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Bildung und Gemeinsinn

Ein Beitrag zur Pädagogik der Urteilskraft aus der Philosophie des "sensus communis"

Bildung und Gemeinsinn
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Thomas Wanninger
  • Abgabedatum: August 1998
  • Umfang: 151 Seiten
  • Dateigröße: 931,1 KB
  • Institution / Hochschule: Universität Bayreuth Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1888-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1888-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1888-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wanninger, Thomas August 1998: Bildung und Gemeinsinn, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Rhetorik, Common sense, Erfahrung, Gemeinsinn, Urteilsvermögen

Dissertation / Doktorarbeit von Thomas Wanninger

Einleitung:

Der Appell an den Gemeinsinn scheint immer dann angebracht zu sein, wenn zu gesellschaftlich relevanten Dingen mit einem Wort viel gesagt werden soll. Inhaltsschwer und unwiderlegbar mutet es an, wenn sich jemand zur rechten Zeit auf ihn beruft. Jegliche Parteilichkeit wird aufgegeben und jeder findet Gefallen an der richtigen Meinung, die durch den Gemeinsinn bestimmt wird. Thomas Reid schreibt hierzu: "An appeal is made to common sense, and each party is left to enjoy his own opinion."Der Begriff "Gemeinsinn" hat einen naturrechtlichen Beiklang, der die Menschen untereinander verbindet und vor allem moralisch-praktische Probleme des gerechten gemeinschaftlichen Umgangs im Auge hat. Nichts mutet selbstverständlicher an als die Bezugnahme auf einen allgemeinen Menschensinn; jeder kann sich etwas darunter vorstellen, weil er selbst meint, daran Anteil zu haben. Woher aber dessen Sicherheit und Schnelligkeit des Urteilens kommt, ist unklar, und wer trotzdem eine Erklärung versucht, wird - so meine persönliche Erfahrung - rasch sprachlos. Stellt man sich selbst die Frage: "Was ist der Gemeinsinn?" oder etwas elaborierter: "Auf welchen Erkenntniskräften beruht er?", ist eine Antwort nicht leicht zu finden.

Neben den unsicheren Gründen und dem undurchsichtigen Charakter des Gemeinsinns ergibt sich aus der ihm zugebilligten Urteilssicherheit und Allgemeingültigkeit noch ein weiteres Problem: Wenn nämlich die Autorität dieses Sinns so selbstverständlich scheint, dann sollte man doch den Einwand vorbringen, daß es wohl einen Mißstand geben muß, der die Berufung auf ihn notwendig macht. Schon dieser erste Blick auf das, was man in einem alltäglichen Sinne unter "Gemeinsinn" versteht, läßt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit vermuten. Der Gemeinsinn scheint demnach zwar ein allgemeines Beurteilungsvermögen zu sein, ist aber noch auf die Entfaltung seiner bloßen Möglichkeit angewiesen. Wie sich nachfolgend immer wieder zeigen wird, ist hierfür das ständige Denken unverzichtbar, so daß der Gemeinsinn kein "Sinn" ist, denn er kann seine Urteile nicht aus der Realität "ablesen".

Meine Nachforschungen haben einen auffälligen Mangel an pädagogischer Literatur zum Thema "Gemeinsinn" ergeben. Um sich diesem wissenschaftlichen Desiderat zu nähern und dabei praxisrelevante Erkenntnisse zu erhalten, muß zunächst das Verhältnis von Bildung und Gemeinsinn anhand der philosophisch-rhetorischen Vorgaben recherchiert werden. Anschließend an diese Voruntersuchungen kann eine Systematisierung des Gemeinsinns gewagt werden, die auf den historischen Ergebnissen aufbaut. Es fehlt eine pädagogische Theorie des Gemeinsinns, die dasjenige zu verbinden sucht, was schon die alltägliche Vorstellung von "Gemeinsinn" impliziert. Gemeinschaftliches Leben, Gerechtigkeit und Takt sowie Sympathie und Lebensklugheit werden gleichsam bei der Erwähnung dieses Begriffs hinzugedacht und scheinen untereinander auf irgendeine Art und Weise zusammen zu gehören, da beispielsweise Leben in Gemeinschaft ohne Gerechtigkeit kaum vorstellbar ist; hier gilt es, Grundlegendes für pädagogisches Denken zu erörtern. Im Idealfall kann so eine überzeugende Theorie des pädagogischen Handelns gewonnen werden, die im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln weiß.

Seinen Gemeinsinn nicht zu verlieren und an dessen Stelle nicht eine Art von Eigendünkel treten zu lassen, ist wohl die allgemeinste Zielformulierung, um die sich eine pädagogisch intendierte Arbeit zum sensus communis kümmern muß. Dabei liest sich dieser Satz so flüssig, daß man meinen könnte, man hätte es hier nicht mit einem Ziel zu tun, sondern mit einer Grundlegung, da es doch jedem klar ist, daß der Mensch so etwas wie ein Gemeinschaftswesen ist, das ohne die Hinwendung zum Mitmenschen nicht recht zu sich selbst finden kann. Gerade dies würde aber heißen, den Gemeinsinn mit sich selbst zu erklären. Darin ist aber genau die im Vorwort beschriebene Sprachlosigkeit begründet, mit der man sich konfrontiert sieht, wenn man erklären soll, was denn dieser Sinn eigentlich sei, wenn es überhaupt eine Begründung gibt, diesen anzunehmen. Ein solcher Nachweis des Gemeinsinns, der sich dann natürlich nicht auf Vertrautes und Offensichtliches berufen kann, sondern einer erkenntnistheoretischen Sicherheit bedarf, kann nur gelingen, wenn etwas gefunden wird, das in Methode und Inhalt allgemein ist und dadurch auch Gemeinschaft unter den Menschen bewirkt.

Es gilt also, sich gleich am Beginn der Überlegungen den Grundlagen der menschlichen Erkenntnis zuzuwenden, um so die Sprachlosigkeit bei dem allzu selbstverständlich scheinenden Gemeinsinn aufzuheben und zugleich in die grundlegende Problematik der Bildung des Gemeinsinns einzuführen. Dazu bietet sich ein Blick in das sechste Buch der Nikomachischen Ethik an. Obwohl die hier von Aristoteles geäußerten Gedanken namentlich nicht den Gemeinsinn explizieren, können sie doch zum Verständnis desselben einen wertvollen Dienst leisten, da sie gleich am Anfang der Erörterungen den Blick auf das lenken, was der Gemeinsinn im Grunde ist: eine allgemeine und auf das Lebenspraktische gerichtete Urteilskraft. Dies in der Einleitung abzuhandeln ist vor allem deswegen geboten, weil die Autoren des sensus communis, wie sie im ersten Teil der Arbeit vorgestellt werden, im besten Falle Teilaspekte herausarbeiten. Da aber die Summe noch nicht das Ganze ist, weil ihr die Einheit fehlt, könnte es leicht passieren, daß man nach der Lektüre des ersten Teils immer noch keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Gemeinsinns gefunden hat, denn die Hauptaufgabe des ersten Teils wird darin bestehen, zu erklären, was der jeweilige Autor unter den Aspekten Bildung und Gemeinsinn zu sagen hat. In Anbetracht der vielen Autoren die Übersicht zu verlieren, soll vermieden werden. Trotzdem wird man auf den zweiten Teil der Arbeit nicht verzichten können, da eine unter dem Aspekt der Bildung erarbeitete Systematik bislang noch nicht vorgelegt wurde.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort 7
Einleitung 9
Erster Teil: Bildung und Gemeinsinn in der Tradition des sensus communis 19
Erstes Kapitel: Erkenntnistheoretische Grundlegung
1. Abschnitt: Cicero. Sensus communis et prudentia: Der Redner als pädagogisches Vorbild 23
2. Abschnitt: Vico. Der Gemeinsinn als Urteilskraft im Wahrscheinlichen 29
3. Abschnitt: Descartes, Rousseau. Gemeinsinn: Übung, Urteilskraft und Vergleich 42
Zweites Kapitel: Motivation und Möglichkeiten der Bildung des Gemeinsinns
1. Abschnitt: Shaftesbury. Sensus communis: Bildung durch Gemeinschaft und Humor 55
2. Abschnitt: Oetinger. Sensus communis et conscientia: Vom Offensichtlichen und zugleich Verborgenen des Menschen
3. Abschnitt: Basedow. Gesunde Vernunft: Bildung durch Deutlichkeit im Lehren 61
4. Abschnitt: Reid. Common sense and Business 75
Drittes Kapitel: Wer hat Gemeinsinn? 78
1. Abschnitt: Kant. Gemeinsinn als Denkungsart des Weltbürgers 78
2. Abschnitt: Schiller. Gemeinsinn und ästhetischer Charakter 90
Zweiter Teil: Versuch einer pädagogischen Theorie des Gemeinsinns (sensus communis) 95
1. Kapitel: Methode und Charakterisierung des Gemeinsinns 96
§ 1 Zum Gemeinsinn allgemein
§ 2 Erfahrung und Gemeinsinn 102
§ 3 Einbildungskraft und Gemeinsinn 104
§ 4 Gemeinsinn als allgemeine Urteilskraft 107
2. Kapitel: Die Urteilsbereiche des Gemeinsinns 113
§ 5 Gesunder Menschenverstand und theoretische Bildung 113
§ 6 Gemeinschaft und politische Bildung 115
§ 7 Gerechtigkeit und praktische Bildung 120
§ 8 Schicklichkeit und ästhetische Bildung 123
3. Kapitel: Gemeinsinn und pädagogisches Handeln 128
§ 9 Gemeinsinn und negative Pädagogik 128
§ 10 Gemeinsinn und Disziplin 132
§ 11 Autonomie des Denkens 136
§ 12 Erweiterung des Denkens 140
§ 13 Konsequenz im Verhalten 143
Literaturverzeichnis 147
Lebenslauf 151

Automatisiert erstellter Textauszug:

49 Rousseaus Abhängigkeit von anderen schaffen. Reichtum, so könnte man sagen, muß dargestellt werden und ist zudem von ärmeren Menschen abhängig, weil man ohne ihre Existenz nicht reich sein könnte, und die Macht hat nur der, dem die anderen seinen Willen auch erfüllen. Émile soll sich seinen Geschmack selber an Beispielen bilden, die nicht vollkommen sind. Jean-Jacques wählt dazu ein Volk aus, das noch recht grob im Umgang ist, und eines, das schon gekünstelte Formen wählt. Dabei ist es das Ziel, einen einfachen Geschmack zu bilden, der so schnörkellos und einfühlsam ist, wie es alte Inschriften verkünden, die keine Helden loben, sondern die lobenswerte Tat nur berichten. Durch den Vergleich kann der Geschmack die ihm zukommende Allgemeingültigkeit erlangen, denn "der Geschmack ist weiter nichts als die Fähigkeit, über das zu urteilen, was der Mehrheit gefällt oder mißfällt."138 ["...; le goût n'est que la faculté de juger ce qui plaît ou déplaît au plus grand nombre."] Abschließend kann zum Gemeinsinn bei Rousseau zusammengefaßt werden: Alle genannten Lebensabschnitte bauen auf dem vorurteilsfreien und vergleichenden Urteil des sens commun bzw. bon sens auf, womit dieser Sinn für die Bildung zum erwachsenen und voll entwickelten Menschen unverzichtbar ist. Dessen aus der Anschauung gewonnene Fähigkeit zum Vergleich wird auch auf die Verbindung von empirischen und nicht-empirischen Begriffen angewandt, wobei die negative Bildung, die zur Kultivierung der Anschauung führt, auch im Alter der Belehrung falsche Auswirkungen der Vernunftideen fernhält und vor Irrtümern bewahrt. [...]

47 Gemeinsinn (l'ésprit social), der das Werk der Errichtung sein soll, [müßte] der Errichtung selbst vorausgehen ..."128 Rousseau sieht im Sonderinteresse das Gemeinwohl nur verschüttet und nicht aufgelöst, und so schlecht der Zustand des Gemeinwesens auch sein mag, immer ist in der Vorstellung eines jeden der Sinn für Gerechtigkeit noch lebendig. Fragt man nämlich auch den ungebildetsten Egoisten, ob er das Gemeinwohl wünsche, so antwortet er schon aus Eigenliebe mit 'Ja'. Der Gemeinwille ist damit nicht ausgelöscht, sondern er weicht ihm nur aus! Wenn er aber nicht nach dem handelt, was er gesagt hat, dann beweist er durch seine Tat nur, daß er die Frage nicht richtig verstanden hat, was aber nicht heißt, daß er keinen Gemeinsinn besitzt! Diese Feststellung ist für die Bildungsmöglichkeit des Gemeinsinns von entscheidender Bedeutung! Die Vorstellung von Recht und Gesetz ist jedem gegeben, und wer danach handelt, ist damit automatisch für die höchsten Ämter geeignet. [...]

Die Menschen sind durch ihre Natur aufgerufen, eine Form des Zusammenlebens zu finden, in die jeder sich und seine Fähigkeiten einbringen kann; diese Gemeinschaft steht unter dem Schutz aller, und jeder, der sich den Gesetzen der Gemeinschaft unterwirft, soll trotzdem so frei bleiben wie zuvor.124 Dies ist das Ziel des Contrat Social und der politischen Bildung, alles weitere ergibt sich hieraus. Der Wille der Gesellschaft ist es somit, sich selbst vernünftig zu verfassen und dem Wohle aller zu dienen. Alle sind durch das Band der Menschheit miteinander verbunden. Der Gemeinwille (volonté générale) hat damit immer das Gemeinwohl (bien commun) zum Inhalt und verteidigt die Gemeinschaft gegen jede Art von Einzelinteressen (intérêts particuliers).125 Die Frage ist nun: Wie soll politisch gebildet werden? Auch Rousseau steht vor dem wichtigen Problem, wie einem Menschen, der die Annehmlichkeiten des Sonderinteresses kennt, die Einschränkungen der Privatinteressen zugunsten des Gemeinwohls zu vermitteln sind,126 wobei es letztlich auch um die Bereitschaft geht, zum Schutz des Gemeinwesens auf dem Schlachtfeld sein Leben zu lassen.127 Im Angesicht des Todes, und damit auf die letzte Konsequenz zugespitzt, scheint dieser Versuch zur politischen Bildung fast aussichtslos. Die Vorzüge einer Gemeinschaft müßten erkannt werden, bevor man sich zu ihr bekannt hat, was nichts anderes bedeutet, als daß die Wirkung die Ursache ihrer selbst sein müßte, "der [...]

Arbeit zitieren:
Wanninger, Thomas August 1998: Bildung und Gemeinsinn, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Rhetorik, Common sense, Erfahrung, Gemeinsinn, Urteilsvermögen

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