Biographie und Identität - Biographisches Arbeiten mit Menschen mit geistiger Behinderung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Karoline Rytz
- Abgabedatum: Januar 2009
- Umfang: 114 Seiten
- Dateigröße: 2,1 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Deutschland
- Bibliografie: ca. 55
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3742-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Rytz, Karoline Januar 2009: Biographie und Identität - Biographisches Arbeiten mit Menschen mit geistiger Behinderung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Identität, Biographie, Geistige Behinderung, Selbstkonzept, Erinnerung
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Diplomarbeit von Karoline Rytz
Einleitung:
Eine Wohngruppe für Menschen mit geistiger Behinderung: die Betreuerin bringt eines Tages ihr Saxophon mit und gibt spontan ein Ständchen. Plötzlich bricht eine der Bewohnerinnen in Tränen aus und ist zunächst kaum zu beruhigen. Alle Anwesenden sind ratlos ob der extremen Reaktion.
Im darauf folgenden Gespräch stellt sich heraus, dass diese Bewohnerin aus einer musikalischen, regelmäßig im Familienkreis musizierenden Familie stammt, deren Mitglieder jedoch längst verstorben sind oder schon seit Jahren den Kontakt zu der Bewohnerin abgebrochen haben.
Dies ist nur eines von vielen Beispielen, das mir in meiner nunmehr fast fünfjährigen Tätigkeit in einer Wohnstätte für Menschen mit geistiger Behinderung wiederholt verdeutlicht hat, wie bedeutsam und zugleich oftmals im Alltag vernachlässigt die Lebensgeschichte (insbesondere der Abschnitt vor dem Zeitpunkt des Einzugs in die Wohnstätte) ist, die hinter jedem Einzelnen steht und so manches, zunächst scheinbar unverständliche Verhalten biographisch erklärbar machen kann.
Neben meinem Studium der Heilpädagogik bin ich als studentische Honorarkraft in besagter Wohnstätte als ‘Springerin’ in allen fünf Gruppen tätig und habe auf diese Weise im Lauf der Jahre jeden einzelnen der ca. 50 Bewohner der Wohnstätte in seinem Wohnheimalltag kennengelernt. Im Laufe meiner Arbeit fiel mir jedoch immer wieder - insbesondere in Krisensituationen oder bei herausforderndem Verhalten - auf, wie wenig ich im Grunde über die einzelnen Personen und ihre biographischen Hintergründe weiß. Die Aktenlage ist oft recht spärlich und beschränkt sich auf knappe medizinische Angaben, woraus sich bestenfalls ein rudimentärer Lebenslauf erschließen lässt, sowie auf einen alle paar Jahre erhobenen Sozialbericht. Im Alltag kommt es aufgrund des engen Zeitplans und knapper Personalbesetzung selten zu tiefergehenden Gesprächen mit den Bewohnern, die über alltägliche, organisatorische Aspekte hinausgehen.
Im Sommersemester 2008 stieß ich im Rahmen eines Seminars über ‘Biographische Gesprächsführung’ der Lehrbeauftragten Frau H. Beneker (Dipl.-Soziologin, FH Bielefeld) auf die Methode der Biographiearbeit. Hier sah ich eine gute Möglichkeit und einen angemessenen methodischen Rahmen für eine intensive und zielgerichtete Auseinandersetzung der Bewohner mit ihrer Lebensgeschichte. Eine Annäherung an das eigene So-Geworden-Sein schien mir ein sinnvoller Weg zu einem besseren Verständnis ihrer Selbst und ihrer Bedürfnisse zu sein, in erster Linie für die Bewohner selbst, aber auch für mich in meiner Position als Betreuerin im Alltag.
In der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit das Biographische Arbeiten als identitätsstiftende Maßnahme für Menschen mit geistiger Behinderung von Bedeutung sein kann.
Zunächst werde ich in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen zum Begriff der geistigen Behinderung formulieren, daraufhin werden die Begriffe der Biographie und Identität näher betrachtet und definiert. Letzterer wird vor dem Hintergrund seiner Zusammenhänge mit dem Begriff der Biographie auf den Personenkreis der Menschen mit geistiger Behinderung bezogen und die Notwendigkeit professioneller Unterstützung bei Identitätsprozessen aufgezeigt.
Das Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte als Gegenstand der pädagogischen Wissenschaft und Praxis. Einer Darstellung des Biographischen Arbeitens als praktische Methode folgt in Kapitel 4 eine vertiefende Darstellung des methodischen Vorgehens in der Biographiearbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung.
In Kapitel 5 werde ich anhand einer Fallanalyse das Biographische Arbeiten mit zwei Personen mit geistiger Behinderung unter besonderer Berücksichtigung seiner identitätsstiftenden Aspekte vorstellen.
In Kapitel 6 erfolgt eine Reflexion und Interpretation der Ergebnisse der Fallanalyse. Diese Reflexionen werden sich in ihren Überlegungen auf die zuvor erarbeiteten theoretischen Grundlagen beziehen und die Wirksamkeit der Biographiearbeit als identitätsstiftende Maßnahme diskutieren.
Es sei darauf hingewiesen, dass ich in der praktischen Darstellung des Verlaufes der Fallanalyse - welche zudem an mancher Stelle als Fallbeispiel bezeichnet wird - nah an einem umgangssprachlichen Ton geblieben bin, um ein möglichst authentisches Bild der Praxis zu vermitteln.
Weiterhin werde ich zugunsten der besseren Lesbarkeit die maskulinen Bezeichnungen verwenden, wobei ich den femininen Personenkreis mit einschließe.
Hinsichtlich der Rechtschreibung des Wortes ‘Biographie’ / ‘Biografie’ bzw. ‘biographisch’ / ‘biografisch’ passe ich mich in der Verwendung von Zitaten den jeweiligen Autoren an.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Geistige Behinderung, Biographie und Identität | 6 |
| 2.1 | Zum Begriff Geistige Behinderung | 6 |
| 2.1.1 | Geistige Behinderung - eine Begriffsbestimmung in der Diskussion | 7 |
| 2.1.2 | ICF und ICD-10 - mögliche Formen der Differenzierung | 8 |
| 2.1.3 | AAIDD und Testdiagnostik - Kritik vs. Nutzen | 9 |
| 2.1.4 | Prävalenz - IQ-Referenz und soziologische Besonderheiten | 10 |
| 2.1.5 | Ätiologie - grundlegende organische Schädigungen | 11 |
| 2.1.6 | Geistige Behinderung in sozialen Bezügen – Versuch einer umfassenden Begriffsbestimmung | 12 |
| 2.2 | Biographie | 14 |
| 2.2.1 | Lebenslauf und Lebensgeschichte | 14 |
| 2.3 | Biographie und Identität | 17 |
| 2.4 | Identität und geistige Behinderung | 23 |
| 3. | Lebensgeschichten als Gegenstand der pädagogischen Wissenschaft und Praxis | 28 |
| 3.1 | Pädagogische Biographieforschung | 28 |
| 3.2 | Biographisches Arbeiten | 29 |
| 3.2.1 | Zielsetzungen des Biographischen Arbeitens | 30 |
| 3.2.2 | Didaktisch-Methodische Aspekte des Biographischen Arbeitens | 31 |
| 4. | Biographisches Arbeiten mit Menschen mit geistiger Behinderung | 34 |
| 4.1 | Leitlinien für das Biographische Arbeiten mit Menschen mit geistiger Behinderung | 34 |
| 4.1.1 | Zielsetzungen | 34 |
| 4.1.2 | Humanistisches Menschenbild / Personenzentrierte Haltung | 36 |
| 4.1.2.1 | Haltung des Moderators | 37 |
| 4.1.3 | Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung | 40 |
| 4.1.3.1 | Kommunikation / Leichte Sprache | 40 |
| 4.1.3.2 | Zeit-, Wiederholungs- und Pausenerfordernis | 41 |
| 4.1.3.3 | Struktur / Planung des Erinnerns | 41 |
| 4.1.3.4 | Motivation | 42 |
| 4.1.3.5 | Angemessene Anforderungen und Orientierung an Ressourcen | 42 |
| 4.1.3.6 | Freiwilligkeit | 42 |
| 4.1.3.7 | Altersgerechter Umgang | 43 |
| 4.1.4 | Konkrete Planung | 43 |
| 5. | Fallanalyse | 45 |
| 5.1 | Die Teilnehmer | 45 |
| 5.1.1 | Der Teilnehmer W. | 46 |
| 5.1.2 | Der Teilnehmer F. | 47 |
| 5.2 | Verlauf des Biographischen Arbeitens | 47 |
| 5.2.1 | ‘Zu dritt’ - Einstiegsphase | 48 |
| 1. Biographisches Treffen | 48 | |
| 2. Biographisches Treffen | 51 | |
| 3. Biographisches Treffen | 54 | |
| 5.2.2 | Einzeltreffen - Hauptphase | 57 |
| 4. Biographisches Treffen (W.) | 57 | |
| 4. Biographisches Treffen (F.) | 59 | |
| 5. Biographisches Treffen (W.) | 62 | |
| 5. Biographisches Treffen (F.) | 64 | |
| 6. Biographisches Treffen (W.) | 65 | |
| 6. Biographisches Treffen (F.) | 66 | |
| 7. Biographisches Treffen (W.) | 70 | |
| 7. Biographisches Treffen (F.) | 72 | |
| 8. Biographisches Treffen (W.) | 73 | |
| 8. Biographisches Treffen (F.) | 74 | |
| 5.2.3 | Einzeltreffen - Abschlussphase | 76 |
| 9. Biographisches Treffen (W.) | 76 | |
| 9. Biographisches Treffen (F.) | 79 | |
| Einschub Gespräch mit W. | 81 | |
| 10. Biographisches Treffen (F.) | 81 | |
| Abschlußtreffen und Situation nach der Biographiearbeit | 85 | |
| 6. | Gesamtreflexion | 87 |
| 6.1 | Gesamtreflexion der Fallanalyse | 87 |
| 6.1.1 | Gesamtreflexion Teilnehmer W. | 87 |
| 6.1.2 | Gesamtreflexion Teilnehmer F. | 91 |
| 6.1.3 | Gesamtreflexion der Autorin in ihrer doppelten Position als Moderatorin und Betreuerin | 94 |
| 6.2 | Biographisches Arbeiten als identitätsstiftende Methode für Menschen mit geistiger Behinderung - Erkenntnisse der Gesamtreflexion | 96 |
| 7. | Fazit | 99 |
| 8. | Anhang | 102 |
| 9. | Literaturverzeichnis | 111 |
Textprobe:
Kapitel 6.2, Biographisches Arbeiten als identitätsstiftende Methode für Menschen mit geistiger Behinderung - Erkenntnisse der Gesamtreflexion:
Durch die Auswertung der Biographiearbeit mit W. und F. wurden die vielfältigen Erfahrungen deutlich, welche sie bereits sowohl im Laufe ihres Lebens wie auch in der retrospektiven Auseinandersetzung damit gemacht haben.
Gleichermaßen wurde die identitätsprägende Wirkung ihrer biographischen Erfahrungen und des individuellen Erlebens dieser Erfahrungen deutlich.
Da Menschen mit geistiger Behinderung der für individuelle Identitätsprozesse so notwendige ‘Zugang zum eigenen Erleben oft schwerfällt’ und daher ‘angeregt und unterstützt werden’ muss, erscheint das Biographische Arbeiten nach den dargestellten Ergebnissen des Fallbeispiels als eine dahingehende sinnvolle Assistenzmaßnahme. In diesem Rahmen zeigten sich verschiedenste Erlebens-, Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse lebensgeschichtlicher Erlebnisse, die als grundlegend identitätsbildend anzusehen sind.
Der Zugang zum Erleben (der eigenen Geschichte) ist mit einem Zugang zur eigenen Biographie gleichzusetzen, ebenwelche - unter Verweis auf die bereits in Kapitel 2.3 erläuterten Erkenntnisse über ihre enge Verbindung zur Identität - eine ‘ganz außergewöhnliche Ressource für Lern- und Identitätsbildungsprozesse’ darstellt.
In der Reflexion des Fallbeispiels wurde ersichtlich, wie die Teilnehmer durch das Wachrufen prägnanter Ereignisse innerhalb der Biographiearbeit sich selber (wieder) besser kennenlernten und somit ihre eigene Person in den Mittelpunkt des angeregten Lernprozesses stellten. Eine so sensibilisierte und verbesserte Wahrnehmung führt zu einem vertieften Verständnis von sich selbst und damit zu einer Erweiterung des persönlichen Identitätsverständnisses.
Auf dieser Grundlage wurde es möglich, Lebenssituationen zu reflektieren und basierend auf den Erfahrungen der Vergangenheit neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. In diesem Sinne wird deutlich, auf welche Weise Biographiearbeit insbesondere für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung anregen kann, die zu einem positiven Selbstbild beitragen und damit auch vor dem Einfluss von Stigmatisierungen schützen kann.
In dieser Hinsicht spielt besonders auch die Entfaltung der Eigenart jedes Einzelnen eine große Rolle. Diese drückt sich u.a. in persönlichen Wünschen und Vorstellungen aus, welche durch das Biographische Arbeiten offensichtlich aufgedeckt werden können und somit auch an dieser Stelle ein Beitrag zur Stärkung der Identität geleistet werden kann.
Der Aspekt der Einzigartigkeit bzw. der Individualität eines jeden Einzelnen spiegelt sich in der bereits erwähnten Annahme, ‘Identität als Form von Individualität, die sich über Selbsterfahrungen im Kontext sozialer Interaktionen ausprägt’ zu betrachten.
Im Rahmen der Biographiearbeit machten die Teilnehmer Selbsterfahrungen verschiedenster Art, wie z.B. die Vergegenwärtigung der Einnahme unterschiedlicher sozialer Rollen oder auch die Möglichkeit, sich an einem bekannten Ort einmal in einer ganz anderen Rolle als der vormals Eingenommenen zu erfahren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Biographiearbeit als Kommunikationsmittel über ebendiese Erfahrungen fungieren kann. Durch die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen und Themen, welche sie im Laufe ihres Lebens geprägt haben, konnten sich die Teilnehmer bedeutsamer Teile ihrer Identität versichern bzw. bestätigen.
Weiterhin konnten sich die Teilnehmer im historischen Zusammenhang erfahren und sich mit ihrer persönlichen Geschichte in diesen Kontext einordnen, was ihnen ihre Identität als zeitlich kontinuierlich verdeutlichte.
Der bewusste Blick auf die eigene Lebensgeschichte als eine Förderung im Sinne einer lebenslangen, identitätsstiftenden Entwicklung scheint nach den vorgelegten Erkenntnissen der Annahme THEUNISSENS zu entsprechen: ihm zufolge bietet die Annäherung über die ‘Lebenslaufperspektive’ (life span developmental approach) einen geeigneten Bezugsrahmen für Interventionen, die den geistig behinderten Menschen (…) in seinem Personsein, in seiner Würde, in seinen Möglichkeiten, in seiner Befindlichkeit und mit seinen Bedürfnissen als ein auf Autonomie hin angelegtes, aktives und kompetentes Wesen ernst nehmen’.
Somit kann durch Biographiearbeit eine entscheidende Unterstützung bei grundlegenden Identitätsprozessen geleistet werden.
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http://www.diplom.de/ean/9783836637428
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