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Die Bukowina nach dem Ausgleich

Studien zur Landespolitik im Herzogtum Bukowina von 1909 bis 1914

Die Bukowina nach dem Ausgleich
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Thomas Hensellek
  • Abgabedatum: Juni 2002
  • Umfang: 128 Seiten
  • Dateigröße: 1,5 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 98
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1220-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hensellek, Thomas Juni 2002: Die Bukowina nach dem Ausgleich, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Bukowina, Politik, Geschichte, Ausgleich, Österreich-Ungarn

MA-Thesis / Master von Thomas Hensellek

Einleitung:

‘Man kann natürlich fragen, wie sich der Bukowiner Ausgleich im tatsächlichen politischen Leben in den wenigen Friedensjahren bis 1914 ausgewirkt hat.’ John Leslie.

Mit obigem Zitat kann man meinen Zugang zu diesem Thema am besten beschreiben. Angefangen hat mein Interesse an der Bukowiner Landespolitik durch ein Seminar zu diesem Thema bei Prof. Höbelt im Wintersemester 2000/01, in dem ich die Reichsratswahlen 1911 beschrieb und gemäß der Ankündigung des Lehrveranstaltungsleiters bei der Literatursuche eine Niete zog. Es gab nichts, was mir auch nur annähernd ausreichende Anhaltspunkte für meine Seminararbeit gegeben hätte und so stützte ich mich nahezu zur Gänze auf Zeitungen. Das Angebot Prof. Höbelts an die Studenten des Seminars, das Thema erheblich ausgeweitet zu einer Diplomarbeit zu machen, spukte in meinem Kopf bis ich schließlich zugriff und das nicht ganz einfache Unterfangen begann. Immerhin war mir klar, dass ich mich durch viele Tausende Seiten verschiedener Zeitungen würde durcharbeiten müssen, um einen ausreichenden Überblick zu erhalten. Doch war die Aussicht zu verlockend, schon bei einer Diplomarbeit einen handfesten Beitrag zur Forschung, der über die übliche Zusammenfassung eines Forschungsstandes mittels Literaturstudiums hinausging, zu liefern. Einen weißen Fleck in der deutschsprachigen historischen Literatur - noch dazu zu einem so österreichischen Thema – auszufüllen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Meine Motivation stieg im Laufe der Zeit noch, als ich die neuesten Beiträge zur Bukowina durchsah, die in zwei Fällen von Autoren stammen, die zur rumänischen Literatur Zugang besitzen und sie auch verwendet, und dennoch zu ‘meinem’ Zeitraum offenbar keine Informationen vorgefunden hatten. Weder in Mariana Hausleitners gedruckter Habilitation, noch in Mihai-Stefan Ceausus Beitrag über den Bukowiner Landtag im 7. Band der großen Habsburgermonarchie-Reihe kann man genaueres über die Zeit vom Ausgleich zum Weltkrieg lesen. Das Vorhandensein von Spezialliteratur in ukrainischer Sprache ist möglich, aber unwahrscheinlich, da die relevante Zeit ohne Rückgriff auf die deutschsprachigen Quellen kaum ausreichend behandelt werden kann.

Meine Hoffnung ist es, mit dieser Arbeit eine vorhandene Lücke bei der Erforschung der österreichischen Geschichte insofern geschlossen zu haben, als sie als Ausgangs- und Anhaltspunkt für weitere Studien ihren Zweck erfüllen kann.

Methode:

Das Hauptproblem bei der technischen Bewältigung des Themas war der Umfang des vorhandenen Materials, bei dem ich anfangs kaum Schwerpunkte setzen konnte. Ich wusste über den Zeitraum recht wenig: Fest standen die Zeitpunkte der Beschlussfassung der Ausgleichsgesetze, der Landtagswahlen und der Reichsratswahlen; über die beiden Wahlen fanden sich in der Literatur auch einige Hinweise. Weiters war mir aus der Literatur noch die Gründung des jüdischen Volksrates, die Abspaltung Smal-Stockis von der ruthenischen Nationalpartei, der Bruch zwischen Wassilko und Straucher sowie das Vorhandensein wirtschaftlicher Probleme der Raiffeisenverbände bekannt. Viel mehr Informationen waren nicht vorhanden und daher war klar, dass ich zumindest ein Zeitungsorgan über den Zeitraum von fünf Jahren gänzlich würde durcharbeiten müssen. Nach mehreren Versuchen und Rücksprache mit meinem Betreuer entschied ich mich schließlich für die Bukowinaer Post, das deutschsprachige Organ der ruthenischen Nationalpartei. Dies hatte mehrere Gründe: Erstens erschien er nicht täglich sondern nur dreimal wöchentlich, wodurch sich einfach der zu bewältigende Umfang reduzierte. Zweitens gehörte es zu den führenden Zeitungen des Landes, die von einer der angesehensten journalistischen Figuren der Bukowina herausgegeben wurde. Drittens hatte die Zeitung den einflussreichen und blendend informierten Nikolaj Wassilko als politischen Informanten, wodurch die Tiefe der Information gewann. Der Nachteil eines Parteiorganes liegt auf der Hand und wurde besonders bei der Recherche über die Sanierung der Raiffeisenverbände problematisch, da sich das Ruthenenorgan zu dem Thema oft über Wochen nobel in Schweigen hüllte. Nach dem Abschluss dieser Erstrecherche machte ich mich daran, mit den Qualitätstageszeitungen Czernowitzer Tagblatt und Czernowitzer Allgemeine Zeitung die Erkenntnisse zu vertiefen und zu ergänzen und ging auch in weiteren Medien konkreten Spuren nach. Der Hinweis eines Kollegen brachte mich auf ein wertvolles Aktenstück des Verwaltungsarchivs. Schließlich gebrauchte ich natürlich auch die Protokolle der Landtagssitzungen. Mit Literaturangaben war ich aus naheliegenden Gründen sparsam, jeden kleinsten Hinweis aus den einzelnen Werken zu zitieren erschien als nicht sinnvoll. Nur dort, wo in der Literatur Zusatzinformationen – also ein Mehr an Fakten - zu meinen Recherchen zu finden sind, habe ich diese angegeben. Noch ein Wort sei zur Schreibweise der Namen verloren: Diese ist im wesentlichen an den verwendeten Quellen orientiert. Das Problem dabei ist, dass die Transkription der ukrainischen, rumänischen und polnischen Namen sehr unterschiedliche Ergebnisse zu Tage brachte, auch innerhalb der selben Zeitungen, ja oft sogar innerhalb des selben Artikels! Ich versuchte daher, die meistgebrauchte Schreibweise herauszufiltern und orientierte mich zusätzlich an den Landtagsprotokollen. Insgesamt erschien mir die Widergabe der Namen auf diese Art authentischer, als die heute oft verwendete, möglichst nahe an der Originalsprache gehaltene Schreibweise (also z. B. Mykola Vasyl´ko statt Nikolaj Wassilko oder Alexandru Hurmuzachi statt Alexander Hormuzaki).

Natürlich konnte ich weder allen politischen Themen nachgehen, noch alle Quellen ausschöpfen. Außerdem standen mir (wie ich im Kapitel ‘Quellenkunde’ näher beschreibe) nicht alle Zeitungen zur Verfügung, von deren Existenz ich wusste und die mit Sicherheit wertvolle Hinweise geliefert hätten. Für eine weitere Vertiefung in das Thema ist also noch ausreichend Platz. Auch die Zeit während des Weltkrieges – wenn auch aufgrund der Quellenlage sicher schwierig zu erschließen – könnte noch interessante Ergebnisse liefern. Besonders bei der Sanierung der Raiffeisenkassen musste ich kursorisch bleiben, da eine genaue Abhandlung des Themas in seiner Komplexität und Vielfalt mit Sicherheit ausreichend Stoff für eine eigene Arbeit liefern würde.

Inhaltsverzeichnis:

0. Vor Beginn 4
0.1 Motivation 4
0.2 Methode 5
1. Der Tag danach 7
1.1 Land gegen Stadt 8
1.2 Wassilko 9
1.3 Die Rumänen 10
1.4 Juden und Deutsche 12
2. Die Provisionsaffäre Schauer 14
3. 1911: Das Superwahl(halb)jahr 21
3.1 Czernowitzer Gemeinderatswahlen 21
3.2 Landtagswahlen 29
3.2.1 Katasteragitationen 29
3.2.2 Der Wahlkampf um die Volksmandate 32
3.2.3 Zwischenresümee 41
3.2.4 Die Zensuskurie 43
3.2.5 Die übrigen Mandate 49
3.3. Reichsratwahlen 51
3.3.1 Wahlkampf 51
3.3.2 Das Hruschka-Nachspiel 61
4. Der neue Landtag 65
4.1 Konstituierung 65
4.2 Graf Meran 67
4.3 Zerstrittene Lager 68
4.4 Das Smal-Stocki Debakle 70
4.5 Der letzte Landtag 72
4.6 Wassilkos Sieg 73
5. Die Machtblöcke: Ruthenen und Rumänen 75
5.1 Von der Holzaffäre zum Sanierungsbeschluss: Das Desaster der Raiffeisenkassen 75
5.1.1 Das Durchsickern 75
5.1.2. Sanierung I: Das Herauslösen der ‘Balan & Co’ 77
5.1.3 Sanierung II: Centrala und Selanska Kassa 80
5.2 Die Kirchenfrage 85
5.3 Wider den rollenden Rubel 88
5.4 Liga culturala 95
6. Aus dem Abgeordnetenhaus 97
7. Quellenkunde 101
9. Anhang 107
9.1 Tabellen 107
9.1.1 Einteilung der Wahlbezirke für die Landtagswahlen 107
9.1.2 Ergebnisse der Landtagswahlen 1911 109
9.1.3 Ergebnisse der Reichsratswahlen 1911 112
9.2 Grafiken 113
9.2.1 Gedachte Verteilung der Mandate für den Bukowiner Landtag 113
9.2.3 Reale Verteilung der Mandate nach den Landtagswahlen 1911 113
9.2.4 Ethnografische Landkarte des Herzogtums Bukowina 114
9.3 Texte 115
9.3.1 Vereinbarung der Deutschnationalen und der deutschen christlichsozialen Partei in der Bukowina 115
9.3.2 Mittel zur Deckung der Defizite der Bukowiner Genossenschaftsverbände 116
9.4 Literatur und Quellen 118
9.4.1 Literatur, gedruckte Quellen und Nachschlagwerke 118
9.4.2 Ungedruckte Quellen und Zeitungen 120
Danksagung 126

Textprobe:

Kapitel 3, 1911: Das Superwahl(halb)jahr:

‘Das Jahr 1911 wird in der Geschichte der Bukowina das Jahr der Wahlen genannt werden.’ Czernowitzer Allgemeine Zeitung.

3.1, Czernowitzer Gemeinderatswahlen:

‘Und es ist geradezu lächerlich, wenn auch nur die Erwägung in Diskussion gezogen wird, als ob den Christlichsozialen im Inneren der Stadt in welcher Form und aus welchem Wahlkörper immer Mandate eingeräumt werden könnten. In diesem Punkt verstehen wir keine Scherze.’ Czernowitzer Tagblatt.

Um den Jahreswechsel 1910/11 fing der Wahlkampf für die Gemeinderats-Ergänzungswahlen an. Die Deutschnationalen und Christlichsozialen hatten ein enges Bündnis geschlossen, das eben von den Wiener Reichsparteileitungen ratifiziert worden war. Die Juden waren durch ihr Vorgehen während der Schaueraffäre etwas isoliert. Die Ruthenen und Polen befanden sich nun in einem engen Bündnis. Warum, ist nicht ohne weiteres klar. Auch die Position der Rumänen ist schwer einzuschätzen.

Etwas Licht in die Verhältnisse bringt eine Veröffentlichung Aurel Onciuls in der Wahrheit nach Ende der Wahlen. Darin beschreibt er die ursprüngliche Absicht, die Provisionsaffäre zum Brechen des deutsch-jüdischen Widerstandes gegen eine neue Gemeindewahlordnung zu instrumentalisieren und eine Auflösung des Gremiums zu erwirken. Als Innenminister Haerdtl aber erklärte, das neue Gesetz werde bei einer Vakanz des Gemeinderates niemals die Sanktion erhalten, um nicht den Eindruck eines Oktroys zu vermitteln, änderten die Rumänen ihre Position. Aus ihm unverständlichen Gründen blieben die Ruthenen und Polen aber bei ihrer Linie und näherten sich einander stark an. Die Rumänen suchten nun über die ihnen nahestehenden Christlichsozialen Anschluss an die Deutschen und damit auch an die Juden.

Wieso aber hatten die Rumänen Interesse an einer Annäherung an die Deutschen und Juden und warum stichelte die Allgemeine ständig wegen eines angeblichen jüdisch-christlichsozialen Bündnisses? Die Antwort liegt im System des ‘Wahlkartells’, wahlweise auch ‘System Straucher’ oder einfach nur ‘System’ genannt. Es funktionierte so, dass sich Deutsche und Juden zusammenschlossen und eine gemeinsame Liste erstellten. Beide Teile nominierten ihre eigenen Kandidaten, ohne dass der Partner Einspruch erheben durfte. Um das System abzusichern, wurden eventuell auch andere Parteien eingeladen, Kandidaten in der ihnen erfahrungsgemäß zukommenden Zahl zu nennen und in die ‘offizielle Liste’ einzubringen. Diese Listen wurden dann vorgedruckt an die Wähler verteilt, die sie möglichst unverändert am Wahltag einwerfen sollten. Natürlich konnten aber die Wähler Streichungen oder Überpickungen mit anderen Kandidatennamen vornehmen. Viele ungestrichene Wahlzettel wurden daher als Erfolg der ‘Offiziellen’ qualifiziert. Der Sinn des Systems war es, oppositionelle Kandidaten von vornherein auszuschließen und sich die Kandidaten auch nicht von Wählerversammlungen absegnen lassen zu müssen. Idealerweise sollte es gar keinen Wahlkampf geben bzw. bestand der Wahlkampf in einem ständigen Verhandeln und Feilschen um die offizielle Liste: die ‘Vorbereitungen werden auf rein diplomatischem Wege getroffen’ konstatierte später das Tagblatt das Funktionieren des Kartells. Das System griff nur in den drei Wahlkörpern des 1. Wahlbezirkes – der inneren Stadt – da in den Vorstädten eine ganz andere Bevölkerungsstruktur gegeben war: im 3. Wahlbezirk waren 75% der Wähler Rumänen, den 2. machten sich die Deutschen untereinander aus.

Die Rumänen trachteten also, über die deutsche Seite in die offizielle Liste aufgenommen zu werden, während die Christlichsozialen mit den Deutschnationalen über die Verteilung ihrer Kandidaten verhandelte, was zumindest die stillschweigende Zustimmung der Juden voraussetzte.

Zwischen den beiden deutschen Parteien stand es von Anfang an nicht gut. Gerade eine Woche nachdem die Wiener Parteigranden ihre Unterschrift unter das Abkommen gesetzt hatte, warf das Volksblatt in einem scharfen Artikel Heinrich Kipper vor, in seiner Zeitschrift Freie deutsche Schule konfessionelle Hetzte betrieben und damit gegen das Wahlbündnis verstoßen zu haben. Auch Wenzel Krehan wurde Bruch des Abkommens unterstellt. Die Nachrichten sahen das naturgemäß genau umgekehrt und so lagen sich – kaum dass sie gelobt hatten, ‘stets einträchtig vorzugehen’ – die Parteien über ihre Organe wieder in den Haaren. Damit nicht genug meldete sich jetzt der Bürgerausschuss wieder zurück und erklärte am 4. Jänner in einer Wählerversammlung, fürs erste einen ‘provisorischen deutschen Wahlausschuß’ ins Leben zu rufen, da sich die zwei deutschen Parteien noch nicht herbeigelassen hätten, den beschlossenen Volksrat zu aktivieren. Darüber hinaus müssten die deutschen Kandidaten erstens in einer öffentlichen, allgemein zugänglichen Versammlung aufgestellt werden und dürften zweitens in keinem Dienstverhältnis zur Stadt stehen und auch unter ihren Verwandten keine Gemeindebediensteten haben. Nicht gerade realistische Forderungen – besonders die zweite hätte eine große Zahl der deutschen Mandatsinhaber von einer Wiederkandidatur ausgeschlossen -, die bei den Medien aber durchaus Vergnügen hervorriefen. Kogler verstieg sich sogar dazu, den Volksrat als für die Gemeinderatswahlen ungeeignetes Entscheidungsgremium zu charakterisieren, da auch Vertreter der Provinz, die in Czernowitz nicht einmal wahlberechtigt wären, nominiert worden waren und die beiden Parteien an sich für die Hauptstadt nicht repräsentativ seien. Damit stellten sie sich jedenfalls eindeutig gegen das Wahlkartell-System. Die Ruthenen und Polen akzeptierten die Spielregeln zwar, nahmen am Spiel selber aber nicht teil: Sie begnügten sich, unter strenger Wahrung des bisherigen Besitzstandes gemeinsam ihre Kandidaten bekannt zu geben und anzukündigen, dass, sollte auch nur einer der Kandidaten nicht gewählt werden, sie in den Gemeinderat nicht einziehen und alles in ihrer Macht stehende für seine baldige Auflösung tun würden. Und mochten die Ruthenen in Czernowitz auch eine Quantité négligeable darstellen: Da diese Ankündigung von einem gewissen Nikolaj Wassilko ausgesprochen wurde, hatte sie Gewicht und wurde auch ernstgenommen.

Arbeit zitieren:
Hensellek, Thomas Juni 2002: Die Bukowina nach dem Ausgleich, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Bukowina, Politik, Geschichte, Ausgleich, Österreich-Ungarn

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