Deviante Nutzungsmuster bei synchroner Computer-Mediated Communication (CMC)
Einzelfallstudien ausgehend von Chat- und MUD-Angeboten - Explorativ-deskriptive Untersuchung
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Harald Marburger
- Abgabedatum: Oktober 2002
- Umfang: 159 Seiten
- Dateigröße: 818,6 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9457-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9457-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9457-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Marburger, Harald Oktober 2002: Deviante Nutzungsmuster bei synchroner Computer-Mediated Communication (CMC), Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Internet-Sucht, Patchwork-Identität, Chat, Identitätsressourcen, Teilidentität
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Magisterarbeit von Harald Marburger
Zusammenfassung:
Diese Magisterarbeit stellt die Befunde zur „Internetsucht“ grundsätzlich in Frage. Im Zentrum der explorativ-deskriptiven Untersuchung von synchronen CMC-Angeboten (Chat, MUD, MOO etc.), verbunden mit Einzelfallanalysen ihrer Nutzer, stehen „Vielnutzer“ von Chat- und MUD (Multi-User-Dungeons)-Angeboten, deren Nutzungsverhalten deviante Züge aufweist. Ihre Nutzungsmotive sowie die Angebote selbst werden unter dem Fokus postmoderner Identitätstheorien, insbesondere der „Patchwork-Identität“ von Heiner Keupp, untersucht. Dabei werden Zusammenhänge zwischen CMC-Nutzung und Identitätsprozessen aufgedeckt, sowie Hypothesen entwickelt, die das Verhalten der Subjekte als Produkt normaler Identitätsarbeit fassbar machen. Es wird dabei in Ansätzen die Theorie der „dominanten, virtuellen Teilidentität“ skizziert, die durch die begleitenden Einzelfallanalysen gestützt wird.
Forschungsleitende Fragen:
Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist:
Wie und unter welchen Umständen beeinflussen die Erfahrungen mit synchroner Computer mediated Communication (CMC) die Erlebens-, und Verhaltensweisen der Nutzer so, dass diese zu devianten Nutzungsmustern führen?
Die Beantwortung dieser Frage führt unter Punkt 2.1 zunächst zur Vorstellung der Patchwork-Identität von Heiner Keupp und deren Funktionsweise im Spannungsfeld des postmodernen Diskurses. Diesem Teil liegen die folgenden zentralen Fragen zugrunde:
Wann und unter welchen Umständen werden Teilidentitäten entwickelt?
Wann wird eine Teilidentität dominant?
Welche Ressourcen sind für eine gelingende Identitätsarbeit notwendig?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden die wesentlichen Konstrukte (Teilidentität, Dominante Teilidentität, Identitätsressourcen etc.) der Identitätsarbeit erklärt und Kriterien der Identitätsbildung herausgearbeitet. Es werden weiter Situationen mit hoher Ambiguität beschrieben und definiert, da diese den Prozess der Identitätsbildung besonders relevant werden lassen.
Unter Punkt 2.2 werden die unterschiedlichen CMC-basierten Angebote und deren Spezifika, im Besonderen rekurrierend auf Döring, Turkle, Batinic, Götzenbrucker und Bahl beschrieben.
Punkt 2.3 steht unter dem Fokus der zentralen Fragen:
Kann im virtuellen Raum eine Teilidentität entstehen?“ Gibt es Unterschiede zwischen den Teilidentitäten im realen und im virtuellen Raum?“ Hierbei wird erläutert, warum es, ausgehend von den Kriterien aus Teil 2.1, möglich ist, dass sich im CMC-Raum Teilidentitäten entwickeln und inwiefern sich diese von Teilidentitäten im „real life“ unterscheiden.
Punkt 2.4 liegen folgende Fragen zugrunde:
Können Subjekte Identitätsressourcen aus synchronen CMC-Räumen beziehen?
Welcher Art sind diese Ressourcen und wie werden sie bezogen?
Hierbei werden die aus Punkt 2.1 herausgearbeiteten Identitätsressourcen als Raster genommen und wiederum unter Rückgriff auf die bereits unter Punkt 2.2 genannten Autoren an die Angebote angelegt.
Punkt 2.5 leitet die empirischen Überprüfung ein. Hier werden deviante Nutzungsmuster definiert und das bisher theoretisch Formulierte thesenhaft zur empirischen Untersuchung komprimiert. Dabei wird ein Zusammenhang zwischen dem lebensweltlichen Kontext der Subjekte, ihrer Ressourcenlage und Identitätsarbeit, sowie der Nutzung von synchronen CMC-Angeboten hergestellt.
Unter Punkt 3 werden die Grundprinzipien der qualitativen Forschung und die Methoden, mit denen gearbeitet wird, vorgestellt. Da es das kontextuelle Verstehen der Medienaneignung erforderlich macht, dass den Subjekten ein adäquater Rahmen für ihre Äußerungs- und Artikulationsmöglichkeiten geboten wird, aber gleichzeitig auch anzunehmen ist, dass die Subjekte über bestimmte Sachverhalte (z.B. dominante Teilidentitäten, Identitätsressourcen) keinen bewussten Zugang haben, wird zur empirischen Überprüfung der entwickelten Thesen das Tiefen-Interview verwendet, das den Vorteil hat, den Subjekten einen großen Spielraum bezüglich ihrer Äußerungen zu lassen. Dieses Interview wird anhand eines Leitfadens geführt, der aus den bis dato gewonnen Erkenntnissen erstellt wurde. Im weiteren werden in diesem Teil unter anderem das Kategoriensystem für die spätere Interviewauswertung und die Transkriptionsregeln vorgestellt.
Punkt 4 beinhaltet die abschließenden Einzel- wie auch die Gesamtauswertungen der Interviews und die Beantwortung der Forschungsfragen.
Unter Punkt 5 folgt eine abschließende Betrachtung unter Einbeziehung der Ergebnisse, eine kritische Reflexion und ein Ausblick auf weitere mögliche Forschungen in diesem Bereich.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 1.1 | Untersuchungsgegenstand | 8 |
| 1.2 | Das Erkenntnisinteresse | 11 |
| 1.3 | Aufbau der Arbeit | 12 |
| 1.4 | Forschungsleitende Fragen | 14 |
| 2. | Theoretische Ansätze | 17 |
| 2.1 | Die Patchwork– Identität | 17 |
| 2.1.1 | Postmoderne Ursprünge | 17 |
| 2.1.2 | Entstehung von Identität | 21 |
| 2.1.3 | Der Prozess der reflexiven, alltäglichen Identitätsarbeit | 23 |
| 2.1.4 | Modell und Funktionsweise der Patchwork-Identität | 24 |
| 2.1.5 | Teilidentitäten | 27 |
| 2.1.6 | Dominante Teilidentitäten | 29 |
| 2.1.7 | Kapitalsorten und Identitätsressourcen | 31 |
| 2.1.7.1 | Soziales, materielles und kulturelles Kapital | 32 |
| 2.1.7.2 | Identitätsressourcen | 34 |
| 2.1.8 | Situationen hoher Ambiguität und Identitätsspannung | 38 |
| 2.2 | Das Phänomen der Computer mediated Communication | 41 |
| 2.2.1 | Einführung und theoretische Verortung | 41 |
| 2.2.2 | Beschreibung synchroner CMC –Angebote | 44 |
| 2.2.2.1 | Chat-Räume | 44 |
| 2.2.2.2 | Multi User Dungeons (MUD) | 49 |
| 2.2.2.3 | Zusammenfassung | 55 |
| 2.3 | Situative Selbsterfahrungen bei synchroner CMC und Entwicklung von Teilidentitäten | 57 |
| 2.3.1 | Körperlosigkeit und Anonymität | 57 |
| 2.3.2 | Ausnutzung des Zeichensatzes zu sozialer und emotionaler Interaktion | 58 |
| 2.3.3 | Verwendung von Nicknames und Avataren zur Selbstpräsentation | 60 |
| 2.3.4 | Virtuelle Teilidentitäten | 63 |
| 2.4 | Bezug von Identitätsressourcen über synchrone CMC | 65 |
| 2.4.1 | CMC-Angebote als Optionsraum | 65 |
| 2.4.2 | CMC-Angebote als Subjektive Relevanzstruktur | 68 |
| 2.4.3 | CMC-Angebote als Bewältigungsressource | 70 |
| 2.5 | Devianz und Internetnutzung | 71 |
| 2.5.1 | Deviante Nutzungsmuster und Normen | 71 |
| 2.5.2 | Deviante Nutzungsmuster und dominante Teilidentitäten | 74 |
| 2.5.3 | Abgeleitete Forschungsfragen | 76 |
| 3. | Durchführung der Untersuchung am Gegenstand | 77 |
| 3.1 | Grundprinzipien der qualitativen Sozialforschung | 77 |
| 3.2 | Das Untersuchungsdesign | 78 |
| 3.3 | Das Kategoriensystem | 81 |
| 3.4 | Die Auswertungsregeln | 85 |
| 4. | Die Auswertung | 87 |
| 4.1 | Qualitative Auswertung der einzelnen Interviews | 87 |
| 4.1.1 | Heidrun | 87 |
| 4.1.2 | David | 97 |
| 4.1.3 | Nadja | 107 |
| 4.1.4 | Herbert | 115 |
| 4.1.5 | Simon | 122 |
| 4.1.6 | Ludwig | 132 |
| 4.2 | Beantwortungen der Forschungsfragen | 143 |
| 5. | Ergebnisse, Schlussfolgerungen und abschließende Betrachtung | 147 |
| 5.1 | Ergebnisse | 148 |
| 5.2 | Abschließende Betrachtung | 151 |
| 6. | Literaturverzeichnis | 153 |
Porträt Nadja beschreibt sich selbst als ehrlich, fleißig, stur und wissbegierig (89; 85). Fleißig in dem Sinn, dass, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, ich das schon verfolge (87) und manchmal auch gnadenlos ehrlich ist (83). Sie kommt eigentlich aus Thüringen, wohnt aber in Leipzig. Dort studiert sie im 12. Semester Politik, Germanistik und Geschichte(37). Sie hat noch einen älteren Bruder (20), der in Naumburg wohnt (21). Im Moment hat sie einen festen Lebenspartner (44). Nadjas Hobbies sind Lesen und Fotografieren (6; 7). Nebenher arbeitet sie als freie Redakteurin (42) für die Mitteldeutsche Zeitung (43). Nadja ist Mitglied im Deutschen Journalistenverband (35). Ansonsten ist sie nicht weiter in Vereinen (36). Ihren Internet-Anschluss hat sie im Januar 2001 eher zufällig bekommen (116). Sie wohnte damals im Studentenwohnheim und diese wurden alle mit Internet-Anschlüssen ausgerüstet. Hauptsächlich nutzt sie im Internet „Chat for Free“ (106), einen textbasierten ChatRaum, den sie auch als ihren Stamm-Chat bezeichnet (114) und zu dem sie über die Empfehlung eines Bekannten kam (110). Der Chat gefällt ihr, weil es dort regionale Chat-Räume gibt und er in Alters- und Interessengruppen untergliedert ist (107). Dazu geht es dort einfach sehr schnell (110). Man braucht nicht lange warten, bis man das Geschriebene auf dem Monitor sieht (111). Seltener nutzt sie auch den, ebenfalls textbasierten Chat, Metropolis (221). Innerhalb des Chat-Angebots von „Chat for Free“ nutzt sie vor allem den regionalen Dresden-Chat (108). Ihr Haupt-Nick dort ist Ronja (268; 275). [...]
b. Bindung an den Nick-Name Auf der Ebene der Teilidentität konzentriert sich in seiner Online-Repräsentation Lazarus sein Entwurf von sich selbst in die Zukunft und reflektiert seine eigene Entwicklung. Es war so eine Phase, wo ich ganz unten war und nach oben wollte (266). Lazarus war als Toter ja auch ganz unten und ist wieder auferstanden (267). Davids Bindung an den Nick-Name ist relativ stark. Er würde ihn nicht ändern (298) und identifiziert sich auch mit ihm (308; 309). Eine Änderung des Nick-Namens wäre für ihn genauso, als würde ich im realen Leben mein Äußeres ändern (301). In seiner intensiven Chatphase war ihm die Meinung seiner virtuellen Freunde wichtiger als die seiner realen (351; 357; 358). [...]
„Hooligan“ reingegangen sind, oder mit „Ich hau´ dir auf die Fresse“ oder „Ich such´ ´nen Fick“ (270). David beschreibt sich im Internet als größtenteils positiv, wie auch im normalen Leben (468), als höflich und zuvorkommend (463), hilfsbereit, auch mal zum Spaß aufgelegt (469) und als jemand, der gerne bereit ist, Leuten in Notsituationen einen Rat zu geben (464). Allerdings ist er auch manchmal sehr nachdenklich und kritisch gegenüber leichtfertigen Äußerungen und oberflächlichem Getue (414). Er gibt sich im Chat lieber ein bisschen gesetzter und kommt lieber ein bisschen reifer ´rüber (419). Das hängt damit zusammen, dass ihn die Leute im Chat nicht so gut kennen (418), wie die Leute, die ihn schon persönlich getroffen haben (416; 417) und deshalb besser einschätzen können, wenn er ´mal Mist erzählt (418). [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832494575
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