Brückenschlagen oder Genre des Zwischenraums
Das hispanoamerikanische testimonio in der Kritik. Untersucht am Beispiel Gregorio Condori Mamani Autobiografia und Canto de Sirena
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Nora Valeska Gores
- Abgabedatum: April 2007
- Umfang: 99 Seiten
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 89
- ISBN (CD) :978-3-8366-0725-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Gores, Nora Valeska April 2007: Brückenschlagen oder Genre des Zwischenraums, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Testimonium, Homi Bhabha, Postkoloniale Studien, Peru, Marginalisierung
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Magisterarbeit von Nora Valeska Gores
Einleitung:
Mis padres son ciegos, aunque poseen unos lindos ojos; son sordos, aunque tienen unos buenos oidos; son mudos, aunque tienen una buena lengua.
Nonato Rufino Chuquimamani Valer, von dem der obige Epigraph stammt, ist Quechualehrer an einer Grundschule im peruanischen Altiplano. Mit seinen Worten charakterisiert er den Alltag eines Lebens am Rande der Gesellschaft. Die zentralen Gegenüberstellungen in seiner Beschreibung veranschaulichen die Wirkung binärer Konzepte aus der Sicht der Benachteiligten und zeigen so metaphorisch die Hilflosigkeit derjenigen auf, die ihre Fähigkeiten aufgrund ihrer Marginalität nicht leben oder entwickeln können. Hier, am Rande der Gesellschaft, nützten Augen nichts, um zu sehen, Ohren nichts, um zu hören und eine Zunge nicht, um zu sprechen. Es sei von diesem Ort aus nicht möglich, ein Außen wahrzunehmen, oder mit ihm zu kommunizieren. Aus dem Epigraph lässt sich zusammenfassend die Aussage herauslesen, dass es für marginalisierte Menschen keine Möglichkeit gibt, am Leben einer nationalen Gemeinschaft teilzunehmen oder es den eigenen Vorstellungen gemäß mitzugestalten.
Während Chuquimamani Valer diese Worte aus der Marginalität heraus äußert, analysiert der uruguayische Literaturkritiker Angel Rama in seinem berühmten Essay von 1985 über die ciudad letrada die Situation aus der Perspektive des Zentrums. Er konstatiert für Lateinamerika die Entstehung zweier voneinander unabhängiger Parallelgesellschaften, deren Ursprung er auf die Bedeutung der Schrift zurückführt. In seinem Aufsatz stellt er die Macht der Schrift für die moderne Gesellschaft innerhalb der Administration der ehemals kolonialisierten Gebiete dar, die – wie er konstatiert – bis heute weiter wirkt:
La ciudad letrada reposa sobre el orden de los signos, cuya propiedad es organizarse según leyes, clasificaciones, distribuciones y jerarquías y por eso se articula armoniosamente con el orden del poder, sirviéndolo mediante leyes, reglamentos, proclamas, cédulas, propaganda. El orden de los signos alcanzó su mayor precisión y rigidez en la escritura que fingía una intemporalidad y una majestad que reproducían las del poder, por lo cual la ciudad letrada fue una ciudad escrituraria, reservada a una estricta minoría que custodiaba al representante del propio Rey.
Die Schrift wird also für die ciudad letrada zu einem Werkzeug, das in vielerlei Hinsicht Einfluss auf die Bewohner eines Landes nimmt und Grundzüge des Lebens in der Gemeinschaft vorgibt.
Die wichtigsten Aufgaben, denen die ciudad letrada in der Gesellschaft nachkommt, sind dabei einerseits die Durchsetzung einer (hierarchisch gegliederten) Ordnung und andererseits die politische Repräsentation der Teilnehmer im gesellschaftlichen Diskurs. Die Grundlage des gemeinsamen Lebens bilden die schriftlich festgelegten Gesetze und die Verpflichtung, diesen Gesetzen Folge zu leisten und sich mit der bürokratischen Administration zu arrangieren; unabhängig davon, ob man auf den Umgang mit dem rigorosen System vorbereitet wurde, oder nicht. Die aufgestellten Regeln gelten für den Teil der Bevölkerung, der der Schrift mächtig ist, ebenso, wie für die nicht alphabetisierte Bevölkerung des Landes. Schrift wird somit in der modernen Gesellschaft zur zentralen Instanz, die eine Gesellschaft strukturiert und regelt.
Die unterschiedlichen Gegebenheiten der Menschen lassen es jedoch nicht zu, dass alle sich in gleichem Maße an dem so installierten System beteiligen. Das Kultur- und Lebensverständnis der nicht alphabetisierten Bevölkerung wird (weder für die wissenschaftliche Auseinandersetzung, noch für das alltägliche Leben in der ciudad letrada) in diesem Diskurs repräsentiert, was zum Ausschluss und schließlich zur Marginalisierung dieser Menschen führt. Deutlich wird die Gesellschaft daher durch die Schrift, bzw. die schulische Bildung in zwei Teile aufgegliedert, in diejenigen, die sich selbst repräsentiert sehen, denen es möglich ist, sich zu äußern und am Diskurs teilzunehmen, und in diejenigen, denen das verwehrt bleibt.
Entgegen der Darstellung Ramas proklamiert eine 1984 in Lima publizierte soziologische Studie mit dem Titel Negros en el nuevo mundo die erlangte Gleichheit aller Menschen. Im Text werden unterschiedliche Aspekte der Geschichte der Afrikaner in Amerika behandelt. Insbesondere das letzte Kapitel ist dabei speziell den Gegebenheiten in Peru gewidmet. Der Autor des Buches unterstreicht dabei in seiner Argumentation die tatsächliche Ebenbürtigkeit aller Menschen unabhängig ihrer Herkunft. Er präsentiert Peru als ein weitgehend demokratisches Land, das allen Bewohnern gleiche Chancen eröffnet. Dabei umgeht er die Schilderung des herrschenden materiellen Elends, der Diskriminierung und Unterdrückung nicht nur sondern widerspricht ihr offen:
Los negros en el Perú de hoy, por las características de su vida, por su status económico, y por el ambiente colectivo nacional, no constituyen ni plantean ningún problema. Ni el de las minorías, ni el de la discriminación, ni el de la segregación, en ninguna de sus cualidades o expresiones. Nuestro país se ve libre, por ventura, de los prejuicios e intransigencias raciales de las fronteras de color, de las incompatibilidades irreductibles entre grupos étnicos desafines, de los trágicos odios raciales y de la vergüenza y del oprobio de los linchamientos. En el Perú el sentido de la igualdad y de la dignidad humana no está limitado sólo a los hombres de piel blanca. Todos son iguales ante la ley peruana, con los mismos derechos y los mismos deberes, tanto en lo político como en lo económico y en lo social.
Diese einseitige, wissenschaftliche Darstellung einer Sicht von außen macht die Notwendigkeit deutlich, der von Mc-Lean vertretenen Meinung Gegenstimmen entgegenzuhalten, die die Situation von einer anderen Warte aus beleuchten.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Ein Leben abseits der Gesellschaft | 4 |
| I.1 | Ehrgeiz und Notwendigkeit einer Repräsentation von Innen | 4 |
| I.2 | Die steile Welt der Anden: Hochebene und Meer | 8 |
| I.3 | Zwischen den Welten | 10 |
| I.4 | Auf den Spuren des Dritten | 12 |
| II. | Der Herrschaft entkommen. Grundlegende Aspekte der postkolonialen Debatte | 13 |
| II.1 | Im Diskurs gefangen | 13 |
| II.2 | (T)räume des Dritten. Jenseits der Hierarchie | 14 |
| II.3 | Eine bekannte Theorie in neuen Gefilden | 19 |
| II.4 | Kritische Hinterfragung des Projekts. Ein Wort der Selbstkritik | 20 |
| III. | Wahre Geschichte(n) im freien Fall des in-between. Gregorio Condori Mamani - Autobiografía und Canto de Sirena | 24 |
| III.1 | Ein Genre im Zwischenraum | 24 |
| III.2 | Zwischen den Kompetenzen | 30 |
| III.3 | Genese eines Textes. Von der Erzählung zum Artefakt | 38 |
| III.4 | The Real Thing? | 52 |
| III.5 | Schreiben, „wie mir der Schnabel gewaxn ist“ | 62 |
| III.6 | Zwei Konzepte von Kultur vereinen | 73 |
| IV. | Irgendwo dazwischen | 89 |
| V. | Bibliographie | 95 |
| V.1 | Monographien und Artikel | 95 |
| V.2 | Im Internet zugängliche Artikel und Homepages | 100 |
| V.3 | Bildnachweise | 101 |
Textprobe:
Kapitel III. 3, Genese eines Textes: Von der Erzählung zum Artefakt:
In diesem Abschnitt soll auf die doppelte Autorenschaft eingegangen und die Frage thematisiert werden, wessen Geschichte im fertiggestellten Testimonium schließlich erzählt wird.
Ursprung eines jeden testimonio ist das Gespräch (mindestens) zweier Menschen. Ein Interview, das aufgezeichnet, bearbeitet und publiziert wird, bevor es seinen Weg in die Hände eines Lesers findet. An seinem Entstehungsprozess sind daher mindestens zwei Personen maßgeblich beteiligt: ein Erzähler und ein Schreiber. Wer hat welchen Anteil am vollendeten Werk? Wessen Geschichte steht schließlich in den Regalen der Buchhandlungen zum Kauf bereit? Oder andersherum, mit Foucaults einleitender Frage nach der Relevanz des Autors „Qu’importe qui parle?“, die der französische Philosoph in einem Essay mit dem Titel „Qu’est-ce qu’ un auteur?“ aufkommen lässt.
Während der Entstehung eines testimonio wird zwischen Oralität und Schriftlichkeit verhandelt. Mit der notwendigen Transkription der mündlichen Erzählung geht stillschweigend ein Filterprozess einher, der in den meisten Testimonien nur unzureichend reflektiert wird. Es stellt sich die Frage, wer in den Texten eigentlich spricht. Wer ist also der Autor eines Testimoniums? Derjenige, der Zeugnis gibt? Oder derjenige, der es schriftlich festhält?
Blickt man mit Roland Barthes’ Essay „La mort de l’auteur“ auf diese Frage, so wird der Leser des Textes mit in die Antwort einbezogen. Um die zentrale Stellung des Autors in den Literaturwissenschaften anzugreifen, hebt er in seiner Analyse die Bedeutung des Lesers gegenüber der des Autors hervor. In ihm, so Barthes, finde der Text erst (zurück) zu (s)einem Sinn.
Der Text vervollständigt sich erst im Lesen, und die Prämissen verkehren sich. Der Leser selbst steht nun im Mittelpunkt des Textes und ist ausschlaggebend für dessen Inhalt; der Autor selbst ist nicht mehr von Belang, er „stirbt“ mit der Geburt des Lesers. Mit dieser Feststellung endet Barthes seinen Aufsatz: „La naissance du lecteur doit se payer de la mort de l’Auteur.“ Da jedoch der Editor eines testimonio (also dessen Bearbeiter), im eigentlichen Sinne auch sein erster Leser/Hörer ist, kündigt Barthes mit seinem Text gewissermaßen auch den Tod der Stimme des Erzählers an, der bis zur Verschriftlichung als alleiniger Autor gesehen werden kann.
Die indische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Gayatri Spivak kommt in ihrem bekannten Essay „Can the subaltern speak?“ zu einem vergleichbaren Ergebnis. Der Subalterne, in unserem Falle folglich der Testimoniant, so beantwortet Spivak ihre Frage, könne (auch mit Hilfe einer Mittelsperson) nicht sprechen; und somit könne er weder im akademischen Diskurs repräsentiert, noch auf politischer Ebene vertreten werden. Die Zugehörigkeit zur Subalterne zeichne sich nach Spivaks Definition gewissermaßen erst durch den Ausschluss aus dem öffentlichen und akademischen Diskurs aus. Könnte er sprechen, so wäre er nicht subaltern. Der Versuch der Anthropologen und Ethnologen, den Subalternen mit in den Diskurs einzubeziehen, könne daher nur fehlschlagen. Er erschiene, so Spivak, nur bei oberflächlichem Hinsehen als ein möglicher Ausweg, bei genauer Analyse der Situation erweise sich auch dieser „gut gemeinte“ Repräsentationsversuch durch die Elite als utopisch. In ihrem Buch In Other Worlds stellt Spivak fest:
To investigate, discover, and establish a subaltern or peasant consciousness seems at first to be a positivistic project – a project which assumes that, if properly prosecuted, it will lead to firm ground, to some thing that can be disclosed. (But) there is always a counterpointing suggestion in the work of the group that subaltern consciousness is subject to the cathexis of the elite, that it is never fully recoverable, that it is always askew from its received signifiers, indeed that it is effaced even as it is disclosed, that it is irreducibly discursive.
Die Hoffnung auf eine adäquate Repräsentation der Realität der Menschen, die vom Diskurs ausgeschlossen sind, erfüllt sich auch auf diese Weise nicht. Ihre Interessen können auch durch die Vermittlung eines engagierten Helfers nicht in den Diskurs integriert werden. Das Bild einer Asymptote kann zur Veranschaulichung der Problematik herangezogen werden, um einerseits die erreichte Annäherung an die Realität der Subalterne zu illustrieren, andererseits jedoch auch die ihr inhärente Distanz zwischen Vorbild und Abbild einzufangen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836607254
Arbeit zitieren:
Gores, Nora Valeska April 2007: Brückenschlagen oder Genre des Zwischenraums, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Testimonium, Homi Bhabha, Postkoloniale Studien, Peru, Marginalisierung



