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Corporate Governance und Unternehmensethik in Russland

Eine kritische Analyse

Corporate Governance und Unternehmensethik in Russland
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Murat Ünal
  • Abgabedatum: September 2008
  • Umfang: 158 Seiten
  • Dateigröße: 966,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • Bibliografie: ca. 220
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2923-2
  • ISBN (CD) :978-3-8366-2923-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Ünal, Murat September 2008: Corporate Governance und Unternehmensethik in Russland, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Corporate Governance, Unternehmensethik, Russland, Corporate Social Responsibility, Korruption

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Diplomarbeit von Murat Ünal

Einleitung:

‘Russia in the next four years should focus on four I´s: institutions, infra-structure, innovations, investment’. Diese Richtung gab der russische Präsident Dmitry Medvedev am 15. Februar 2008 auf einem ostsibirischen Wirtschaftsforum vor und machte somit zugleich deutlich, dass sich Russland noch im Aufbau eines Wirtschaftssystems nach westlichem Vorbild befindet. Den Schwerpunkt hierbei bildet die Implementierung von Institutionen, da diese derzeit nur schwach ausgeprägt sind. Die geringe Qualität der Institutionen führt zu einer Unsicherheit in Bezug auf den Wirtschaftskreislauf und schadet in der Folge Russland als Investitionsstandort. Insbesondere Korruption und Rechtsunsicherheit, als Teil des institutionellen Rahmens, werden immer wieder als Belastung für Investitionen angeführt. Primäres Ziel ist es daher, das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit zu fördern, um somit Russland für ausländische Investoren attraktiver darzustellen. Die vorhandenen Defizite werden bekämpft, indem eine stetige Verbesserung vorangetrieben wird. In diesem Kontext gewinnt die Verbesserung der Defizite unter dem Schlagwort Corporate Governance immer mehr an Bedeutung.

Im Allgemeinen determinieren Regeln, in Form von Gesetzen oder Kodizes, das Corporate Governance-System als solches. Der Corporate Governance wird hierbei die Funktion zugeordnet, die Erfüllung der Interessen der verschiedenen Anspruchsgruppen zu gewährleisten. Speziell in Russland muss diese Rechtsdurchsetzung verbessert werden, da hier das geschriebene Recht im Vergleich zur gängigen Praxis oftmals abweicht. Um das derzeitig in Russland herrschende Rechtsniveau zu verstehen, bedarf es allerdings einer umfassenderen, in der Geschichte der Transformation verwurzelten, Analyse. Dies ist essentiell, denn die existierenden Missstände sind vor allem auf die institutionelle Konfusion zurückzuführen, die durch den Zusammenprall der Institutionalisierung und der Ent-Institutionalisierung ehemaliger Regelungen aus der Zeit der Planwirtschaft zustande kommt. Es wird deutlich, dass ein Verständnis für die aktuelle russische Wirtschaft nicht ohne Berücksichtigung der Sowjet-Ära möglich ist. Denkmuster und einverleibte Handlungen aus Zeiten der Planwirtschaft wirken bis heute auf die russische Gesellschaft ein. Die vorliegende Arbeit will daher untersuchen, inwiefern bestehende Corporate Governance-Systeme auf Russland übertragbar sind.

Durch die Einrichtung einer zentralen Planwirtschaft entstand Knappheit an notwendigen Gütern. Infolgedessen entwickelten sich sog. blat-Netzwerke, die es Teilen der Bevölkerung ermöglichten, sich frei von der zentralen Vergabe von Gütern, über persönliche Beziehungsgeflechte zu versorgen. Die Netzwerke werden gegenwärtig in Form von Korruption beansprucht. Die Korruption in Russland basiert demnach auf der Pfadabhängigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklung. Die Thematik der Korruption ist speziell im Hinblick auf Russland von großer Bedeutung, da dies noch immer eines der größten Defizite des Landes verkörpert und erhebliche volkswirtschaftliche Schäden verursacht. Daher wird im Nachfolgenden der Frage nachgegangen, warum Korruption trotz der Bestrebungen nach einer freien Marktwirtschaft weiterhin besteht.

Darüber hinaus besitzen Oligarchen weiterhin einen starken Einfluss auf die russische Wirtschaft. Diese sind größtenteils durch die zuvor bestehende Nomenklatura entstanden und können ebenfalls als ein Erbe der Sowjet-Ära bezeichnet werden. Die Oligarchen sind einer permanenten Diskussion bzgl. ihres Nutzen und Schaden für die Gesellschaft ausgesetzt. Ein zuvor auch politisch herrschender Einfluss, verringerte sich drastisch nach dem Amtsantritt von Putin. Ferner verabschiedete der Staat noch weitere Reformen, die insbesondere die Wirtschaft unterstützen sollten. Die vorliegende Arbeit beurteilt in einem ihrer Schwerpunkte diese Reformen.

Im Verlauf der Diplomarbeit soll verdeutlich werden, dass sich neben dem Staat auch Unternehmen ihrer Verantwortung bewusst werden müssen und dementsprechend ‘gute’ bzw. korrekter Verhaltensweisen anzuwenden haben. Diese Verantwortung begründet sich im immer größeren Einfluss der Unternehmen auf das alltägliche Leben. In diesem Kontext beschäftigt sich ein Untersuchungsgegenstand der Arbeit mit der Aussage, dass nicht mehr die staatlichen Institutionen allein zur Rechenschaft gezogen werden, sondern immer häufiger auch die Unternehmen. Daher werden weitere Disziplinen wie bspw. die Unternehmensethik eingeführt. Die Unternehmensethik fordert die Unternehmen dazu auf, ihre ‘soziale Verantwortung’ wahrzunehmen. Dabei umfasst die Unternehmensethik neben der Verantwortung des Unternehmens als solches auch die Verantwortung der innerhalb des Unternehmens agierenden Personen. In der Folge kann eine Einbeziehung der Unternehmensethik die vorhandenen Diskrepanzen zwischen Investoren und russischen Unternehmen dahingehend verringern, dass z.B. die ethischen Vorstellungen des Managements Rechtsverletzungen gegenüber den Minderheitsaktionären vermindern. Dieser Versuch ist von entscheidender Bedeutung, weil derzeit noch immer erhebliche Defizite in der Rechtsdurchsetzung existieren. Daher gilt das Hauptaugenmerk der vorliegenden Diplomarbeit der Frage, aus welchen Gründen, die verabschiedeten Reformen bis dato weniger erfolgreich waren als erhofft. Zugleich wird untersucht, ob das Funktionieren eines Corporate Governance-Systems und die Berücksichtigung von ethischen Grundvorstellungen nach westlichem Vorbild lediglich an der Umsetzung der Reformen scheitert, oder ob hierfür viel tief greifendere Ursachen verantwortlich sind.

Die vorliegende Arbeit versucht die zuvor aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Dazu wird die Arbeit thematisch in acht Kapitel aufgegliedert. Die Problemstellung der Arbeit ist im ersten Kapitel dargelegt. In Kapitel zwei werden zunächst der Diskussionsgegenstand und der Begriff der Corporate Governance beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass Corporate Governance sowohl als Shareholder als auch Stakeholder-Ansatz darstellbar ist. Diese Arbeit wird sich jedoch dem Stakeholder-Ansatz widmen, weil es für das Beispiel Russland sinnvoller ist. Dies ist auf die historisch stark gewachsene Rolle des Staates, vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich zurückzuführen. In diesem Kapitel werden auch die vorhandenen Corporate Governance-Mechanismen charakterisiert, die später notwendig sind, um eine ausführliche Analyse des gegenwärtigen Stands in Russland durchzuführen. Zudem werden die Folgen der Korruption ausführlich dargelegt. Kapitel drei verdeutlicht die Relevanz der Unternehmensethik und grenzt diese zugleich vom umfangreicheren Begriff der Wirtschaftsethik ab. Ferner wird die Unternehmensethik in verschieden Ebenen aufgeteilt; der Makro-, Meso-, und Mikroebene. Das darauf folgende Kapitel vier gibt einen historischen Verlauf der Privatisierung wieder und unterlegt in diesem Kontext zugleich die notwendige Berücksichtigung der Pfadabhängigkeit. Des Weiteren wird aufgezeigt, inwiefern die Privatisierung in Russland die Entstehung der Oligarchen begünstigte. Kapitel fünf hingegen stellt die Evolution und die aktuelle Lage der Corporate Governance in Russland dar. Darüber hinaus werden in diesem Abschnitt die schwerwiegenden Probleme der Korruption und der Rechtsdurchsetzung präsentiert. Das nachfolgende Kapitel sechs unternimmt den Versuch den bis dato geringen Stand der Unternehmensethik in Russland näher zu beleuchten. Kapitel sieben nimmt hauptsächlich eine kritische Analyse der aktuellen Missstände vor. Anschließend wird ein Ausblick für Russland vorgenommen. Das letzte Kapitel schließt die Arbeit mit einer thesenförmigen Zusammenfassung, wobei die zuvor erarbeiteten Ergebnisse kurz präsentiert werden.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
Tabellenverzeichnis V
Abkürzungsverzeichnis VI
1. Einleitung 1
1.1 Problemstellung 1
1.2 Gang der Untersuchung 4
2. Corporate Governance 5
2.1 Die Corporate Governance-Debatte 5
2.2 Definition der Corporate Governance 6
2.2.1 Das marktorientierte Überwachungssystem 14
2.2.2 Das netzwerkorientierte Überwachungssystem 18
2.2.3 Die Pfadabhängigkeit der Corporate Governance 21
2.3 Zweck der Corporate Governance 24
2.3.1 International anerkannte Grundsätze der OECD 24
2.4 Auswirkungen auf die Volkswirtschaft 25
2.4.1 Folgen aus der Rechtsunsicherheit 26
2.4.2 Corporate Governance aus dem Blickwinkel der Korruption 27
2.4.2.1 Formen von Korruption 28
2.4.2.2 Messung von Korruption 30
2.4.2.3 Volkswirtschaftliche Schäden durch Korruption 30
2.4.2.4 Maßnahmen gegen Korruption 33
2.4.3 Corporate Governance als Erfolgsfaktor 37
3. Unternehmensethik 41
3.1 Die Relevanz der Unternehmensethik 41
3.1.1 Die Unternehmensethik als Teilbereich der Wirtschaftsethik 45
3.1.1.1 Mikroebene 48
3.1.1.2 Mesoebene 49
3.1.1.3 Makrobene 51
3.1.1.4 Wechselwirkung der verschiedenen Ebenen 52
3.2 Die Verantwortung der Unternehmen 54
3.2.1 Corporate Social Responsibility 55
3.2.2 UN-Global Compact 62
3.2.3 Unternehmensethik als Erfolgsfaktor 63
4. Der Transformationsprozess in Russland und seine weitreichenden Folgen 65
4.1 Die Privatisierung 65
4.1.1 Die Pfadabhängigkeit der Privatisierung 67
4.1.2 Einstige Ziele und Realität 70
4.1.3 Die Macht der Oligarchen 74
5. Entwicklung und aktueller Stand der Corporate Governance in Russland 82
5.1 Die Evolution der Corporate Governance 82
5.2 Corporate Governance in Russland 85
5.2.1 Corporate Governance Code 87
5.2.2 Rechnungslegung in Russland 89
5.2.3 Die Organe und Konfliktlösungsmechanismen innerhalb der Aktiengesellschaft 92
5.2.4 Der Kapitalmarkt 98
5.2.5 Die Rechtsdurchsetzung vorhandener Regelungen 101
5.2.6 Korruption in Russland 103
5.2.7 Blat-Netzwerke 106
6. Unternehmensethik/CSR in Russland 111
6.1 Pfadabhängige Defizite in der Unternehmensethik/CSR 111
6.1.1 Makroebene 111
6.1.2 Mesoebene 113
6.1.3 Mikroebene 115
7. Kritische Analyse und Ausblick 116
8. Thesenförmige Zusammenfassung 130
Literaturverzeichnis 132

Textprobe:

Kapitel 3, Unternehmensethik:

3.1, Die Relevanz der Unternehmensethik:

Die Unternehmensethik steht seit Jahrzehnten im Fokus einer anhaltenden Diskussion über Sinn und Notwendigkeit derselben. Insbesondere globale Krisen wie die Umweltzerstörung oder Armut eröffnen eine neue Debatte bzgl. der Verantwortung bzw. Mitschuld der Großunternehmen an diesen Zuständen. Es wird zunehmend ein Spannungsverhältnis zwischen ökonomischen und sozialen Zielen wahrgenommen. Den Entscheidungsträgern der Unternehmen wird fehlendes moralisches Engagement vorgeworfen. Die Frage nach der moralischen Verantwortung der Unternehmen ist verknüpft mit der Hoffnung, dass durch mehr Moral in der Unternehmensführung eine Lösung für diese Probleme gefunden wird. Deshalb werden besonders hohe Erwartungen an die ‘Wirtschaftsethik’ geknüpft. Der Diskurs über Wirtschafts- und Unternehmensethik ist als direkte Reaktion auf wesentliche Notlagen unserer Zeit zu verstehen. Laut Beckmann erfolgt diese Reaktion, da ein wachsender Orientierungsbedarf besteht.

Die Debatte bzgl. der Notwendigkeit von Unternehmensethik hat sowohl Befürworter als auch Gegner. Letztere argumentieren, dass sich Betriebswirte auf ihr ureigenes Terrain der Gewinnmaximierung konzentrieren sollen. Diesem Ziel haben sich laut Friedman die Manager zu verpflichten, da die diese als Arbeitnehmer für die Eigentümer tätig sind und diese generell bestrebt sind einen möglichst hohen Gewinn zu generieren. Ihre Pflicht ist es somit, sich an den Vorstellungen der Eigentümer zu orientieren. Weiterhin argumentiert Friedman, dass eine Ausrichtung an das Prinzip der Gewinnmaximierung sogar dazu beitragen würde, ein wirtschaftlich und gesellschaftlich wünschenswertes Gesamtergebnis zu erreichen. Dabei beziehen sich die Verfechter dieses Ansatzes, welcher auch von Friedman vertreten wird, auf Adam Smiths Wohlstand der Nationen aus dem Jahre 1776.

Die von Adam Smith propagierte Theorie der ‘unsichtbaren Hand’ besagt, dass gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt automatisch zustande kommt, wenn Individuen eigennützig handeln, ohne dabei gezielt die positiven gesellschaftlichen Wirkungen ihrer Handlungen zu beabsichtigen. Kongruent argumentieren Homann und Blome-Dress, die mit der Marktwirtschaft eine Verbesserung des Gemeinwohls verknüpfen. Demzufolge ist die Marktwirtschaft das ‘Zaubermittel’ für die Transformation von Eigennutz in Gemeinwohl.

Albach möchte die Betriebswirtschaftslehre von den sog. ‘Moralpredigern’ fern halten. Er ist der Meinung, dass eine Auseinandersetzung mit Unternehmensethik überflüssig sei. Seiner Argumentation folgend, besteht eine Identität zwischen Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensethik. Demnach ist die ökonomische Rationalität des Unternehmers mit der praktischen Vernunft nach Immanuel Kant (kategorische Imperativ) gleichzusetzen. Jede Entscheidung, die für den Unternehmer profitabel ist, ist gleichzeitig ethisch gerechtfertigt, d.h. die Verfolgung des Gewinnprinzips garantiert die umfassende Vernunft wirtschaftlicher Entscheidungen.

Diese Darlegungen sind jedoch nicht stichhaltig, da sich die Realität abweichend darstellt. Vorhandene Probleme mit der Umweltverschmutzung, der Arbeitslosigkeit, mit unmenschlichen bis lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen, der Kinderarbeit, umstrittener Produkte oder der Bilanzfälschung sind nur einige Themengebiete, die erkennen lassen, dass nicht jede unternehmerische Entscheidung gleichzeitig zum Gemeinwohl beiträgt.

Laut Göbel gehört daher die Erkenntnis, dass Entscheidungsträger in der Wirtschaft nicht in einem moralfreien Raum agieren, zum Grundwissen der Ökonomik. Diese Erkenntnis ist insbesondere auf Politiker, die für die wirtschaftliche Rahmenordnung verantwortlich sind, anzuwenden. Ferner vertritt Göbel die Meinung, dass eine Unternehmensethik zwingend notwendig ist, da diese extern reparierend, korrigierend, begrenzend und wegweisend auf potentielle moralisch nicht beabsichtigte Folgen, die durch ökonomische Rationalität entstehen, einwirken kann. Dies resultiert aus der Tatsache, dass sich ethische und ökonomische Rationalität sehr selten entsprechen.

Nach Bender gilt ethische Kompetenz als unternehmerische Schlüsselqualifikation. Folglich trägt die Anwendung ethischer Standards seitens des Unternehmens dazu bei, kurzfristig Gewinn zu erwirtschaften und langfristig gesellschaftliche Anerkennung sowie hohe Reputation zu erlangen. Eine entsprechende Vorgehensweise kann sich als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen. Hinzu kommt, dass ethische Leitsätze den Mitarbeitern einerseits als Orientierungshilfe dienen und andererseits eine Möglichkeit zur Identifikation mit dem Unternehmen bieten. Infolgedessen steigt die Motivation der Angestellten, wovon wiederum das Unternehmen profitiert.

Die Diskussion um CSR wird schon über einen längeren Zeitraum geführt. In den Anfängen der Debatte dominierte eine ablehnende Stimmung gegenüber Unternehmensethik in Form von CSR. Bereits Ende der 50er Jahre beschäftigte sich Levitt mit den möglichen Gefahren von CSR. Demnach besteht durch CSR die Gefahr, dass eine zu starke Abhängigkeit vom Staat geschaffen wird, da dieser die Unternehmen reguliert und folglich einschränkt. Friedman bezeichnet CSR teilweise sogar als Ressourcenverschwendung. Diese erfolgt in Form von monetären Zahlungen, die wiederum zu Lasten der Aktionäre z.B. als Ertragsrückgänge gehen.

Allerdings hat die Diskussion um Unternehmensethik in den letzten Jahren eine Grundtendenz eingeschlagen. Die hieraus entstandene Debatte problematisiert nicht mehr die Notwendigkeit der Unternehmensethik, sondern die Frage, wie sie betrieben werden sollte. Aus diesem Grund erscheint die These Friedmans, dass sich die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen ausschließlich auf die Gewinnmaximierung beschränken solle, in der Unternehmenspraxis bereits überholt zu sein.

Gleichermaßen positioniert sich die Wirtschafts- und Unternehmensethik auch immer mehr im wissenschaftlichen Bereich, der Wirtschaftswissenschaft - dem neuesten Verständnis nach auch als Ökonomik bezeichnet. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Wirtschaftsethik ein integraler Bestandteil aller Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften ist. In diesem Zusammenhang müsse nach Homann/Blome-Dress jedoch Ziel sein, die Entwicklung der Wirtschafts- und Unternehmensethik als Wissenschaft zu gewährleisten und sie von ‘Moralisieren, Appelieren, Postulieren’ frei zu halten. Karmasin/Litschka sind der Meinung, dass der Wirtschaftsethik die Aufgabe zuteil wird, eine Reintegration der Disziplinen Ökonomik und Ethik, welche zu Zeiten der praktischen Philosophie vorzufinden war, zu verwirklichen.

Um ein klareres Verständnis für den Begriff der Unternehmensethik zu erlangen und eine Differenzierung zum wesentlich umfangreichen Begriff der Wirtschaftsethik zu ermöglichen, muss der Terminus genauer untersucht werden.

3.1.1, Die Unternehmensethik als Teilbereich der Wirtschaftsethik:

Die Unternehmensethik ist ein Subsystem der Wirtschaftsethik. Deshalb ist zunächst eine Analyse der Wirtschaftsethik durchzuführen, um die Unternehmensethik letztlich besser einordnen und verstehen zu können.

Die Wirtschaftethik hat eine sehr lange Tradition und lässt sich bis in die Anfänge der praktischen Philosophie von Aristoteles zurückverfolgen. Die von Aristoteles gekennzeichnete praktische Philosophie wird in drei Disziplinen unterteilt. Dazu gehört neben der Ethik und der Politik auch die Ökonomik. In diesem Kontext wird die Ökonomik als Lehre vom Haushalt, nämlich der ‘Hausverwaltung’ gekennzeichnet. Nach Aristoteles besteht eine enge Verbindung zwischen den drei Bereichen, da sie sich allesamt an dem obersten Ziel, der Erreichung ‘des Guten’ orientieren. Dabei entspricht Glück dem Endziel. Insofern trägt die Ökonomik zur Verwirklichung des obersten Gutes bei, als sie Menschen mit den notwendigen, unerlässlichen und nützlichen Gütern bedient und so die Basis für ein glückliches Leben erfüllt, welches auch ‘die äußeren Güter’, d.h. die Versorgung mit materiellen Gütern notwendig macht. Dabei ist der Wohlstand nicht das Endziel, sondern nur Mittel, welches zur Entfaltung des menschlichen Potenzials dienen kann. Folglich trennt sich die aristotelische Verbindung von Ethik und Ökonomik in dem Moment, wenn sich die Ökonomik vom materiellen Ziel der Güterversorgung distanziert und das ökonomische Prinzip zum lediglich rein formalen Rationalprinzip der individuellen Zweck-Mittel-Optimierung definiert.

In diesem Zusammenhang wird der homo oeconomicus als die Erklärung für rationales menschliches Verhalten herangezogen. Dieser erklärt ein geringes Interesse für die Frage, ob Handeln ‘gut’ und ‘sittlich richtig’ ist, sondern agiert im Hinblick auf seinen maximalen Nutzen. Lediglich sein eigener Nutzen motiviert ihn bei seinen Handlungen. Er nimmt zwar auch Rücksicht auf Andere, letztlich aber nur, sofern er selbst davon profitiert. Das ökonomische Interesse besitzt gegenüber moralischen Bedenken jederzeit Priorität. Der homo oeconomicus und seine auf Gewinnmaximierung fokussierte Handlung ist, wenn dieser als Unternehmen dargestellt wird, Ausgangspunkt für die grundlegende Debatte bzgl. einer notwendigen Unternehmens- bzw. Wirtschaftsethik.

Der Begriff der Wirtschaftsethik setzt sich aus zwei Wortteilen zusammen, der ‘Wirtschaft’ und der ‘Ethik’. Dabei wird der gesellschaftliche Sinn der ‘Wirtschaft’ mit der Deckung des menschlichen Bedarfs mit nützlichen Gütern und Dienstleistungen bei knappen Ressourcen identifiziert. Ethik hingegen wird als die Lehre oder auch die Wissenschaft vom menschlichen Handeln bezeichnet, die sich von der Auseinandersetzung zwischen gut und böse leiten lässt. Voraussetzung für diese Lehre ist Moral. Nach Göbel kann die Haltung, der Zustand oder die Ansicht, die zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft generell als gut und wünschenswert bzw. böse und verboten empfunden wird, zusammenfassend als Moral charakterisiert werden. Ethik ist das Denkgebäude, Moral die Gesamtheit der Normen, die die zwischenmenschliche Verhaltensweisen innerhalb der Gesellschaft regeln. Folglich wird die Wirtschaftsethik wie folgt definiert: ‘Wirtschaftsethik ist die Anwendung der Ethik auf den Sachbereich Wirtschaft. Wirtschaftsethik hat es zu tun mit den ethischen Fragen von guten und richtigen Handlungen und Haltungen sowie sittlich erwünschten Zuständen im Subsystem Wirtschaft’.

Kritisch hierzu äußert sich Noll, der in der Wirtschaftsethik nicht nur einen speziellen Anwendungsfall der Ethik sehen will. Seines Erachtens soll die ‘Gesetzmäßigkeit des Wirtschaftslebens’ berücksichtigt werden. Weil Moralisierung in diesem Fall zu keiner Problemlösung führt, sondern im Gegenteil Probleme schafft.

Da sich die Wirtschaftsethik mit einem komplexen und vielschichtigen Aufgabengebiet befasst, erscheint es zweckdienlich zu sein, drei Ebenen zu unterscheiden, die hinsichtlich moralischer Anliegen in Anspruch genommen werden können. In der modernen Wirtschaftsethik erfolgt eine Unterteilung in Mikro-, Meso-, und eine Makroebene.

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Arbeit zitieren:
Ünal, Murat September 2008: Corporate Governance und Unternehmensethik in Russland, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Corporate Governance, Unternehmensethik, Russland, Corporate Social Responsibility, Korruption

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