Die Darstellung der deutschen Einheit in Günter Grass' Roman "Ein weites Feld"
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Torsten Lager, geb. Hell
- Abgabedatum: November 1999
- Umfang: 98 Seiten
- Dateigröße: 505,9 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2194-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2194-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2194-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lager, geb. Hell, Torsten November 1999: Die Darstellung der deutschen Einheit in Günter Grass' Roman "Ein weites Feld", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Fiktionalität, Grass , Günter, Wiedervereinigung
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Magisterarbeit von Torsten Lager, geb. Hell
Einleitung:
Diese Arbeit versucht, den Platz des Romans im OEuvre zu bestimmen (soweit das zu diesem Zeitpunkt überhaupt möglich ist) und in das Beziehungsgeflecht Grass’scher Motive einzuordnen, um auf diese Weise zu Interpretationsaussagen zu kommen. Es geht nicht darum, Grass’ Position zur deutschen Wiedervereinigung herauszuarbeiten und anhand des Romans abzuklopfen. Dennoch ist sein Standpunkt natürlich nicht ohne Bedeutung, nicht zuletzt, weil die Frage der deutschen Einheit für ihn seit langem eine Rolle spielt.
Die Arbeit wird anhand ausgewählter poetologisch relevanter Texte (Essays, aber auch Gedichte von Grass) versuchen, seine Positionen herauszuarbeiten, wobei auch die Forschung an diesen Beispielen dargestellt wird. Es wird nicht möglich sein, einen Gesamtüberblick über die Entwicklung sowohl seines Stils als auch der Forschung zu geben. Weniger muss hier mehr sein. Es kann nur darum gehen, ein Feld abzustecken, auf dem im II. Teil dann konkret zu dem einen Roman geackert werden soll. Die Vorgeschichte und das poetologische Umfeld des Weiten Felds sollen grob beschrieben und der bereits erwähnten Frage nachgegangen werden, inwiefern und wo ein Bruch in Grass stilistischen Prinzipien festzustellen ist, der sich im für ihn revolutionären Farbgebrauch äußert. Um die Vermessenheit dieses Anspruchs zu relativieren, ist es nötig, darauf zu verweisen, dass nur ein Blickwinkel vorherrschen kann. Für die Themenstellung von besonderem Interesse sind die Art der Wirklichkeitsdarstellung und damit Fragen der Gegenständlichkeit. Der II. Teil wird die Bilder beschreiben, die Grass heranzieht, um seine Position zur Wiedervereinigung darzulegen. Sodann wird ihre Wiederkehr im Roman anhand einiger Beispiele untersucht.
Von besonderem Interesse ist das Verhältnis zwischen Grass’ graphischem Arbeiten und dem Schreiben.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung: Ein weites Feld im Grass’schen Bilderkosmos | 3 | |
| I. | Das poetologische Feld | 11 |
| I.1 | Der Grund | 11 |
| I.2 | Die Entwicklung politischen Engagements | 21 |
| I.3 | Der poetologische Horizont um 1990 | 26 |
| II. | Das weite Feld der deutschen Einheit | 37 |
| II.1 | Die Reden | 38 |
| a) | "Der Zug ist abgefahren." | 42 |
| b) | Ökonomie | 44 |
| c) | Der familiare Bereich | 49 |
| d) | Natur + Landschaft | 51 |
| e) | Farben | 53 |
| f) | Sonstige | 55 |
| II.2 | Verarbeitung im weiten Feld | 58 |
| a) | Der Abgrund | 63 |
| b) | Der Paternoster | 71 |
| c) | Das Geld | 73 |
| d) | Fonty und Hoftaller: die Farben | 75 |
| Ergebnisse | 80 | |
| Zusammenfassung und Ausblick: Das Feld 1999 | 87 | |
| Literaturverzeichnis | 93 | |
| A. | Primär | 93 |
| B. | Sekundär | 94 |
Der Eindruck eines rückwärtsgewandten, realitätsfremden Menschen mag dadurch verstärkt werden, daß Grass stets die Vergangenheit im Blick hat und sie immer als Argument gebraucht. Teil seiner Kritik ist gerade, daß er die von ihm festgestellte Geschichtsvergessenheit für verhängnisvoll hält. In Grass’ Perspektive könnte man die Ausblendung der Geschichte ebenfalls als Realitätsverlust sehen. Eine weitere Schwierigkeit in der Vermittlung seines Standpunkts liegt darin, daß Grass (wohlweislich) kein griffiges Gegenkonzept anbietet. Seine Forderung liegt vor allem darin, dem Prozeß einen anderen Charakter zu geben. Die oft vorkommenden Gegensatzpaare „zusammenschustern“ oder auch „-wuchern“ statt „-wachsen“ machen deutlich, daß Grass sich einen langsamen, organischen und damit gesunden Verlauf gewünscht hatte, der sich vom tatsächlich geschehenen „Vollzug“ unterschieden hätte. In der Forderung, den Prozeß verantwortungsvoll, aktiv und mit Respekt gegenüber den Menschen der DDR zu gestalten, was vorschnelle Verurteilungen und einfache Wahrheiten ausschließt, wird der moralische Charakter der Kritik deutlich. Im einfachen Beitritt der östlichen Länder zum Grundgesetz sieht Grass auch eine fehlende Würdigung der geschichtlichen Zäsur, die durch die Umwälzungen im Jahre 1989 gesetzt worden ist. Für Grass hätten Langsamkeit, Nachdenklichkeit und Dialog in einer neuen Verfassung münden sollen. Von grundlegender Bedeutung für diese Utopie ist die Offenheit, das nicht vorher bestimmte Ergebnis. Da die alten Maßstäbe nicht mehr angemessen sind, müssen zuerst neue gefunden werden. Alle diese - durchaus vorwärtsgewandten, positiven - Aspekte sind durchaus in den Reden zu finden. Sie sind jedoch noch nicht gestaltet, sie lassen sich nicht gut greifen, sondern eher aus den Blöcken der Kritik ableiten. Es kann nicht geleugnet werden, daß dazu Wohlwollen vonnöten ist. [...]
Das Feld der Bilder, die dem familiaren Bereich zugeordnet werden können, ist kaum kleiner als das der ökonomischen Metaphern, aber weniger einheitlich. Grass greift hier nicht umlaufende Wendungen auf, sondern findet Bilder, um seine Beobachtungen auszudrücken. In den meisten Fällen wird das Kritisierte dadurch kleiner gemacht und der Lächerlichkeit preisgegeben. Ich unterteile den Bereich in zwei Abschnitte: familiar im engeren Sinne, also Vergleiche mit dem familiären häuslichen Leben (Bezug auf Essen u. a.), als im weiteren Sinne familiar interpretiere ich z. B. Wendungen, in denen die Wiedervereinigung als schlechter Hausbau dargestellt wird. Das Bild einer Familie ruft Grass in einer Skizze zu einem „beckettschen Einakter“, „Der vereinsamte Kapitalist“, auf (16, 472): Beim vereinsamten Kapitalisten handelt es sich um einen Herrn mittleren Alters, korrekt gekleidet, nur der Schlips sitzt nicht mehr gerade. Gemeinsam mit seinem „Zwillingsbruder“, dem Kommunismus, hat er die „familiäre Mißgeburt“, den Faschismus, besiegt (beide 16, 473). Nachdem er nun aber auch den Bruder ausgeschaltet hat, ist er vereinsamt und orientierungslos, er wird seines Sieges nicht recht froh. Ihm fehlt das (sei es feindliche) Gegenüber als Orientierungspunkt. Durch Einwände, wie sie von Menschen wie Grass kommen, fühlen sich die Sieger der Geschichte beim „Siegerfrühstück“ gestört (16, 471): „Was ich erzählte und erzählend auf die Spitze getrieben hatte, paßte nicht in die gute Stube der siegreichen Ideologie“ (16, 470): [...]
sei gerade wegen der schlechten Zeiten nicht gefährdet: „Wo es stinkt, sind Schriftsteller, die auf sich halten, zur Stelle. Wo sich Abgründe von Korruption auftun, findet der Dichter, knapp vor der Kante zum Abgrund, seinen Standort.“ (16, 482) Anhand der Standortmetapher formuliert Grass auf diese Weise knapp seinen Anspruch als Künstler an sich selbst (und andere): nicht schönfärben, sondern den Dreck, die Abbruchkante, aufsuchen und beschreiben (hier korrespondiert das Bild mit dem der Abbruchkante des Tagebaus - s. u.). Der Gegenstand, der die Ökonomisierung des Denkens, aber zugleich auch die irrationalen Aspekte dieses Denkens am besten in sich bündelt, ist die D-Mark. Es scheint kein Zufall, daß die erste Stufe der Einheit die gemeinsame Währung ist, bzw. „der Einbruch der D-Mark in die DDR“ (16, 267). Der Schriftsteller, der „spätestens im Umgang mit Verlegern das Rechnen gelernt hat“ (ebd.), beklagt, daß der „Fetisch Währung“ (16, 289) die Idee ersetzen soll, und sich so das, was ursprünglich auch Freude machte, „auf Mark und Pfennig verkürzt“ habe (16, 267, auch 310). Die westdeutsche Angewohnheit, das Wirtschaftswunder zu glorifizieren („der Kinderglaube an das marktwirtschaftliche Bilderbuch aus Ludwig Erhards Zeiten“ - 16, 268) findet seine Entsprechung im östlichen Glauben an das „Goldene Kalb, die harte D-Mark“ (16, 269). Die D-Mark ist „Gedankenersatz und Alleskleber. Das Wunder in Neuauflage.“ (16, 287) Diese Erhöhung einer Währung zum Glaubensobjekt ist allerdings nicht ganz harmlos. Die Währungsunion zeigt laut Grass den „erbarmungslosen Umgang mit Menschen, die seitdem schutzlos den Methoden des Frühkapitalismus ausgesetzt sind.“ (16, 296) Die D-Mark steht, „zwar nicht Gewehr bei Fuß, aber doch in erprobter Härte, an der Oder.“ (16, 309) An der letzten Formulierung zeigt sich wieder Grass’ Technik, eine Sache nicht zum Symbol zu stilisieren, sondern sie als Gegenstand wahrzunehmen. In diesem Fall wird die D-Mark zum belebten Wesen, das die eigene Bevölkerung und die Nachbarn bedroht. Sie ist eher zu fürchten, als daß sie zum Anbeten taugt. Der Gegenstand D-Mark wird aus der religiösen Sphäre geholt und durch Personifikation (DM als Soldat) konkretisiert. Es würde den Rahmen sprengen, alle Formulierungen aufzuzählen, die sich ökonomischer Ausdrücke bedienen oder Gegenstände aus dem Wirtschaftsbereich zum Thema haben. Wie ich bereits andeutete, wäre dieser Aspekt in Grass’ Œuvre eine eigene Untersuchung wert. Die ausgewählten Beispiele können aber bereits zeigen, wie nah Grass diese Sprache ist, wie sehr er aber deswegen auch um die Begrenztheit dieser Art zu denken weiß. Er lehnt die Perspektive nicht aus Prinzip ab, sondern klagt ein, daß ihr stets andere Dinge, summiert unter „Politik“ oder „kultureller Gedanke“, übergeordnet sein müssen. Das Bildfeld taugt einerseits zur Versachlichung, zur Entzauberung, es bietet auch die Möglichkeit zu beißendem Spott. An ihm zeigt sich, wie einfacher Sprachgebrauch entlarvend, bewußter aber sehr erhellend sein kann. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832421946
Arbeit zitieren:
Lager, geb. Hell, Torsten November 1999: Die Darstellung der deutschen Einheit in Günter Grass' Roman "Ein weites Feld", Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Fiktionalität, Grass , Günter, Wiedervereinigung



