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Die Darstellung des Vietnamkrieges im US-amerikanischen Spielfilm

Die Darstellung des Vietnamkrieges im US-amerikanischen Spielfilm
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Michael Schröder
  • Abgabedatum: Mai 1997
  • Umfang: 131 Seiten
  • Dateigröße: 638,5 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9145-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9145-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9145-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schröder, Michael Mai 1997: Die Darstellung des Vietnamkrieges im US-amerikanischen Spielfilm, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Südostasien, Konflikt, Filmanalyse, hermeneutisch, Stanley Kubrick

Magisterarbeit von Michael Schröder

Einleitung:

Die Verwicklungen und die spätere direkte Teilnahme (Kampfhandlungen ab 1965) der Vereinigten Staaten von Amerika am Vietnamkrieg waren in den sechziger und siebziger Jahren eine der kontroversesten und heißumstrittensten politischen Unternehmungen in diesen Jahrzehnten überhaupt. Kaum ein anderes Thema hat die amerikanische Gesellschaft dermaßen stark polarisiert und so heftige Protestbewegungen (Demonstrationen, Friedensmärsche, studentische Unruhen) hervorgerufen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Vietnamkrieg ist unumgänglich verknüpft mit einer Betrachtung auch des gesellschaftlichen Kontextes der endsechziger Jahre - einer Zeit des Umbruchs, des Protests und der Revolte. In der amerikanischen Gesellschaft, und parallel dazu auch in weiten Teilen Europas, fand eine Radikalisierung eines Teiles der Jugend statt, die sich nicht nur in vermehrt politischen Aktivitäten, sondern auch in Bereichen der Mode/Kleidung, der Kunst, und der Rockmusik äußerte.

Die Formierung einer Antikriegsbewegung aus den unterschiedlichsten Teilen der Bevölkerung ging einher mit der Entstehung einer neuen Sub- oder Gegenkultur, den "Hippies" und ihren Vorläufern, den "Beatniks", die eigene Vorstellungen zu Politik, Mode, Sexualität und Drogenkonsum entwickelten und zumeist eine generelle Anti-Establishment-Haltung einnahmen. Parallel dazu wurden Forderungen nach Gleichberechtigung sowohl bei schwarzen Minderheiten (Martin Luther King, Malcom X, Black-Muslim- und Black-Panther-Bewegung), als auch bei Frauen (Women's Liberation Movement) laut, die verstärkt für ihre verfassungsrechtlich garantierten Bürgerrechte eintraten.

Der Vietnamkrieg konnte verschiedene Protestbewegungen mit völlig unterschiedlichen Motiven und sozialen Wurzeln vereinen: Hippies, Studentengruppierungen, Bürgerrechtler, Feministinnen, Black-Panther-Anhänger, die "alte" und die "neue Linke" traten gemeinsam zum Kampf an gegen den Krieg in Vietnam, der ihrer Meinung nach von Grund auf falsch und nicht zu rechtfertigen war, Dennis Hoppers Film "Easy Rider" vermittelt die Atmosphäre, die in der polarisierten amerikanischen Gesellschaft dieser Zeit vorherrschte, recht anschaulich: auf der einen Seite findet man in diesem Film die spontanen, freiheitsliebenden, langhaarigen Hippies Wyatt und Billy, und auf der anderen Seite die reaktionären "Rednecks", die bereit sind, ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung durchaus auch mit Gewalt durchzusetzen.

Die Opposition gegen den Krieg nahm in den USA Jahr für Jahr zu. Hielten laut Umfrage im November 1967 noch 45 Prozent der amerikanischen Bevölkerung das US-Engagement in Vietnam für richtig, so waren 1971 71 Prozent der Bevölkerung der Ansicht, es sei ein Fehler gewesen amerikanische Truppen nach Vietnam zu schicken.

Die Gründe für den Protest gegen den Vietnamkrieg waren sehr unterschiedlich. Einige Kriegsgegner hielten den Krieg für moralisch falsch; manche glaubten, er sei nicht zu gewinnen. Wieder andere hielten ihn für zu teuer und glaubten, dass die finanziellen Mittel, die dafür aufgebracht werden mussten, besser dazu verwendet werden sollten, die inländischen Probleme anzugehen. Populäre Figuren der schwarzen Bewegung, wie Cassius Clay (Muhammad Ali), Malcom X und Martin Luther King, Jr., waren Kriegsgegner mit großem Einfluss auf die schwarze Bevölkerung. King behauptete zu Recht, dass Schwarze, weil sie in der Regel der armen Unter- und Mittelklasse entstammten, proportional häufiger eingezogen wurden als Weiße. Einmal eingezogen, war die Wahrscheinlichkeit in gefährlichen Infanterieeinsätzen zu fallen für Schwarze ebenfalls höher als für Weiße. In den frühen Jahren des Vietnamkrieges betrug die Anzahl der schwarzen Verluste ca. 23%, obgleich ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur bei etwa 11% lag. Ab 1968 verringerte sich diese Diskrepanz, nachdem das US-Militär aufgrund der Kritik entsprechende Maßnahmen zur Senkung schwarzer Verluste ergriffen hatte.

Nicht unwesentlich hat vermutlich das Fernsehen mit seiner alltäglichen Berichterstattung über das ferne Kriegsgeschehen zum Anwachsen der Antikriegsbewegung beigetragen. Nicht nur die Medienberichterstattung über die Tet-Offensive des Gegners (1968), die die militärische Lage zum großen Teil sehr verzerrt und sogar falsch wiedergab, trug dazu bei, dass bei der Bevölkerung der Glaube an einen bald zu erringenden Sieg zu schwinden begann, sondern auch die amerikanische Regierung mit ihrer bis dahin zu optimistischen und zu beschönigenden Darstellung der Lage.

Doch obwohl das Thema Vietnam von spätestens 1968 bis 1973 eindeutig die Medien der USA tagtäglich beherrschte, gab es in dieser Zeit erstaunlich wenige Spielfilme mit direktem Vietnambezug. Bekannteste Ausnahme ist der John-Wayne-Propagandafilm "The Green Berets" von 1968. Wesentlich größer hingegen ist zur Zeit des Kriegsgeschehens die Anzahl der Filme, die sich mit den Auswirkungen des Krieges auf das zivile amerikanische Leben befassen. Solche Zeitgeistfilme wurden verstärkt ab 1968 gedreht, neben "Easy Rider" z.B. "Greetings" und "Alice's Restaurant". Im Mittelpunkt stehen hier zumeist Jugendliche, die versuchen, den herkömmlichen gesellschaftlichen Konventionen zu entfliehen.

Eine besondere Kategorie dieser Zeitgeistfilme sind die Campusfilme, in denen Vertreter der studentischen Friedensbewegung in ihrer Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt gezeigt werden, z.B. "The Strawberry Statement", "Zabriskie Point", "Getting Straight".

Einige amerikanische Autoren, z.B. GILBERT ADAIR und ANTONY EASTHOPE, sind der Auffassung, dass jeder US-Film, der zwischen 1965 und 1975 gedreht wurde, zwangsweise einen direkten oder indirekten Bezug zu Vietnam haben müsse. Tatsächlich finden sich in zahlreichen Spielfilmen jener Zeit, z.B. "Wild Angels" (1966), "The Trip" (1967), "Petulia" (1968), "The People Next Door" (1969), "John and Mary" (1969) und "Zabriskie Point" (1969) immer wieder Spuren von Vietnam, meistens in Form von Radiomeldungen oder Fernsehnachrichten über den Krieg.

Die wichtigsten eigentlichen Vietnamkriegsfilme wurden auffallender Weise alle erst nach Kriegsende (1975) in den späten siebziger und in den achtziger Jahren gedreht, z.B. "APOCALYPSE NOW", "The Deer Hunter", "PLATOON", "FULL METAL JACKET".

Nicht nur an der "Heimatfront" in Amerika waren die Auswirkungen der Proteste und des Unmuts über den Krieg in Südostasien vielfach spürbar, sondern auch direkt im Kampfgebiet in Vietnam. Die mangelnde Identifikation vieler US-Soldaten mit einem für sie höchst fragwürdigen, gefährlichen Kampfeinsatz in einem fremden Land, mit dem abstrakten Ziel, den Weltkommunismus zurückzudrängen, spiegelte sich wider in einer generell schlechten Truppenmoral. Verstärkt wurde die weit verbreitete ablehnende Haltung durch Berichte über die Antikriegsaktivitäten in der Heimat und den dadurch entstehenden Eindruck, dass die Bevölkerung zu Hause die Opfer der Soldaten an der Front in keiner Weise zu würdigen bereit war.

Dieses Stimmungsklima, gezeichnet von Zweifeln an der Richtigkeit des militärischen Einsatzes, hatte einen generellen Einbruch der Disziplin zur Folge. In bisher unbekanntem Maße stiegen die Zahlen von Befehlsverweigerungen, unerlaubtem Entfernen von der Truppe, und der Desertationen. Ein großes Problem war auch der weit verbreitete Drogenmissbrauch. Haschisch und Marihuana waren in Vietnam von der vietnamesischen Bevölkerung jederzeit käuflich zu erwerben, aber auch harte Drogen, wie Morphium und Heroin, wurden, besonders in den siebziger Jahren, vermehrt konsumiert. Außerdem kam es gehäuft zu Anschlägen auf Vorgesetzte, sogenanntes "Fragging" (über 700 registrierte Zwischenfälle allein zwischen 1969 und 1971). Schlecht ausgebildete, zum Teil inkompetente Führungskräfte, Konflikte zwischen "lifers" (Berufssoldaten) und "draftees" (Wehrpflichtigen) sowie rassische Spannungen kamen hinzu.

Gang der Untersuchung:

Sämtliche oben genannten Aspekte finden sich häufig in den Vietnamkriegsfilmen wieder (vgl. z.B. "Platoon"). Dabei ist festzustellen, daß es den typischen Vietnamfilm als solchen nicht gibt. Vielmehr handelt es sich um eine ganze Sparte von Filmen, die verschiedenen Kategorien mit jeweils charakteristischen Merkmalen zugeordnet werden können. Dies soll im ersten Teil der vorliegenden Magisterarbeit erfolgen. Zum besseren Verständnis der gesamten Arbeit wird diesem ersten Hauptteil ein kurzer Überblick über die historischen Hintergründe und den Verlauf des Vietnamkrieges vorangestellt, der im vorgegebenen Rahmen jedoch nur skizzenhaft bleiben kann.

Anhand der wichtigsten Filmproduktionen wird im ersten Teil der Magisterarbeit versucht, die Entwicklung des Vietnamfilmes aufzuzeigen. Dabei erfolgt aufgrund wiederkehrender Strukturen und Handlungsmuster eine Zuordnung in bestimmte Kategorien (Vorläuferfilme, Kriegsfilme, Veteranenfilme, Zeitgeistfilme, Kriegsgefangenenfilme, allegorischer Vietnamfilme) und gegebenenfalls in weitere Unterkategorien (z.B. Heimkehrerfilme, Campusfilme, Bikerfilme, Actionkrimis). Dabei ist zu bemerken, daß die Auflistung der Filme keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, da ein Teil der US-Produktionen in Deutschland nicht oder nur begrenzt zugänglich ist und speziell in den achtziger Jahren eine Vielzahl von zweitklassigen, stereotypen Actionfilmen mit Schauplatz Vietnam den Markt überflutete, deren Erfassung und Kategorisierung im Rahmen einer Magisterarbeit in bezug auf Erkenntnisgewinn ebenso fragwürdig wie unbewältigbar erscheint.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit werden die folgenden fünf Vietnamfilme analysiert: "APOCALYPSE NOW"(1979), "PLATOON"(1986), "FULL METAL JACKET"(1987), "COMING HOME"(1978) und "JACKNIFE"(1989). Die Analyse der genannten Filme erfolgt nach einem hermeneutischen Interpretations-verfahren. Auf eine Inhaltsanalyse im streng empirisch-sozialwissenschaftlichen Sinn mit Auszählung einzelner Merkmale wird ebenso verzichtet, wie auf das Erstellen von Sequenzprotokollen.

Der gewählte Ansatz basiert im wesentlichen auf der Beschreibung des Inhalts, Personencharakterisierungen, der Auswertung von Monologen und Dialogen, wiederkehrender Themen und Metaphern sowie der verwendeten Musik. Ferner wird davon ausgegangen, dass jeder Film in einem gesellschaftlichen Kontext steht und somit auch eine bestimmte Ideologie des Filmemachers/Regisseurs widerspiegelt, insbesondere in bezug auf dessen Haltung zur amerikanischen Kriegsführung in Vietnam. Die fünf Filme sind den beiden Hauptkategorien Kriegsfilm und Veteranenfilm zuzurechnen.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis ii
I. Einleitung 5
II. Zur Methodik 10
III. Chronik des Vietnamkrieges 12
IV. Der amerikanische Vietnamfilm 15
IV.1 Die Vorläuferfilme (PRE) 15
IV.2 Die Kriegs- und Incountryfilme (WV) 16
IV.3 Die Veteranen- und Heimkehrerfilme (VET) 17
IV.4 Die Zeitgeist- und Homefrontfilme (H) 20
IV.5 Die Kriegsgefangenen- und Rescuefilme (POW) 21
IV.6 Die verschlüsselten und allegorischen Vietnamfilme (VV) 23
V. Einzelfilmanalysen 25
V.1 Die Kriegsfilme 25
V.1.1 Francis Ford Coppolas "APOCALYPSE NOW" 25
V.1.2 Oliver Stones "PLATOON" 43
V.1.3 Stanley Kubricks "FULL METAL JACKET" 57
V.2 Die Veteranenfilme 74
V.2.1 Hal Ashbys "COMING HOME" 74
V.2.2 David Jones' "JACKNIFE" 86
VI. Schlussbemerkung 97
Filmographie 112
Literaturverzeichnis 123

Automatisiert erstellter Textauszug:

60 Die GIs werden von einem amerikanischen Fernsehteam gefilmt und interviewt. Vor laufender Kamera werden die unterschiedlichen Charakterzüge der Soldaten durch ihre Selbstdarstellung deutlich. Nachdem sie sich eine kurze Zeit mit einer vietnamesischen Prostituierten vergnügt haben, rücken die Marineinfantristen weiter in die Ruinenstadt Hué vor. Dabei kommt ein Soldat durch eine Sprengfalle ums Leben. Vom vorgegebenen Weg abgekommen, gerät der Zug in den Hinterhalt eines Scharfschützen. Ein Späher wird angeschossen, ebenso ein zweiter Soldat, der dem Verwundeten helfen will. Gruppenführer Cowboy, der in Deckung bleiben und Verstärkung abwarten will, um die Freunde zu retten, kann sich gegen Animal Mother, der sofort angreifen will, nicht durchsetzen. Im Alleingang stürmt Animal Mother nach vorn und die verletzten Späher sterben im Kugelhagel des Feindes. Cowboy fühlt sich gezwungen, Animal Mother zu unterstützen und läßt die Gruppe vorrücken. Beim Sturm auf das Versteck des Scharfschützen kommt Cowboy ums Leben, und Animal Mother übernimmt das Kommando. Joker, der das Gebäude als erster betritt, entdeckt den Scharfschützen und will ihn erschießen. Sein Gewehr hat jedoch Ladehemmungen. Als der Scharfschütze sich umdreht, entpuppt er sich als ein junges, vietnamesisches Mädchen, das sofort das Feuer eröffnet, Joker aber verfehlt. Rafterman kommt dazu und schießt es nieder. Die Soldaten versammeln sich um die am Boden liegende Vietnamesin und debattieren über ihr Schicksal. Joker gibt der tödlich Verwundeten gegen Animal Mothers Willen den Gnadenschuß. Am Abend zieht die Gruppe singend aus der Stadt ab. Stanley Kubrick zeigt im Film "FMJ" den Krieg aus Sicht des Kriegsberichterstatters Joker (Matthew Modine). Vorangestellt ist im ersten Teil eine Beschreibung der Ausbildung. Die Hauptperson Joker ist in diesem Teil noch kaum zu unterscheiden von seinen Mitrekruten. Auch die spärlichen Kommentare aus der Ich-Erzählperspektive tragen kaum dazu bei, Joker dem Zuschauer näherzubringen. Man erfährt nichts über ihn, was man nicht bereits weiß. So bleibt Joker quasi identitätslos inmitten der Masse anonymer Rekruten und spielt die Rolle eines vermeintlich neutralen Berichterstatters, allerdings mit intellektuellem, zynischem Unterton. Erst im zweiten Teil, dem Vietnamteil des Filmes, rücken seine Erlebnisse in den Vordergrund und werden episodenhaft erzählt. Joker bekommt seinen Spitznamen von Sgt. Gunnery Hartman (Lee Ermey) verpaßt, weil er sich am ersten Tag erdreistet hat, eine von Hartmans endlosen Schimpfkanonaden mit der Bemerkung "Sind Sie vielleicht John Wayne? Oder bin ich das?" zu unterbrechen. Joker spielt hier die Rolle des Witzbolds und Späßemachers. Sein Name signalisiert aber auch wie die Spielkarte eine zweideutige Identität. Er ist gefangen in der Ambivalenz, sich einerseits an die Regeln Hartmans und des Corps anpassen zu müssen und sich andererseits behaupten zu wollen, dagegen zu rebellieren. Durch seine distanzierten Beobachtungen und Kommentare wird er zu einer Art moralischer Instanz, die sich allerdings als unzuverlässig erweisen wird. Joker unterwandert das Bedürfnis des Zuschauers nach Identifizierung mit einer [...]

59 Tagesordnung. Zum Ausbildungsprogramm gehört auch, daß sie ihrem Gewehr einen Mädchennamen geben und es mit ins Bett nehmen müssen. Der dicke und naive Pyle zeigt sich den Strapazen nicht gewachsen und wird zur besonderen Zielscheibe des Ausbilders. Joker erhält den Auftrag, sich gezielt um Pyle zu kümmern. Nachdem Hartman aber einen verbotenen Krapfen in der Feldkiste des dicken Rekruten findet, ändert der Sergeant seine Taktik und verkündet, daß er zukünftig stellvertretend für Pyle die ganze Gruppe bestrafen wird, wenn dieser einen Fehler begeht. Dadurch zieht Pyle den Haß seiner Mitrekruten auf sich, der sich in einer nächtlichen Strafaktion entlädt. Von nun an entwickelt sich Pyle zur erwünschten Kampfmaschine, zeigt aber zunehmend Zeichen von Wahnsinn. Am letzten Tag der Ausbildung, nach der formellen Ernennung zum Marine, entdeckt Joker nachts Pyle allein auf der Toilette mit seinem Gewehr und scharfer Munition. Hartman kommt hinzu, und Pyle erschießt zunächst ihn und dann sich selbst. Der zweite Teil beginnt mit einer Straßenszene in Da Nang, Vietnam. Eine Prostituierte bemüht sich um die beiden GIs Joker und Rafterman. Während Joker, der als Kriegsberichterstatter für die amerikanische Militärzeitung "Stars and Stripes" arbeitet, mit der jungen Vietnamesin um den Preis feilscht, wird seinem Fotografenkollegen die Kamera gestohlen. Bei einer Redaktionssitzung lernt Joker von dem vorgesetzten Redakteur, daß eine wahrheitsgemäße Berichterstattung nicht erwünscht ist, und es für die Reportersoldaten nur zwei Arten von Stories geben kann, nämlich über: "Jungs, die für ihren halben Sold den Gelben Zahnbürsten und Deodorant kaufen, Motto: Wie wir ihre Sinne und Herzen gewinnen ... und Kampfhandlungen mit Feindverlust, Motto: Wie wir den Krieg gewinnen!" Während der Tet-Offensive wird Joker Zeuge eines vietnamesischen Angriffs auf sein Basislager, der problemlos abgewehrt werden kann. Aufgrund vorlauter Bemerkungen hat sich Joker mit seinem Chefredakteur überworfen und wird mit Rafterman als Begleitung zum Frontabschnitt nach Hué geschickt. Auf dem Weg dorthin treffen sie auf einen Hubschrauber-MG-Schützen, der wahllos Zivilisten und Wasserbüffel beschießt. Außerdem werden sie Zeugen einer Massenbestattung getöteter, vietnamesischer Zivilisten. Bei dieser Gelegenheit wird Joker von einem Colonel wegen eines Peace-Buttons an seiner Kugelweste gerügt. Die beiden Reporter-Soldaten stoßen kurz vor Hué zu einem Zug, der von Cowboy, Jokers altem Freund vom Parris-Ausbildungslager, angeführt wird. Zu Cowboys Kameraden gehört auch Animal Mother, der den beiden Neuankömmlingen unfreundlich gegenübertritt. Beim Vorrücken in Richtung Stadt gerät der Zug unter Beschuß, und zwei Soldaten werden getötet. Im Kreis um die beiden Toten stehend, spricht jeder Soldat der Gruppe ein kurzes Abschiedswort. [...]

58 V.1.3. Stanley Kubricks "FULL METAL JACKET" Stanley Kubrick hat sich bereits in den sechziger Jahren von den Produktionszwängen Hollywoods freigemacht. Seit 1961 lebt und arbeitet er vorwiegend in London.83 Aufgrund des kommerziellen Erfolges von Filmen, wie "2001: A Space Odyssey" (1968), "A Clockwork Orange" (1972) oder "The Shining" (1980), genießt er in der Filmbranche ungewöhnliche Handlungsfreiheiten. Kubricks Hang zum Perfektionismus manifestiert sich in der persönlichen Überwachung sämtlicher Produktionsprozesse, des Schnittes, des Vertriebs, der Werbung, bis hin zur Synchronisation.84 Krieg ist in Kubricks vielseitigem Gesamtwerk ein immer wiederkehrendes Thema. Kurz nach Oliver Stones "PLATOON" kam "FULL METAL JACKET" (weiterhin "FMJ" abgekürzt) 1987 in die Kinos, nachdem der Regisseur sieben Jahre daran gearbeitet hatte.85 Nach "Fear and Desire" (1953), "Paths of Glory" (1957) und "Dr. Strangelove, or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" (1964) handelt es sich bei "FMJ" bereits um seinen vierten Kriegsfilm im engeren Sinne.86 Das Drehbuch zu "FMJ" verfaßte Kubrick in Zusammenarbeit mit Michael Herr, Autor von "Dispatches", und Gustav Hasford, dessen Roman "The Short-Timers" zum größten Teil als Vorlage diente. "FMJ" gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil spielt ausschließlich im Marine-CorpsTrainingslager Parris Island, South Carolina. Drill-Instructor Sgt. Hartman bildet eine Gruppe neuer Rekruten aus, unter ihnen Private Joker. Einer der Rekruten reagiert auf die harte Ausbildung mit einer Psychose, die in Mord und Selbstmord mündet. Der zweite Teil spielt in Vietnam und zeigt den Straßenkampf in der ehemaligen Kaiserstadt Hué zur Zeit der Tet-Offensive 1968. Die Gruppe, der sich Joker als Kriegsberichterstatter angeschlossen hat, wird von einer vietnamesischen Scharfschützin aufgerieben, bis diese nach einem unerbittlichen Gefecht zur Strecke gebracht werden kann. Die beiden Teile sind auffallend parallel aufgebaut. Im Ausbildungslager der US-Marines auf Parris Island wird den neuen Rekruten als erstes der Kopf geschoren. Von ihrem Ausbilder Sgt. Hartman erhalten sie neue Namen: Private Joker, Private Pyle (in der deutschen Videofassung: Paula), Private Cowboy. Neben der physischen Belastung der Grundausbildung müssen die Rekruten auch Hartmans verbale Attacken über sich ergehen lassen: eine ununterbrochene Schimpfkanonade, gespickt mit obszönen Ausdrücken und persönlichen Demütigungen. Auch körperliche Bestrafungen sind an der [...]

Arbeit zitieren:
Schröder, Michael Mai 1997: Die Darstellung des Vietnamkrieges im US-amerikanischen Spielfilm, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Südostasien, Konflikt, Filmanalyse, hermeneutisch, Stanley Kubrick

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