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Determinanten des chinesischen Kapitalmarkts

Determinanten des chinesischen Kapitalmarkts
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Lutz Timmen
  • Abgabedatum: Mai 2006
  • Umfang: 128 Seiten
  • Dateigröße: 1,2 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Konstanz Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9745-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9745-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9745-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Timmen, Lutz Mai 2006: Determinanten des chinesischen Kapitalmarkts, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: China, Kapitalmarkt, Bank, Embeddedness, Architecture

Diplomarbeit von Lutz Timmen

Einleitung:

Der Systemwandel in der Volksrepublik China vollzieht sich seit den 1970er Jahren schrittweise von einer kommunistischen Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild zu einem neuen System. Maßgeblich beteiligt an diesem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel ist die Sozialstruktur der Volksrepublik, die einerseits dazu beiträgt, den Systemwandel zu beeinflussen, andererseits aber auch durch eben diesen Wandel selbst verändert wird. Der Systemwandel ist somit kein vollkommen neues Konzept auf den Ruinen des sozialistischen Systems, sondern vielmehr ein Konzept, das aus Bestandteilen des alten Systems entsteht.

Mit ihrer 1,3 Milliarden Menschen umfassenden Bevölkerung und einem jährlichen Wirtschaftswachstum von über neun Prozent gilt die Volksrepublik China als einer der attraktivsten Märkte für westliche Unternehmen. Niedrige Lohnkosten und ein scheinbar unerschöpflicher Vorrat an günstigen Arbeitskräften führen zu einem bisher stetig steigenden Strom an ausländischen Direktinvestitionen, die im Jahre 2004 erstmals die Marke von US$ 50 Millionen überschritten und auf insgesamt US$ 61 Millionen stiegen.

Die These, dass eine boomende chinesische Wirtschaft die Kapitalmärkte ebenso beflügelt, ist in den vergangenen Jahren jedoch von den chinesischen Börsenstandorten deutlich widerlegt worden. Die Indizes an den Standorten Shanghai und Shenzhen verloren im Zeitraum 2001 bis 2005 annähernd ein Viertel ihres Wertes. Gründe für die geringe Leistungsfähigkeit sind neben der mangelnden Transparenz und fehlender Corporate Governance der an den chinesischen Börsen notierten Unternehmen ebenso die Ungewissheit über den Einfluss von Regierung und Partei auf die privatisierten Staatsunternehmen (SOE). Nach wie vor befinden sich ca. zwei Drittel aller Unternehmensanteile in staatlicher Hand und Unternehmenskader stammen aus der politischen Nomenklatura.

Mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahre 2001 hat sich die chinesische Regierung verpflichtet, ihre Kapital- und Finanzmärkte für ausländische Investoren vollkommen zu öffnen und von sämtlichen Beschränkungen zu befreien. Durch die Wiedereingliederung Hongkongs im Jahre 1997 erhielt die Volksrepublik neben einem der größten Kapitalmarktstandorte Asiens das Fachwissen und den Zugang zu internationalem Kapitalmarktverkehr.

Derzeit befinden sich weltweit Finanzaktiva mit einem Volumen von ca. US$ 118 Billionen im Umlauf. Falls der aktuelle Trend bestehen bleibt, wird sich dieses Volumen auf über US$ 200 Billionen im Jahre 2010 gesteigert haben. Seit 1980 ist der Wert dieser Finanzaktiva somit dreimal stärker gewachsen als das weltweite Bruttosozialprodukt – ausgehend von einer identischen Größe im Jahre 1980. Doch mit den USA, der Euro-Zone, Großbritannien und Japan betreuen lediglich vier Finanzstandorte über 80 Prozent des weltweiten Finanzkapitals.

Der Kapitalmarkt ist als globaler Markt ein wesentliches Element der Wirtschaftspolitik eines jeden Staates und nimmt an Bedeutung immer weiter zu. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung von Börsenstandorten sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext aufschlussreich um die zukünftige Stellung und Leistungsfähigkeit eines Staates zu ermitteln. Da sich die Volkswirtschaft Chinas in einem Umwandlungsprozess befindet und das politische System weitgehend unangetastet bleibt, nimmt das Verhältnis zwischen Regierung, staatlichen Aufsichts- und Vollzugsorganen sowie einer zunehmend kapitalisierten und liberalisierten Gesellschaft an Bedeutung zu.

Die Monopolstellung der kommunistischen Führung, fehlende Transparenz im Privatisierungsprozess, sowie privatisierte aber immer noch staatlich gelenkte Betriebe veranlassen King dazu, über China von einer „socialist mixed economy“ zu sprechen, in der Kapitalismus von unten aufgebaut wird. Die Schaffung von privatem Eigentum, Märkten, Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit beginnt auf der Mikroebene. Sie steht anfangs im Schatten der sozialistischen Planwirtschaft, so dass sich als Resultat in der Volksrepublik mit Beginn der wirtschaftlichen Reformen 1978 eine hybride Wirtschaftsstruktur entwickelt hat, die der politischen Führung der kommunistischen Partei durch Legitimitätsgewinn einen vergrößerten Machtspielraum schafft. Es ist jedoch sichtbar, dass kapitalistische Elemente zunehmend an Bedeutung gewinnen, so dass die politische Führung vom Kapitalismus strukturell abhängig wird, da er gesellschaftlich einen solchen Einfluss gewinnt, dass die bisherige Ideologie nicht mehr kompatibel ist.

Auf Grund der Dezentralisierung profitierten in der Anfangszeit der wirtschaftlichen Liberalisierung nicht die politischen Führungskader, sondern insbesondere die lokale politische und administrative Führung von diesen Schritten. Nee (1989) macht deutlich, dass die Kader in den von staatlicher Seite zugelassenen dörflichen und kleinstädtischen Kollektiv-Betrieben (den sog. Town and Village Enterprises (TVE)) die Fäden in der Hand halten. Nichtsdestotrotz konnten jedoch auch einfache Privatleute in diesem Sektor erfolgreiche Unternehmen gründen. Erst in einer späteren Phase der Liberalisierung beginnen sich auch politische Führungskader, in die Privatisierungen großer Staatsunternehmen zu involvieren. Ihre Kontakte zu den Führungszirkeln in den Unternehmen und Universitäten nutzen sie z.B. um ihre Nachkommen (sogenannte HCC: high cadre children) an verantwortungsvolle Schlüsselpositionen zu setzen.

Die Entwicklung kapitalistischer Strukturen erfolgte in der Volksrepublik in zwei Phasen. Die erste Phase ab Beginn der wirtschaftlichen Reformen bis in die frühen 1990er Jahre war gekennzeichnet durch Privatisierungen in den Bereichen außerhalb des Machtgleichgewichts zwischen kommunistischen Führungskadern und der Technokratie. In dieser Zeit lag das Hauptaugenmerk der Regierung auf Machterhalt und Schutz der SOE. Dementsprechend waren es vor allem Bevölkerungsschichten jenseits der politischen Führung, die von der Privatisierung profitierten. Mit beginnender Privatisierung der SOE ab Anfang der 1990er Jahre fanden sich immer mehr Führungskader der SOE sowie Familienangehörige der Nomenklatura als eigenständige Unternehmer der schrittweise privatisierten SOE wieder.

Trotz dieser theoretisch nach westlichem Vorbild organisierten Wirtschaftsstruktur hatten viele Relikte aus der sozialistischen Planwirtschaft weiterhin Bestand, wie Steinfeld (1998) in einer Studie herausfindet. So fand bspw. wie in Zeiten vor der Privatisierung ein Produktaustausch zwischen den SOE und bereits privatisierten Unternehmen statt, der ohne monetären Transfer vonstatten ging. Dieser Produktaustausch beruht auf einem bereits in planwirtschaftlichen Zeiten entstandenen Netzwerk, das durch neuen wirtschaftliche Elemente dennoch nicht zerbricht. Stattdessen häuften sie sog. intercorporate debts an. Auf Unternehmerseite blieb der Respekt vor dem staatlichen bzw. politischen Hierarchiegefüge weiterhin bestehen, benötigten erstere doch deren Zustimmung für Investitionen, die Einstellung von Mitarbeitern und die Zulassung bestimmter Dokumente. Chinesische Parteikader füllen nach wie vor eine wichtige funktionale Rolle als Intermediär zwischen Privatunternehmen und Staat aus. Sie verfügen über ein wichtiges und großes Netzwerk und können somit die Transaktionskosten für die Privatunternehmer erheblich reduzieren. Mittels Offshore-Geschäften wandeln Parteifunktionäre Staatsvermögen in privates Eigentum um und transferieren politisch gewollte Kredite und Subventionen für SOE auf private Konten.

Es bleibt abzuwarten welche Struktur China erhalten wird, wenn sämtliche Staatsunternehmen privatisiert sind. Zwar gibt es nicht zuletzt durch den WTO-Beitritt eine Hinwendung zum Kapitalismus, doch dürften die vollkommen unterschiedlichen kulturellen Wurzeln ein Indiz dafür sein, dass sich in China nicht ein System nach vollkommen westlichem Vorbild entwickeln wird. Dennoch bewegt sich die Volksrepublik in Richtung Kapitalismus; die als Kollektivunternehmen getarnten TVE sind nichts anderes als Privatunternehmen, deren Spitze sich häufig aus dem Umfeld lokaler Parteikader zusammensetzt. Die ausländischen Direktinvestitionen insbesondere aus kulturverwandten Kreisen wie Hongkong oder Taiwan nehmen nach wie vor einen hohen Stellenwert ein und auch bestehende SOE bemühen sich immer mehr, auf die Wünsche ihrer Kunden einzugehen – nicht zuletzt weil sie mittlerweile mit privaten Wettbewerbern konkurrieren müssen.

Diese wirtschaftlichen Veränderungen haben auch politische Konsequenzen: Die kommunistische Partei verliert ihre ideologische Grundeinstellung zwar nicht, doch muss sie mit der Schaffung eines Privatsektors diese Ideologie zunehmend in der Bevölkerung legitimisieren.

Der Verfasser unternimmt eine Bestandsaufnahme der drei chinesischen Finanzstandorte Shanghai, Shenzhen und Hongkong und erstellt eine Prognose für die Zukunft dieser Standorte auf nationaler sowie auf internationaler Ebene. Eine reine Analyse von Finanzmarktdaten greift jedoch insofern zu kurz, als Vertreter aus Wirtschafts- und Sozialwissenschaften erkennen, dass sich das Verhalten der Marktakteure nicht als Eigeninteresse maximierendes und streng rationales Verhalten analysieren lässt, sondern dass marktexterne Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen haben. Der Rückgriff auf Mark Granovetters Embeddedness-Theorie bietet an dieser Stelle die Möglichkeit, die Einbindung der Akteure in ein soziales Netzwerk im Hinblick auf die nationale Standortpolitik des chinesischen Kapitalmarkts zu untersuchen.

Die Teilnahme an diesem Markt findet über sog. Brückenkopfzentren statt. Der Verfasser analysiert bspw. an Hand der Qualifizierung und Mobilität der chinesischen Bevölkerung sowie auch an Hand der gesetzlichen Regelungen für den nationalen Kapitalmarkt, ob die drei Börsenstandorte der Volksrepublik China eine solche Brückenkopffunktion erfüllen.

Anhand eines historischen Abrisses über die Wirtschaftspolitik sowie einer intensiven Analyse des chinesischen Bankenmarktes soll gezeigt werden, dass die Politik der Volksrepublik eine stark intervenierende und lenkende Variable in das Leben der Gesellschaft darstellt und dass sich trotz des WTO-Beitritts Chinas ein internationales Engagement auf dem nationalen Kapitalmarkt China sowie ein Engagement der chinesischen Finanzinstitutionen auf internationalem Parkett in naher Zukunft als sehr schwierig und bisweilen mit internationalen Konzepten inkompatibel erweist. Da Banken in Knorr Cetinas Konzept der Flow-Architektur das zentrale Medium in den Brückenkopfzentren sind, wird der chinesischen Bankenlandschaft in dieser Arbeit ein besonderes Augenmerk zuteil.

Eine Analyse der Wirtschaftspolitik seit den späten 1970er Jahren dient dazu, Sozialstrukturen und Netzwerke im ökonomischen Kontext zu stellen. Der Verfasser bemüht sich, normative Werte der westlichen Welt aus seiner Argumentation weitgehend herauszuhalten. Dementsprechend maßt er sich nicht an, im Sinne von ‚gutem’ und ‚schlechtem’ Verhalten zu argumentieren, da hinter all den Handlungen in der chinesischen Politik ein vollkommen anderer soziokultureller Kontext steht.

Inhaltsverzeichnis:

English Summary 1
Einleitung 2
1.1 Das Konzept der Social Embeddedness nach Granovetter 6
1.1.1 Formalismus versus Substantivismus 7
1.1.2 Konzepte des menschlichen Handelns 9
1.1.3 Effekte der Einbindung auf wirtschaftliches Handeln 10
1.1.4 Einbindung, Vertrauen und Fehlverhalten im Wirtschaftsleben 5
1.1.5 Erklärung von Vertrauen und Fehlverhalten mit der Embeddedness 18
1.1.6 Soziale Konstruktion ökonomischer Institutionen 21
1.2 Die Embeddedness des globalen Kapitalmarkts 23
1.2.1 Ausweitung des Handelsvolumens durch Digitalisierung 24
1.2.2 Formalisierung und Institutionalisierung des globalen Kapitalmarkts durch Interaktion mit nationalstaatlichen Regulierungsbehörden 26
1.2.3 Räumliche Konzentration trotz Digitalisierung 27
1.2.4 Der Nutzen von räumlicher Konzentration 28
1.2.5 Die Eingebundenheit von Staat und globalem Kapitalmarkt 29
1.3 Die Architektur des globalen Markts 30
1.3.1 Netzwerke versus globale Formen der Koordination 31
1.3.2 Der globale Kapitalmarkt als Flow Market 33
1.3.3 Die Ausbildung einer Flow Architektur durch das GRS 34
1.4 Hypothesen und Operationalisierung 35
1.5 Methodische Vorgehensweise 36
2.1 Das politische System in China und die Auswirkungen auf die Wirtschaft 38
2.1.1 Die Situation vor den wirtschaftlichen Reformen 1979 38
2.1.2 Zwei Konzepte der politischen Führung zur Lösung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Defizite 39
2.1.3 Die Entwicklung vom Plan zum Markt 41
2.1.3.1 Beginn der Reformen in der Landwirtschaft 42
2.1.3.2 Schaffung eines Markts für Arbeitskräfte 44
2.1.3.3 Bildung eines Markts für Industrieunternehmen 45
2.1.4 Reform der Staatsunternehmen – Der Kern der wirtschaftlichen Reform 46
2.1.5 Chinas Privatisierungsprogramm der staatseigenen Betriebe 49
Exkurs Die WTO-Grundprinzipien und Verpflichtungen Chinas 50
2.2 Infrastruktur 52
2.2.1 Herausforderungen des chinesischen Arbeitsmarkts 52
2.2.2 Das Angebotsparadox 54
2.2.3 Politische Loyalität der akademischen Elite 57
2.3 Chinas nationale Reaktion auf die Globalisierung der Märke 59
2.3.1 Netzwerk-Praktiken in China 59
2.3.2 Zusammenspiel chinesischer Kulturwerte und wirtschaftlicher Netzwerke 61
2.3.3 Die Entwicklung einer Interessen basierten Sozialordnung 62
2.3.4 Auswirkungen der Interessen basierten Sozialordnung auf die politische Ordnung 64
2.3.5 Chinesische Netzwerke und Korruption 66
2.4 Bankensystem, -struktur und Beteiligungen westlicher Banken in VR China 71
2.4.1 Das Bankensystem bis zu Beginn der Reformen im Jahre 1979 71
2.4.2 Aufbau eines zweistufigen Bankensystems ab 1979 72
2.4.3 Bankreformen ab 1995 und die gegenwärtige Struktur 74
2.4.3.1 Struktur und Pläne der Staatsbanken 76
2.4.3.2 Universalbanken - Türöffner des chinesischen Bankenmarkts 79
2.4.3.3 Städtische Geschäftsbanken 79
2.4.3.4 Joint Venture Banken und Kreditkooperativen 80
2.4.4 Entwicklung der Gesellschaftsformen ausländischer Banken in China 80
2.4.5 Wirtschaftspolitik gegenüber ausländischen Finanzinstituten 82
2.4.6 Defizite der Bankenreform 84
2.4.7 Aufsichtsbehörden des Finanzmarkts 86
2.4.7.1 Die China Banking Regulatory Commission (CBRC) 86
2.4.7.2 Die China Securities Regulatory Commission (CSRC) 87
2.5 Entwicklung des Effektenmarkts in der Planwirtschaft 88
2.5.1 Entwicklung und Problematiken bei der Effektenemission 88
2.5.2 Entwicklung des Aktienmarkts 89
2.5.2.1 Entwicklung und Problematik des Sekundärmarkts 90
2.5.3 Der chinesische Kapitalmarkt am Vorabend des Inkrafttretens der WTO-Verpflichtungen 92
2.5.3.1 Die Transformation eines SOE in eine Aktiengesellschaft 92
2.5.4 Fragmentierter Aktienmarkt in China 93
2.5.4.1 Standorte der Wertpapierbörsen 95
2.5.5 OTC-Handelsplattformen 96
2.5.6 Strukturelle Probleme des Wertpapiermarkts 96
2.6 Integration des Finanzsystems Hongkong ab 1997 97
Exkurs Besuch der Shanghai Stock Exchange 98
3. Konklusion 100
Anhang A: Ausländische Beteiligungen an Banken der Volksrepublik China 107
Korruptionsindizes 108
Major Macro-Economic Indicators 108
Qualified Foreign Institutional Investors 109
Anhang B 110
Interview 1 110
Interview 2 112
Interview 3 115
Literaturübersicht 118

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die Resonanz der SOE auf diese Reformschritte war anfangs jedoch paradox: Der Wettbewerb durch TVEs und Joint-Ventures führte zu einer stärkeren Verwundung. Die Reduzierung der Preiskontrolle führte zu deutlichen Preisdifferenzen zwischen SOEs und der Konkurrenz, wobei letztere die besseren Konditionen für den Kunden bereithielten. Die Anzahl der Verlust bringenden SOEs wird im Jahre 1985 mit 10,7 Prozent beziffert und im Jahre 1990 mit 31,5 Prozent. Staatlichen Aufsichtsbehörden, Parteikader und Management der Unternehmen waren sich bewusst, dass ein langfristiger Bestand der chinesischen Wirtschaft nur durch eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen war. Chinesische Unternehmen mussten auf dem Weltmarkt konkurrieren können, da ein Wachstum in Isolation nicht mehr möglich war. Die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit konnte nur durch Verbesserung der technologischen Infrastruktur geschaffen werden. Daher legte die Regierung fest, dass ein bestimmter Prozentsatz des erzielten und einbehaltenen Gewinns in moderne Technologien investiert werden müsse. Zwar schlug dieses Programm an, doch führte es auch zu einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen. So gab es noch im Jahre 1995 305.000 Staatsunternehmen, von denen 118.000 industrielle Betrieben waren. Zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung in den urbanen Zentren waren bei SOEs beschäftigt, insgesamt 112 Millionen Beschäftigte oder 18 Prozent der verfügbaren Arbeitskraft (Weltbank 1996: 28). Nur sieben Jahre später, im Jahre 2002, war die Anzahl der [...]

Managementsystemen, Anreizgestaltung für die Mitarbeiter, sowie neuen Produkten mündete. Durch die Dezentralisation der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung auf regionaler und lokaler administrativer Ebene wurde der Druck auf die Deregulierung erhöht. Untere administrative Ebenen waren innovativer und pragmatischer bei der Werbung und Ansiedlung von Investoren. Sie liberalisierten den Dienstleistungssektor und verteilten Lizenzen für kleine Gewerbe und leichte Industrie mit dem Resultat eines hohen Wachstums in diesem Sektor. Dieser Dezentralisierungsprozess vollzog sich ab 1978 in zwei Schritten. Zum einen wurde der Entscheidungsprozess über Preis, Ertrag und Investition dem Führungskader der Unternehmen übertragen, zum anderen wurden notwendige Institutionen geschaffen, um diesen marktwirtschaftlichen Tendenzen zum Erfolg zu verhelfen. Wurden bis 1978 sämtliche Preise, Investitionen und Erträge von der zentralen Planungsbehörde festgesetzt, durften die Unternehmen ab diesem Zeitpunkt 30 Prozent der [...]

eigentliche Druck auf die SOE wurde hier durch ausländische Produktionsstätten ausgeübt, die ihre Produkte nicht nur exportierten, sondern auch in der Volksrepublik verkauften. Bis 1998 wurden in der Regel lediglich 47 Prozent der Produktion ausländischer Firmen exportiert38. Diese Zahl demonstriert das hohe Bedürfnis der chinesischen Bevölkerung nach unterschiedlichen Waren, die von der zentral gesteuerten Planwirtschaft bis dahin nicht produziert wurden. Die SOE wurden mit Produkten von erheblich besserer Qualität, attraktiverem Design und moderner Technik konfrontiert. Diese hatten einen deutlichen kompetitiven Vorteil gegenüber den Produkten rein chinesischer Provenienz. Darüber hinaus verfügten westliche Produkte über einen Prestigewert, der Wohlstand zeigte. Gleichzeitig gab es für die SOE eine Bedrohung ‚von unten’ durch die TVE, die geringere Löhne zahlten und weniger Sozialleistungen finanzierten. Somit konnten sie ihre Dienstleistungen und Waren bedeutend günstiger anbieten. Lediglich die großen Staatsaufträge gaben den SOE die Möglichkeit, eine adäquate strategische Antwort zu finden, die in neuen [...]

Arbeit zitieren:
Timmen, Lutz Mai 2006: Determinanten des chinesischen Kapitalmarkts, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
China, Kapitalmarkt, Bank, Embeddedness, Architecture

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