sozialklima innerhalb einer Schule.

Die oben genannten Kapitel verdeutlichen in ausführlicher Weise, in welches Netz von Bedingungen das Gewaltverhalten von Schülern eingebunden ist. Es kann nicht von einer einzigen Hauptursache für problematisches Schülerverhalten gesprochen werden – vielmehr handelt es sich um ein komplexes Wirkungsfeld. Ein Patentrezept für alle Problemsituationen ist somit unmöglich. Im 6. Kapitel dieser Arbeit untersuche ich die Frage, was man tun kann, um Gewalthandeln und Gewaltbereitschaft zu minimieren und die Gewaltbelastung bestimmter Schulen zu reduzieren. Was kann die Schule dazu beitragen, damit die Schüler in Konflikten seltener aggressiv und stattdessen häufiger verständigungsbereit reagieren? Gibt es Programme, durch die Lehrer lernen, in Gewaltsituationen angemessen einzugreifen? Und in wie weit müssen auf Schulebene Bedingungen geschaffen werden, die einem gewaltförmigen Verhalten entgegenwirken? Dieses Kapitel wird verschiedene Möglichkeiten der Gewaltprävention bzw. spezifisch ausgearbeitete Programme vorstellen, mit deren Hilfe dem Problem der Gewalt an Schulen begegnet werden kann. Es handelt sich hierbei um Programme für Schüler verschiedener Altersstufen, um Programme für Lehrer sowie um Programme, die auf Schulebene durchgeführt werden können.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 1
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN 5
2.1 DER GEWALTBEGRIFF 6
2.1.1 DIE ENGE DEFINITION DES GEWALTBEGRIFFS: PHYSISCHE GEWALT 7
2.1.2 DIE ERSTE ERWEITERUNG DES GEWALTBEGRIFFS: PSYCHISCHE GEWALT 9
2.1.3 DIE ZWEITE ERWEITERUNG DES GEWALTBEGRIFFS: STRUKTURELLE UND INSTITUTIONELLE GEWALT 9
2.1.4 BULLYING 11
2.2 DER AGGRESSIONSBEGRIFF 12
2.3 ABGRENZUNG VON GEWALT UND AGGRESSION 14
2.4 DAS GEWALTVERSTÄNDNIS DIESER ARBEIT 15
3. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNGEN ZU GEWALT AN SCHULEN 16
3.1 AUSMAß UND ERSCHEINUNGSFORMEN VON GEWALT AN SCHULEN 18
3.2 UNTERSCHIEDE NACH SCHULFORM, GESCHLECHT UND ALTER 20
3.2.1 VERGLEICH DER SCHULFORMEN 21
3.2.2 UNTERSCHIEDE HINSICHTLICH DES GESCHLECHTS 23
3.2.3 UNTERSCHIEDE HINSICHTLICH DES ALTERS 24
3.3 ENTWICKLUNG DER GEWALT AN SCHULEN IM ZEITLICHEN KONTEXT 25
3.4 TÄTER - OPFER - TYPOLOGIE 29
3.4.1 TÄTER 32
3.4.2 OPFER 33
3.4.3 TÄTER - OPFER 34
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR GEWALT AN SCHULEN 36
4.1 PSYCHOLOGISCHE MODELLE 36
4.1.1 AGGRESSION ALS FOLGE EINES TRIEBES 36
4.1.2 AGGRESSION ALS REAKTION AUF FRUSTRATION 37
4.1.3 AGGRESSION ALS FOLGE VON LERNPROZESSEN 38
4.2 SOZIOLOGISCHE MODELLE 40
4.2.1 ANOMIETHEORIE 40
4.2.2 ETIKETTIERUNGSTHEORIEN 41
5. URSACHEN UND RISIKOFAKTOREN FÜR GEWALT AN SCHULEN 42
5.1 AUßERSCHULISCHE RISIKOFAKTOREN FÜR DIE ENTSTEHUNG VON GEWALT 42
5.1.1 FAMILIE 42
5.1.2 DIE PEER-GROUP 46
5.1.3 MEDIEN 48
5.2 SCHULISCHE RISIKOFAKTOREN FÜR DIE ENTSTEHUNG VON GEWALT 52
5.2.1 SCHULFORM UND SCHULGRÖßE 53
5.2.2 SCHULISCHE LERNKULTUR 55
5.2.2.1 Lernumgebung 55
5.2.2.2 Didaktische Qualität 56
5.2.2.3 Lernchancen und Unterstützung 56
5.2.2.4 Lernkultur und Gewalt 57
5.2.3 SOZIALKLIMA 58
6 GEWALTPRÄVENTION 62
6.1 PROGRAMME FÜR SCHÜLER 63
6.1.1 PROGRAMM „FAUSTLOS“ 64
6.1.1.1 Empathieförderung 64
6.1.1.2 Impulskontrolle 65
6.1.1.3 Umgang mit Ärger und Wut 66
6.1.2 LIONS-QUEST-PROGRAMM „ERWACHSEN WERDEN“ 67
6.1.3 KONFLIKTTRAINING NACH GORDON 68
6.1.3.1 Ein Problemlösungsprozess in sechs Stufen 69
6.1.3.2 Vorteile der Konfliktlösung nach Gordon 70
6.1.4 STREIT-SCHLICHTER-PROGRAMME (MEDIATION) 70
6.1.4.1 Phasen der Mediation 71
6.1.4.2 Peer-Mediation 73
6.2 LEHRERPROGRAMME 75
6.2.1 SCHULINTERNE LEHRERFORTBILDUNGEN (SCHILF) 75
6.2.2 KONSTANZER TRAININGSMODELL (KTM) 78
6.2.2.1 Realisierung und Verlauf 78
6.2.2.2 Struktur und Zuordnung der Trainingselemente 79
6.2.2.3 Auswirkungen des KTM 80
6.3 INSTITUTIONSBEZOGENE PROGRAMME 81
6.3.1 DAS OLWEUS-PROGRAMM 81
6.3.1.1 Maßnahmen auf der Schulebene 82
6.3.1.2 Maßnahmen auf der Klassenebene 84
6.3.1.3 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene 86
6.3.2 SCHULSOZIALARBEIT 87
6.4 SYSTEMBEZOGENE PROGRAMME 88
6.4.1 KONZEPT „GESTALTUNG - ÖFFNUNG - REFLEXION“ 89
6.4.2 NETZWERKARBEIT IN DER GEWALTPRÄVENTION 90
7. SCHLUSSBETRACHTUNG 92
8. LITERATURVERZEICHNIS 98
9. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 106
10. ANHANG 107

Textprobe:

Kapitel 5., Ursachen und Risikofaktoren für Gewalt an Schulen:

Für eine ganzheitliche Betrachtung von Gewalt an Schulen ist es unerlässlich, die Lebenswelten der Schüler auf Gewalt fördernde bzw. Gewalt hemmende Elemente hin zu analysieren. In diesem Zusammenhang werden in den folgenden Kapiteln zunächst außerschulische Sozialisationseinflüsse und im Weiteren die Schule bzw. die schulische Umwelt selbst betrachtet. Bei einer solchen Betrachtung wird es nicht darum gehen, eindeutige Ursachen für ein bestimmtes Verhalten aufzuzeigen. Vielmehr soll verdeutlicht werden, dass bestimmte Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen „risikoreich“ im Hinblick auf aggressive Verhaltensweisen sein können.

Außerschulische Risikofaktoren für die Entstehung von Gewalt:

Die Gewaltanwendung wird in vielen Situationen zur Bewältigung der jeweiligen Situation eingesetzt. Solche Verhaltensweisen können durch Beobachtung anderer Menschen erlernt werden. Lernorte dafür sind oftmals die verschiedenen sozialen Kontexte, in die Kinder bzw. Jugendliche im Laufe ihrer Sozialisation eingebunden sind. In den folgenden Kapiteln wird in diesem Zusammenhang die außerschulische Umgebung von Schülern beleuchtet und dabei insbesondere auf die Rolle der Familie und die Gruppe der Gleichaltrigen eingegangen. Da in Diskussionen um mögliche Ursachen von Gewalt immer wieder auf die Massenmedien verwiesen wird, wird auch dieser Aspekt im Anschluss aufgeführt.

Familie:

Die „traditionell“ strukturierte Familie mit Vater, Mutter und mindestens einem Kind ist heute nicht mehr die allein vorherrschende Form privater Lebensführung in Deutschland. Verschiedene Faktoren wie zum Beispiel eine drastische Senkung der Eheschließungen, ein Anwachsen der Scheidungsrate, eine deutliche Zunahme alleinerziehender Eltern und die erhöhte Berufstätigkeit von Müttern führen zu einer Vielfalt von Familienformen. So existieren eheliche und nichteheliche Lebensgemeinschaften, getrennt lebende Eltern, alleinerziehende Eltern, wiederverheiratete Eltern mit Kindern und Stiefkindern. Eine ebensolche Vielfalt ist aus diesem Grund auch hinsichtlich der individuellen Entwicklungsbedingungen für Kinder und Jugendliche zu finden.

Im allgemeinen Sozialisationsprozess spielt die Familie eine zentrale Rolle. Sie übt einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jungendlichen aus. Grundlegende Werthaltungen, Einstellungen und konkrete Verhaltensweisen werden von Eltern vermittelt und vorgelebt. Hierzu zählt auch die individuelle Einstellung zur Gewalt. Die Familie kann der früheste Ort im Umgang mit Gewalt sein. Kinder und Jugendliche, die früh Erfahrungen damit gemacht haben, gelten als besonders empfänglich für die Übernahme von Opfer- und/oder Täterrollen. So ist die Familie nicht nur ein Ort, an dem gewalttätiges Verhalten in vielen Fällen praktiziert wird. Familiäre Bedingungen können zugleich auch Ursachen und Entstehungsgrund gewalttätigen Verhaltens bzw. der Gewaltbereitschaft von Schülern sein.

Hinsichtlich der Familienstruktur lässt sich laut der Forschungsgruppe Schulevaluation (1998) kein signifikanter Einfluss auf das Gewaltverhalten der Kinder nachweisen. Die Unvollständigkeit einer Familie kann also nicht als Risikofaktor bezeichnet werden. Entsprechendes gilt für die Geschwisterkonstellation. Es ist unerheblich für alle Facetten von Gewalthandeln, ob Kinder als Einzelkinder, mit mehreren Geschwistern oder nur unter Jungen aufwachsen.

Ebenfalls wenig Erklärungsgehalt zeigt die mütterliche Erwerbstätigkeit. Ob Mütter ganztags, halbtags oder gar nicht erwerbstätig sind, scheint für das Ausmaß an Gewalt, die Schüler ausüben, kaum eine oder keine Rolle zu spielen. Im Gegensatz dazu besteht aber laut der Bielefelder Studie (2000) ein Zusammenhang zwischen der väterlichen Berufsausübung und dem Gewaltverhalten der Kinder. Die niedrigsten Werte an physischer Aggression bei Schülern zeigen sich in den Gruppen mit ganztags- und halbtagsbeschäftigten Vätern, die höchsten Werte physischer Aggression bei Schülern mit gelegentlich arbeitenden und nicht arbeitenden Vätern. Die Erwerbslosigkeit der Väter stellt somit ein Konflikt begünstigendes Merkmal für das Auftreten physischer Gewalt bei Schülern dar. Dies lässt sich ebenso im Zusammenhang mit dem Bildungsniveau der Eltern feststellen. Die Ergebnisse zeigen, dass ein fehlender elterlicher Schulabschluss einhergeht mit erhöhter Ausübung physischer Gewalt. Es muss jedoch erwähnt werden, dass hinsichtlich des Bildungsniveaus der Eltern sowie der aktuellen beruflichen Lage, unterschiedliche Ergebnisse in der Literatur vorliegen. Denn im Gegensatz zu Tillamann u.a. (2000), die eine problematische soziale Lage der Familie als Risikofaktor für das Gewaltverhalten hessischer Schüler ansehen, können Funk (1995) und die Forschungsgruppe Schulevaluation (1998) für beide Faktoren keinerlei Auswirkungen feststellen Weiterhin wurde der Zusammenhang zwischen Familienklima und dem Gewalthandeln untersucht. Ein positives Familienklima beschreibt ein familiäres Zusammenleben, in dem sich Heranwachsende wohl und akzeptiert fühlen. Sie erhalten in allen Problemlagen die Unterstützung der Eltern und werden bei Fehlverhalten eher durch Gespräche als durch Strafen auf dieses hingewiesen. Insgesamt herrscht ein starkes Vertrauensverhältnis mit positiven Gefühlen. Solch ein Familienklima wirkt dem Auftreten gewaltförmiger Verhaltensweisen entgegen. Im Gegensatz dazu steht ein negatives Familienklima in Verbindung mit einem restriktiven Erziehungsstil. Die Eltern haben hohe Erwartungen in Bezug auf die Schulleistungen und wollen diese den Kindern gegenüber mit allen Mitteln durchsetzen. Dazu wird der Alltag stark reglementiert, so dass die Kinder das Gefühl bekommen, dass sie weniger Freiheiten besitzen als andere in ihrem Alter. „(…) viel weniger zu dürfen als andere Gleichaltrige, stark reglementiert zu werden bei gleichzeitig hohen Erwartungen an die Schulleistungen - all dies stellt einen gewaltfördernden familialen Kontext dar“.

Deutlich herausgehoben werden muss das Ergebnis verschiedener Studien hinsichtlich eines Zusammenhangs zwischen Gewalterfahrungen in der Familie bzw. selbst erlittener Gewalt innerhalb der Familie und schulischen Gewalthandlungen. Es zeigt sich, dass Jugendliche, die von den Eltern Prügel beziehen, die höchsten Werte in Bezug auf selbstausgeübter Gewalt aufweisen. „Dieser Befund stützt die Vorstellung, dass

Betrachtet man die Auswirkungen verschiedener Erziehungsstile, ist festzustellen, dass z.B. ein autoritärer Erziehungsstil, der geprägt ist von häufigen Strafen und übermäßiger Strenge der Eltern, dazu führen kann, dass Kinder zu Wutanfällen, Widerstand, Trotz, Rebellion, Ungehorsam, Aggressionen und Gewalt neigen. Außerdem lernen die Kinder anhand eigener Erfahrungen, dass sie durch den Einsatz von Gewalt andere „gefügig“ machen können. „Es ist eine gesicherte Erkenntnis, daß gerade Kinder, die sehr häufig körperliche Züchtigungen erfahren haben, später selbst körperliche Aggressionen ausüben“.

Der extreme Gegensatz dazu ist ein Erziehungsstil, der jegliches autoritäres Verhalten sowie Strenge und Strafe ablehnt. Doch auch diese Art der Erziehung ist laut dem amerikanischen Familientherapeut Thomas Gordon (1993) nicht geeignet. Seiner Meinung nach treten Aggression und Gewalt bei Kindern auch auf, wenn keine klaren Regeln innerhalb des Familienlebens existieren. Kinder brauchen gewisse Vorgaben und Absprachen, um sich orientieren zu können. Klar festgelegte Grenzen sind seiner Meinung nach unbedingt notwendig.

Welcher Erziehungsstil ist also geeignet, um negativen Verhaltensweisen von Kindern vorzubeugen? Bründel und Hurrelmann (1994) plädieren in dieser Hinsicht für einen demokratischen Erziehungsstil, der die Fehler der beiden genannten Arten von Erziehung vermeidet. Gefordert wird eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kind, in der sich beide Seiten offen abstimmen und austauschen, auf ihre gegenseitigen Bedürfnisse eingehen und sie zur Basis des Miteinanderumgehens machen. Umgangsformen und Regeln müssen immer wieder abgesprochen und erklärt werden, so dass sie für den Heranwachsenden absolut klar und verständlich sind. Außerdem muss für das Kind eindeutig feststehen, dass eine Verletzung der Regeln immer Konsequenzen mit sich bringen wird. Es ist wichtig, dass Eltern Regelverletzungen nicht einfach durchgehen lassen, sondern diese ansprechen und tadeln. Genauso sollten Eltern aber auch nicht vergessen, positive Verhaltensweisen des Kindes zu loben.

Arbeit zitieren:
Bothe, Sabrina Februar 2007: Gewalt und Gewaltprävention im Kontext von Schule, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gewalt, Aggression, Schule, Prävention, Gewaltprävention

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