Die Bilderschrift in der Lyrik Christine Lavants
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Solveig Michelsen
- Abgabedatum: Juli 2000
- Umfang: 86 Seiten
- Dateigröße: 542,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6873-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6873-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6873-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Michelsen, Solveig Juli 2000: Die Bilderschrift in der Lyrik Christine Lavants, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Naturlyrik, österreicheische Literatur, 50er Jahre, Frauenliteratur, Metaphern
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Magisterarbeit von Solveig Michelsen
Zusammenfassung:
Bei der Lektüre von Christine Lavants Gedichten wird man unweigerlich mit einer Fülle aufsteigender Bilder konfrontiert, beinahe überwältigt von ihnen, wobei man nicht immer genau weiß, woher sie eigentlich stammen. Sie sind weder leicht zu verstehen noch eindeutig aufschlüsselbar durch Ansetzen einer Folie, die ein festgesetztes Zeichensystem decodieren könnte. Christine Lavant verschreibt sich stattdessen recht eigenwilligen, höchst individuellen Schöpfungen, die mit „Mustern” an sich wenig gemein haben. Wolfgang Nehring spricht sogar von der „Originalität und [...] Intensität des bildlichen Ausdrucks, die neue Maßstäbe setzen”; Johann Strutz merkt an, „daß für [Christine Lavant] eine gültige poetische Aussage nur durch das Bild im weitesten Sinne möglich” ist.
Schon beim flüchtigen Lesen wird man feststellen können, daß der Wortschatz, aus dem die Dichterin ihre vielschichtigen Texte zusammensetzt, äußerst begrenzt ist, sich dabei außerdem mit relativ einfachen, meist aus der nächsten Umgebung entlehnten Vokabeln begnügt. Trotzdem besitzen Christine Lavants Herzen, Engel, Monde, usw. eine weitaus größere Tragweite als diesen Begriffen traditionellerweise zugeordnet wird. Sie scheinen weder neu-romantische Töne anzuschlagen, noch rutschen sie in die Sparte „Kitsch” ab, denn die Art und Weise, wie die Dichterin sie einsetzt - meist in einer völlig entfremdeten Umgebung - enttäuscht die Kontexterwartung des Lesers und ermutigt damit eine Neudefinierung abgenutzter Begriffe. Diese verlagern sich damit „außerhalb ihres normalen Bedeutungsspektrums” und bieten Raum für mehrere „metasprachliche” Ebenen.
Dieser „Um-gang“ Christine Lavants – im wortwörtlichsten Sinne – mit vorgegebenen Strukturen läßt beinahe ein poetologisches „Programm“ erkennen, das sie selbst allerdings nie als solches gekennzeichnet hat. Zumindest aber darf es als charakteristisch für ihre Dichtung angesehen werden, daß es ihr gelingt, aus deutlich beschränktem Material ein äußerst dichtes Netz an Bildern entstehen zu lassen.
Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen setzt Christine Lavant nicht – wie viele ihrer Zeitgenossen – an der äußeren Form an, sondern entwickelt eine Neuorientierung von innen heraus; nicht die Sprache wird verändert und künstlichen Spielereien unterworfen, sondern ihr Gehalt wird modifiziert. Denn ihre Wortschöpfungen greifen auf ein lyrisch verhältnismäßig verbrauchtes Repertoire zurück, übernehmen aber nicht automatisch die überlieferten Bedeutungen. Auch der Gebrauch von Interpunktionen, sowie die häufige Gereimtheit ihrer Gedichte, sind konventionell; ihr Satzbau ist ebenfalls frei von nennenswerten Neuerungen.
Es scheint also, als ob Christine Lavant völlig unberührt geblieben ist von literarischen „Trends“ der 50er Jahre, wozu auch die vorherrschende Sprachskepsis zählt, die besonders die lyrischen Werke Ingeborg Bachmanns und Paul Celans prägen und den dringenden Verdacht auf die Unzulänglichkeit der Sprache als zentrales Problem immer wieder aufgreifen. Christine Lavants Lyrik hingegen befaßt sich ausschließlich mit sich selbst, verläßt nie „den Bereich der Ich-Lyrik“; sie greift als Nachkriegs-Autorin keine politisch brisanten Themen wie Vergangenheitsbewältigung o.ä. auf und läßt sich auch keiner bestimmten Gruppierung zuordnen, der ein gemeinsames poetisches Manifest zugrunde läge.
Diese Position hat ihr den Ruf eingebracht, anachronistisch zu sein und zeitlos; Lübbe-Grothues spricht von einem „epochalen Befremden”. Harald Weinrich stellt sogar Fragen wie „Sind das wirklich Gedichte aus unserem Jahrhundert?” und sinniert, „ob Christine Lavant überhaupt zu unserer [deutschen] Literaturgeschichte gehört”. Beim Versuch, Christine Lavant in einen literaturgeschichtlichen Zusammenhang einzubetten, stellt ihre bilderreiche Sprache eine der größten Hürden dar. Ihr metaphorisches Sprechen besitzt scheinbar wenig Kontinuität oder Definierbarkeit und läßt sich deshalb nicht verallgemeinernd interpretieren. Ein jedes Gedicht will neu betrachtet werden als selbständiges Kunstwerk, das immer neue Variationen einer Lesart entwirft. So wie Wolfgang Nehring es beschreibt - ...denn die Bildersprache Christine Lavants ist keine unmittelbar anschauliche, sondern vieldeutige symbolische Rede, die oft über die Grenzen der Realität ins Surrealistische hinübergeht und keineswegs immer auf eine gedanklich begreifbare Bedeutung zurückgeführt werden kann. In jeder neuen Sammlung nimmt die Zahl der Gedichte zu, die sich dem spontanen Verständnis verschließen und selbst methodischer Analyse nur beschränkt zugänglich sind.
- meint man, an jedem Interpretationsansatz ihrer Gedichte kläglich scheitern zu müssen, Dabei gilt es nur, einige „Spielregeln“ zu beachten:
Die Vieldeutigkeit innerhalb eines Gedichts beschränkt Christine Lavant ausschließlich auf Variationen zwischen verschiedenen Ebenen. So kann sie auf einen Begriff wörtlich Anspielung nehmen und ihn gleichzeitig als metaphorischen Ausdruck verarbeiten, die tatsächliche neben der übertragenen Bedeutung koexistieren lassen; sie verwendet aber niemals mehrere Definitionen parallel auf ein- und derselben Ebene.
Deshalb ist es notwendig, ihre Gedichte nie als Gesamtheit zu betrachten, sondern auf jedes einzeln als in sich geschlossenen Text einzugehen. Sofern man die Bilder in ihrem unmittelbaren Kontext untersucht ohne daraus ein Muster ableiten zu wollen, das sich auf alle lyrischen Texte übertragen ließe, kann man durchaus legitime Interpretationsansätze gewinnen und - im Nachhinein - gewisse „Grundstimmungen“ und grobe Definitionsgrenzen ausmachen. So wie de Saussure innerhalb der Gestalteinheit eines Textes den Gehalt der einzelnen Wörter aus ihrem Verhältnis zu den übrigen ableitet, entfaltet auch Christine Lavants Vokabular seine Bedeutung erst in der Wechselbeziehung mit seiner unmittelbaren Umgebung.
Unter Berücksichtigung dieses literarischen Umfelds nun, das als wichtigster Determinationsfaktor eines Bildes unterschiedliche bis gegensätzliche Bedeutung bedingen kann, soll eine repräsentative Anzahl an prominenten Motiven untersucht werden.
Dieser Kontext konstituiert sich dabei oft aus einem recht eigenwilligen Repertoire, das der Leser zuerst einmal kennen muß, um über den metaphorischen Ausdruck zum Bild zu gelangen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1 | Einleitung | 4 |
| 2 | Die Bilderschrift Christine Lavants | 5 |
| 2.1 | Motive | 9 |
| 2.1.1 | Der Mond | 10 |
| 2.1.2 | Der Mohn | 20 |
| 2.1.3 | Der Apfel | 25 |
| 2.1.4 | Die Schlange | 27 |
| 2.1.5 | Der Name | 30 |
| 2.1.6 | Zusammenfassung | 33 |
| 2.2 | Bildvorlagen | 36 |
| 2.2.1 | Religiöse und biblische Vorlagen | 36 |
| 2.2.2 | Mystische Bilder | 46 |
| 2.2.3 | Bilder aus der Botanik | 53 |
| 2.2.4 | Aus Natur und Umwelt entlehnte Bilder | 57 |
| 2.2.5 | Pathologische Bilder | 61 |
| 2.2.6 | Bilder aus Dialekt und Umgangssprache | 64 |
| 2.2.7 | Redewendungen | 66 |
| 2.2.8 | Volkstümliche Bilder | 69 |
| 3 | Ausblicke | 77 |
| Literaturverzeichnis | 79 |
Erwähnung des Wortes „Taube” nicht aufrufen. Um seine tiefgreifenden Assoziationen mit anzusprechen, ist der biblische Hintergrund eben dieser Geschichte unabdingbar. In BS 71 wird der Leser geradezu mit einer Fülle von religiösen Zeichen und Symbolen konfrontiert. „Bundeslade“ und „sieben Leuchter“, denen der siebenarmige Leuchter als Assoziation näher liegt als sieben einzelne, sind in der ersten Strophe erwähnt; außerdem weist der erste Vers „Das kleinste Wort ist einmal mehr als Wort“ gerade als einleitende Feststellung auf den biblischen Schöpfungsbericht hin, in dem es heißt: „Am Anfang war das Wort.“ Die zweite Strophe überrascht hingegen mit der Frage um die Präsenz Gottes: „Ob Gott hinzukommt, [...] das abzuwarten hat [...] die Arche.“ Parallel dazu aber fragt das lyrische Ich - in die erste Frage kunstvoll hineingeschoben - ob die Kraft der Taube für das befreiende Zeichen des Ölzweigs noch reichen wird; hierauf wartet das Herz, das von der Arche versinnbildlicht wird: Ob Gott hinzukommt, ob der Taube Kraft so lange ausreicht, bis der Ölzweig leise vom Stamm, der aushielt, sich als Zeichen löst, das abzuwarten, hat das Herz - die Arche. [...]
literarischen Text zugrunde liegende Bibelstelle ein Spannungsfeld”161, schreibt Wolfgang Wiesmüller hierzu. Christine Lavant greift zum Beispiel das Bild der Vertreibung aus dem Paradies häufig auf. In wenigen Fällen nur lassen sich dabei direkte Bezüge auf die christliche „Urschuld” oder Erbsünde feststellen, wie wenn die Dichterin etwa ihr körperliches Leiden – das zum großen Teil angeboren ist – als Schmach und Strafe empfindet, als “Fluch, der bereits im Mutterleib auf sie fiel”162 Zum Großteil jedoch verwendet sie diese Bildvorlage im ganz anderen Sinn. So wie heutzutage die Bezeichnung „Paradies” nur äußerst bedingt religiöse Vorstellungen evoziert, vielmehr der Idee eines irdischen Schlaraffenlandes gleichkommt, das mehr mit Lasterhaftigkeit zu tun haben scheint als mit göttlicher Reinheit, ist auch die biblische Geschichte für poetologische Zwecke „säkularisiert” worden. Wolfgang Wiesmüller erweitert hierfür den Begriff der „Kontrafaktur”163, der am Beispiel Christine Lavants christliche Vorlagen gebraucht um sie eigenen Äußerungsabsichten zunutze zu machen. Die religiös-theologische Ebene wird in eine poetische umgemünzt, und bei der Vertreibung aus dem Paradies ist plötzlich nicht mehr die Frage nach der Schuld im Mittelpunkt, sondern etwa die nach dem Partner. Die Dichterin übernimmt zwar das Motiv des Verstoßenwerdens, aber bettet es in einen Zusammenhang ein, der unterschiedliche Spannungen und Gewichtungen hervorrufen kann. Es „werden biblische Motive als Metaphern eingesetzt, [die] als Bildspender für eine außerhalb des biblischen Kontexts liegende Bedeutungsebene”164 fungieren. Sie beziehen sich nur äußerst selten auf sich selbst, sondern spiegeln – wie auch die Naturmotive – Gefühls- und Bewußtseinszustände des lyrischen Ichs metaphorisch wieder. Dieses poetologische Verfahren Christine Lavants setzt trotz allem ein fundiertes Wissen über die Bibel und das Christentum voraus. Ohne diese Kenntnisse wäre es dem Leser nicht möglich, gewisse Bedeutungsinhalte zu übertragen, die manchmal unablässig sind für das Verständnis der Texte. Anhand einer theologischen Folie ergeben sich dann unerwartete Zusammenhänge oder plausiblere Vernetzungen. Um ein Beispiel anzuführen: Das symbolhafte Bild der Taube, die – mit einem Ölzweig im Schnabel – der Arche Noahs die Heilsbotschaft überbringt, ließe sich bei der bloßen [...]
grundsätzlich in Frage zu stellen. Ein anderes Beispiel für Christine Lavants Spiel mit religiösen Begriffen ist ihr vieldiskutierter Ausdruck „Kreuzzertretung”, den sie im Gedicht BS 72 verwendet. Besonders Grete Lübbe-Grothues hat diese Äußerung als blasphemisch kritisiert159 ohne darüber nachzudenken, ob mit dieser „Kreuzzertretung” das zentrale christliche Symbol überhaupt angesprochen wird. Aber auch andere Interpreten haben diesen Ansatz unreflektiert übernommen; einzig Maria-Luise Stainer weist auf die Möglichkeit einer anderen Lesart hin. Im Gespräch mit der Dichterin bittet sie diese, dazu Stellung zu nehmen. Und Christine Lavants Erklärung für „Kreuz” ist nichts anderes als „Rückgrat”160; „Kreuzzertretung” heißt also soviel wie „jemandem das Rückgrat brechen”. Eine tiefe Erniedrigung anhand eines gebrochenen Rückgrats darzustellen, ist bei Christine Lavant nichts ungewöhnliches. Ihr Hang zur Yoga-Lehre ist bekannt; auf zahlreiche Bilder bezüglich des Rückgrats oder der Wirbelsäule als Sitz der (Geschlechts)Kraft ist bereits im Kapitel 2.1.4. hingewiesen worden. Zieht man außerdem Christine Lavants innige Beziehung zum Dialekt und zu umgangssprachlichen Ausdrücken bzw. Redewendungen in Betracht, könnte „Kreuz” auch im Sinne von „Leiden” gelesen werden. „So ein Kreuz!” bedeutet im Umgangssprachlichen nichts anderes als „Welche Mühen/ Plagen!”. Dieser Ansatz läßt das ganze Gedicht in einem neuen Licht erscheinen: Nicht gegen das Christentum wird die Faust erhoben, sondern das lyrische Ich selbst ist der „Geschlagene”, das Opfer. Trotz allem läßt sich nicht ausschließen, daß die Dichterin nicht wenigstens die potentielle Möglichkeit einer blasphemischen/ lästerlichen Lesart miteingeschlossen wissen wollte. Sie beharrte ja stets auf der Offenheit ihrer Gedichte gegenüber unterschiedlichen Auffassungen, auch wenn sie selbst eine ganz bestimmte im Auge hatte. Dieses „Angebot” an alternativen Lesarten manifestiert sich besonders deutlich im religiösen Bereich. Nicht nur einzelne Begriffe fallen einer „Verweltlichung” durch die Dichterin zum Opfer; gerade zentrale Bilder der Heilsgeschichte und biblische Gleichnisse lassen sich dankbar auf einer nicht-religiösen Ebene verwerten. Dankbar in der Hinsicht, daß durch diese Übertragung gewisse Werte, Konnotationen und Assoziationen nicht verlorengehen, darüber hinaus – in den lyrischen Text eingebaut –zusätzlich neue Impulse geben können. „Aus rezeptionsästhetischer Sicht [...] entsteht durch den Rückgriff des Lesers auf die dem [...]
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