Sind wir Deutschland?
Die Suche nach kollektiver Identität und ihr vorläufiger Höhepunkt während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Stefan Laetsch
- Abgabedatum: Dezember 2006
- Umfang: 106 Seiten
- Dateigröße: 661,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 139
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0697-4
- ISBN (CD) :978-3-8366-0697-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Laetsch, Stefan Dezember 2006: Sind wir Deutschland?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: nationale Identität, Fußball-WM, Patriotismus, Geschichte der BRD, Weltmeisterschaft
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Magisterarbeit von Stefan Laetsch
Einleitung:
Das Thema „Identität in Deutschland“ muss vorsichtig behandelt werden. Wenn von kollektiver Identität gesprochen wird, geht es nicht um die Forderung nach einem neuen Nationalismus, sondern vielmehr um die Suche nach einem Zusammengehörigkeitsgefühl, welches für Stabilität und Integration innerhalb der Gesellschaft sorgen kann. In dieser Arbeit muss deswegen ebenfalls ein Spagat vollzogen werden: einerseits soll die Geschichte Deutschlands ernst genommen werden ohne in indifferente Nationalismus-Propaganda zu verfallen. Andererseits soll sich ohne Scheu mit dem Thema kollektive Identität in der Bundesrepublik auseinander gesetzt werden. In der Arbeit wird zunächst die Suche nach kollektiver Identität in Deutschland seit 1949 erläutert. Danach wird analysiert, warum sich gerade während der Fußball WM im Sommer 2006 ein „weltoffener Patriotismus“ entwickeln konnte, dessen integrative Wirkung über den sportlichen Bereich hinaus der Bundesrepublik Deutschland nutzen würde.
Daher werden folgende Leitfragen an die Arbeit gestellt: Hat es nach der Wiedervereinigung eine politische Entwicklung gegeben, welche die Euphorie während der WM begünstigte? Der Regierungswechsel von 1998 und der Umzug nach Berlin haben die politische Landschaft in der Bundesrepublik sehr verändert. Implizierte der Beginn der „Berliner Republik“ also auch eine neue Symbolpolitik, die eine Auseinandersetzung mit der gesamtdeutschen Geschichte ermöglichte und politisch wie gesellschaftlich zu einem unverkrampfteren Verhältnis zur eigenen Nation führte? Haben in der Folge auch Regierungserklärungen und Ansprachen von führenden Politikern dazu beigetragen, dass sich in der Bundesrepublik langsam ein „Wir-Gefühl“ herausgebildet hat? Im Vorfeld der WM wurde mit verschiedenen Kampagnen für Ideen und Innovationskraft in Deutschland geworben. Haben diese Kampagnen möglicherweise ebenfalls ein verändertes Deutschlandbild an die in- und ausländische Öffentlichkeit vermittelt? Hatte die WM 2006 schließlich auch die Funktion eines Ventils, das zumindest zu einer kurzzeitigen, unverkrampften Identifikation mit dem eigenen Land führte?
Gang der Untersuchung:
Für eine wissenschaftlich fundierte Antwort müssen aber zunächst auf theoretischer Ebene die verschiedenen Begriffe der Nation in der Abgrenzung zu Nationalismus und Identität erläutert werden. Es wird sich zeigen, dass die Begriffe Nation und Identität nur schwer definierbar sind, da sowohl Nation als auch Identität unterschiedliche Ebenen enthalten. Trotzdem soll versucht werden, Genese und Funktion von Nation und Identität zu erklären. Die einzelnen Ideen von Nation reichen von einer vorgestellten Gemeinschaft bis hin zu unterschiedlichen kollektiven Verbindungen, bei welchen nur die Intellektuellen Träger und Vermittler einer kollektiven Identität darstellen. Weiterhin kann unterschieden werden zwischen einer Staatsnation, die sich auf dem freien Willen ihrer Mitglieder begründet sowie einer Kulturnation, die sich über die ethnische Abstammung oder die gemeinsame Sprache definiert. Für die Herausbildung einer nationalen Identität ist neben der kollektiven Erinnerung an nationale Ereignisse auch die Symbolsprache wichtig.
Im ersten Kapitel werden diese Kontroversen dargestellt, um dann die wichtigen Elemente der beiden Begriffe festzuhalten und im Verlauf der Arbeit weiter zu verwenden.
Im zweiten Kapitel soll in historisch-vergleichender Perspektive die unterschiedliche Entwicklung zweier kollektiver Identitäten in der Bundesrepublik und der DDR heraus gearbeitet werden. Für die Identifikation der Bevölkerung mit dem jeweiligen politischen System sorgten die unterschiedlichen Formen der Vergangenheitsbewältigung sowie die verschiedene Bedeutung politischer und gesellschaftlicher Symbole. Die Herausbildung einer gesamtdeutschen kollektiven Identität ist bis zur Wiedervereinigung 1990 durch die langjährige Teilung Deutschlands in zwei Staaten unmöglich gewesen. Die beiden deutschen Staaten verdeutlichten über 40 Jahre die Gegensätze zwischen der westlichen demokratischen Staatenwelt und dem östlichen sozialistischen Block. Dies bedeutete auch einen unterschiedlichen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und damit einhergehend die Herausbildung verschiedener kollektiver Identitäten in der Bundesrepublik und der DDR. Die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte in Ost und West sowie die jeweils verschiedenen Bezugspunkte nationaler Identifikation machen ein gesellschaftliches und politisches Zusammenwachsen nach der Vereinigung bis heute schwierig.
In den beiden folgenden Kapiteln drei und vier wird ebenfalls aus historischer Perspektive argumentiert, wie sich nach der Wiedervereinigung in der Bundesrepublik ein politisches Selbstbewusstsein entwickelt hat, welches sich langsam auf die Gesellschaft und die Medien übertragen hat. Die Wiedervereinigung bedeutete nicht nur das tatsächliche Ende des Ost-West Konfliktes, sondern auch den Beginn einer neuen Ära in der Geschichte der Bundesrepublik. Erst 1990 erhielt sie ihre uneingeschränkte Souveränität zurück und hatte damit die Folgen der NS-Schreckensherrschaft endgültig überwunden. Nach 1990 musste sich das vereinte Deutschland in der Staatenwelt neu positionieren. Die demokratischen Grundwerte sowie die Einbindung in die westlichen Bündnisse verhinderten das Aufkeimen eines neuen Nationalismus. Dennoch stellten sich nach dem Ende des Kalten Krieges, der in der Bundesrepublik stets für eine kollektive Abgrenzung gegenüber dem sozialistischen Osten gesorgt hatte, Fragen nach dem eigenen Selbstverständnis und neuen, gemeinsamen Identifikationspunkten. Die kontroversen Debatten um die Wehrmachtausstellung, das Holocaust-Mahnmal oder die Hauptstadt Berlin verdeutlichten diese Suche nach nationalen Bezugspunkten. Angesichts des Golfkrieges sowie des Bürgerkrieges in Jugoslawien verlangten die westlichen Bündnispartner mehr als humanitäres und finanzielles Engagement von der vereinten Bundesrepublik. Damit musste sich Deutschland auch außenpolitisch neu positionieren, um den westlichen Systemen kollektiver Sicherheit Loyalität zu erweisen. Das Bundesverfassungsgericht musste schließlich den Weg für ein militärisches Engagement der Bundeswehr im Rahmen der NATO freimachen. Erst mit dem Regierungswechsel 1998 zeigte sich ein selbstbewussteres Auftreten der Bundesrepublik auf politischer Ebene. Der Machtwechsel von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder bedeutete einen wichtigen Generationenwechsel. Ab diesem Zeitpunkt war eine Nachkriegsgeneration an der Regierung, die mit den Verbrechen der Nationalsozialisten nichts zu tun hatte und ihre politische Sozialisation im Umfeld der 68er Protestbewegungen erfahren hatte. Die neue Politikergeneration wollte die Geschichte nicht verdrängen, aber sie hatte weniger Scheu, nationale Interessen auszusprechen und durchzusetzen. Zusammen mit der veränderten Symbolik der neuen Hauptstadt Berlin, durch welche die vereinte Bundesrepublik emotional erfahrbar und symbolisch erlebbar gemacht worden war, hatte die politische Führung die Grundlage für eine langsame Herausbildung einer gesamtdeutschen Identifikation gelegt. Dennoch verdeutlichte die von den Christdemokraten angestoßene kontroverse Debatte um eine deutsche Leitkultur die immer noch fortwährende Suche nach kollektiver Identität. Der Begriff „Leitkultur“ ist missverständlich und darf unter keinen Umständen zu einem Ausschluss anderer Kulturen führen. Aus diesem Grund verschwand die Debatte um eine Leitkultur relativ schnell wieder von der politischen Agenda. Insbesondere außenpolitisch verstand es die neue Regierung, ihre Interessen eindeutiger zu definieren. Während die Anfangsjahre nach der Wiedervereinigung noch durch die Erfüllung von Bündnisverpflichtungen geprägt waren, zeigte sich spätestens mit dem ausdrücklichen „Nein“ zu einem möglichen Krieg gegen den Irak ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Auch der mehrfach artikulierte Wunsch nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verdeutlichte ein selbstbewusstes außenpolitisches Auftreten. Die Regierungserklärung und Ansprachen von Bundeskanzler Gerhard Schröder oder dem neuen Bundespräsidenten Horst Köhler sowie verschiedene Kampagnen, die im Vorfeld der Fußball WM medienwirksam veröffentlicht wurden, übertrugen langsam ein neues Selbstverständnis auf die Gesellschaft.
Im letzten Teil von Kapitel vier soll die aktuelle politische Lage in der Bundesrepublik erläutert werden, um aus dieser Perspektive heraus die Fußball Weltmeisterschaft als vorläufigen Höhepunkt auf der Suche nach kollektiver Identität analysieren zu können. Der erneute Regierungswechsel 2005 änderte nichts an einem neuen Selbstbewusstsein. Vielmehr konnte erstmalig mit Angela Merkel eine Frau ins Kanzleramt einziehen, was für die gesellschaftliche und politische Reife der Bundesrepublik sprach. Die Tatsache, dass die neue Bundeskanzlerin aus Mecklenburg-Vorpommern kommt, schafft für die ostdeutsche Bevölkerung zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten. Für die „innere Einheit“ der Bundesrepublik ist diese Tatsache deswegen positiv zu bewerten. Sowohl die Bundeskanzlerin als auch der Bundespräsident bringen ihre emotionale Verbundenheit mit der Bundesrepublik zum Ausdruck. Beide Spitzenpolitiker zeigen öffentlichkeitswirksam ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Nation, ohne dabei die notwendige politische Offenheit gegenüber anderen Staaten zu vernachlässigen. Die Kampagne „Du bist Deutschland“ zielte zwar hauptsächlich auf Initiative und Engagement des Einzelnen, versuchte mit ihrem Slogan aber dennoch auf einen selbstverständlicheren Umgang mit dem eigenen Land hinzuwirken. Diese Entwicklung zu mehr politischem Selbstbewusstsein war während der Fußball WM auch auf gesellschaftlicher Ebene sichtbar.
Im abschließenden Kapitel fünf sollen die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 2 |
| 1.1 | Fragestellung | 2 |
| 1.2 | Methodik und Gliederung | 5 |
| 1.3 | Forschungsstand | 8 |
| 2. | Nation und Identität | 11 |
| 2.1 | Definition Nation | 11 |
| 2.1.1 | Nation | 11 |
| 2.1.2 | Nationalismus | 15 |
| 2.2 | Definition Identität | 16 |
| 2.2.1 | Kollektive Identität | 16 |
| 2.2.2 | Politische und kulturelle Identität | 20 |
| 3. | Identität und Selbstverständnis in zwei deutschen Staaten (1949-1989) | 22 |
| 3.1 | Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit | 22 |
| 3.1.1 | Bundesrepublik Deutschland | 22 |
| 3.1.2 | Deutsche Demokratische Republik | 26 |
| 3.2 | Umgang mit nationalen Symbolen | 29 |
| 3.2.1 | Bundesrepublik Deutschland | 29 |
| 3.2.2 | Deutsche Demokratische Republik | 32 |
| 3.3 | Zusammenfassung | 35 |
| 4. | Identität und Selbstverständnis in der Bundesrepublik (1990 - 2006) | 37 |
| 4.1 | Neupositionierung nach der Vereinigung (1990 - 1998) | 37 |
| 4.1.1 | Wiedervereinigung 1990 | 37 |
| 4.1.2 | Rechtsnationale Tendenzen | 39 |
| 4.1.3 | Innenpolitische Kontroversen | 42 |
| 4.1.3.1 | Debatte um die Hauptstadt | 42 |
| 4.1.3.2 | Debatte um das Holocaust-Mahnmal | 44 |
| 4.1.3.3 | Debatte um die Wehrmachtsausstellung | 46 |
| 4.1.3.4 | Goldhagen Debatte | 49 |
| 4.1.4 | Außenpolitische Standortbestimmung | 51 |
| 4.1.4.1 | Golfkrise 1990/91 | 51 |
| 4.1.4.2 | Bundesverfassungsgericht als Entscheidungsträger | 53 |
| 4.1.4.3 | Supranationale Integration | 55 |
| 4.1.5 | Zusammenfassung | 57 |
| 4.2 | Neues Selbstbewusstsein (1998 - 2005) | 58 |
| 4.2.1 | Innenpolitischer Generationenwechsel | 58 |
| 4.2.1.1 | Selbstverständnis der "Berliner Republik" | 58 |
| 4.2.1.2 | Debatte um eine deutsche Leitkultur | 64 |
| 4.2.2 | Außenpolitische Interessendefinition | 67 |
| 4.2.2.1 | Deutsche Sicherheitspolitik | 67 |
| 4.2.2.2 | nternationale Forderungen | 71 |
| 4.2.3 | Zusammenfassung | 73 |
| 4.3 | Wir sind Deutschland (2005-2006) | 74 |
| 4.3.1 | Bundespräsident Horst Köhler | 74 |
| 4.3.2 | Bundeskanzlerin Angela Merkel | 77 |
| 4.3.3 | "Du bist Deutschland" - Kampagne | 80 |
| 4.3.4 | Initiative: Deutschland - Land der Ideen | 82 |
| 4.3.5 | Fußball WM 2006 | 84 |
| 4.3.6 | Zusammenfassung | 89 |
| 5. | Fazit | 91 |
| 5.1 | Zusammenfassung der Ergebnisse | 91 |
| 5.2 | Ausblick | 93 |
| Anhang | 96 | |
| I | Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen | 96 |
| II | Literaturverzeichnis | 97 |
Textprobe:
Kapitel 4.2.1.2, Debatte um eine deutsche Leitkultur:
Trotz der Verfolgung innenpolitischer Reformen und eines veränderten, selbstbewussten Auftretens der Regierung, nahm die Suche nach kollektiver Identität auch nach dem Regierungswechsel von 1998 ihren Lauf. Mit der Verwendung des Begriffs „Leitkultur“ löste der CDU-Politiker Friedrich Merz eine Debatte aus, die wie viele andere Auseinandersetzungen vorher das Selbstverständnis der vereinten Bundesrepublik berührten. Es wäre zu einfach, dieses Schlagwort auf rechte populistische Rhetorik zu reduzieren, denn die Debatte drehte sich insbesondere um Fragen der Integration von Ausländern und muss deswegen in ihrem Entstehungskontext gesehen werden.
Der Begriff geht zurück auf den Politologen Bassam Tibi, der sich allerdings weniger für eine deutsche, als vielmehr für eine „europäische Leitkultur“ stark gemacht hatte. Dabei ging es Tibi nicht um die Beschreibung einer ethnischen, sondern um eine zivilisatorische Identität der Gesellschaft. Diese sollte sich auf Europa als Werte- und Normengemeinschaft beziehen.
„Eben weil die vor allem aus der europäischen Aufklärung hervorgegangene kulturelle Moderne keinen ethnischen Charakter hat, ist sie dazu geeignet, kulturübergreifende Gültigkeit zu erlangen.“ Tibi bezog sich dabei auf die Konzepte des französischen Citoyen oder des angelsächsischen Citizen, die demokratisch offen seien und deren gesellschaftliche Identitäten an den Grundwerten der Verfassung festgemacht würden. In diesem Sinne plädierte Tibi also für einen europäischen Verfassungspatriotismus als Leitkultur. Mit dieser Vorgabe erhoffte sich der Autor „eine wildwüchsige Zuwanderung in eine an den Bedürfnissen des Landes orientierte Einwanderung zu verwandeln und diese Einwanderer im Rahmen einer europäischen Identität zu integrieren […].“ Für die Propagierung einer europäischen Leitkultur brauchte Tibi die Überzeugung, dass ohne eine solche ein gesellschaftliches Miteinander nicht funktionieren und die Herausbildung von Parallelgesellschaften ein großes Konfliktpotential bergen könnte. Eine Leitkultur sollte nach seinen Vorstellungen eine auf allgemeinen politischen Grundsätzen beruhende und erlernbare Verhaltensvorgabe sein, die Integration ermöglichte ohne kulturelle Vielfalt zu ersticken. Dabei ging er aber davon aus, dass nur in Europa Menschenrechte und Toleranz Elemente der politischen Systeme seien und in außereuropäischen Kulturen der Humanismus bzw. die Gültigkeit von Menschenrechten keine Bestandteile der jeweiligen Kultur darstellen würden. Zur europäischen Geschichte gehören mit den Kreuzzügen, der Inquisition, dem Sklavenhandel oder dem Holocaust auch fundamentale Missachtungen der Menschenrechte. Dadurch wäre ein Primat kultureller Werte in Europa gegenüber anderen Kulturen unbegründbar.
Auf die politische Tagesordnung kam die Debatte um die Leitkultur durch das Vorhaben der rot-grünen Bundesregierung, ein Einwanderungsgesetz zu erarbeiten. Da die Integrationspolitik insbesondere von konservativen Parteien gerne thematisiert wird, sah sich die CDU gezwungen, auf diese Ankündigung zu reagieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Beschäftigung mit „Ausländerpolitik“ auch „im Zusammenhang mit der Entwicklung eines neuen deutschen Selbstbewusstseins“ analysiert werden muss, welches das politische Handeln der neuen Generation beeinflusste. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hatte im März 1999 die Landtagswahlen mithilfe einer Unterschriftenkampagne „Ja zur Integration – Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft“ gewonnen. Der nordrhein-westfälische CDU Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers hatte mit seinem Slogan „Kinder statt Inder“, der sich gegen die Anwerbung von Spitzenkräfte mit der Green Card richtete, ebenfalls ein zweifelhaftes Statement abgegeben. So scheute sich auch die Bundes- CDU nicht, das Thema „Ausländerpolitik“ in ihren Themenkatalog aufzunehmen. Im Herbst 2000 erklärte Friedrich Merz, der Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag, seine Partei werde in anstehenden Wahlkämpfen die Themen Einwanderung und Integration herausstellen. Eine Leitkultur bedeutete für Merz insbesondere eine starke Orientierung am Grundgesetz. In seinen Äußerungen zur Leitkultur bezog er sich dabei nicht auf völkische Argumente oder spezifisch deutsche Gepflogenheiten, sondern vielmehr auf einen deutschen Verfassungspatriotismus. Dennoch sprach die Verwendung des Begriffs „deutsche Leitkultur“ für die „Forderung nach einem Primat der deutschen Kultur über andere Identitäten.“ Die Debatte um eine Leitkultur entstand vor dem Hintergrund einer sich verstärkenden Migration aus osteuropäischen Ländern sowie dem ehemaligen Jugoslawien. Damit einhergehend wurden Ängste vor Überfremdung geschürt, welche das Bedürfnis nach einem verbindenden „Wir-Gefühl“ in Deutschland verstärkten. Mit der möglichen Herausbildung von Parallelgesellschaften wurde außerdem eine größere terroristische Bedrohung befürchtet. Nicht zuletzt hatten die sozialen Umwälzungen sowie die notwendige Reduzierung staatlicher Hilfeleistungen ebenfalls dazu geführt, dass der Wunsch nach einer kontrollierten Einwanderung nach Deutschland vermehrt geäußert wurde. Die Propagierung einer deutschen Leitkultur sollte dazu beitragen, eine auf homogenen Merkmalen beruhende Gesellschaft zu konstruieren, die sich leichter gegenüber Fremden abgrenzen könnte. Langfristig sollte nicht nur eine mögliche Ausgrenzung legitimiert werden können, sondern die Integration von Ausländern sollte sich auch an Zweckmäßigkeitskriterien messen lassen. Die Debatte drehte sich um die kollektive Identität in Deutschland, wies aber eine starke Tendenz zu neorassistischen Elementen auf. Aus diesem Grund verschwand sie relativ schnell wieder von der politischen Agenda. Dennoch verdeutlichte die Debatte auch die „Unsicherheit gegenüber der eigenen kulturellen Identität“ in Deutschland.
In Anlehnung an einen Verfassungspatriotismus sollte das Grundgesetz der Bundesrepublik das kulturelle Leben in Deutschland bestimmen, weil es die rechtlichen Vorgaben gibt, nach denen sich das friedliche Zusammenleben einer multikulturellen Gesellschaft richten muss. Durch die Grundrechte, die Gewaltenteilung sowie die Rechtsstaatlichkeit wird die individuelle Freiheit geschützt, wodurch auch der Schutz einer kulturellen Vielfalt gewährleistet ist. So schützt das Grundgesetz zahlreiche individuelle Freiheiten, welche die Herausbildung einer eigenen Kultur innerhalb von verschiedenen Gruppen erlauben. In einem demokratischen Verfassungsstaat kann eine Kultur nicht zu einer nationalen oder europäischen Leitkultur deklariert werden. Deswegen kann es für Fremde nur eine politisch-rechtliche, aber keine kulturelle Integration geben. Ein gesellschaftlicher Pluralismus besitzt seine kulturellen Klammern in der Gültigkeit der Menschenrechte für alle Individuen sowie in der Akzeptanz des demokratischen Systems. Er erfährt seine Grenzen in den politischen und rechtlichen Schranken der jeweiligen Verfassung.
In Deutschland besteht durch die zahlreichen Gastarbeiter, die im Zuge des Wirtschaftaufschwunges in den 60er Jahren in die Bundesrepublik kamen, schon seit Jahrzehnten eine multikulturelle und damit auch eine multiethnische Gesellschaft. Deswegen ist der Wunsch nach einer „deutschen Leitkultur“ paradox. Bei der Suche nach einer kollektiven Identität stellt diese Forderung keine Lösung dar. Das Grundgesetz regelt ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und muss deswegen als Orientierungsmaßstab respektiert werden. Glücklicherweise hatte dies auch eine neue, selbstbewusst auftretende, politische Generation erkannt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836606974
Arbeit zitieren:
Laetsch, Stefan Dezember 2006: Sind wir Deutschland?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
nationale Identität, Fußball-WM, Patriotismus, Geschichte der BRD, Weltmeisterschaft



