Destruktivität und Suizid
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Frank Wolf
- Abgabedatum: August 2002
- Umfang: 80 Seiten
- Dateigröße: 585,9 KB
- Note: 1,5
- Institution / Hochschule: Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6408-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6408-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6408-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wolf, Frank August 2002: Destruktivität und Suizid, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: autoaggression, Konflikt, Frustration, Suizidhandlung, Depression
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Diplomarbeit von Frank Wolf
Problemstellung:
Ist es in der Belletristik oder in den Dramen der Unterhaltung, etwa die verschmähte oder unglückliche Liebe, so ist es in den realen Lebensverhältnissen meist doch nüchterner, weshalb sich Menschen gegen ihren Körper (durch Destruktivität) bzw. gegen ihr eigenes Leben (durch Suizidalität) wenden. Das Phänomen Destruktivität und Suizid ist ein komplexer Untersuchungsgegenstand.
Wie ist das Paradox des Suizids zu erklären? Kann man ihn als eine freie Entscheidung ansehen oder geschieht er aus einer Verkettung unglücklicher Lebensumstände. Das Interesse zur Beantwortung des Phänomens ist im Lauf der Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts größer geworden. In der interdisziplinären Suizidforschung, die sich als eigener Forschungsstrang, namens „Suizidologie“ etabliert hat, läßt sich der Erklärungsgegenstand grob in zwei wissenschaftlichen Interessenrichtungen teilen. Zum einen, stellt sich die Frage für die Soziologie und Philosophie; welche äußeren Einflüsse und Umstände (d.h. Wann, Wo, Wie?) der erlebten Umwelt/Gesellschaft lassen Suizidhandlungen zu, beziehungsweise begünstigen ihn sogar? Zum anderen, gerät das Individuum in den Fokus des Interesses, insbesondere bei den Psychoanalytikern und der Psychopathologie; es wird gefragt aus welchen inneren Antrieben (d.h. Wer der Betroffene ist, Wie er geworden ist, Welche Gründe?) - vor allem psychischer Natur - bildet sich eine suizidale Bedrohung bilden bzw. ausgelöst werden kann, beziehungsweise Möglichkeiten zur nachhaltigen Suizidprophylaxe oder seelsorgerische Hilfsmaßnahmen?
Der Suizid ist keine Erscheinung der industriellen Revolution oder des alten oder neuen Jahrtausend, so kann man davon ausgehen, daß seit der Genese der Menschheit Selbsttötung praktisch als eine Möglichkeit zum subjektiv-individuellen Handeln existiert. Einige destruktive Verhaltensweisen sind recht neu, möglicherweise sind sie der Ausdruck „neuerer“ gesellschaftlicher Strömungen - nicht zuletzt im Kontext der Beckschen Risikogesellschaft, der „Fahrstuhleffekt“ der Individualisierung führt zu Opfern, aufgrund „krankmachenden“ Gesellschaftsverhältnisse - in subjektiven Ausdrücken von Drogensucht, Fettsucht, Magersucht oder anderen Autoaggressionen.
Wie kommt es zu einem Verhalten das gegen den Selbsterhaltungstrieb arbeitet, also negativ für das Individuum ist, kurz; sich gegen seinen eigenen Körper richten? Welche Grundlagen müssen geschaffen sein - wenn es sich überhaupt festlegen läßt - um destruktive und suizidale Verhaltensweisen zu begehen, das also die eigene innere Selbsterhaltung im geistigen Bewußtsein, mittels negativer wiederkehrender Schlüsselreize, die letztlich für den einzelnen Menschen zermürbend wirken und schließlich ganz aufhört zu existieren?
Dieses sind einige Fragen der vorliegenden Arbeit. Die Destruktivität und der Suizid sind dann folglich Ausdruck einer menschlich-sozialen Desintegration par Excellenze. Bei beiden besteht ein unauflösbarer Widerspruch: Opfer und Täter zugleich zu sein. Zumindest der Suizid stößt (als Spitze des Eisberges) auf Unbehagen in der Gesellschaft. Er wird einerseits als Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft gesehen, und andererseits, als Ausdruck der Nicht-Anerkennung und letztlich der Vereinzelung ohne Anschluß an die Gemeinschaft oder durch weitere Auslöser gesellschaftlicher Art. Und zum anderen, als individuelle Krankheitsausprägung verstanden, die ihre Wurzel in der frühen Kindheit findet oder als eine Form von Glaubensschwäche oder gar sündiger Besessenheit wie es teilweise (je nach ideologischer Auffassung) in der Geschichte dem religiösen Glauben entsprach.
Diese Arbeit sieht ihren Fokus in den theoretischen Fragestellungen, wie destruktives und suizidales Verhalten erklärt werden kann, und die möglichen Schlußfolgerungen aus dieser Erklärung. Daher ist die Arbeit in fünf Hauptkapiteln (Kap.2. - Kap.6.) aufgeteilt. Zuerst wird im zweiten Kapitel der Inhalt und die Abgrenzung der hier auftretenden Begriffe vorgenommen. Der Suizid, meist in der Alltagssprache als Selbstmord, Selbsttötung oder Freitod benannt und die Destruktivität, die hier die Selbstzerstörung oder Selbstvernichtung der eigenen Körperlichkeit meint, jedoch ohne konkrete suizidale Verhaltensweisen aufweisen zu müssen, sondern sich über Drogenkonsum oder anderen Suchtverhalten oder sonstigen Zwängen äußern, die aber wiederum mit suizidalen Verhalten in Wechselwirkung eng miteinander verbunden sind, werden näher beleuchtet. Sodann folgt im dritten Kapitel die Aufspaltung in den unterschiedlichen Theorieansätzen der Soziologie, Psychoanalyse und der Psychophatologie, mit deren bekanntesten Vertretern. Im vierten Kapitel wird der Suizid in der Statistik betrachtet und versucht Ableitungen daraus zu ziehen. Alsdann versucht das fünfte Kapitel die Ursachen zu beleuchten, weshalb in der Gesellschaft destruktives Verhalten und/oder suizidale Handlungen vorkommen. Dabei werden alters- und geschlechtsspezifische Eigenschaften berücksichtigt. Wer ist besonders gefährdet? Im zweiten Teil des 5. Kapitels werden dann noch mal die wiederkehrenden Hauptmerkmale, die in der Literatur ihren Schwerpunkt haben, darunter der Konflikt, Störung der Kommunikation und die negativen Lösungsstrategien, durch innere oder äußere Aggression und Drogenkonsum, gesondert behandelt. Schließlich fragt das sechste Kapitel ob der Suizid sich überhaupt mit einer monokausalen Erklärung beschreiben lassen kann.
Eine Behandlung der Thematik in ihrem vollem Umfang kann diese Arbeit nicht leisten. Zu vielfältig sind die einzelnen Aspekte, die insbesondere der Suizid in der wissenschaftlichen Untersuchung einnimmt. So sind die einzelnen Bereiche wie etwa der historische Verlauf oder die Erscheinung von Kollektivsuiziden oder Maßnahmen zur Suizidprophylaxe, wenn überhaupt vorkommend, nur sehr oberflächlich behandelt. Vielmehr richtet sich der Blick zu einer allgemeinen Einsichtsbeleuchtung des Phänomens Suizid und der Destruktivität, also eine Klärung der Fragen, die eingangs bereits formuliert worden sind.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Abgrenzung und Inhalt der Begriffe | 8 |
| 2.1 | Destruktivität | 9 |
| 2.2 | Selbstmord | 10 |
| 2.3 | Freitod | 11 |
| 2.4 | Suizid | 12 |
| 2.4.1 | Suizidversuch | 13 |
| 2.4.2 | Suizidmethoden | 14 |
| 2.4.3 | Suizidhandlung | 15 |
| 3. | Drei Erklärungsperspektiven von destruktiven Verhalten und Suizidhandlung | .17 |
| 3.1 | Soziologische Theorien | 17 |
| 3.1.1 | Durkheim und „Der Selbstmord“ | 17 |
| 3.1.2 | Die Grundtypen des Suizids | 22 |
| 3.1.2.1 | Altruistischer Selbstmord | 22 |
| 3.1.2.2 | Egoistischer Selbstmord | 23 |
| 3.1.2.3 | Fatalistischer Selbstmord | 24 |
| 3.1.2.4 | Anomischer Selbstmord | 24 |
| 3.1.3 | Weitere soziologische Ansätze seit Durkheim | 26 |
| 3.2 | Psychoanalytische Theorien | 27 |
| 3.2.1 | Freuds Theorie von Frustration und Aggression - destruktives und konstruktives Verhalten | 27 |
| 3.2.2 | Weitere psychoanalytische Theorien | 28 |
| 3.2.2.1 | Henseler | 30 |
| 3.2.2.2 | Narzißmus | 32 |
| 3.3 | Psychopathologische Theorien | 34 |
| 3.3.1 | Präsuizidales Syndrom | 34 |
| 3.3.2 | Depression | 40 |
| Exkurs: Der Suizid in der Philosophie | 43 | |
| 4. | Der Suizid in der Statistik | 45 |
| 4.1 | Die Ermittlung und Kategorisierung der Suizidrate | 45 |
| 4.2 | Statistische Messprobleme | 46 |
| 5. | Destruktives Verhalten und Suizidhandlung in der Gesellschaft | 48 |
| 5.1 | Alters- und Geschlechtsspezifische Eigenschaften zum destruktiven Verhalten und Suizidhandlung | 48 |
| 5.1.1 | Kinder und Jugendliche | 52 |
| 5.1.2 | Frauen und Männer - Relationen zwischen den Geschlechtern | 55 |
| 5.1.3 | Alte und Kranke | 57 |
| 5.2 | Die herauszulesenden und wiederkehrende Hauptmerkmale des Erklärungsgegenstandes zum destruktiven und suizidalen Verhaltens in den Theorien | 58 |
| 5.2.1 | Konflikt: Krise und Belastung | 58 |
| 5.2.2 | Störung der intersubjektiven Kommunikation | 61 |
| 5.2.3 | Negative Lösungsstrategien zur Konfliktbewältigung | 63 |
| 5.2.3.1 | Äußere Aggression und Autoaggression | 63 |
| 5.2.3.2 | Drogenkonsum | 67 |
| 6. | Läßt sich der Suizid über spezifische Zusammenhänge erklären? | 72 |
| 7. | Schlussbetrachtung | 77 |
| Literaturverzeichnis | 80 |
Einengung durch immerwährende Kränkung, der sich zu gerichteten Aggressionsumkehr und aufkommenden (als faszinierend empfundene) Suizidphantasien, der es fast erlaubt eine Voraussage zu wagen Wer und Wie suizidgefährdet jemand ist. Zu einer Manifestation des Syndroms kann es kommen wenn der betroffene Mensch, entweder durch permanente Kränkungen, Enttäuschungen und Misserfolge ausgesetzt ist oder durch Missverständnisse, Ausgrenzung und Verkennung seiner ihm gegebenen Identität (durch die subjektiv-erlebte Prägung und dem sozialen Umfeld - Gesellschaft und Natur) nicht in der Gemeinschaft ausleben kann. Insbesondere (und das ist eigentlich das Schlimmste und beweist die Rechtfertigung und Berechtigung der Soziologie sich dem Suizid zuzuwenden) durch sein direktes soziales Umfeld, also nahestehenden Personen. Die dabei erlebte Krise und wachsende Emotionalität kann dann dazu führen, dass das Selbstwertgefühl derart verletzt, bzw. zerstört wird, und daraufhin den (bewusst oder unbewusst) selbstzerstörerischen Weg, zu einem suizidal Handlungsneigenden, entscheidet.115 "E. Ringel hat mit dieser These eine Haltungsänderung der kirchlichen Beerdigungspraxis eingeleitet. Die rigiden Haltungen suizidalem Verhalten gegenüber, konnten unter dem Aspekt Krankheit schonungsvoller gehandhabt werden. Und ebenfalls unter dem Zeichen der Krankheitsthese ist es gelungen, Ärzte zur suizidprophylaktischen Mitarbeit zu gewinnen."116 Nachfolgend wird die Depression unter Augenschein genommen, diese Krankheit korreliert besonders positiv mit suizidalen Handlungen, dieses hat bereits Durkheim als Auffälligkeit beschrieben.117 [...]
Ungünstige Verhältnisse in der Kindheit führen mit Ringel zu einer ungenügenden "Ich-Entfaltung" mit den Folgen einer pathologischen, symbiotischen Beziehung zu den verursachenden Autoritäten, des Nichterlangens von Selbstständigkeit, Individualität und der Fähigkeit, Konflikten zu begegnen.111 Ringel sieht die neurotische "FehlEntwicklung" durch drei Faktoren bestimmt, die in frühester Kindheit ihre Grundlage haben und gehemmte, entmutigte, schüchterne, unsichere, kontaktgestörte und ängstliche Züge in der persönlichen Charakteristik zur Folge haben:112 1) Grundsätzlich entmutigte Lebenseinstellung, die gleichzeitig eine Lebensraumeinengung zur Folge hat. 2) Fixierung an stereotype Apperzeptions- und Verhaltensmuster, die sich endlos in einem Wiederholungszwang äußern. D.h. die Wahrnehmung und das Verhalten ist obsessiv eingeschränkt. 3) Neurotische Übertragungshaltungen, d.h. die Erwartung an "Nichtverstandenwerdens" und des "Alleingelassenwerdens" an sein Umfeld113 Die zu suizidalem Verhalten neigende neurotische Persönlichkeit, ist natürlich nicht durch analytische Gesetzmäßigkeiten dingfest zu machen. Jede Identitätsentwicklung setzt "Vorgänge" voraus. Jede Identität nimmt die Vorgänge anders auf. Mit Vorgängen sind hier alle (materiellen und immateriellen) Begegnungen, Situationen, Lebenslagen und -umstände gemeint, die Prägend für die Entwicklung der Persönlichkeit beitragen. Dabei sind gerade individuelle und situationsabhängige Vorgänge nicht in einer starren axiomatischen Konstellation konstruiert, jedoch lassen sich bei suizidgefährdeten Menschen (ideal)typische Gemeinsamkeiten und immer wiederkehrende Verhaltensformen erkennen.114 Die Psychopathologie steuert dieser Problematik entgegen, indem sie weitgehend auf individueller Grundlage versucht Gemeinsamkeiten zu finden. Daher ist die präsuizidale Persönlichkeit, die Ringel ermittelte, eine dynamische Entwicklung, sie basiert aber auf drei Merkmalsausprägungen. Es ist der Trias, von der Basis der gefühlten [...]
Der Österreicher Ringel sieht wie bereits eingangs erwähnt in jeder Suizidhandlung "den Abschluss einer krankhaften Entwicklung". Sein Syndrom sagt zwar nicht mit Sicherheit eine Suizidhandlung voraus, ist in dem Sinne also nicht spezifisch; aber sie gilt demgemäß als "richtungweisend", indem das Syndrom eindringlich auf eine bestehende Suizidgefahr hinweist und zu konstruktiven Gegenmaßnahmen verpflichtet.109 Henseler trägt das Bild vom präsuizidalen Syndrom folgendermaßen zusammen: "Das Syndrom entwickelt sich im Ablauf einer krankhaften Entwicklung hin zum Suizid.(...)vielmehr führen Bedingungen verschiedener Art zu einer 'schweren Neurotisierung in der Kindheit' mit dem zentralen Symptom der 'Ich-Verunsicherung'.(...)Aus diesem 'Kindheitssyndrom' entwickelt sich nicht die klassischen Neuroseformen - wie hysterische, phobische, anankastische, neurasthenische oder psychosomatische Bilder vielmehr eine 'Neurose zum Selbstmord hin', eine 'Neurose der Lebensgestaltung' bzw. der 'Lebensverunstaltung'."110 [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832464080
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Wolf, Frank August 2002: Destruktivität und Suizid, Hamburg: Diplomica Verlag
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autoaggression, Konflikt, Frustration, Suizidhandlung, Depression



