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Carlos Saura. Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen Filmregisseurs

Eine Analyse

Carlos Saura. Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen Filmregisseurs
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Petra Häußer
  • Abgabedatum: September 2002
  • Umfang: 170 Seiten
  • Dateigröße: 10,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität der Künste Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6867-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6867-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6867-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Häußer, Petra September 2002: Carlos Saura. Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen Filmregisseurs, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: neoformalistische Filmanalyse, Carmen, Fotograf, Kritik, Privatleben

Diplomarbeit von Petra Häußer

Einleitung:

Wer ist eigentlich Carlos Saura?

Dieser spanische Regisseur, der eine Handvoll Tanzfilme gedreht hat? Stimmt. Nicht ganz. Der Spanier Carlos Saura hat vier Kurz- und 34 Langspielfilme gedreht, Theaterstücke und Opern inszeniert, eine Kurzgeschichte und einen Roman geschrieben, gezeichnet, geschauspielert und leidenschaftlich fotografiert. Das weiß nur kaum jemand. Wie auch? In Deutschland waren Sauras Filme selten im Kino zu sehen; die wenigen Veröffentlichungen zu seinem Werk liegen Jahre zurück und integrieren folglich Sauras jüngere Arbeiten nicht. Die übrigen Rezensionen konzentrieren sich fast ausschließlich auf einen einzelnen Film und zwar fast immer auf Carmen, Sauras Welterfolg. Selten werden zwei bis drei Filme genauer untersucht, wie etwa 1994 bei Gompper. Niemand hat sich bisher an einer Analyse des Saura’schen Gesamtwerkes versucht. Einzelne Beobachtungen sind freilich an unterschiedlichen Stellen eingestreut, können so aber nicht auf einen Blick erfasst werden. Das ist bedauerlich und ein bisschen unbegreiflich - erweist sich doch Sauras Werk schon beim ersten Hinsehen als derart facettenreich, dass es ein Vergnügen ist, sich näher damit zu beschäftigen. Zu spät ist es allerdings nie, und so ist die vorliegende Arbeit die erste, welche Sauras Werk in seiner Gesamtheit vorstellen und sowohl inhaltlich als auch filmtechnisch analysieren wird.

Es ist mein Wunsch, hierdurch nicht nur den Regisseur und die spezifischen Merkmale seiner Arbeit herauszukristallisieren, sondern auch den Menschen dahinter erkennen oder wenigstens erahnen zu lassen. Jede Analyse benötigt ein theoretisches Fundament. Im vorliegenden Fall ist es der Ansatz der neoformalistischen Filmanalyse, auf welchen sich die Ausführungen stützen. Die methodischen Grundlagen des Neoformalismus, welche sich nicht nur auf Filme sondern auf Kunstwerke generell beziehen, nehmen daher den ersten Abschnitt dieser Arbeit ein. Der zweite Abschnitt stellt Leben und Werk des Spaniers vor. Ein kurzer biografischer Teil schildert Kindheit und Jugend des jungen Saura und endet, als dieser beginnt, Filme zu drehen. Die sich anschließende Filmübersicht enthält neben der inhaltlichen Beschreibung aller Filme auch deren filmtechnische Besonderheiten. Auf Kritik, Preise, Erfolg oder Misserfolg der Arbeiten wird ebenfalls eingegangen. Sauras weitere Tätigkeiten schließen die Werkvorstellung ab.

Der dritte Abschnitt bildet den Hauptteil der Arbeit, denn in ihm wird das abwechslungsreiche Gesamtwerk analysiert. Die Ergebnisse sind in vier Kategorien - Generalthemen, Motive, Stilmittel und Besonderheiten - eingeteilt, welche die verschiedenen Aspekte der Arbeiten aufzeigen.

Der letzte Abschnitt wirft einen Blick auf das vielschichtige Verhältnis zwischen Carlos Saura und der Öffentlichkeit. Seine Schwierigkeiten mit der spanischen Zensur, die Resonanz seiner Arbeiten bei Publikum und Presse und die verschiedenen Versuche der Fachwelt, sein Werk zu klassifizieren, werden hier noch einmal zusammenfassend dargestellt. Der Regisseur selbst kommt gleichfalls zu Wort, führt Gedanken zu seinen Filmen und seiner Arbeitsweise aus. Die Schlussbemerkung resümiert und bewertet die gewonnenen Erkenntnisse. Mein persönliches Interesse an Sauras Werk ist erst durch die Beschäftigung mit diesem geweckt worden. Als Flamenco-Liebhaberin war es meine ursprüngliche Absicht, mich lediglich mit den Tanzfilmen Sauras zu befassen. Bei der Sichtung sämtlicher Filme (vielleicht ist ja irgendwo noch ein bisschen Flamenco versteckt...) wurde ich indes von vielen Arbeiten angesprochen und überrascht, die ganz andere Themen behandelten. Die Rezension erschienener Bücher, Aufsätze und Presseartikel bestärkte mich in meinem Vorhaben, eine Vorstellung und Analyse des Gesamtwerkes Sauras zu erarbeiten. Mich interessierte, ob sich hier - trotz aller Vielfalt - einige übergreifende Merkmale erkennen lassen, die für Sauras Werk charakteristisch sind. Gibt es einen typischen Saura-Stil? Die Antwort auf diese Frage wird die vorliegende Arbeit geben.

Zunächst gilt es jedoch, die methodischen Grundlagen zu klären und so beginnt die Arbeit mit der Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken aus dem von Kristin Thompson 1995 veröffentlichten Aufsatz zur neoformalistischen Filmanalyse.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Die neoformalistische Filmanalyse 3
2.1 Über die Natur des Kunstwerkes 4
2.2 Das Medium Film und die filmischen Verfahren 5
2.3 Die aktive Rolle des Zuschauers 6
2.4 Hypothesenbildung durch Denkmuster 7
2.5 Wichtige Begriffe für die Analyse narrativer Filme 8
2.6 Zusammenfassung 9
3. Leben und Werk Carlos Sauras 10
3.1 Die ersten Jahre 10
3.1.1 Kindheit 10
3.1.2 Jugend und Studium 11
3.1.3 Privatleben 13
3.2 Filmübersicht 14
3.2.1 Kurzfilme 14
3.2.2 Langspielfilme 16
3.3 Weitere Arbeitsfelder 56
4. Analyse des Saura‘schen Gesamtwerkes 62
4.1 Die Generalthemen 62
4.1.1 Darstellung aktueller Phänomene der spanischen Gesellschaft 63
4.1.2 Darstellung historischer spanischer Persönlichkeiten 63
4.1.3 Darstellung spanischer Kunst und Kultur 64
4.1.4 Darstellung spanischer Geschichte 64
4.1.5 Sonstige Themengebiete 64
4.2 Häufig wiederkehrende Motive 65
4.2.1 Das Motiv der Extremsituation der Hauptfigur 65
4.2.2 Das Motiv des Todes 66
4.2.3 Das Motiv der Liebe 66
4.2.4 Das Motiv der Erinnerung 67
4.2.5 Das Motiv des spanischen Bürgerkrieges 67
4.2.6 Das Motiv der doppelbödigen Inszenierung 68
4.2.7 Das Motiv der selbstbezüglichen Narration 68
4.3 Stilmittel 69
4.3.1 Die Vermischung und Überlagerung der Bewusstseinsebenen 69
4.3.2 Die realistische Filmästhetik 71
4.3.3 Die verschlüsselte Filmsprache 72
4.3.4 Der geschlossene Erzählraum 74
4.3.5 Der Einsatz von Licht, Farben und Spiegeln 74
4.3.6 Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren 75
4.3.7 Sonstige Stilmittel 76
4.4 Besonderheiten 77
5. Sauras Arbeit im Spiegel der Öffentlichkeit 78
5.1 Behinderung und späte Anerkennung in Spanien 78
5.1.1 Schwierigkeiten mit der spanischen Zensur 78
5.1.2 Wenig Erfolg bei Kritik und Publikum 80
5.1.3 Späte spanische Preise 81
5.2 Bekanntheit und Ansehen in Deutschland 82
5.2.1 Carlos Saura? Ach, der mit der Carmen 82
5.2.2 Anerkennung durch Berlinale und Kritiker 83
5.2.3 Carlos Saura – ein „überaus umgänglicher und freundlicher Mensch“ 83
5.3 Zwei Linien und mehr über die unterschiedlichen Versuche die Saura-Filme zu klassifizieren 84
5.4 Saura über Saura 85
6. Schlussbemerkung 89
Quellen Q 1-3
Anhang A 1-5
Filmüberblick A 1
Interview mit Carlos Saura A 2

Automatisiert erstellter Textauszug:

Bald schon fährt Paz tagsüber, Velasco die nächtliche Tour. Eines Tages trifft Paz einen alten Freund aus ihren Kindertagen wieder, Dani, der Sohn von Reme. Dani und Paz verlieben sich ineinander, sie küssen sich, sind ein Paar. Paz ist glücklich. Sie ahnt nicht, dass Dani bereits an den Aktionen der "Familie" teilnimmt: bei einem von Calero organisierten Überall rechter Schläger auf eine Ausländersiedlung hat Dani sogar "unabsichtlich" einen Mosambikaner getötet. Derweil gehen die nächtlichen Morde weiter. Calero und Niño sind gegen die Einbeziehung von Velascos Tochter in den Taxibetrieb; sie befürchten, die Sache könne auffliegen. Paz hat aber bereits Gesprächsfetzen des Taxifunks aufgeschnappt; sie beginnt zu ahnen, was mit Fisch und Fleisch gemeint ist und wer hinter den grausamen Anschlägen steckt, die sich in der letzten Zeit in Madrid häufen. Dani verspricht ihr, mit der Familie zu brechen und nicht mehr auf den Chef, Calero, zu hören. Doch als Paz erfährt, dass ihr Freund bereits einen Mord begangen hat, wendet sie sich voller Ekel ab. Calero, der die Szene beobachtet hat, beschließt, dieses Risiko jetzt ein für alle Mal zu auszuschalten. Mit einer Pistole bewaffnet, versucht er, Paz zu finden. Velasco, will ihn von seinem Vorhaben abhalten, bekommt als Antwort aber nur eine tödliche Kugel. Die Abrechnung findet in der Kulisse eines monumentalen Denkmals statt: Calero steht vor Paz, die hierher geflüchtet ist, will sie erschießen, doch da erscheint Dani und geht dazwischen. Er wird von Calero verletzt, schafft es aber noch, diesem sein Messer in den Leib zu rammen. Calero stirbt. Paz stützt den blutenden Dani, gemeinsam verlassen sie im Morgengrauen den Park. Sauras "Warnung vor Fremdenhass und Selbstjustiz"181 erinnert nicht nur durch die geradlinige, ungebrochene Erzählweise an seine Filme Deprisa, deprisa (1981), ¡Dispara! (1993) oder La caza (1965). Gewalt spielt in allen diesen Filmen eine wichtige Rolle, erreicht aber in Taxi einen neuen Höhepunkt. Die von Sauras nüchtern und ohne jede Effekthascherei dargestellte Aggression wirkt authentisch und damit umso brutaler. Teilweise muss man den Blick sogar abwenden. Der halbwegs positive Ausgang von Taxi ist allerdings etwas unglaubwürdig, was nicht nur an der klischeehaften Szene liegt, die mit theatralischer Kulisse inklusive Mondlicht daherkommt, sondern auch an den vorangegangenen Ungeheuerlichkeiten, die ein Aufatmen des Zuschauers schwer machen. In seinen früheren Arbeiten sah Saura die faschistische Gefahr eher bei den Vertretern der gut verdienenden Mittelschicht (Militär, Politik und Kirche), so z.B. in Ana y los lobos (1972), La prima Angélica (1973) oder La caza (1965). In Taxi dagegen sind es zum ersten Mal die Vertreter der "working class", welche ihren Rechtsradikalismus gnadenlos praktizieren. Obwohl Saura mit seiner Gesellschaftskritik beim Publikum wenig Beachtung findet182, erhält er in San Sebastian 1996 den SPECIAL-MENTION–Preis183; in Aguilar de Campoo (Palencia) gewinnt Taxi im gleichen Jahr den Preis für den besten Film.184 [...]

Madrid bei Nacht. Die Lichter der Großstadt spiegeln sich in den Scheiben eines Taxis, das langsam durch die Straßen fährt. Am Steuer sitzt Reme, eine attraktive Frau um die 40. Der nächste Fahrgast, eine junge Frau, steigt ein. Der geht es sichtlich schlecht; sie musste sich gerade übergeben, am Boden sieht man eine Spritze liegen. Ganz benommen schläft sie auf der Rückbank ein. Während der Fahrt funkt Reme einen Kollegen an, ob der nicht Lust auf eine Pause und einen Hamburger hätte. Der Kollege sagt zu. Wenig später halten mehrere Taxen an einer Brücke. Drei Männer steigen aus und zerren die hilflose Frau, die nicht weiß, wie ihr geschieht, aus Remes Wagen. Ohne Erbarmen heben sie die Ärmste über das Geländer – und stürzen sie in den sicheren Tod. Reme, Velasco, Niño und Calero sind ein verschworener Trupp von Taxifahrern, der es als seine Pflicht ansieht, Madrid vom "Schmutz" zu befreien. Sie haben eine Geheimsprache entwickelt, um ihre nächtliche Jagd auf Randgruppen unerkannt durchführen zu können. Mit Fleisch und Fisch meinen sie Junkies und Homosexuelle, aber auch Schwarze und andere Einwanderer werden von der "Familie" auf brutale Weise beseitigt. Paz,180 die bildschöne, 18-jährige Tochter Velascos, hat gerade die Schule geschmissen und sich in einem Anfall von rebellischem Trotz die Haare abgeschoren. Der Vater, entsetzt über ihr Verhalten, drängt sie, ebenfalls Taxi zu fahren. [...]

Mit Flamenco hat Saura seine kurze Fernsehproduktion Sevillanas von vor drei Jahren weiterentwickelt und es dem Film mit einer Länge von 100 Minuten ermöglicht, international gezeigt zu werden. Saura geht es um die reine Darstellung des Flamencos und offenbar nicht um eine pädagogische Aufklärung über diese Kunst, gibt uns der Filme doch so gut wie keine Hintergrundinformationen. Lediglich in der Begleitbroschüre des Videos werden die einzelnen Kategorien kurz vorgestellt, der Flamenco spricht halt für sich selbst. Flamenco ist kein Lehrfilm und auch kein Dokumentarfilm, sondern wie schon seine kleine Schwester Sevillanas eher ein Kunstfilm, der seinerseits eine Kunst darstellen möchte. Die Presse in Deutschland steht dem Film kritisch gegenüber. Sie bemängelt das Fehlen von erklärenden Informationen und damit die "Nachvollziehbarkeit der Dokumentation"176, findet den Film "immer mal wieder langweilig"177 und ist enttäuscht, dass Saura mit dem Klischee vom feurigen, exotischen Flamenco aufräumt: "Überraschend wie banal und bisweilen zusammenhanglos die Texte der Sänger sind. Sie handeln größtenteils von Verlust, Trauer, Einsamkeit und unerwiderter Liebe. Damit wird dem leidenschaftlichen und manchmal auch romantischen Flamenco leider etwas von seiner Exotik genommen."178 Es gibt aber auch viele lobende Stimmen und die tageszeitung fasst die Wirkung von Flamenco in einem Satz zusammen: "Wer jetzt kein Aficionado ist, der wird es nicht mehr werden."179 Mein persönliches Urteil ist gewiss durch meine langjährige Flamencobegeisterung beeinflusst, gleichwohl: Der Film ist klasse. [...]

Arbeit zitieren:
Häußer, Petra September 2002: Carlos Saura. Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen Filmregisseurs, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
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